Getagged: Franz Josef Czernin
5. Vatikan statt Vagina
Das Folgende ist offensichtlich kein Aprilscherz und, ich fürchte, völlig ernst gemeint:
Prälat statt Prolet und Papst statt Paparazzi.
Quadragesima statt Quadbandsimsen.
Ritus statt Koitus.
Synode statt Synergie.
Tischlesung statt Dichterlesung.
Urbi et orbi statt Ulli im Obi.
Vatikan statt Vagina.
Wunder statt Plunder.
PaX statt DAX
Mystik statt Müsli.
Zölibat statt Z.
(Komisch: Schrift statt Schwanz, darauf kommen sie nicht. Männer!) Schöner könnte ich (gelernter Protestant) es auch nicht sagen, aber bei mir würden sies völlig zu Recht für böse Satire halten. (Wär ne schöne Welt: der Prälat müßte die Kohlen schippen, mal bildlich, und im Vatikan fänd Ritus statt, und es hieß PaparaZölibatZölibati, was noch lustiger wird, wenn man anfängt, auch den ersten Buchstaben vom Zölibat zu ersetzen: kann eim schwindlig von wern!)
Gefunden bei BKD (Bund Katholischer Dichter).
Dort gibts auch eine Umfrage:
Wer ist in Ihren Augen der größte katholische Dichter?
Peter Handke / Martin Mosebach / Hugo Ball / Angelus Silesius
Ich tippe auf Mosebach – obwohl, der Schelm hat doch’n Kissenbuch geschrieben. Bißchen bleiern, aber für ihn ganz schön schelmisch: “und das Schwert, das ich erhalte, / dient der Frau, der ich gehöre”. (Und wenn Gott protestantisch ist, wird er ihn bestrafen, nicht wegen dem bißchen Schwert, sondern weil er dem Czernin seine Gedichte hat taufen wollen).
Und wenn nicht: Gott und NL, auch Handke und Silesius, bei Ball weiß ich nicht genau, Konvertiten sind streng, werden mir verzeihen.
Quellenangaben:
Martin Mosebach: Das Kissenbuch. Gedichte und Zeichnungen. Insel Taschenbuch 2007 (S. 26)
Martin Mosebach: Zum Werk von Franz Josef Czernin. In: Czernin. staub. gefäße. gesammelte gedichte. München: Hanser 2008
Nachtrag zur Umfrage: Hugo Ball war vorn; aber da man das Ergebnis nur sieht, wenn man selbst abstimmt, hab ich Angelus Silesius eine Stimme gegeben, und damit zieht er mit Ball gleich. Der nächste ist Zünglein an der Waage (jetzt kein Wortspiel bitte).
47. Rückblende April 2001: Bartträger
Der letzte Dreck kam im April aus Österreich:
Alltag in Österreich: “Kronenzeitung” feiert Hitler.
Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: “Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.” Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den “Endreim” nennen könnte. Der lautet nämlich: “Taxi Orange, der zweite Teil!”
Dieses “Gedicht” erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der “Kronenzeitung”, verfaßt von ihrem berüchtigten “Hausdichter” namens “Wolf Martin”. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von “Taxi Orange”, der österreichischen Version von “Big Brother”? Jene Kritiker der “Krone”, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01
Aber es gibt auch ein anderes Österreich. Franz Josef Czernin stellte Christine Lavant in der Reihe Dichter erklären Dichtung vor. Der “Rimbaud-Preis” für junge Literaten ging an Christian Filips – Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder.
Gott dem Ohnmächtigen ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». schreibt Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.
Ein neuer Wiener Verlag bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammerbachers “Edition Korrespondenzen”. Im Programm u.a. Ilse Aichinger und Kurt Drawert, die slowakische Lyrikerin Mila Haugová, der Österreicher Franz Weinzettl und der Tscheche Petr Borkovec.
Aus Frankreich dies:
Arthur Rimbaud, Dichter des Symbolismus, Schöpfer der “Erleuchtungen” und des “Aufenthalts in der Hölle”, Freund und zeitweise Lebensgefährte Paul Verlaines, Abenteurer, ging 1880 nach Zypern. In Limasol beaufsichtigte er Arbeiter, welche die Sommerresidenz für den britischen Gouverneur bauten. Doch der Verdienst war ihm zu gering. Also suchte er anderswo Arbeit, etwa in der (heute saudischen) Hafenstadt Dschidda. Vergeblich. Schließlich tauchte Rimbaud, fieberkrank und “wie Strandgut auf den glühenden Wüstensand geworfen”, auf dem “kahlen und sengenden Felsen von Aden auf”, wie Enid Starkie in seiner Rimbaud-Biografie schreibt. / Heiko Flottau, Süddeutsche 21.4.01
Einen Kriminalroman aus lauter Gedichten hat die australische Lyrikerin Dorothy Porter mit “Die Affenmaske” geschrieben, und der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff führt einen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne. Ihn nerven die “Metadiskurse der Bartträger”, die Verlogenheit der machtbewussten “Priesterliteraten” und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. (Vielleicht ist er auch nur neidisch? fragt ein – machtloser – Bartträger).
28. Sprachverrückt
Nach der Etablierung der “Roughbooks”-Reihe waren zwar sofort die Unkenrufer zur Stelle, die das neue Konzept für nicht überlebensfähig hielten und eine sektiererische Einkapselung der Lyrik-Community in einer winzigen Internet-Nische befürchteten. Aber der Untergang fand nicht statt, im Gegenteil. Nach den ersten zwölf “Roughbooks” verweist Engeler mit berechtigtem Stolz auf die guten Verkaufszahlen und avisiert sein Konzept als zukunftsträchtiges Erfolgsmodell. “Ich sehe aber eine Gefahr für den Buchhandel heraufkommen”, so Engeler nicht ohne Spott, “wenn sich herumspricht, wie gut das Roughbooks-Konzept funktioniert.”
Dabei verweist er auf die starke Resonanz, auf die selbst die Bände der ungestümen jungen Poeten Christian Filips (“Heiße Fusionen”) und Konstantin Ames (“Alsohäute”) stießen. Die zweihundert gedruckten Exemplare der “Heißen Fusionen” sind bereits vergriffen und von den erst im Dezember erschienenen Gedichten des sprachverrückten Konstantin Ames ist bereits die Hälfte der Auflage verkauft. Natürlich kann man mit Auflagen von 200 oder 300 Exemplaren keine fühlbaren Renditen erzielen, aber selbst avancierte Suhrkamp-Gedichtbände erreichen in der Regel kaum höhere Verkaufszahlen. Nur in Ausnahmefällen erreicht die verkaufte Auflage eines zeitgenössischen Gedichtbands noch die berühmte “Enzensbergersche Konstante” von 1354 Lesern.
Die beiden jüngsten “Roughbooks” repräsentieren die gegensätzlichen Pole des Engeler-Programms. Der Leipziger Konstantin Ames (Jahrgang 1979) favorisiert ein assoziationswütiges, zergliederndes Schreiben, das auf die “Ironiefähigkeit” der lyrischen Rede vertraut. Als Roughbook 0012 ist zudem eine kollektive poetische Annäherung an die mittelalterliche Mystikerin Mechthild von Magdeburg erschienen. Fünf Dichter, darunter literarische Schwergewichte wie Franz Josef Czernin und Oswald Egger, vergewissern sich einer sympathetischen Nähe zu den religiösen Visionen Mechthilds. Es handelt sich letztlich um Wiederbelebungen sakralisierender Poetiken, in denen viel von “Vision”, “Ergriffenheit”, “Offenbarung” und “Geheimnis” die Rede ist: Die Poesie ist also wieder legitimiert, an der Wiederverzauberung der Welt arbeiten. / Michael Braun, Badische Zeitung
40. Gute Zeit für Dichtung
Das vergangene Jahrzehnt war wahrlich eine gute Zeit für Dichtung. Die Festivalisierung der Literatur hat die Lyrik als Vortragskunst wieder entdeckt, und die Öffentlichkeit schien hungrig nach der Institutionalisierung junger Dichter. Dass die sich ihre Aufmerksamkeit auch selbst geschaffen haben, das ist eine entscheidende Charakteristik des vergangenen Jahrzehnts. Mit dem Boom um Anthologien wie Lyrik von jetzt, dem Bohei um kookbooks und dem frechen Revival der Literaturzeitschrift im Stile von BELLAtriste hat sich eine ganze Generation selbst gehypt und ist gehypt worden. Selten hat man innerhalb der engen Vernetzung der Dichter, wie der Herausgeber Michael Braun in seinem Nachwort feststellt, „so sachkundig und offensiv über Lyrik gestritten“ wie im neuen Zeitalter. Doch oft genug war die interne Diskussionsfreude inzestuös und drang nicht nach außen, weil sie enigmatisch war oder auf interne Profilierung zielte. …
Jan Wagner und Franz Joseph Czernin rückerobern das Sonett, Daniela Danz die Ode und Ulrike Draesner die Terzine und Sestine; und so steht neben einer Dichtung des Vor-, Durch- und Überspulens, die Disparates auf einander prallen lässt, zeitgleich die Dichtung eines Steffen Popp oder Raoul Schrott, die das Erhabene revitalisiert. …
Ob aus kritischen oder ironischen Perspektiven, ob als technisch angeschrägtes Naturgedicht oder als Hölderlin-Fragmentation, auch auf die Lyrikgeschichte blickt das derzeitige Gedicht mit seinen tausenderlei Augen. / Walter Fabian Schmid, Poetenladen 15.10.
Michael Braun und Hans Thill (Hg.)
Lied aus reinem Nichts
Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts
Heidelberg: Das Wunderhorn 2010
248 S., 26, 80 EUR.
76. Zeit lobt Lyrik
Schwer, keine Satire zu schreiben. Und ungerecht, es zu tun. Was kann Daniela Danz dafür, wenn Die Zeit ausruft: „Die deutsche Lyrik hat eine neue Stimme“ (ihrem Rezensenten Florian Illies verschlägt es selbige keineswegs, im Gegenteil, es beflügelt ihn zum Selberdichten: „Wie Daniela Danz in ihrem Band »Pontus« den Atem der Geschichte* in Poesie übersetzt“, Die Zeit 13/ 2009). Und ist Ann Cotten schuld, wenn dieselbe Zeit knapp anderthalb Jahr später sie zur Jeanne d’Arc ausruft, die die deutsche Lyrik aus dem Würgegriff der Experimentellen befreit? Neinnein, meine Anmerkungen betreffen keine der genannten Autoren (die ich selber durchaus unterscheiden und jedenfalls keiner Gruppe, auch keiner Spitzen-Gruppe zuschlagen möchte), auch keinen der anderen von ihm ehrend genannten Autoren. Es geht mir ausschließlich um die Art, wie im Hochfeuilleton über Lyrik geschrieben wird. Keine Satire; aber ein bißchen Polemik.
Jochen Jung schreibt in der jüngsten Zeit über ein neues Buch von Ann Cotten. Er lobt es sehr, und auch ich glaube, es verdient Lob. Soweit stimmen wir überein. Es bereitet Mühe, aber die wird belohnt, sagt Jung. Glaub ich auch.
Dann hebt er zu einer Einordnung an, stante pede und hohen Flugs:
Gerade geht ja das Jahrzehnt zu Ende, in dem ein Dutzend in den Siebzigern Geborene die Eckensteherin Lyrik wieder ans Licht holten, dass es eine helle Freude war. Bei Gedichten dachten dazumal die meisten ja nur noch an Robert Gernhardt, den Wilhelm Busch jener Jahre, von dessen Auflagenzahlen wie von den Zahlen der ihm zufliegenden Herzen selbst Rilke oder Benn nicht einmal hätten träumen können. Gewiss, Witz sells, erst recht, wenn er so lebensklug gekonnt ist wie bei Gernhardt, aber Lyrik kann und will doch entschieden mehr.
Das zeigten damals so ungleiche Flugtiere wie Nico Bleutge, Daniela Danz, Marion Poschmann oder Ron Winkler, um ungerechterweise nur ein paar zu nennen. Sie wussten und wissen unserer Alltagswelt bilderreich und formbewusst einen Glanz zu geben, den ihr die Prosaschreiber streng und neunmalklug verwehrten. So ist es denn auch ganz richtig, dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.
Ich könnte weiter zitieren, werde es auch, aber ein paar Anfragen sind fällig. Jung fliegt über zwei Jahrzehnte, in denen, auch in der Lyrik, viel los war. Aber was genau? Sein „ja“ heischt Konsens – vielleicht zu schnell. Ja und ja: viele neue Namen tauchten auf, und auch die helle Freude sei konzediert. Ungleiche Flugtiere: aber hallo, klar doch! Und wie war das noch vorher, dazumal? Die meisten hätten damals nur an Gernhardt gedacht? War das so?
Ich hab Gernhardt gelesen und über seinen Witz geschmunzelt, ja: wenn ich an Gernhardt dachte. Wenn ich an Lyrik dachte, in den 90er Jahren: o, es gab die Älteren, unsortiert und willkürlich: Mickel Jandl Pastior lebten da noch! Kling! war noch jung und lebte, Hilbig! Mayröcker Hein Endler Erb Lorenc Meckel Klünner waren da, Papenfuß Fels Kolbe Rosenlöcher Häfner, etliche aus Rumänien Gekommene waren noch oder wieder da; Jüngere tauchten auf, Stolterfoht Falkner Beyer Lentz Kunst Egger Waterhouse Czernin …, manche Ältere lernte ich jetzt erst kennen, Richard Anders zum Beispiel; mancher Name, der gar nie ins Feuilleton gelangte… lange müßte ich aufzählen, bevor ich zu Gernhardt komme. Nicht meine Freunde und ich: die Zeit wars, die nur an den einen dachte, die ihm seitenlange Kolumnen bot, was gut gewesen wär, wenn nicht das einzige. Sind wir die wenigsten? Sind die die meisten? Ach was! Lyrik konnte und wollte und tat entschieden mehr als das Feuilleton fressen wollte.
Aber war es so nicht überhaupt? Kannte ich das nicht aus der verblichenen Republik? Eine dürre Gouvernante, die einen blühenden Garten beschimpft, sagte Endler, da war ich Student. Wenn ich schimpfen durch ignorieren ersetze: eine perfekte Definition des Feuilletons.
Und heute? In der Mitte jenes von Jung genannten Jahrzehnts „tauchten“ nicht nur neue Namen auf. Wenn sie „auftauchen“, waren sie längst schon dagewesen. 1992 erschien die erste Nummer von Urs Engelers „Zwischen den Zeilen“. Von Anfang an vermischt Alte und Junge, Ost- und Westler, „Experimentelle“ und eher „Traditionelle“, Bilderreiche, Glänzende und Schrille. In Nummer 1 Grünbein Kerstin Hensel Schertenleib Söllner Norbert Weiss, Nummer 6 Donhauser Duden Igel Kempker Steiger Stolterfoht…; ich springe zu 29: Aebli Camenisch Stefan Döring Enzinger Norbert Lange Lars Reyer Schlenker Tom Schulz, noch mal zurück, 24: Bleutge Bossong Ann Cotten Falb Jackson Rinck Scho…: das war die Lyrik, die wir lasen. Andere Zeitschriften und Verlage wären zu nennen, meist kleine. Das meiste nicht feuilletonabel: na und?
Und dann passiert die wunderbare Verwandlung. Eine Handvoll Großkritiker in den Großen Zeitungen sattelt um und setzt auf neue Pferde. Was setzt: sie erfinden sie. Sie glauben, daß sie sie entdeckt haben. Kookbooks wird das neue Paradigma. (Und dieser großartige Verlag kann nichts dafür: ich spreche vom Feuilleton). Kein Kookbooks-, ein Feuilletonhype!
Nicht daß sie diese Autoren loben, verdient Kritik; daß sie sie loben, um andere herab- (und sich hinauf-) zusetzen. Gleich im nächsten Satz bei Jung geht’s richtig los:
… dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.
Jan Wagner, ja, aber nicht Oswald Egger oder Ulf Stolterfoht oder Raphael Urweider,
(schöne Reihe das!)
… nicht eine oder einen jener also,
(also!)
…die unter Lyrik weniger Wirklichkeitszauber verstehen und dafür mehr mit Ideen arbeiten, …
(meint der jetzt Egger oder eher Urweider???)
vor allem aber mit und an der Sprache selbst.
(Urweider oder eher Stolterfoht?????)
Das geht so weiter, jetzt kommt der ganze Schmarrn mit den „Experimentellen“, die in der „Bastelecke“ sitzen, „von der Leserschaft kaum wahrgenommen“, aha, also anders als Ann Cotten, Ron Winkler, Nico Bleutge? Vielleicht sollte man erst mal Verkaufszahlen erforschen. Suhrkamp (Ann Cottens Verlag) wird höhere Auflagen haben als Kookbooks: aber werden auch mehr verkauft? Mehr gelesen? Nehmen wir mal drei Suhrkampautoren, von denen dieses Jahr Gedichtbände erschienen: Ann Cotten, Nelly Sachs und Oswald Egger. Wer von denen wird mehr verkauft? Mehr besprochen? Mehr gelesen? Nur für die mittlere dieser Fragen würde ich eine Vermutung wagen. Wobei es Unterschiede zwischen, sagen wir Zeit und FAZ geben wird. (Während die Schweizer Neue Zürcher, wie mir scheint, ohnehin weniger von solchen Frontstellungen betroffen ist.)
Von allen großen Zeitungen die geringste Lyrikkompetenz aber hat gewiß die Tante Zeit. Daran wird das Cottenlob wenig ändern. Wiewohl es zu begrüßen ist. Noch begrüßenswerter, wär es nicht mit jener Frontstellung gekoppelt, auf die ich noch etwas eingehen möchte.
Jungs hämische „Experimentellen“-Schelte soll genauer betrachtet werden. Er scheint sich um sie zu sorgen, und dabei braucht er keine Anführungszeichen:
Ihnen, die man mit einem unerfreulichen Anklang an den Physikunterricht die Experimentellen nennt…
Man? Er also gerade, Jung, nennt sie so, und es erinnert ihn unangenehm an den Physikunterricht. Vielleicht hatte er keinen guten, mag sein. (Für mich waren die Experimente in Physik und Chemie überhaupt nicht unerfreulich). Andererseits vergesse ich bei dem Wort nie die Anführungszeichen. Er braucht sie aber für seine Metaphorik und für seine Bewertung. Ehrlicher wäre aber doch, er sagte „ich“ statt „man“.
ihnen, vor denen keine Syntax sicher ist
ja, das scheint schlimm zu sein, heilige Syntax! Sollte mal Klopstock lesen: den Dichter und den Grammatiker!
… schien die Sprengkraft abhandenzukommen.
Na immerhin kann nur das abhandenkommen, was zuvor da war.
Dabei macht er eine kleine feine Ausnahme. Die Experimentellen ohne „“, die von der Leserschaft „kaum wahrgenommen in einer Art Bastelecke“ saßen, wären, meint er, nicht nur kaum, sondern gar nicht wahrgenommen worden, hätte nicht eine,
… die Älteste unter ihnen, Friederike Mayröcker, sich als mirakulöses Blumenkind entpuppt
Sieh mal an, an die traut er sich nicht heran! Auch das erinnert mich an DDR-Zeiten. In den 70er Jahren hatte ich als Student in Ostberlin Gelegenheit zu Gesprächen mit dem kanadischen Schriftsteller Jack Winter, der eine großartige Paraphrase auf Mark Twains bitterböse Satire gegen den belgischen König Leopold geschrieben hatte, jenen Leopold, dem das riesige Kongoland als Privatbesitz gehörte, King Leopold’s Soliloquy. Winter sprach mit mir über die kulturpolitischen Verhältnisse in der DDR und sagte: Sie wollen (er meinte nicht mich, sondern die Verwalter) von allem nur einen Vertreter. „And I know why“, so begann meine Antwort. Diese Kritiker ähneln jenen, auch hier: Sie loben die eine neue Stimme, and I know why! Auch hier geht es um Herrschaft, um Kontrolle. Sie verabscheuen jene, die sie Experimentelle nennen, aber verehren oder respektieren den einen Jandl, die eine Mayröcker. Spät in beiden Fällen, aber dann doch. Warum, das sagen sie freilich nicht. Verdienen die etwa solche Verteidiger? Es geht um Kontrolle, und es offenbart den Spießer, der die Abartigen verabscheut, aber den einen Großen oder die eine Große auch mal ausnimmt.
Ich sagte, er sorgt sich um die Experimentellen. (Was auch immer es sagt, wenn man etwa Friederike Mayröcker mit dem Wort belegt). Ihnen komme die Leserschaft abhanden und die Sprengkraft. Es kommt noch schlimmer.
Noch schlimmer:
Sagt Jung,
Dass da überhaupt gelegentlich gesprengt werden muss in der Literatur, die vor lauter Inhalt ganz formvergessen ist,
was auch immer das heißt, und über wen,
das schien eine Jeanne d’Arc zu brauchen.
So kriegt er den Bogen zurück zu Ann Cotten. „Ab sofort“, dekretiert die Zeit, gehören ihre Gedichte
zum Besten, was die deutschsprachige Lyrik dieser Tage kann…
Jawoll doch, ja, kann sogar sehr gut sein. Aber brauche ich dafür die Zeit? Ich halte es lieber mit Urs Engeler und den anderen, denen es um die vielgestaltige Lyrik geht und nicht um Zensuren und Marschordnungen.
Ich aber ende mit einem letzten Zeit-Zitat:
Die Jungfrau wirft den Fehdehandschuh.
Jeanne de Cotten, voilà:
Dass ihr nicht alles gefällt, was die Kollegenschaft so schreibt, war bei einer so extremen Position, wie sie sie anpeilt, zu erwarten…
So extrem: das lasse ich mal da stehen, wo es steht, in der Zeit Nummer 38, Seite 53.
*) Als Jüngling schrieb ich auch mal Gedichte. In einem quasi ähnlich: „der Atem der Geschichte / aus ihren Mündern o wie süß! / ruf ich im Chor“. (Pardon, ich meinte das aber ironisch)
34. Hombroich : Poesie
Vom 15. bis 19. September 2010 findet auf der Raketenstation Hombroich (Neuss, NRW) das zweite Colloquium für Poesie statt. Dieses Jahr siebzehn deutschsprachige Lyriker und Philosophen, eine Künstlerin, ein Komponist, treffen sich im informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Denken der Sprache des Gedichts und des Denkens betrifft, soll hierbei das Projekt der Poesie – ohne den saisonalen Fürwahrhaltungen gehege oder eingewattet zu sein –, kollegial überdacht und infolge fortgesetzt werden. Teilnehmer der diskreten Akademie sind diesmal: Urs Allemann, Antoine Beuger, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Martin Endres, Hans-Jost Frey, Eleonore Frey, Felix Philipp Ingold, Erich Klein, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Ferdinand Schmatz, Farhad Showghi, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Suse Wiegand (und wohl noch andere).
Eine okkasionelle Lesung aller Teilnehmer findet am Samstag, dem 18. September 2010 um
19 Uhr in der Veranstaltungshalle der Raketenstation statt; ebenso sollen die poetologischen Beiträge wieder unter dem Titel Das böhmische Dorf ediert erscheinen: mit Mobilität zwischen den Medien Buch und Internet: Wer unentwegt oder am Weg baut, hat viele Nachbarn.
Das böhmische Dorf. Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur und Kunst
Raketenstation Hombroich
41472 Neuss-Holzheim
Tel. 02182 570000
In Zusammenarbeit mit der Stiftung Insel Hombroich
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Buchhinweis
Nichts tun, Hrsg. Oswald Egger, Das böhmische Dorf 2009
(= Tagungsband zum ersten Colloquium für Poesie in Hombroich ISBN 978-3-902024-14-5, 224S, 22 Euro)
46. Die 158. Ausgabe der Literaturzeitschrift “Wespennest”
Immer, wenn man die Zeitschrift Wespennest aufschlägt, staunt man über das breite Themenspektrum, die Qualität der Texte (der abgedruckten Lyrik auch, diesmal beispielsweise Hagaar Peeters) und die Radikalität, mit der die Zeitschrift ihren eigenen hohen Ansprüchen treu geblieben ist – auch in der 158. Nummer.
Franz Josef Czernin schreibt über ein Interview mit Wolfgang Schüssel und andere Populismen in österreichischen Qualitätsmedien, Jasmin Herold weist nach, warum Heidi Klum und die Feuchtgebietvermesserin Charlotte Roche Gesinnungsschwestern sind, Michael Hammerschmid stellt ein Dossier “ohne Titel” mit Gedichten von Friederike Mayröcker und einem Essay von László F. Földény zusammen, und Ilija Trojanow schreibt über “Weltbürgertum heute” . / steg, DER STANDARD 10./11.7.
Wespennest, Heft 158, € 12,-. Erhältlich im Fachhandel und unter www.wespennest.at
22. Heimrad-Bäcker-Preise
Nach Entscheidung der Jury ( Franz Josef Czernin , Thomas Eder sowie des letztjährigen Preisträgers , herbert j. wimmer ) wurden die diesjährigen Heimrad- Bäcker- Preise zuerkannt an “Salon“- und “Literatur als Radiokunst“- Autorin Brigitta Falkner sowie an Anja Utler ( “Literatur als Radiokunst” , Förderpreis ) / Mehr
126. Mayröckers Zettelwirtschaft
Das Werk der Dichterin Friederike Mayröcker, die morgen Sonntag unglaublicherweise 85 Jahre alt wird, ist nicht allein den pulverigen Sandspuren von Deinzendorf entsprossen: jenem Ort im Bezirk Hollabrunn, dessen Fauna in “langsamen Blitzen” die Bilderketten der Lyrikerin durchwirkt.
In Deinzendorf war Mayröcker noch ganz das behütete Kind: jene “Fritzi”, deren Zettelwirtschaft den Literaturbetrieb bis heute in ungläubiges Staunen versetzt. Kindheitslandschaften sind das Formularpapier, in das poetische Existenzen eingetragen werden. Mayröcker, deren Arbeit vegetabil erscheint – und somit gegen äußere Erschütterungen unempfindlich -, deren Texte in scheinbar organischem Wachstum aus Wortsprossen und Zitat-Keimen hervorgehen, hat die Fährnisse des Zeitverlusts endgültig überwunden.
Ihre fragilen, dennoch streng und gewissenhaft bearbeiteten Notate gleichen Explosionserscheinungen. Die Elemente der Sprache, durchaus schockhaft gegeneinander gesetzt, beginnen einander in lockeren Gebilden wechselseitig zu erhellen: “Ich bin so traurig jetzt und habe Angst vor dem / Verlassen dieser Welt die ich so sehr geliebt mit ihren Blüthen / Büschen Bäumen Monden mit ihren wunderbaren nächtlichen / Geschöpfen.”
Es wird gerne vergessen, dass Mayröcker während vieler Jahre die Existenz einer öffentlich wenig gelittenen Dichterin durchleiden musste, ehe sie zur Prima inter pares werden konnte. / Ronald Pohl, DER STANDARD 19.12.
Friederike Mayröcker schlägt mit ihrer obsessiven „Schreibdrangseligkeit“ dem Alter ein Schnippchen. Ihre Texte altern nicht. Vielleicht, weil sie immer aus Neu-Gier auf Welt entstanden sind; weil die Autorin jedem neuen Tag nachspürt, in Liebe und Leid, Verzückung und Demut. So stehen wir fassungslos vor ihrem Alter und freuen uns über das magische Junggebliebensein ihrer Arbeiten. / Walter G. Goes, Ostsee-Zeitung Rügen 19.12.
Die Presse-Umfrage zum 85. Geburtstag der großen österreichischen Schriftstellerin. Elfriede Jelinek, Evelyn Schlag, Peter Handke, Julian Schutting, Bodo Hell, Franz Josef Czernin, Kathrin Röggla, Andreas Okopenko, Andrea Winkler: Wer ist Friederike Mayröcker?
Interview der Presse vom 7.11.:
Frau Mayröcker, das letzte Mal haben wir uns zum Interview noch in Ihrer Wohnung getroffen. Gibt es dort noch das Taferl mit der Aufschrift „Tabu“, das die Räuber fernhalten soll?
Friederike Mayröcker: Ja, das Taferl gibt es noch. Aber in die Wohnung lasse ich niemanden mehr hinein. Alle Interviews, die ich jetzt gebe, gebe ich im Tirolerhof. Bei mir ist es viel zu voll, und das, obwohl ich noch eine Wohnung dazubekommen habe, die von Ernst Jandl. Aber dort schaut es mittlerweile genauso aus.
Vor zwölf Jahren haben Sie noch gesagt, Sie würden aufräumen, sobald Sie mit dem Buch fertig sind.
Das habe ich aufgegeben.
Bücher, Manuskripte, Notizen, Briefe: Haben Sie immer schon gesammelt?
Das ist kein Sammeln! Da sammelt sich vielmehr etwas an. Es ist wie in einer Fabrik oder einer Werkstätte. Was sich bei mir anhäuft, ist das Material, mit dem ich arbeite. Ich mache mir auch andauernd Notizen: Wenn ich unterwegs bin, schreibe ich auf kleine Zettel, wenn ich in meinem Bett liege, in ein A4-Heft. Das Material wird dann verarbeitet. Aber ich habe nie gesammelt: Ich flehe meine Freunde sogar an, mir ja nichts mitzubringen, mir auf keinen Fall etwas zu schenken!
Mehr zu Mayröckers Geburtstag: ND 19.12. (Gunnar Decker) / Wiener Zeitung / Die Presse 17.12. /
Die ORF-TV-Kulturredakteurin Katja Gasser widmet der Dichterin das Porträt “Rasen und Rotieren im Kopf”, das an Mayröckers Geburtstag (20. Dezember) um 9.55 Uhr in ORF 2 und bereits am Vorabend auf 3sat (19.20 Uhr) zu sehen ist.
Ö1 feiert die Jubilarin am 20. 12. (21.15 Uhr) mit einem Zusammenschnitt jener Festveranstaltung, die zu Mayröckers Ehren im RadioKulturhaus ausgerichtet wurde.
“Ö1 extra”: “Sprachgeschenke”
ORF Nachtbilder – Poesie und Musik
Scardanelli
Musik von Miles Davis
19. Dezember 2009
00:08 Uhr Mehr
“Tonspuren”: “Fritzi und ihre Fans” (18. Dezember, 22.15 Uhr in Ö1)
“Rasen und Rotieren im Kopf” (20. Dezember, 10.05 Uhr, ORF 2)
116. FORTGESETZTE QUELLENKUNDE
Von Norbert Lange
(Aus der textenet-Galerie, Abteilung: Nachdenken)
Quellenkunde. Der Gedanke, daß Geschriebenes auf Geschriebenes zurückführt, ist nicht neu. Und obwohl der damit verbundene Begriff von Schreiben nun eigentlich zu den Basics gehört, will ich hier noch einmal darauf zurückkommen. Quellenkunde setzt ein, wenn ich das Gedicht eines anderen lese, Quellenkunde setzt aber auch ein, wenn ich mich mit meinem eigenen Gedicht auseinandersetze, um es fertigzustellen. Spreche ich von Fertigstellung, dann zielt der dichterische Begriff auf eine Arbeit, in der Wissen und Intuition austariert werden müssen. Ich kann kein Gedicht schreiben, dessen Verlauf in erster Linie die Intuition bestimmt, da sich dabei formale, für mich typische Klischees aufdrängen – Strophenform, Zeilenlänge, klangliche und grammatische Eigenschaften. Ebensowenig kann ich mich rein von meinen Verstand leiten lassen, da ich dabei zu einer Form gelange, die ich inhaltlich nicht mehr einlösen kann – das dabei Entstehende könnte man sich als Gebilde vorstellen, das die Zeilen mit Recherche füllt. Mit Recherche kommt Quellenkunde gleich wieder ins Spiel. Denn man muss sich Quellenkunde inhaltlich und formal unterteilt vorstellen; in das nämlich, was ein Dichter von einem anderen an Idee und Weltauffassung übernimmt, und in die Art und Weise wie sich der Dichter zu den Mitteln verhält, die sein Vorbild verwendet, um diese Ideen auszusprechen. Der von mir sehr geschätzte Urs Allemann beispielsweise schreibt „Hälfte des Lebens“ neu, indem er jedes Wort der Vorlage durch einen Reim ersetzt, und kommt von „Im Winde klirren die Fahnen“ zu „im kinde schwirren die ahnen“. Das ist ein denkbar einfaches Verfahren, und wie ich finde an Anschaulichkeit kaum zu überbieten, es steht hier als Referenz an eine Art des Schreibens, die mich beim Schreiben und Lesen besonders beschäftigt. Zuletzt geht es eben um die Frage, was ein Gedicht ist und welche Möglichkeiten ihm innewohnen, wie also im Winde die Fahnen klirren, aber auch von wo das Gedicht die Möglichkeiten hernimmt, um im Kinde Ahnen schwirren zu lassen. Gleichzeitig führt dieses kurze Vexierspiel von Original und Anverwandlung auf die Fährte, die ich hier einschlagen will; wenn das Schreiben eines Gedichts sich stets auf Quellen stützt, wozu auch solche gehören können, über die ich mir nicht unmittelbar bewusst bin, lässt sich davon ausgehen, daß man es bei einem Gedicht immer mit einem Palimpsest zu tun hat.
