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96. durchsichtig

Gedichte sollen undurchsichtig sein, sollen eine verdichtete, hermetische Qualität haben. Wulf Kirsten pfeift auf gedichtete Gedichte. Sein Gedicht ist durchsichtig bis zur Offensichtlichkeit. Die Namen, einzig sie mit großen Buchstaben geschrieben: Brod, Kafka, Goethe, Gretchen, Kafka, Erfurter, diese Namen lassen auf den ersten Blick durchscheinen, worum es hier geht: um eine kulturgeschichtliche Episode in Weimar, ungenannt bleibend, aber ersichtlich der Ort des Geschehens.

Tatsächlich kam Kafka als Pilger, seinen Freund Max Brod im Gepäck, 1912 hierher, mietete sich in der Geleitstraße günstig ein, besuchte das Haus am Frauenplan und verliebte sich Hals über Kopf in ein Mädchen, die Tochter des Hausmeisters vom Goethehaus, ein Mädchen, das, um das unglückliche Ende gleich anzudeuten, auf den Namen Gretchen hörte. / Hellmut Seemann über das Gedicht “durchsichtig” von Wulf Kirsten, Thüringer Allgemeine

46. Nobelfakten

106 Nobelpreise für Literatur wurden seit 1901 vergeben, davon 13 an Frauen.  Durchschnittsalter der Preisträger war 65 – der jüngste war Rudyard Kipling mit 42, die älteste Doris Lessing mit 88. Hitliste nach Sprachen der Preisträger:

  • Englisch 27
  • Französisch 13
  • Deutsch 13
  • Spanisch 11
  • Schwedisch 7
  • Italienisch 6
  • Russisch 5
  • Polnisch 4

Auf der Website des Nobelpreises kann man alle Vorschläge bis 1950 recherchieren. Arno Holz wurde 1919 von 40 Autoren vorgeschlagen und bis 1929 weitere 8 mal.  Thomas Mann nur fünfmal, zuerst 1924 von Gerhart Hauptmann, 24 Jahre später aber erfolgreich.  Franz Kafka, James Joyce, Rainer Maria Rilke und Bertolt Brecht wurden niemals vorgeschlagen.  Winston Churchill wurde 24 mal vorgeschlagen, davon viermal für den Friedensnobelpreis und 20 mal für den Literaturpreis, den er auch erhielt.

 

 

 

102. Das kurze Gedicht

Peterchen findet ein Schlüsselchen im Mist und Carolinchen findet ein Kästchen. Es wird aufgeschlossen, und es liegt darin ein kleines, kurzes rotseidenes Pelzchen. Wäre das Pelzchen länger gewesen, so wäre auch das Gedicht länger geworden.

Literatur zur weiterführenden Lektüre:

  • Die wahren Märchen der Brüder Grimm. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Heinz Rölleke. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1989.
  • Franz Kafka, [Blumfeld-Konvolut]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften und Fragmente I. Hrsg. Malcolm Pasley. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2002. S. 229-266.
  • Walter Höllerer: Thesen zum langen Gedicht. In: Akzente. Bd. 2 (1965), S. 128–130.

 

3. Im August

2. August 1914

„Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“

Franz Kafka (31, Schriftsteller)

“… ist nicht Kampf im großen Weltgeschehen notwendig, muss nicht eines dem andern Platz machen, eine Nation der Andern, u. wird nicht alles geleitet von großen unterirdischen, elementaren Strömungen?“

Leonore Landau (21, Lyrikerin)

4. August

„Ein armer Bauer, dem aus Versehen alle vier Pferde weggenommen waren, weinte still vor sich hin. Das erste Kriegselend, das ich sehe.“

Harry Graf Kessler (46, Rittmeister, Schriftsteller)

7. August

“Mama sah gestern den Kaiser, er sah sehr ernst aus. – Eben kommt die Nachricht dass die Festung Lüttich mit vielen Verlusten genommen sei! Unsere Kriegsschiffe haben Algier verlassen. Hurrah! Rumänien erklärte Russland den Krieg. Wir bekamen Nachrichten von Papa, ist alles wohl.“

Marie Luise Kaschnitz (13, Schülerin)

„Den Krieg mache ich nicht mit, da mögen andere, alle, sagen, was sie wollen.“

Gustav Sack (28, verbummelter Student und Schriftsteller)

Judith von Sternburg bespricht in der FR die Ausstellung

August 1914. Literatur und Krieg, Literaturmuseum der Moderne, Deutsches Literaturarchiv Marbach: bis 30. März 2014.

96. Kunst und Fest

Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise. (…)

Die Kunst und das Fest treffen sich also im Akt der Verschwendung. Wie es keine organisierte Gesellschaft gibt ohne Fest, gibt es auch keine organisierte Gesellschaft ohne Kunst. Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt. Wer das Fest erforscht, stößt auf Dinge, die auch für die Kunst gelten und umgekehrt. Daher kann man vom einen auf das andere schließen. Sigmund Freud hat das Fest bestimmt als die zeitweise Aufhebung des Verbotenen. Was sonst nicht gestattet ist, darf jetzt sein – in zeitlichen Grenzen, die oft auf die Sekunde genau gesetzt sind und streng überwacht werden. Wenn das stimmt, dann muss auch die Kunst an dieser Dynamik von Verbot und Willkür ihren Anteil haben. Gerade die zwielichtige Weise, in der die Kunst die Welt erleuchtet, erscheint dabei als ein unabdingbares Element. Das sieht man am deutlichsten an der Verschwendung. Insofern als die Kunst Verschwendung ist, hebt sie die Gebote der Askese auf, sei es im bürgerlichen oder im religiösen Sinn. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Künstler die Regeln der Ökonomie oft maßlos missachten und gegen den obersten Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft verstoßen, wonach der Wert eines Produkts von der dafür aufgewendeten Arbeitszeit abhängt. Da schreibt einer zwei Jahre an einem Roman, dann verbrennt er das Manuskript, beginnt von vorn, verbrennt es wieder und schreibt schließlich etwas ganz anderes. Drei Jahre Arbeitszeit sind verschleudert. Ein anderer bringt überhaupt nie einen Roman zu Ende; er hinterlässt nur drei Bruchstücke, das eine heißt “Der Process”, das zweite “Das Schloss”, das dritte “Der Verschollene”, und überdies befiehlt er, dass sie nach seinem Tod vernichtet werden müssen. Welche Verschwendung von Lebenszeit! Doch das Gebot wird missachtet, und die drei Zeugnisse des Scheiterns zählen plötzlich zu den vollkommensten Kunstwerken ihres Jahrhunderts. Auch diese Normverstöße hängen zusammen mit dem Festcharakter der Kunst, nicht weniger als die Tatsache, dass in allen Diktaturen die Künstler, die ihren eigenen Weg verfolgen, grundsätzlich verdächtig sind.

/ Peter von Matt, aus der Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2012, Oe1

6. Kafkas Flatrate

Am 3. Dezember 1992 wurde die erste Kurznachricht an ein Mobiltelefon geschickt. Anton G. Leitner, Herausgeber des Bandes „SMS-Lyrik“ und der Zeitschrift „Das Gedicht“, lässt sich von Nina May über das neue Text-Genre befragen. Per SMS natürlich.

Nina May (10.35 Uhr): Wenn Kafka heute leben würde, würde er seiner Verlobten Felice Bauer eine SMS senden?

Anton G. Leitner (10.50 Uhr): Kafka kann ich mir beim besten Willen nicht als Simsenden vorstellen. Er war obsessiver Briefeschreiber und hätte lange gesimst, um 782 Druckseiten Briefe zu übermitteln. Er hätte eine Felice-Bauer-Flat gebraucht ;-)

May (11.45 Uhr): ;-) Vielleicht hätte Kafka, der die Rohrpost als Beamter exzessiv nutzte, die Möglichkeit unablässiger Kommunikation auch geschätzt. Diese ständige Erreichbarkeit, was macht sie mit uns? Selbst Angela Merkel twittert und simst ja aus Sitzungen.

Leitner (12.20 Uhr): Die permanente Erreichbarkeit sorgt dafür, dass wir ständig aus Gedankenströmen herausgerissen werden. Und unterbricht lyrische Gedanken und Stimmungen.

May (12.35 Uhr): Aber die SMS hat mit dem Gedicht ja auch was gemein, woher käme sonst Ihr Band „SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie“?

Leitner (12.40 Uhr): Die Gemeinsamkeit liegt in der Länge einer SMS ;-) Der Dichter als Kurzmitteiler …

/ Märkische Allgemeine

7. Poetologe

Der erste Satz eines Textes muss sitzen. “Ganz wichtig ist der Einstieg, er muss passen und packen”, sagt Herbert Grönemeyer, der am Abend des Reformationstags nach Leipzig gekommen ist, um eine Vorlesung zur Poesie zu halten.

Okay, danke, ich versuchs mal:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Tatsächlich, es klappt. Danke, Grönemeyer!

Wie? Ach er meint was andres? Mal schaun, ach so, alles klar:

Der 56-jährige Musiker zitiert zur Veranschaulichung auch gleich aus seinem eigenen Werk: Die Worte “Schatten im Blick” leiten seinen Song “Flugzeuge im Bauch” auf dem Album “Bochum” ein, “die Armee aus Gummibärchen” marschiert auf, um auf dem Album “Sprünge” die “Kinder an die Macht” zu bringen. / WAZ

Es reicht, es reicht, danke, es reicht.