Getagged: Fußball

108. Gedichtautomat

Goethe erfand die automatische Aufzeichnung von Gedanken. Soll das Genie sich auch noch um die Aufzeichnung selber kümmern?

Wenn meine Gedancken Federn wären und den
Weeg ab Pergamente von Engeln auf und ab gerollt.

Schade, daß keine dieser englischen Mitschriften erhalten blieb. Irdisches Papier hält einfach besser. So blieb dieser große Gedanke erhalten in einem Reisetagebuch von 1775, zwischen Notizen zum Weg und Gedichtentwürfen.

Was mit dem Kopf, mag denn auch mit anderen Körperteilen funktionieren. Wenn das nicht schon oft in ähnlichen Umständen erfunden wurde, hat ein spanischer Sportreporter das Fußgedicht erfunden:

Wenn Mesut Tinte in den Stollen hätte, hätte man auf dem Rasen im Bernebeu eines der schönsten Gedichte lesen können, das der Fußball schreiben kann. Er ist wirklich ein Genie.

94. Bayern-Lyrik

Das Freibier stand bereit, doch es gab noch etwas zu besprechen. Am Ende der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München betrat ein Fan die Bühne und forderte das Präsidium auf, den Mitgliedsbeitrag von 60 Euro auf 61 Euro zu erhöhen. Der aktuelle Betrag erinnere ihn zu sehr an den ungeliebten Lokalrivalen 1860 München. Applaus, Vorschlag notiert. Ein anderes Mitglied in bayrischer Tracht las ein Gedicht vor, und ein Redner rundete die Folklore mit einem Satz zur Vereinsführung ab: “Macht’s weiter so, ihr macht’s uns froh.” / Die Welt

89. Fußballparty mit Lyrik

Die schwarz-rot-goldene Fußballparty hat in Neuwied einen herben Dämpfer bekommen. Während des EM-Spiels Deutschland gegen Griechenland sollen sich Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, die die Besucher auf das Gelände der VR-Bank-Fanmeile ließen, rassistisch gegenüber mehreren jungen, dunkelhäutigen Personen geäußert haben. …

“Wir hatten in unserer Gruppe erneut einen farbigen Jugendlichen dabei, und diesmal ereignete sich ein unglaublicher Eklat. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma bestanden darauf, dass er, um letztlich eingelassen zu werden, zwei deutsche Gedichte aufsagen müsse.” / Rhein-Zeitung

25. Messi und Fußball

Der Torwart der Autoren-Nationalmannschaft im Fußball, Jahrgang 1967, ist einer der wesentlichen deutschen Lyriker und Dramatiker. Mit »Schwarze Sonne scheine« erschien (wie alle seine Bücher bei Suhrkamp) vor Monaten einer der erregendsten Romane jüngerer Zeit. Natürlich schreibt er auch Fußball-Gedichte. Noch unveröffentlicht die untenstehende Ode auf den Trainer Hans Meyer – drei Mal mit dem FC Carl Zeiss Jena FDGB-Pokalsieger, später Coach von Enschede, Nürnberg, Mönchengladbach. / Hans-Dieter Schütt, ND

Albert Ostermaier im ND-Gespräch sehr poetisch über Büchner und Bayern München:

In «Dantons Tod« hilft ein Bürger dem anderen über die Pfütze. «Man muss mit Vorsicht auftreten.«Es könnte die «dünne Kruste« der Erde brechen und sich der alles verschlingende Abgrund auftun. Was bedeutet diese Szene, was bedeutet diese Fantasie für den Fußballrasen?
Büchner ist der Messi der deutschen Dramatik, jede Bewegung ist ebenso brüchig wie formvollendet, es sind Traumpässe in die Tiefe des Seelenraums. Ein genialer Spieler läuft immer auf dünnen Eis, er weiß um seinen Körper, jede Bewegung weiß um die Gefährdung. Er ist immer vorbereitet auf die Risse im Eis und weiß, dass er schneller sein muss. Man kann auf Eis wie ein Tänzer glänzen, aber auch elendig einbrechen und mit den Armen um sein Leben rudern. Das Schöne, zugleich Bittere ist: Beides kann von einem Augenblick zum nächsten passieren.

So beginnt die Meyer-Ode:

gehen sie davon aus dass
er über links kommt wo
sein herz flügel aber sein
hirn einen knöchel hat
mit dem er blind in die tiefe
des freien raums zwischen
den augenbrauen traum
pässe spielt …

41. Fußballbuch

Wer hat das beste Fußballbuch der Saison geschrieben? Zur Wahl stehen Werke mit eindeutigem Bezug zum Thema Fußball aus allen Gattungen: gleich ob Belletristik, Drama, Lyrik, Sachbuch, wissenschaftliche Studie, Kinder-/Jugendbuch, literarisch kommentierte (Foto-) Bildbände – alle deutschsprachigen Neuerscheinungen der Saison haben die Chance auf die Auszeichnung als Fußballbuch des Jahres. / kicker

2. Promi-Lyrik

Doch nicht wegen der Gedichte allein kauft man diesen Band, sondern wegen der Neugier: Wer schätzt welches Gedicht warum? Und ja, es macht Spaß, die Kommentare der Befragten zu lesen – und zu prüfen: Passt das zum Promi (und dem was ich mir von ihm erwarte)? Ein authentisches Beispiel (mit unfreiwilliger Komik) ist zum Beispiel Sepp Maier: der famose Fußballtorwart führt „Die Grille sitzt im hohen Gras/ Und zirpt und zirpt und zirpt./ Auf einmal is stad – Kopf abgemaht!“ als Lieblingsgedicht an. Die Begründung der Wahl des lustigen Reims (fast noch lustiger denn der Reim selbst): „Das Gedicht bewegt mich, weil ich im Sommer regelmäßig Rasen mähe.“ Schlicht und glaubhaft – oder doch ein Schelmenstück?

Weitaus leichter entlarvt man so manchen Lyrikfreund mit hochtrabenden Begründungen – diese holprig daher kommenden Ausführungen machen viel Lachen. Aber auch die sympathische Offenheit und Größe mit der so mancher Politiker den Gedichtbezug kommentiert, laden zum Schmunzeln ein. Die Liebe des 6-jährigen Richard von Weizsäcker bekommt den „Handschuh“ (Schiller) hergesagt und heiratet dann später doch einen Italiener. Karl Theodor zu Guttenberg outet sich als jugendlicher Bildungs-Prahlhans, der für sich die Kenntnis des ganzen Hölderlin beanspruchte und ihn noch heute gerne liest. Ein reimfroher  Nachrichtensprecher gesteht freimütig seine Bezüge zum „Herbsttag“: er als Herbstkind bilanziert sehr gerne – wenn er sich dieses inzwischen auswendig gelernte Gedicht hersagt. / Leonhard Reul, Die Berliner Literaturkritik 30.11.

 

Schellenberger-Diederich(Hg): Mein Lieblingsgedicht. Prominente antworten. C.H. Beck 2010