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74. Literaturfest Salzburg
Sie sei nicht verrückt geworden, sie habe Reime gemacht, sagt die in den USA lebende Klüger, die mit der Literatur, speziell mit Gedichten, gelebt und überlebt hat. Um die Sprache als analytisches, zuweilen verstörendes, auf Nuancen pochendes, Erinnerungen speicherndes Lebenselixier dreht sich auch beim Literaturfest Salzburg vieles. Eröffnet wird die viertägige Veranstaltung heute um 19.30 Uhr in der großen Universitätsaula mit Lesungen von Ruth Klüger, Eckhard Henscheid und Eva Menasse. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 22.5.
51. Leipzig liest wieder
Artikel zu lang? Über Lyrik ganz unten
Feuerwerk der Literatur: Von ”Esti” bis ”Hola Chicas!”
Europas größtes Literaturfest ”Leipzig liest” vereint vom 14. bis 17. März 2013 rund 2.900 Autoren und Mitwirkende, 2.800 Veranstaltungen und mehr als 365 Leseorte. Das Lesefestival präsentiert hohe Literatur aus dem In- und Ausland, Thriller und Fantasyromane, Kinder- und Jugendbücher, Comics und Mangas, Sachbücher und Ratgeber sowie Hörbücher und CDs. ”Ob Starautoren oder Debütanten, Prominente oder Sternchen – die Literaturwelt lädt Leser, Zuhörer und Zuschauer nach Leipzig ein, sich auf Entdeckungsreise zu begeben und Mensch und Werk hautnah zu erleben”, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse.
Hochliteratur aus deutschsprachigen Ländern steht ebenso auf dem Programm wie anspruchsvolle Literatur aus Frankreich, Israel, den USA oder den Staaten Mittel- und Osteuropas. Freunde deutschsprachiger Literatur können sich auf Begegnungen mit Thomas Brussig, Anna Katharina Hahn, Christoph Hein, Reinhard Jirgl, Abbas Khider, Georg Klein, Ursula Krechel, Judith Kuckart, Dirk Kurbjuweit, Eva Menasse, Clemens Meyer, Hans Joachim Schädlich, Martin Walser oder Feridun Zaimoglu freuen. Auch internationale Autoren wie Páter Esterházy und György Konrâd aus Ungarn, der Jungstar Zoran Ferić aus Kroatien, der Europäer Aris Fioretos mit schwedisch-österreichisch-griechischen Wurzeln, der französische Philosoph Andrá Glucksmann, der belarussische Philosoph Valancin Akudovic, die israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk oder Amos Oz, der britische Schriftsteller John Lanchester sowie Serhij Zhadan aus der Ukraine stellen ihre jüngsten Bücher in Leipzig vor.
Die Stadt, die Orte und die Partner
”Eine Entdeckungstour wert sind die 365 Leseorte in der Stadt Leipzig – Kirchen, Anwaltskanzleien, Wein- und Delikatessenläden, Handwerksbetriebe, Shops oder Forschungszentren”, erläutert Buchmessedirektor Oliver Zille. ”Der Erfolg von Europas größtem Lesefestival beruht auf dem Engagement und der Kreativität unserer Partner.” Veranstaltet wird das Lesefestival von der Leipziger Messe in Zusammenarbeit mit der Stadt Leipzig, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., dem Mitteldeutschen Rundfunk, dem Club Bertelsmann, dem Kuratorium ”Haus des Buches” e.V. Leipzig sowie den an der Messe beteiligten Verlagen.
Zu den alljährlichen Höhepunkten gehört das ”Blaue Sofa”, eine Veranstaltungsreihe unter Regie des Clubs Bertelsmann. Literaturstars aus dem In- und Ausland geben im zentralen Eingangsbereich der Leipziger Buchmesse Einblicke in ihr Leben und Werk. Jüdische Lebenswelten gilt es in der gleichnamigen Programmreihe des Clubs Bertelsmann zu ergründen. ”Bei unseren Aktivitäten auf den Buchmessen sind uns zwei Dinge wichtig: Erstens wollen wir die Autoren herausstellen, deren Bücher und Themen wir für ungewöhnlich, bewegend, anregend und hoffentlich auch wirkungsvoll relevant halten”, erläutert Christiane Munsberg, verantwortlich für Kultur beim Club Bertelsmann. ”Da die Verlage zu den Buchmessen viele internationale Autoren einladen, freuen wir uns, dass von den 82 Autoren, mit denen wir in Leipzig Gespräche und Lesungen veranstalten, knapp die Hälfte aus dem Ausland kommen, wie Andrea Hirata, Robert Schindel und Göran Rosenberg. Zweitens wird in Leipzig unsere kuratorische Arbeit durch Kooperationen mit Medien und Institutionen aufgewertet. Gemeinsam erreichen wir so ein größeres, interessanteres und interessierteres Publikum. Beispielsweise präsentieren wir mit der Stanford University den Literaturwissenschaftler Amir Eshel, der eine neue Ethik der Geschichts- und Literaturbetrachtung entworfen hat – in Auseinandersetzung mit den aktuellen Debatten der Philosophie und Kulturkritik sowie mit wichtigen zeitgenössischen Autoren aus den USA, Israel und Deutschland”, so Munsberg.
Auch der MDR setzt auf eine Mischung aus berühmten Literaten wie György Konrâd, prominenten Autoren wie Ben Becker oder Else Buschheuer sowie Nachwuchsschriftstellern wie Florentine Joop oder Florian Freistetter. Die Palette der Veranstaltungen reicht von Autorengesprächen über Lesungen und die Literaturparty LitPop bis zu Sendungen und Live-Hörspielen sowie Konzerten im Rahmen des Musikprojektes CLARA.
Preisverdächtige Literatur
Eine Art Reiseführer für Belletristik, Sachbücher und Übersetzungen in deutscher Sprache ist der Preis der Leipziger Buchmesse. Am ersten Tag des Lesefestes werden die Gewinner ausgezeichnet. Sieger und Nominierte präsentieren sich und ihre Bücher am ersten und zweiten Messetag dem Leipziger Publikum. In der Kategorie ”Belletristik” sind nominiert: Ralph Dohrmann ”Kronhardt”, Lisa Kränzler ”Nachhinein”, Birk Meinhard ”Brüder und Schwestern”, David Wagner ”Leben” sowie Anna Weidenholzer ”Der Winter tut den Fischen gut”.
Bestsellerautoren zu Gast in Leipzig
Zahlreiche Bestsellerautoren werden zum Leipziger Bücherfrühling von einem großen Publikum erwartet: Die US-Amerikaner Shalom Auslander, Dave Eggers, Joey Goebel und der Comiczeichner Chris Ware, der Israeli Edgar Keret, Sarah Quigley aus Neuseeland, die deutschsprachigen Autoren Emily Bold, Jakob Hein, Dora Heldt, Sabine Ebert, Tilman Rammstedt, Astrid Rosenfeld sowie Publizisten und Sachbuchautoren wie Götz Aly, Jakob Augstein, Margot Käßmann, Claus Kleber und Katharina Saalfrank reisen in die Sachsenmetropole. In der Veranstaltung ”buecher.macher” diskutiert Felicitas von Lovenberg unter anderem mit Jo Lendle und Judith Schalansky über nicht weniger als ”Die Zukunft der Bücher”.
Leipzig politisch
Politiker aller Parteien geben sich zum Superwahljahr ein Stelldichein in Leipzig. Spannende Debatten und interessante Geschichten bieten Claudia Roth und Antje Vollmer von Bündnis90/Die Grünen, Marina Weisband von der Piratenpartei, Johannes Beermann und Thomas de Mazière von der CDU, Gregor Gysi und Wolfgang Zimmermann, Die Linke, sowie die SPD-Politiker Egon Bahr, Hans Eichel, Burkhard Jung, Friedrich Schorlemmer, Peer Steinbrück und Wolfgang Tiefensee.
Promis, Bios und Einkaufszettel
Der Schauspieler Heiner Lauterbach zählt zu Deutschlands bekanntesten Film- und Fernsehgesichtern. Zur diesjährigen Leipziger Buchmesse wird er seine druckfrische Biografie vorstellen. Unter dem Titel ”Man lebt nur zweimal” zieht er seine persönliche Bilanz zum 60. Geburtstag und erzählt offen und selbstkritisch über seinen Lebenswandel, Liebe, Erfolg, Gesundheit und Verantwortung. Lauterbach ist nicht der einzige, der mit einer Biografie zur Buchmesse anreist: Waldemar Hartmann, Christine Kaufmann, Joy Fleming sowie Wolfgang Winkler & Jaecki Schwarz und Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals haben ebenfalls einiges über ihr Leben zu berichten. Auch Michail Gorbatschow stellt in Leipzig seine Autobiografie ”Alles zu seiner Zeit. Mein Leben” vor. Und Egon Bahr wirft mit seinem Buch ”Das musst du erzählen” einen Blick auf seinen Freund Willy Brandt.
Laufsteg Leipzig: Unter dem Titel ”Hola Chicas!” erzählt Jorge Gonzalez, Modelcoach und Catwalk-Trainer, über seinen bisherigen Lebensweg. Einen ”Fashion Rath für die Frau” erteilt Modedesigner Thomas Rath. Beide waren Jurymitglieder der Pro7 TV-Show ”Germany’s next Topmodel”.
Die Schauspielerin Andrea Sawatzki begibt sich mit ihrem Debütroman ”Ein allzu braves Mädchen” auf neues Terrain. RTL-Moderatorin Katja Burkard möchte mit ihrem Kinderbuchdebüt ”Rundherum und hin und her – Zähneputzen ist nicht schwer” Kinder auf spielerische Weise zum regelmäßigen Zähneputzen animieren. Der Schauspieler Hanns Zischler legt einen Text- und Fotoband zu seiner Heimatstadt Berlin vor. Und Komiker Wigald Boning präsentiert dem Leipziger Publikum sein Buch über Einkaufszettel.
Unabhängig, ungewöhnlich und unentdeckt?
Unabhängige Verlage stellen in Leipzig ein Programm mit anspruchsvollen Themen und literarischen Formen jenseits des Massengeschmacks und der gängigen Hauptströmungen vor. Hierzu gehört die preisverdächtige Schriftstellerin Lisa Kränzler ebenso wie Thrillerautor Anselm Neft oder die Lyriker Thilo Krause und Nora Gomringer.
Das komplette Programm ist online auch auf mobilen Endgeräten unter www.leipzig-liest.de verfügbar.
Dieser Text ist eine Pressemeldung der Leipziger Buchmesse, alle Schreibweisen fremdsprachiger Namen sowie wertende Adjektive etc. sind Eigentum der Aussender. Lediglich bei der Verschlagwortung habe ich mich um korrekte Schreibung bemüht.
Lustig (also signifikant) scheint mir die (unfreiwillige?) Opposition Hochliteratur - anspruchsvolle Literatur in diesem Satz: ”Hochliteratur aus deutschsprachigen Ländern steht ebenso auf dem Programm wie anspruchsvolle Literatur aus Frankreich, Israel, den USA oder den Staaten Mittel- und Osteuropas.” Auch der Platz der Lyrik in der langen Meldung ist korrekt im Sinne von ihrem Platz im Denken der Aussender – also in der Wirklichkeit – entsprechend: am unteren Rand. Diese Passage ist so schön (verräterisch), daß ich sie hier noch einmal komplett einrücke:
Unabhängig, ungewöhnlich und unentdeckt?
Unabhängige Verlage stellen in Leipzig ein Programm mit anspruchsvollen Themen und literarischen Formen jenseits des Massengeschmacks und der gängigen Hauptströmungen vor. Hierzu gehört die preisverdächtige Schriftstellerin Lisa Kränzler ebenso wie Thrillerautor Anselm Neft oder die Lyriker Thilo Krause und Nora Gomringer.
Freuen wir uns auf die Entdeckung Nora Gomringers durch die Leipziger Messe!
75. Grass 85
An Bescheidenheit leidet er nicht:
Eine offizielle Feier zu seinem 85. Geburtstag hatte sich Günter Grass verbeten. Stattdessen hatte er sich gewünscht, dass sein Werk und dessen Präsentation angemessen gewürdigt werden solle. Dieser Wunsch ist ihm erfüllt worden. Zwei Tage vor seinem Geburtstag am 16. Oktober ist am Sonntagabend in Lübeck das neu gestaltete Günter-Grass-Haus offiziell eröffnet worden. (…)
Eva Menasse erneuert dagegen ihre Kritik an Grass´ israelkritischem Gedicht „Was gesagt werden muss“. „Ich halte das Gedicht für eine Torheit“, sagte sie. Grass konterte: „Ja, es war eine Torheit, das so auszusprechen. Aber es war eine notwendige Torheit.“… / Focus
47. Rückblende April 2001: Bartträger
Der letzte Dreck kam im April aus Österreich:
Alltag in Österreich: “Kronenzeitung” feiert Hitler.
Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: “Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.” Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den “Endreim” nennen könnte. Der lautet nämlich: “Taxi Orange, der zweite Teil!”
Dieses “Gedicht” erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der “Kronenzeitung”, verfaßt von ihrem berüchtigten “Hausdichter” namens “Wolf Martin”. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von “Taxi Orange”, der österreichischen Version von “Big Brother”? Jene Kritiker der “Krone”, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01
Aber es gibt auch ein anderes Österreich. Franz Josef Czernin stellte Christine Lavant in der Reihe Dichter erklären Dichtung vor. Der “Rimbaud-Preis” für junge Literaten ging an Christian Filips – Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder.
Gott dem Ohnmächtigen ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». schreibt Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.
Ein neuer Wiener Verlag bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammerbachers “Edition Korrespondenzen”. Im Programm u.a. Ilse Aichinger und Kurt Drawert, die slowakische Lyrikerin Mila Haugová, der Österreicher Franz Weinzettl und der Tscheche Petr Borkovec.
Aus Frankreich dies:
Arthur Rimbaud, Dichter des Symbolismus, Schöpfer der “Erleuchtungen” und des “Aufenthalts in der Hölle”, Freund und zeitweise Lebensgefährte Paul Verlaines, Abenteurer, ging 1880 nach Zypern. In Limasol beaufsichtigte er Arbeiter, welche die Sommerresidenz für den britischen Gouverneur bauten. Doch der Verdienst war ihm zu gering. Also suchte er anderswo Arbeit, etwa in der (heute saudischen) Hafenstadt Dschidda. Vergeblich. Schließlich tauchte Rimbaud, fieberkrank und “wie Strandgut auf den glühenden Wüstensand geworfen”, auf dem “kahlen und sengenden Felsen von Aden auf”, wie Enid Starkie in seiner Rimbaud-Biografie schreibt. / Heiko Flottau, Süddeutsche 21.4.01
Einen Kriminalroman aus lauter Gedichten hat die australische Lyrikerin Dorothy Porter mit “Die Affenmaske” geschrieben, und der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff führt einen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne. Ihn nerven die “Metadiskurse der Bartträger”, die Verlogenheit der machtbewussten “Priesterliteraten” und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. (Vielleicht ist er auch nur neidisch? fragt ein – machtloser – Bartträger).
55. Leipziger Literaturfestival textenet.de
Am Donnerstag beginnt das Literaturfestival textenet.de. Das Programm klingt vielversprechend.
Keine 30 Tage hatten Steffen Birnbaum und Bertram Reinecke Zeit, ein Konzept auf die Beine zu stellen. Für den Verband deutscher Schriftsteller und den Förderverein Freie Literaturgesellschaft Leipzig leiten sie das Festival, mit dem einerseits eine Tradition aufgenommen wird, das andererseits aber neu, eigenständig, anders sein soll. Natürlich steckt auch die Finanzierung den Rahmen mit nicht einmal der Hälfte der 40 000 Euro, aus denen der letzte Literarische Herbst 2002 schöpfen konnte. Doch wenn es darum geht, Leipzig als einen “Ort des Lesens und literarischen Gesprächs” beim Wort zu nehmen, wie auch der neue Kulturbürgermeister Michael Faber es tut, und dies wiederum nicht auf das die Buchmesse begleitende Festival “Leipzig liest” zu reduzieren, dann müssen eben die Ideen rieseln und Kräfte gebündelt werden. “Innerhalb von zehn Tagen haben wir den Projekt- sowie den Kosten und Finanzierungsplan erstellt”, erzählt Birnbaum. “War früher der Herbst am Kulturamt angebunden, wurden jetzt die Fördermittel an beide Vereine ausgereicht.” Um nicht permanent dem Vergleich mit dem Vorgänger zu begegnen, gab es die Umbenennung in textenet.de. “Als der Literarische Herbst startete, war das etwas Neues, Frisches”, ergänzt Reinecke, “wir hatten das Gefühl uns distanzieren zu müssen insofern, dass ein Revival auch ein bisschen einseitig wirkt, und haben dann geguckt: Was sind für Entwicklungen ins Land gegangen, welche anderen Möglichkeiten gibt es heute. Wir wollten das Internet zur inhaltlichen Profilierung nutzen.” So wird es im Rahmen des Festivals “Versnetze” geben, virtuelle Lesungen, die [... im Internet*] übertragen werden. Das Erinnern an 20 Jahre Friedliche Revolution soll zwar auch hier begleitet werden, allerdings nicht mit Gedenkveranstaltungen, sondern in Anknüpfung an Arbeits- und Organisationsformen, die damals entstanden. “Dass man sich Allianzen sucht, dass man in Galerien auftritt, dass man Kombinationen findet, die ungewöhnlich sind.” Reinecke verweist auf den “buchfreien, den sprechenden Umgang” mit Literatur. Vor 1989 war das aus der Not geboren, aber zukunftsträchtig. Gleichwohl gibt es inhaltliche Anknüpfungspunkte wie den Roland-M.-Schernikau-Abend “Die DDR ist richtig und die BRD ist falsch” am 20. November in der Galerie A und V. Zwei Tage später diskutiert Friedrich Schorlemmer in der Moritzbastei mit Bert Papenfuß. Beide waren auf ihre Weise Protagonisten der Friedlichen Revolution, beide Männer des Wortes – der eine auf Dialog setzend, der andere subversiv, das Tischtuch zerschneidend. Glaubenszuversicht hier, No-Future-Bewegung da. “Das wird nicht ganz leicht”, freut sich Reinecke, der Moderator. Damals sei der Grundstein gelegt worden für das, was heute in der Literaturszene passiert, sagt Birnbaum, gerade durch szenische Lesungen, Lesungen mit Musik, durch Auftritte in Galerien. Dass bei lyrischen Lesungen das Hör-Publikum das Buchkauf-Publikum übersteigt, hat freilich Vor- und Nachteile. Nachteile für die Verlage nämlich, von denen es in der alten, neuen Buchstadt Leipzig noch immer mehr gibt, als viele befürchten. Sie werden sich am 21. November in der Werkstatt für Kunstprojekte vorstellen – darunter Faber & Faber, der Leipziger Literaturverlag (ehemals Erata), die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, PaperOne oder Plumbum. Auch der Poetenladen, auf dessen Internetseite der Schriftsteller Gerhard Zwerenz seit September 2007 über “Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte” schreibt, eine Fortsetzung in 99 Fragmenten. Zur textenet.de-Eröffnung am 19. November liest er daraus im Haus des Buches. Dieser längst etablierte Leseort kontrastiert mit neueren Räumen wie der Galerie A und V, MZIN oder FHL-Club. “Wir sind darauf angewiesen, Synergie-Effekte zu nutzen. Und es ist nach wie vor ein ‘Festival der heimischen Literaturvereine’, betont Birnbaum. Sie alle wollten unbedingt auch ein paar jüngere Autoren haben, um Entdeckungen zu ermöglichen. Die stehen nun neben bekannten Autoren wie Eva Menasse, Günter Wallraff und Johano Strasser. Insgesamt lesen an 7 Tagen 107 Autoren auf 50 Veranstaltungen an 17 Orten. Es wird Buchpremieren geben, Mini-Dramen, einen Sonette-Abend, Kriminacht, Finissage, Musik, MDR-Radio-Café, Zeitschriften-Lesungen und Diskussionen. Den Schlusspunkt setzt am 25. November die Preis-Gala des Michael-Lindner-Literaturwettbewerbs. Einzige schlechte Nachricht: Harry Rowohlt hat abgesagt. Die gute: er will nächstes Jahr kommen. Die Fördermittel sind beantragt, die Hoffnung stirbt zuletzt.
textenet.de – das Literaturfestival in Leipzig 09: 19. bis 25. November. Das komplette Programm im Internet: www.textenet.de
Programmhefte in Kneipen und Veranstaltungshäusern
/ Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung 13.11.
*) auch hier, L&Poe
070. Erlanger Poetenfest
So kann er aussehen, der «vorübergehende Garten Eden der Literatur», wie die Wochenzeitung Die Zeit das Erlanger Poetenfest vergangenes Jahr nannte. Von Freitag, 28., bis Sonntag, 30. August, zieht das Literaturfest wieder die Massen in den Schlossgarten, das Markgrafentheater, den Redoutensaal und andere Veranstaltungsorte in der Universitätsstadt.
Von 20.30 bis 23.45 Uhr steigt – als erstes großes Event – am Freitag «Lyrik.9 – Internationale Nacht der Poesie» mit verschiedenen Formen der Lyrik (Eintritt 9/7,50 (ermäßigt) Euro). Mit dabei sind im Redoutensaal (Theaterplatz 1) unter anderem Ulla Hahn, der experimentelle Lyriker Hartmut Geerken, Lautpoet Valeri Scherstjanoi sowie das Spoken-Poetry-Trio «Word Alert».
Besonders beliebt dürften auch heuer wieder die vier Podien im Schlossgarten sein. Am Samstag, 29. August, wird dort von 14 bis 19 Uhr gelesen – und zwar zum Nulltarif. Mit dabei sind etwa Florian Felix Weyh, Matthias Politycki, Ulla Hahn und Ulrike Kolb. Von 14 bis 15 Uhr wird die Literatursendung «Diwan» des Bayerischen Rundfunks mit den Gästen Eva Menasse, David Grossmann, Ulrike Kolb und Ulf Stolterfoht aufgezeichnet. / Nürnberger Nachrichten
Das ausführliche Programm gibt es unter www.poetenfest-erlangen.de
100. MIT DER GESCHWINDIGKEIT DES SOMMERS
29. ERLANGER POETENFEST – 27. BIS 30. AUGUST 2009
PROGRAMMINFORMATION
Traditionell trifft sich die Literaturszene am letzten August-Wochenende in Erlangen, um einen ersten Blick auf den deutschen Bücherherbst zu werfen: Zum 29. Erlanger Poetenfest – 27. bis 30. August 2009 – werden über 80 Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten zu Lesungen und Gesprächen erwartet: Raoul Schrott, Brigitte Kronauer und dem Israeli David Grossman sind in diesem Jahr die Autorenporträts gewidmet. Nachmittags im Schlossgarten lesen unter anderem Thomas Glavinic, Ulla Hahn, Peter Henning, Ulrike Kolb, Eva Menasse, Robert Menasse, Terézia Mora, Jens Petersen, Matthias Politycki, Ilma Rakusa, Jochen Schimmang, Kathrin Schmidt, Julia Schoch und Ulf Stolterfoht. Daneben stellen Herta Müller, Inge Jens, Ilija Trojanow und Juli Zeh ihre Neuerscheinungen vor und auf dem Jungen Podium finden Lesungen für Kinder und Jugendliche statt. Die Gespräche und Diskussionen beschäftigen sich mit politisch-gesellschaftlichen Themen – 60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Mauerfall, Finanzkrise und Datenmissbrauch. Weitere Schwerpunkte in diesem Jahr: Die Verleihung des Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung, die sechste Erlanger Übersetzerwerkstatt, „Lyrik.9 – Internationale Nacht der Poesie“ (eine Veranstaltung von Bayern 2), aktuelle Sachbuch-Neuerscheinungen, eine Ausstellung mit politischen Plakaten von Klaus Staeck, die Ausstellung „Druck & Buch“ und Krimi-Lesungen, unter anderem mit den Bestseller-Autoren Ingrid Noll, Heinrich Steinfest und Jan Costin Wagner.
Im Anhang finden Sie eine ausführliche Pressemittelung mit dem gesamten Programm und detaillierten Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen als PDF-Datei. Wenn Sie Fragen haben, weitere Informationen oder Bildmaterial benötigen, stehen wir Ihnen gerne unter Tel. +49(0)9131/86-1402 zur Verfügung.
Das aktuelle Logo und Plakatmotiv sowie Veranstaltungsfotos vom 28. Erlanger Poetenfest 2008 in druckfähiger Auflösung finden Sie auf unserer Website unter Presse / Pressebilder.
VERANSTALTER
Stadt Erlangen – Referat für Kultur, Jugend und Freizeit