Getagged: Franz Josef Czernin
54. Heimrad-Bäcker-Preis für Christian Steinbacher, Förderpreis für Lange
Der mit € 8.000.- dotierte Heimrad-Bäcker-Preis 2013 geht an den Dichter , Kurator ( nebenbei LARK- Gestalter und SALON- Autor ) Christian Steinbacher ; der mit € 3.500.- angesetzte Förderpreis wurde dem Poeten, Übersetzer und Essayisten Norbert Lange zugesprochen .
Die Begründung dieser Kür seitens der Jury – Franz Josef Czernin, Thomas Eder und der letztjährige Preisträger Urs Allemann – lautet wie folgt :
Christian Steinbacher ist ein Meister der Stimmen und Gespräche, der Rhythmen, Metren und der Prosodie, ein Dialogbegründer in der Literatur. In seiner Prosa und Dichtung werden präsentative Redeformen in repräsentative Schriftformen übergeführt.
Nach einer frühen Phase seiner Dichtung, die im Nachhang zur Konkreten Dichtung die Eigengesetzlichkeit des Sprachmaterials ergründet hat, ist es den jüngeren und jüngsten Arbeiten Steinbachers um die Integration von musikalischen/bildnerischen Aspekten und Semantik zu tun. Es scheint, als ob es kein gerades, ausschließlich denotativ gebrauchtes Wort in Steinbachers Prosa und Gedichten gäbe, die Bestandteile jedes Verses, jeder prosaischen Wendung, sind in ein Gefüge von dialogischen Beziehungen eingebunden – allerdings nicht nur auf Ebene der internen Strukturierung der Gedichte als Dialog zwischen manifesten Redepartnern, sondern auch als eine dialogische Bezugnahme zu anderen Dichtern und Zeiten.
Steinbachers Texte geben Auskunft von der Möglichkeit der umfassenden poetischen Existenz auch neben einer inner-sprachlichen, die von der Überhöhung des Dichterischen bis hin zum Patzen und Klecksen reicht, zwischen poèsie pure und den alltäglichsten In-die-Schrift-Rettungen eines poète maudit vermittelt.
Die feierliche Übergabe der Preise ist für Montag , den 3. Juni ab 19:30 H im Adalbert-Stifter-Haus Linz vorgesehen. Es lesen die Preisträger. Die Laudationes hält Friedrich W. Block. / Mehr bei Zintzen.org
79. manuskripte 199/2013
Im aktuellen Heft (März 2013, € 11,70, 161 S.):
2 Nachrufe auf die slowenische Dichterin Maruša Krese, von Andrea Stift:
Liebe Maruša, mein Wunsch für das Jahr 2013 war, dass einmal 365 Tage keiner stirbt, den ich gern habe. Mein Wunsch hat sich nicht erfüllt. (…)
Maruša, Du warst so politisch, dass ich Angst davor hatte, mit Dir über Politik zu reden (weil ich dachte, ich verstünde nichts. Dabei ist das nur eine Ausrede. Jeder versteht). Du hast es zuwege gebracht, diese zwei Dinge zu vereinen, die sich für mich ausschließen: Menschlichkeit und eben Politik.
und Ilma Rakusa
Am 7. Januar 2013 hat sie ihr nomadisches Unterwegssein beendet. In Ljubljana, ihrer Geburtsstadt, im Alter von 65 Jahren. (…) Wo war ihr Ort? Sie wusste es selbst nhicht. Nicht in Slowenien, das ihr zu eng schien, nicht im hippen Berlin, nicht in San Francisco. Schon eher im versehrten Sarajevo, das sie während des Krieges immer wieder aufsuchte, um zu helfen, was ihr 1997 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland eintrug. Nur das Prekäre, Provisorische zog sie an, eine bürgerliche Existenz im trauten Heim konnte sie sich nicht vorstellen.
Gedichte von: Martin Kubaczek, Elke Laznia (Prosagedichte), Verena Stauffer (Sonett, Terzinen), Andreas Unterweger, Sara Ventroni (Italienisch/Deutsch), Franz Josef Czernin (zungenenglisch. visionen, varianten), Marija Ivanović, Ronald Pohl, Ingeborg Horn, Milena Marković, Volha Hapeyeva
Prosa von: Ulrike Draesner, Hanna Engelmeier
Liste der Vögel, die ich von Nietzsches Balkon aus beobachten konnte: Elstern, Blaumeisen, Eichelhäher, Krähen, Buntspechte und einen nicht identifizierbaren Pseudo-Zaunkönig, Tauben.
Gundi Feyrer, Dana Ranga, Thomas Rothschild (Bruder Eichmann, Breivik und die Sopranos), Paul Nizon, Franz Schuh, Lukas Palamar u.a.
Beiträge über: Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Peter Waterhouse
61. Von den Rändern
Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungslinien sprachreflexiver Dichtung kennenlernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahresfrist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verlorenheits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fortschreitenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigenständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Gedicht aus dem „bruder morpheus“-Manuskript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende geschichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasenstück“ mit dem Bienen-Motiv der amerikanischen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Übersetzungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meisterstücke lyrischer Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traumwanderungen ein phantamagorisches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu enträtselndes, gleichwohl faszinierendes Stück hermetische Poesie, in dem sich die Wörter zu verselbständigen scheinen, sind schließlich die „Quadratgedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erstmals einem deutschen Publikum präsentiert werden. Übersetzt hat diese „Quadratgedichte“ der wohl sprachbesessenste Poet der Gegenwart, der Österreicher Franz-Josef Czernin.
Die verlässlichste Zeitschrift für die Erkundung neuer dichterischer Sprechweisen ist aber seit über dreieinhalb Jahrzehnten der „Park“, im Alleingang herausgegeben von dem Lyriker und Übersetzer Michael Speier. In der jüngsten Ausgabe, der Nummer 65 des „Park“, hat Speier wieder zauberhafte Gedichte von Kerstin Preiwuß und Christoph Meckel versammelt, neben Texten finnischer Dichter. Das darf schon deshalb als editorische Großtat gerühmt werden, weil finnische Dichtung nach dem Tod von Paavo Haavikko von der Landkarte der modernen Poesie verschwunden scheint. Einen Auftritt im „Park“ wie auch in der „Mütze“ hat der Dichter Ron Winkler, der kurz vor seinem vierzigsten Lebensjahr neue Möglichkeiten des Sprechens für sich entdeckt hat, die ihn von den stark technizistischen Bewusstseinsgedichten seiner frühen Jahre wegführen. / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen
- Mütze 2 (2012) und 3 (2012)

Urs Engeler, Obere Steingrubenstr. 50, CH-4500 Solothurn. 52 Seiten, 6 Euro. - Park 65
Michael Speier, Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin. 96 Seiten, 7 Euro.
65. Hombroich: Poesie
Raketenstation Hombroich
Vom 12. bis 15. September 2012 findet auf der Raketenstation Hombroich das dritte Colloquium für Poesie statt. 14 – unter den ästhetisch interessanten und relevanten – bedeutsame deutschsprachige Lyriker, Autoren und Philosophen treffen sich in einem informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Denken der Sprache des Gedichts und des Denkens betrifft, soll hierbei das Projekt der Poesie frei von saisonaler Wahrnehmung und medialen Einschätzungen innerhalb des Betriebsgefüges literarischer Öffentlichkeit überdacht und fortgesetzt erweitert werden.
Die publikumsöffentliche Lesung aller Teilnehmer findet in Zusammenarbeit mit dem Förderverein der Stiftung Insel Hombroich am Samstag, dem 15. September 2012 um 18 Uhr in der Veranstaltungshalle auf der Raketenstation Hombroich statt.
Es lesen Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Christian Filips, Brigitta Falkner, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Thomas Schestag, Farhad Showgi und Ulf Stolterfoht Texte von Autoren, welche der Insel verbunden waren oder assoziiert sind: Hans Arp, H.C. Artmann, Inger Christensen, Thomas Kling, Ernst Jandl, Oskar Pastior, Francis Picabia, Kurt Schwitters u.a.m.
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Veranstalter
Das böhmische Dorf.
Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur und Kunst
Raketenstation Hombroich
D-41472 Neuss
tel +49(0) 2182 570 000
anmeldung@hombroich.com
Die Aktivitäten des böhmischen Dorfes werden unterstützt von der Literaturabteilung der Landesregierung NRW, von der Kunststiftung NRW sowie vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Wien.
16. Heimrad-Bäcker-Preise 2012 an Urs Allemann und Christian Filips (Förderpreis)
Verleihung der Heimrad-Bäcker-Preise 2012
im Adalbert-Stifter-Haus, Linz
Montag, 25. Juni 2012
19.30 Uhr
Nach Entscheidung der Jury (Franz Josef Czernin, Thomas Eder und der letztjährige Preisträger Ulf Stolterfoht) werden die diesjährigen Preise verliehen an:
- Urs Allemann (Heimrad-Bäcker-Preis)
- Christian Filips (Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis)
Begründung der Jury:
In Urs Allemanns Poesie wird etwas Allgemeines deutlich: Dass Konstruktion und Dekonstruktion, ebenso wie Tradition und Innovation, zwei Seiten einer Medaille sind. Denn etwas Neues herzustellen heißt, Vorgegebenes in seine Bestandteile zu zerlegen und gerade dadurch das Vorgegebene zu re-konstruieren. So bewahrt Allemann etwa die Traditionen des Sonetts und der Ode, indem er sie in ihre Bestandteile zerlegt und dabei neu und auf unvorhergesehene Weise zusammensetzt. In diesem Sinne dialektisch erlaubt uns Allemanns Poesie, an dem erkennend teilzunehmen, das wir Geschichte nennen.
73. Timber
Ulf Stolterfoht, Urs Allemann, Monika Rinck, Barbara Köhler
Diskussion
Dienstag, 10.01.12, 20.00 uhr
Unter dem Titel TIMBER! Eine kollektive Poetologie hatte Ulf Stolterfoht im vergangenen Jahr elf Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, auf der gleichnamigen Internet-Seite einen Aufsatz zu veröffentlichen, der sich im weitesten Sinn mit dem Verhältnis von Poesie und Politik beschäftigt. Nachdem im Dezember ein Abschlusssymposion mit allen Beteiligten im Berliner Literaturhaus stattgefunden hat, versuchen nun Urs Allemann, Barbara Köhler, Monika Rinck und Ulf Stolterfoht im Rahmen einer Diskussion die Fragen noch einmal zu stellen: Wie Poesie politisch sein kann, ohne dabei hinter ihre Möglichkeiten zurückzufallen? Ob schon die Entscheidung, heute Lyrik zu schreiben, einen politischen Akt darstellt? Ob das Schielen aufs gesellschaftlich Wirksame nicht vielmehr die Ursünde der Literatur darstelllt? Und viele andere mehr. Abschließende Antworten sind gleichwohl nicht zu befürchten. Urs Allemann lebt in Reigoldswil bei Basel, zuletzt erschien der Lyrikband im kinde schwirren die ahnen (Urs Engeler Editor 2008). Barbara Köhler lebt in Duisburg, 2007 erschien im Suhrkamp-Verlag der Band Niemands Frau. Gesänge mit einer CD. Monika Rinck veröffentlicht u.a. bei kookbooks, zuletzt die Bände zum fernbleiben der umarmung (2007) und helle verwirrung (2009), sie lebt in Berlin. Von Ulf Stolterfoht ist zurzeit im Literaturhaus die Ausstellung handapparat heslach zu sehen, unter dem gleichen Titel erschien bei roughbooks vor zwei Monaten ein kleines Begleitbuch. / Literaturhaus Stuttgart
Bisher sind 8 Essays im Netz – Texte von Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Ferdinand Schmatz, Ulf Stolterfoht, Uljana Wolf.
72. Zu Klavki
Von Bertram Reinecke
Siehe L&Poe 2011 Dez #57. Wolkenhändler
Wenn hier mein Name in die Nähe des typischen ignoranten Klavkilesers gerückt wird, dann möchte ich wenigstens, keineswegs ein Klavkikenner, aus meiner Sicht meine Lesehindernisse benennen, die Frage „Was macht, dass er anders liest als ich“ beantworten: „außerdem verbiete ich Menschen vor mir Worte wie ‘Mehlschwitze’ zu verwenden“ heißt es bei Klavki, und so klingen Klavkis Texte für mich. Oft scheint mir bei Klavki ein untriviales Leben abgegrenzt von einem trivialen, das andere Leute führen. Offensichtlich kann man ihm zu Gute halten, dass er dieses Leben auch authentisch zu verkörpern vermochte, oder besser gesagt: Es gelang ihm, glaubt man seinen Fans, eine konsistente Selbstinszinierung in diese Richtung herzustellen.
Wenn ich in einer weniger günstigen Position nur als Leser nach Signaturen für Glaubwürdigkeit suche, dann werde ich nicht recht fündig. (Wohlgemerkt: Diese Glaubwürdigkeit ist wie das Verbot, Leben in wichtige und unwichtige einzuteilen, zunächst mein Wert und auch eher ein moralpolitischer als ein literarischer.) Der Eindruck von Tiefe und Bedeutsamkeit scheint mir bei Klavki durch Auswahloperationen zu Stande zu kommen: Bedeutende oder in sich bereits interessante Gegenstände werden mit entsprechendem Schmuck behandelt. (Ähnliches kritisiert Czernin auch an Grünbein 1995 im Schreibheft.) Ein resonantes Vokabular tritt hinzu. Das ganze ist oft zugespitzt zu allgemeinen, weitere Gegenstandsbereiche umgreifenden Sentenzen. Die klingen tief. Man kann ihnen zustimmen, aber man weiß noch nicht genau was sie heißen. Wer sie bestritte, ihnen also eine konkrete Interpretation verliehe, würde etwas kleinkariert wirken. Derjenige, der nicht zustimmt, hat keine Möglichkeit sein Befremden in einem Argument zu artikulieren. Das ganze ist in einem Ton vorgetragen, der vom Parlando die Gewohnheit übernimmt, Themenwechsel oder Verrückungen zuzulassen. Eine allgemeine Aussage als Setzung, um zu schauen, wohin man von dort aus kommt, interessiert mich. Hier folgt stattdessen bald die nächste Setzung, die das Feld schon wieder neu definiert. (Etwa im Gegensatz zu den Texten Sven Regeners, wo auch oft allgemeine Sentenzen Schlag auf Schlag folgen, aus diesen Sentenzen sich aber bspw. eine Geschichte erzählt wird, die als Klammer fungiert.) Wenn die Thesen loser verbunden sind, lässt sich mit wenig rhetorischem Aufwand leicht auch etwas behaupten, was dem Gegenteil nahekommt. (Ist vielleicht das die Intention von Ann Cottens Paraphrasen?) Natürlich behält der Text die gleiche Gestimmtheit und sicher ist in einem unkonventionelleren Sinne genau dies die Klavkische Botschaft. Die Texte wollen nicht bedeuten, sondern eine Lebensform ausdrücken.
Durch diese Intensitätsrhetorik fühle ich mich eher überwältigt als überzeugt, auch wenn unter den Erfindungen Klavkis im Einzelnen zahlreiche zu finden sind, die viel Esprit haben. Wenn man seine Lebensform teilt, dann spürt man in dieser Gestimmtheit vielleicht eine Gemeinsamkeit und eine Klammer, die das Ganze dann vielleicht doch unbeliebiger macht als ich es sehe. Nur wundere ich mich dann ein wenig: Von den soziologischen Papierdaten gehöre ich ja zu Klavkis Generation, habe ein ähnliches Umfeld, Studium usw. Warum trägt sein Gemeinschaftsangebot nicht einmal bis zu mir? Richtet es sich sozusagen nur an Katholiken, die noch katholischer werden sollen?
Klavki, das gehört für mich absolut zu den Dingen die Esprit haben, weiß um die Problematik der Tatsache, dass sich mit seinem rhetorischen Material ebensogut dieses wie mit wenigen, fast unmerklichen Veränderungen auch etwas anderes sagen lässt. Und er sagt es offenbar auch noch einen Charakter zitierend, der so völlig anders gestimmt ist: Arno Schmidt. (Im Klavkischen Kontext könnte allerdings etwas passieren, was bei Schmidt nahezu ausgeschlossen ist: Man könnte die Klavkistelle als Affront gegen theoretisches Ressentiment begrüßen.) Ganz ohne Unbehagen kann ich diese Stelle dennoch nicht annehmen, insofern solche Metareflektionen immer auch etwas Absicherndes haben könnten, dem Kritiker das Werkzeug aus der Hand nehmen. Und da entsteht dann eine Fallhöhe: Ich habe den Raum, mich öffentlich darzustellen, und dir wird er versagt. (Siehe oben.) Dieser Spalt, der sich da auftut, kann dann eben von einem halbwegs geschickten Autor mit mit allem möglichen Weiteren aufgefüllt werden: Ich habe den Überblick, ein Schicksal, die Kunst … usw. Das schreckt mich. (Füllungen mittels dieses Momentes der Würde erreichen offensichtlich ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. So wird Benns Vortrag „Soll die Kunst das Leben bessern“ noch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod von Literaturdozenten affirmativ zitiert.)
Insofern mir dieser Aspekt der Fallhöhe immer wieder in die Argumentation gerät, kann dieser Text nicht beanspruchen eine kritische Würdigung zu sein, sondern es handelt sich eher um eine Dokumentation meines Ressentiments.
Was die verwendeten Zitiertechniken betrifft, fasse ich auch diese bei Klavki eher als rhetorische Mittel auf, und es gelingt mir nicht eine Eigendynamik darin zu entdecken. Wenn man paraphrasiert, lassen sich Zitate ja leichter zu eigenen Zwecken einhäkeln. Auch wird man ein kürzeres Zitat auch mal unwillkürlicher treffen („Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ in Paraphrase leichter als den kategorischen Imperativ wortwörtlich.)
Diese gröberen Mittel, die schnell kommunizieren, leicht riesige Sinnreiche erschließen, lassen auf den ersten Blick den Eindruck entstehen, Klavki habe für einen Vielleser keinen sonderlich erlesenen Geschmack. Man kann es aber eben auch funktionell verstehen: In einen schwierigen Kontext, (Lesebühne: Ablenkung, Zwischengequatsche, tw. nicht literaturinteressiertes Publikum usw.) trug Klavki literarische Verfahren und Themen hinein, ohne dass es sonderlich viele Beispiele gab, an denen man das seinerzeit lernen konnte.
(NB durch Klicken auf die Schlagworte am oberen Rand gelangt man zu anderen Artikeln mit gleichem Schlagwort)
13. “Plauder- und Wikilyrik”
Bei literaturkritik.de bürstet Felix Philipp Ingold in einem Abwasch die Neuausgabe des Echtermeyer und die jüngste Lyrik harsch ab, hier in 2 Zitaten dokumentiert (wobei beide Argumentationslinien in einer gewissen Spannung zueinander stehen, denn wenn die Auswahl zB der neusten Autoren zu kritisieren ist, sollte man wohl nicht anschließend anhand dieser Auswahl gleich selbst die “ganze Richtung” be- oder aburteilen):
1
Zwar soll der „Echtermeyer“ durch „zahlreiche jüngere Lyrikerinnen und Lyriker“ aktualisiert werden, er will aber auch die „Präsentation des Bewährten und Tradierten“ weiterpflegen; er will „sowohl den lyrischen Kanon“ beliebt machen, als auch „auf fremde Spuren“ [sic?] hinführen; er hält nicht nur „die schulische Vermittlungstradition im Blick“, sondern auch „neue lyrische Angebote“, nur dürfen die „neuen Stimmen“ keinesfalls „das Alte vergessen lassen“ – die allzu häufige Wiederholung dieser rhetorischen Beschwichtigungsgeste macht den Kleinmut der Herausgeber umso augenfälliger und gibt ihm eine geradezu peinliche Anmutung. Die Peinlichkeit konkretisiert sich zusätzlich dort, wo die „neue Dichtergeneration“ auf der Betriebsbühne vorgeführt wird in den Rollen von „Neo-Pathetikern, Sprachpuristen und -Alchimisten, postmodernen Simulationsexperten, Bilderbauern [sic!], Sozialsurrealisten und Deskriptiven“, welche angeblich „soziale Realität wieder tiefenschärfer ins Gedicht“ holen oder sich „experimentierend in den Spannungsfeldern zwischen Körper-Sprachen und Sprach-Körpern“ abarbeiten.
2
Weder formal noch thematisch ist bezüglich dieser „Gegenwart“ ein poetischer Epochenstil auszumachen. Zu rasch wechseln Trends und Moden einander ab, es kommt zu kurzfristigen, meist aus Gruppenbildungen erwachsenden Produktionsschüben mit erkennbar gemeinsamer Poetik und individuellen Leitfiguren (wie Thomas Kling, Durs Grünbein, Gerhard Falkner, Franz-Josef Czernin und andere), die ihren prägenden Einfluss allerdings bald wieder einbüssen und nach 2000 abgelöst werden durch eine Vielzahl von umtriebigen Jungautoren und -autorinnen, die sich weder um einen Epochenstil kümmern, noch sich um ihren eigenen Personalstil* bemühen, für die vielmehr Stillosigkeit oder Stilsynkretismus charakteristisch zu sein scheinen. Dass der tendentiell konservative „Echtermeyer“ eine durchaus repräsentative Reihe derartiger Plauder- und Wikilyrik Revue passieren lässt, ist angesichts von deren aktueller Hochkonjunktur kein besonderes Verdienst, zeigt aber doch, wie offen und weitläufig er neuerdings angelegt ist.
*) ob die Anthologisten genau genug hingesehen haben, wird immer strittig bleiben. Der Generationskritiker hat es sicher nicht. M.G.
78. Verstehen noch einmal
Von Bertram Reinecke
Der folgende Text entstand im Zusammenhang mit meiner Auseinandersetzung mit den vergangenen beiden Jahrbüchern der Lyrik. Da ich hoffte, dass das neue Jahrbuch zu der hitzig geführten Debatte, die sich besonders an Ulf Stolterfohts Satz „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen“ entzündete, noch etwas beitragen würde, habe ich ihn zunächst noch zurückgehalten, um auch auf den Fortgang noch einzugehen. Da dort aber diese eigentlich noch unabgeschlossene (vielleicht aber auch unabschließbare) Debatte nicht fortgesetzt wurde, trage ich diesen späten Reflex auf den Streit nun hier unverändert nach. (Er setzt die Kenntnis der poetologischen Kommentare der zwei letzten Jahrbücher voraus.)
Ich bin verwundert, dass das vorsichtige Anreißen der Verstehensproblematik im Lyrikjahrbuch 08 so heftige Reaktionen im darauffolgenden Jahrgang ebenso wie anderswo hervorrief. Lag es daran, dass auch ein Geist von so andersartigem Temperament wie Christoph Buchwald sich den provokantesten Teil von Stolterfohts Bemerkungen zu eigen machte, oder hat man die Debatte auch als einen Stellvertreterkrieg um den Fachsprachenansatz zu verstehen?
Nicht zuletzt handelt es sich auch um eine Debatte unter renommierten Lyrikherausgebern. Ich möchte aber vermeiden hier allzu misstrauisch Motive zu unterschieben, sondern versuche in kritischer Diskussion eine eigene Position zwischen allen Stühlen einzubringen.
Axel Kutsch zieht sich zunächst die Proletenjacke über und gießt Stolterfohts Argumentation in das Entweder-oder-Schema eines Boxkampfes. Und kommt zu dem Schluss „Verstehen oder nicht verstehen – das ist doch nicht die Frage.“ Aber hatte Stolterfoht überhaupt so eine zugespitzte Frage gestellt? Er sprach u.A. nicht zuletzt von „Rat- und Hilflosigkeit“.
Diese Strategie ermöglicht Kutsch mit der Aussage „Die Frage kann nur lauten: Gelungen oder nicht gelungen?“ das Problem mit großzügiger Geste vom Tisch zu wischen und implizit mit zu bestreiten, dass es sich überhaupt lohnen könnte, wie tastend auch immer, zu erklären, was ein gelungenes Gedicht ausmachen könnte. Natürlich möchte jeder auf poetologisches Winkeladvokatentum verzichten, aber mit diesem Argument könnte man auch, weil es Gerechtigkeit ohnehin nicht herstellt, ein schriftlich kodifiziertes Recht ablehnen. Wie jedoch die Schriftlichkeit des Rechts denjenigen schützt, dessen Rede nicht durch Stand und allgemeine Achtung gesichert ist, so fällt der generöse Verzicht auf explizite Poetologie demjenigen leichter, der seinen Stand im literarischen Leben gesichert glaubt.
Axel Kutsch kann seine reduktionistische Lektüre, er weiß das selbst, nur deswegen etablieren, weil er genau das tut, was Stolterfoht ratlos zurückließe: Er weiß von vornherein, was Stolterfoht über das Verstehen sagen wollte und unterstellt, dass dies nur heimlichtuerisch verborgen wurde. Er geht sofort pointiert von der Frage: „Was steht da?“ zu einer anderen über: „Was bedeutet es ‘eigentlich’, was für Konsequenzen hat das?“.
Hans Thill geht da verständnisvoller mit Stolterfohts Position um und legt Hintergründe dar, die Stolterfohts Position stützen: Verstehen ist nicht das Einzige, was wir mit Gedichten vorhaben, das Spektrum der möglichen Sprachhandlungen ist größer. (Verbieten, Witze machen, Konfabulieren …, Auswendiglernen, Rumreichen wird Gisela Trahms später hinzusetzen) Und: Verstehen ist problematisch. Thill verweist darauf, dass einander Verstehen damit zu tun hat, eine Lebensform zu teilen. Zugespitzt: Zunächst verstehe ich mich selbst und dann allenfalls die, die dieselben Bücher gelesen haben. Thill bringt weiterhin in Anschlag, dass unsere Verstehensbegriffe durch die Abrichtung der Schulbildung kontaminiert sind. Und er teilt Stolterfohts Ansicht, dass Pointen oft kurz greifen wie mancher Schülerwitz. Aber dann passiert etwas Merkwürdiges: Alles versöhnt sich, so deutet Thill an, im Schoße einer avancierten Hermeneutik. Da leuchtet das alte interesselose Wohlgefallen. Ein Teufel, wem das nichts gilt, wer nach dem Erfolg seiner Sprachstrategien schaut, wer gar listig ist! Also Thill selbst gar? Denn Thill traut Ulf Stolterfoht wahrscheinlich zu, dass dieser die Position der klassischen Hermeneutik gut genug kennt, sie selbst vertreten zu können, wenn es ihm darum denn gegangen wäre.
Den Anspruch der Interessenlosigkeit teilt das abrichtende Schulverstehen, vor dem alle Schüler nach gleichen Maßstäben benotet sein sollen, mit der Germanistik samt ihren Interpretationsritualen, denn sie rechtfertigt sich über ihre Objektivität als Wissenschaft.
Verstehen heißt in beiden Fällen immer zunächst, unter Rekurs auf nachprüfbare Fakten und Kenntnisse sagen, was man gesehen hat. Immer ist ein Experte zugegen, der bewerten muss, ob das Gesagte stichhaltig ist. Der Satz: „Natürlich verstehe ich Celan, aber ich kann Ihnen nicht sagen, was es bedeutet“ ist an Schule und Uni gleichermaßen unmöglich. Schule und Hermeneutik problematisieren das Verstehen unzulässig, indem sie immer am möglichen Missverständnis ansetzen. Was Thill als Pennälerwitz abkanzelt, würden Rühmkorf, und vermutlich mit ihm Kutsch, eher als sprachliche Notwehr gegen solche Problematisierungen charakterisieren und zum Urgund der Poesie erklären. (Und man muss hier nicht gleich nur an Spottverse oder Politlyrik denken, auch Czernin sieht in der Poesie zunächst einen Mitvollzug von sprachlichen Wertungen und nicht ein interesseloses Wohlgefallen.)
Wer sieht, wie ideologisch Lehramtsstudenten auf poetische Sprachspiele reagieren („Was soll der Scheiß!“), während Viertklässler solche Übungen als beglückend sinnhaft erleben, wer sieht, wie Referendare, die mit solch „neumodischen Flausen“ in der Fachkonferenz baden gehen („Das haben wir immer so gemacht“), wer erlebt, wie schnell gerade Leute mit gutem Deutschunterricht bei einer Besprechung von Ingeborg Bachmann vom Gedicht ab und zu den „wichtigen“ Dingen wie Auschwitz kommen, der mag nicht recht glauben, dass verbesserte Interpretationsstrategien ein „Mehr von dem Selben“ in irgend einer Weise zu verbesserter Gedichtlektüre führen. Man darf Thill in Frage stellen: Ist dem Kind wirklich schon mit Erlernen der Schrift die Phantasie abhanden gekommen? Wohl kaum, es wird der Literaturunterricht gewesen sein. (Ausnahmen von dieser Regel sind um so bewundernswerter! Ich möchte auch nicht in den Doppelbindungsstrukturen der Schule jeden Tag arbeiten müssen!) Hat der Schüler die Phantasie einfach so zu Hause gelassen? Nein, er musste seine Prüfungen bestehen. Wer sich hier verweigert, wird nicht Mitglied im (Literatur)club. Verstehen von vornherein als überwundenes Mißverstehen zu denken, problematisiert Gesprächspartner zu Delinquenten. Dabei verstehen wir doch ganz gut auf unsere Weise („Es zieht“). Die Toleranz in Bezug auf Deutungen, die, wie Gisela Trahms bemerkt, ohnehin nicht so ganz durchgehalten wird, riecht da wie das Angebot eines Stillhalteabkommens einer kranken Praxis, welches jedoch nicht jedem gewährt wird: Sage Du nichts gegen mich, dann lass ich Dich auch in Ruhe. Die Engerlinge sitzen aber an der Wurzel. Stolterfohts „Hineingeheimnissen“ würde so als ein Symptom, eine Art Sekundärinfektion an dieser schon angegriffenen Pflanze verstanden, welche(s) diese falsche Toleranz ausnutzt. (Das schließt eine Hochachtung für den erstaunlich rüstigen hermeneutischen Verdauungstrakt eines Hans Thill natürlich nicht aus, es gibt ja auch echte Toleranz!)
116. Der Dichter und sein Schatten in Greifswald
Pommern ist von fast allem (nur nicht der Ostsee) sehr weit weg. (Das gilt in Deutschland genau wie in Polen). Diese Woche aber hat der An- und Umwohner Greifswalds einen klaren Standortvorteil. Von Mittwoch bis Sonnabend findet eine internationale Fachtagung statt zum Thema:
Der Dichter und sein Schatten
Fallstudien zur modernen Einfluss-Dichtung
Die Tagung
möchte das Phänomen der Einfluss-Lust (und nicht nur der „Einfluss-Angst“, mit der sich die wirkungsmächtige Studie von Harald Bloom auseinandergesetzt hat) unter der Perspektive ihrer Produktivität neu bewerten. Die Grundannahme ist, dass die Auseinandersetzung mit anderen DichterInnen und ihrer Sprache für die Entstehung einer eigenen Poetik konstitutiv ist.
Dies gilt insbesondere für moderne Lyrik, in der im zwanzigsten Jahrhundert Formen wie Zitation und Montage, literarische ‚ready mades‘ und andere affirmative Formen von Intertextualität (bis zum Extremfall des Plagiats) ihre literarische Blüte erleben und aus dem Schatten des Trivialen treten.
Das Verhältnis von Originalität und Epigonentum wird komplexer als bisher zu beschreiben sein. Nietzsche beklagt 1879 in Der Wanderer und sein Schatten die „Originalitätswut“ der Modernen, die im Unterschied zu den antiken Autoren eine regelrechte Angst vor der Konvention an den Tag legen würden. Doch gerade nachdem sich die modernen Autoren seit der Romantik scheinbar oder wirklich von den „Ketten“ der Tradition befreit (ein Bedürfnis jeder literarischen Avantgarde) und die vollständige Freiheit und Ungebundenheit ihrer künstlerischen Schöpfung behauptet haben, können sie sich ohne jegliche Einfluss- und Konventionsangst ‚leisten‘, auch epigonal zu sein: Wo der Zwang der Konvention nicht mehr so stark ist, kann die dezidierte Aneignung fremder Vorbilder anfangen.
Wissenschaftler wie Wolfram Groddeck (Robert Walser), Hans-Jost Frey (Franz Josef Czernin), Dieter Burdorf (Thomas Kling liest Rudolf Borchardt) und viele andere tragen ihre Beobachtungen zum Thema vor. Vor allem aber treten auch Lyriker selbst auf.
Urs Allemann, Marcel Beyer, Steffen Popp, Bertram Reinecke und Monika Rinck sind in Lesung, Gespräch und Vortrag dabei. Eine solch geballte Ladung ist nicht nur in Greifswald kaum alltäglich und lohnt den Weg ins Krupp-Kolleg allemal.
Die Termine der Lyriker:
Mittwoch 18.30 Uhr — 20.00 Uhr
Marcel Beyer: Greifswaldvariationen (Eröffnungsvortrag)
Donnerstag 17.00 Uhr — 17.45 Uhr
Gespräch über Lyrik: Monika Rinck (Berlin) und Elisabetta Mengaldo (Greifswald)
Donnerstag 20.30 Uhr — 22.00 Uhr
Lesung: Urs Allemann, Marcel Beyer, Bertram Reinecke und Monika Rinck
Sonnabend 12.15 Uhr — 13.00 Uhr
Steffen Popp: Fragen an die Boxmaschine – “Einflussangst und Vatermord” in einer kollaborativen Poetik zeitgenössischer LyrikerInnen
Das Programm:
