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84. Gestorben

In Biel ist am 20. Januar der Schriftsteller Jörg Steiner nach schwerer Krankheit 82-jährig gestorben. 1956 debütierte Steiner mit einem Gedichtband und schuf seither ein bedeutendes und vielfältiges literarisches Werk.

(…) Der junge Lehrer, bis anhin ein einsamer Leser, fand zu einer eigenen lyrischen Rede. Mit 26 Jahren veröffentlichte er Gedichte von sattem Klang: «Episoden aus Rabenland». Dann stiess er zur Prosa vor. Und damit sogleich zu jenen kindlichen Aussenseitern, deren reale Vorbilder ihm selber das Innere aufgebrochen hatten. Um der eminenten Kunst der Prosa willen, die er bis ins Alter immer neu unter Beweis stellte, wurde Jörg Steiner berühmt. (…)

Seine ersten Bücher erschienen im Rahmen des Aufbruchs der zweiten schweizerischen Moderne nach Frisch und Dürrenmatt, um 1960 herum. Nicht wenige der bedeutendsten Autoren kamen wie er aus der Juraregion: Gerhard Meier, Otto F. Walter, Peter Bichsel. Es war eine Moderne, die in den von Otto F. Walter und Helmut Heissenbüttel herausgebrachten milchigen Walter-Drucken dokumentiert ist, eine Bewegung mit internationaler Vernetzung: von H. C. Artmann und Ernst Jandl bis Francis Ponge und Gertrude Stein. Die Nähe zum französischen nouveau roman war unverkennbar. Dass Jörg Steiner diese Moderne so schöpferisch und glaubwürdig sein Leben lang weiterzutreiben wusste, dürfte zu den erstaunlichsten Leistungen der neueren deutschsprachigen Literatur überhaupt gehören. / Beatrice von Matt, NZZ

46. Akademie ehrt Übersetzer

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 15.000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung an Frank Günther für seine Shakespeare-Übertragungen ins Deutsche.

Den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland erhält der katalanische Übersetzer und Lyriker Feliu Formosa. Der Preis ist mit 12.500,- Euro dotiert.

Beide Preise werden am 15. Mai 2011 in Stockholm im Rahmen der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen.

Frank Günther, 1947 in Freiburg im Breisgau geboren, wird für seine Übersetzung des Gesamtwerks von William Shakespeare ins Deutsche ausgezeichnet. Das „übersetzerische Mammutprojekt“, das Günther in den 1970er Jahren begonnen hat, soll bis 2014 abgeschlossen sein. Das über Jahrzehnte gehaltene Niveau seiner Übertragungen aus den unterschiedlichen Gattungen und Schaffensphasen des Dramatikers ist ebenso bewundernswert wie sein sprachlicher Einfallsreichtum. Günthers Übertragungen sind eine lustvolle Polyphonie der Stile, die sich immer als lebendige Neuentdeckung Shakespeares für unsere Zeit verstehen. Was Günther vor allem auszeichnet, ist die seltene Verbindung von philologischer, theaterpraktischer und kritischer Kompetenz.

Frank Günther studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte in Mainz und Bochum und war dann als Regisseur an mehreren Theatern tätig, bevor die Arbeit an der Übersetzung der Shakespeare-Werke zu seiner Hauptbeschäftigung wurde. Anerkennung erfuhren seine Über-setzungen nicht nur durch zahlreiche Aufführungen, sondern auch durch die Verleihung des Christoph-Martin-Wieland-Preises 2001 und des Übersetzerpreises der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung 2006. 2007/8 hatte er die August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne. Seine Shakespeare-Übersetzungen erscheinen im Verlag ars vivendi und in der renommierten Klassiker-Reihe beim Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv). Frank Günther lebt im oberschwäbischen Rot.

Mit Feliu Formosa, 1934 in Sabadell (Spanien) geboren, ehrt die Deutsche Akademie einen herausragenden Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur ins Katalanische und Spanische. Die Liste der von ihm übersetzten Werke reicht von Thomas Bernhard bis Peter Weiss – quer durch das Alphabet der deutschen Literatur. Derzeit übersetzt er das Stück von Peter Handke „Die Unvernünftigen sterben aus“ ins Katalanische. Bekannt sind seine Übertragungen von Bertolt Brecht, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich von Kleist, Joseph Roth und Franz Kafka. Besonders erwähnenswert ist sein Verdienst, Brechts Theater in Spanien zu einer Zeit auf die Bühne gebracht zu haben, als Brecht-Aufführungen zensiert und sogar verboten wurden. Formosa übersetzt nicht nur Prosa und Lyrik, sondern gehört selbst zu den großen katalanischen Lyrikern.

Nach dem Studium der Romanischen Philologie in Barcelona und der Germanistik in Heidelberg arbeitete in den sechziger und siebziger Jahren als Schauspieler und Regisseur vor allem in der freien Theaterszene. Formosa lehrte lange Jahre am Städtischen Theaterwissenschaftlichen Institut in Barcelona und unterrichtete literarische Übersetzung an der Universität Pompeu Fabra. Er wurde vielfach als Übersetzer und Autor ausgezeichnet, unter anderem mit dem Premio Nacional a la Obra de Traductor, 1994, und dem Premi Nacional de Teatre de la Generalitat de Catalunya, 2002. Formosa lebt in Barcelona.

Nachtrag

Feliu Formosa hat über hundert Stücke/Romane/Gedichtbände ins Katalanische und Spanische übertragen, an Lyrik u.a. Trakl, Heine, Brecht, Rose Ausländer und zwei Bände deutscher Lyrik vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Er selber ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker im katalanischsprachigen Raum; im August vergangenen Jahres druckte Akzente eine Auswahl seiner Gedichte (katal./dt.) ab.

20. Tuvia Rübner

Das Schicksal hat den israelischen Lyriker Tuvia Rübner nicht geschont. Er hat überlebt, er schreibt, er trotzt dem Tod

schreibt  Marko Martin in der Welt:

Und ließe sich nicht als literarische Erfolgsgeschichte feiern, wie sich ein gerade noch Davongekommener eine neue Sprache anverwandelte (nicht: eroberte), so dass er bis heute, u. a. ausgezeichnet mit dem Darmstädter Paul Celan- und dem einheimischen Israel-Preis, zuerst in hebräisch schreibt und dann die Gedichte ins Deutsche übersetzt, bei Besuchen in Europa mit den befreundeten Kollegen Dürrenmatt (dem in Bezug auf Israel so sympathisierend Hellsichtigen), Karl Jaspers oder Christoph Meckel aber stets in seiner Muttersprache diskutierte?

Der biblische Ort, das geistig-historische Umfeld, die großen Namen und kleinen Anekdoten, das Jahrhundert der Hoffnungen und Katastrophen. Mitten drin aber ein Einzelner, ein Dichter, der am Abend seines Lebens sein “Selbstbildnis” beschreibt: “Doch zurück zum Gesicht: der Mund, leicht nach unten gebogen./ Mürrisch? Verschlossen?/ Immerhin frei vom blödsinnigen Lächeln Eines/ der fleht um den Überrest auf dem Teller.”

Tuvia Rübner: Spätes Lob der Schönheit. Rimbaud, Aachen. 72 S., 18 Euro.


17. Kultur und Gespenster Nr. 10

Soeben erschienen ist das 10. Heft der Zeitschrift „Kultur und Gespenster“ mit dem Schwerpunkt „Literarische Hermeneutik“. Darin viele Beiträge, die sich spezifisch mit Lyrik beschäftigen:

– Tim Trzaskalik: „Die Mausefalle oder was Rimbaud über Banvilles Opheleien sagt“
– Jean Bollack: „Vom Hinauswachsen der Dichtung. Über Mallarmés Sonett ,Le vierge, le vivace et le bel aujourd’hui‘“
– Arnau Pons: „Vor Morgen. Bachmann und Celan. Die Minne im Angesicht der Morde“
– Jean Bollack: „Die Liebe – in Schranken“
– Massimo Pizzingrilli „,Orchis und Orchis‘ unterwegs nach Todtnauberg“
– Werner Wögerbauer: „Das Gesicht des Gerechten. Paul Celan besucht Friedrich Dürrenmatt“

Aber auch sonst ist dieses „spröde, querdenkende Intellektuellen-Magazin“, wie Till Briegleb in durchaus lobender Absicht schreibt (SZ vom 8. 4. 2010), sehr zu empfehlen, unter inhaltlichen ebenso wie unter (typo)graphischen Gesichtspunkten.

Kultur & Gespenster H. 10, 2010
Textem Verlag, Gefionstraße 16, 22769 Hamburg. 246 S., 12 €

Gedenken toter Dichter

Frankreich hat die Pléiade und das Panthéon. Deutschland verewigt seine Dichter in historisch- kritischen Ausgaben. Und Österreich hat den Zentralfriedhof. Nur die Schweiz weiss nicht recht wohin mit ihren toten Dichtern (auch wenn sie ihr im Grunde lieber sind als die lebenden). Immerhin: Hoch über dem Neuenburgersee hat man Dürrenmatt ein Mausoleum errichtet. Aber musste der Staat nicht geradezu genötigt werden, sich daran zu beteiligen? Und wurde in Zürich nicht jüngst eine Gasse nach Robert Walser benannt? Doch das besagte Gässlein ist so kurz und unscheinbar, dass es zuvor noch nicht einmal einen Namen hatte.

Doch jetzt hat man sich etwas einfallen lassen. / Mehr in der NZZ v. 4.5.02

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