Getagged: Else Lasker-Schüler

16. Politisches Statement

Befragt zum § 218, antwortet die gläubige Jüdin [Else Lasker-Schüler]: “Paragraph 218, wahrscheinlich der des Verbots der Abtreibung?? Ich vermute? Was noch nicht atmet, lebt nicht; die Schäden der ,Kindtragenden” – ihre Privatsache! Aber warum werden nicht öffentlich unschädliche Mittel verkauft?

Außerdem haben nur weibliche Richter über diesen Paragraphen zu bestimmen, da bekanntlich Männer noch nie im Leben es bis zum neunten Monat gebracht haben.” / Frauke Meyer-Gosau, Süddeutsche Zeitung 28.1.

78. Schmackeduzie

Lasker-Schüler, Frau Else. (Eigentl. Walden.) Halensee. Geb. Elberfeld 11.2. 76.

Steif steht im Teich die Schmackeduzie,
Es dehnt und sehnt sich Fräulein Luzie.

Das hat Else Lasker-Schüler gedichtet. Manchmal dichtet sie auch nach Hofmannsthal, manchmal nach Rilke…, es klingen tausend Klänge von ihr her… und in dem schönen Liede mit der Schmackeduzie auch ein eigener. Sie ist die Anempfinderin in unbegrenzten Möglichkeiten.

Styx, G. 02; Das Peter-Hille-Buch 06; Die Nächte Tino von Bagdads, Nn. 07; Die Wupper, Sch. 08; Meine Wunder, G. 11; Gesichte, Essays 11.

/ Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Weimar: Alexander Duncker Verlag, 1913, S. 316.

Geißler hat 1913! auf 754 Seiten mehr als 2000 lebende Autoren lexikalisch vorgestellt und jeden dieser Dichter auch bewertet. Manches kommt einem grotesk verzeichnet vor, aber man bedenke, was man vor 99 Jahren davon wissen konnte. Die meisten teils herben Verrisse werden nicht völlig willkürlich sein. So verreißt er: “Gelegenheitsdichter, der lokale Ereignisse oder auch dier Sage seiner Heimat in gefällige Verse bringt. Die haben keinen größeren Fehler, als daß sie allen Ernstes für Dichtung gelten wollen.” (Martin Primbs). “Dichtungen und Reimereien. Der Reimereien sind mehr.” (Karl Streibel). “Eng wie die thüringische Heimat waren auch die Grenzen seiner Kunst.” (Johann Heinrich Löffler). “Hübsches poetisches Talent, das 1909 mit einer Sammlung Gedichte an die Öffentlichkeit trat. Anmutige Gedanken und Gefühle in gefälliger Form; Eigenart scheint zu fehlen.” (Hertha Federmann).

“Scheint”! Ich vermute, daß jeder, auch der (jeder denke sich einen!) beste Kritiker, der heute 2000 lebende Schriftsteller, auch wenn sie gerade erst ein Bändchen veröffentlicht haben, so mit ein oder zwei Sätzen charakterisieren wollte, erstens jämmerlich scheitern und zweitens vom Publikum (je nach Lagerzugehörigkeit jeder wegen anderer wirklicher oder vermeintlicher Fehlurteile) gesteinigt werden würde*. Aber die meisten, die er kritisiert, kennen wir heute nicht mal dem Namen nach. Und bei Lasker-Schüler hat er sich auch nicht schlecht geschlagen, alles in allem. Ein unentbehrliches Nachschlagewerk!

*) Eher würde keiner Lust haben, so viele Bücher zu lesen. “Das soll ich ausforschen?”

77. Moderne radikale Lyrik

Die Lesung der eigenwillig-selbstbewussten Dichterin geriet zum Desaster und spaltete das vor Staunen starre Publikum. Es zeigte sich irritiert und reagierte mit Hohn und Gelächter. Etliche Besucher verließen sogar empört den Saal. Andere waren jedoch fasziniert von der ungewöhnlichen Performance und klatschten demonstrativ Beifall. Die Lasker-Schüler, von der Presse als “Vertreterin der modernen radikalen Lyrik” angekündigt, reagierte verärgert und appellierte an das Publikum: “Ich bitte um Ruhe, ich lese hier das Allerfeinste vor. So geht das nicht weiter, ich bin das anders gewöhnt.” / njuuz

74. Hebräische Lyrik aus Deutschland

Hebräische Lyrik in/aus Deutschland

aus: Lyrikwiki

Seit über tausend Jahren leben Juden auf deutschem Gebiet, zuerst im Rheinland. Aschkenas (hebr. ‏אשכְּנז‎) ist ein Personenname und der Name eines Königreichs in der hebräischen Bibel (mit den Skythen oder nach anderer Auffassung den Phrygern gleichgesetzt).

  • In der jüdischen Tradition gilt Aschkenas seit dem Mittelalter als Stammvater der Deutschen, was möglicherweise auf einer früheren Assoziation seines Vaters Gomer mit den Germanen beruht. Das hebräische Wort Aschkenasim (Nachkommen des Aschkenas) wurde meist im Sinne von „im deutschen Raum beheimatete Gruppe der Juden“ verwendet. (Wikipedia)

Das Wort Aschkenas bezeichnet das Rheinland und dann ganz Deutschland, Aschkenasim (Pl.) sind die Juden in Deutschland, Nordfrankreich und anderen Ländern (später auch Osteuropas) im Unterschied zu den Sephardim aus Spanien (Andalusien), die nach der Vertreibung nach Nordafrika und ins Osmanische Reich flohen. Die Sephardim sprachen das vom Spanischen anverwandelte Ladino, die Aschkenasim Jiddisch. Natürlich dichteten sie auch in diesen Sprachen (manchmal auch in der Landessprache). Süßkind (Süezkint) von Trimberg war der einzige jüdische Minnesinger, von dem mittelhochdeutsche Sangsprüche in der Heidelberger Liederhandschrift (Manesse-Handschrift) überliefert sind.

Aber es gab auch hebräische Dichter in Deutschland. Zu ihnen gehören:

  • Moses ben Kalonymus (etwa spätes 10. Jh., geboren vielleicht in Lucca, seine Familie wurde von einem der karolingischen Kaiser nach Mainz gebracht)
  • Schimon ben Jitzhak (Simeon ben Isaac) (Mainz, geboren um 950)
  • Awraham ben Schmuel aus Speyer
  • Simcha ben Schmuel aus Speyer
  • Elasar bar Jehuda aus Worms
  • Gerschom ben Jehuda (Mainz)
  • David bar Meshullam aus Speyer (12. Jh.)
  • Ephraim aus Regensburg (1110-75)
  • Ephraim aus Bonn (1132-1200)
  • Baruch ben Samuel aus Mainz (ca. 1150-1221)
  • Eliezer bar Judah aus Worms (ca. 1165-ca. 1230)
  • Baruch aus Worms (frühes 13. Jh.)
  • Juda (Jehuda) ben Samuel he-Chasid, genannt Jehuda der Fromme (ca. 1140-50) Wikipedia
  • Abraham ben Samuel He-Chassid, Bruder von Jehuda ben Samuel
  • Eleazer ben Judah ben Kalonymus aus Worms (1176-1238) Wikipedia
  • Isaac ben Moses von Wien
  • Meir ben Baruch, bekannt als Ma’aram (Meir) von Rothenburg (um 1215-1293) Wikipedia

In der Neuzeit dichteten die deutschen Juden meist in Deutsch. Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler, Jakob van Hoddis, Nelly Sachs oder Paul Celan waren Teil der deutschen Literatur, wenn sie auch oft emigrieren mußten oder wie van Hoddis im deutschen Machtbereich ermordet wurden. Erst mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung gab es wieder eine Reihe von Autoren, die nach der Emigration nach Palästina Hebräisch dichteten:

  • Lea Goldberg (1911-70, geboren in Königsberg, studierte in Bonn, Emigration nach Palästina 1935
  • Tuvia Rübner (geboren 1924 in Bratislava, wuchs unter dem Einfluß deutscher Literatur auf; 1941 emigriert nach Palästina, übersetzte aus dem Deutschen ins Hebräische und umgekehrt)
  • Yehuda Amichai (geboren 1924 in Würzburg, kam 1936 Jerusalem; diente im 2. Weltkrieg in der Jewish Brigade)
  • Nathan Zach (geboren 1930 in Berlin, kam 1935 nach Palästina

 

Literatur

 

Anthologien

  • Carmi, T. (ed.): The Penguin Book of Hebrew Verse. New York: Penguin, 1981.
  • Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the word: poems & other visions of the Jews from tribal times to present. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989.
  • Efrat Gal-Ed und Christoph Meckel (Hg.): Der Vogel steigt empor als kleiner Rauch. Ein deutsch-israelisches Lesebuch. Göttingen: Steidl 1995.

76. Kummer mit Lyrik

Nicht jeder geht auf Lyriklesungen, und nicht jeder der hingeht kauft auch Gedichtbände. Trotzdem ist die Liebe zur Lyrik breit gestreut, und beim Lieben gibts auch Kummer, wie der schizophrene Dichter Alexander März wußte. Auch die Zeitungen an diesem Wochenende sind voll davon. “So ein Gedicht ist nicht leicht zu schreiben”, meint die Märkische Allgemeine, und daß mit ihr keine große Auflage zu machen ist, weiß die Rhein-Neckar Zeitung. Dennoch wird sie geschrieben was das Zeug hält. “Aber ach, wie anders”, seufzt ein polnischer Autor. Die “gedichtete Melancholie des Abschiednehmens senkt sich um vieles tiefer in die Seele”, liest man in der Thüringischen Allgemeinen, und überhaupt, „Die Liebe ist das stärkste Gefühl, das Lyriker dazu treibt, Gedichte zu schreiben“, sagt die Ahlener Zeitung. Aber der Standard warnt: “Üblicherweise sind es die glücklich und oft frisch Verliebten, die Gedichte schreiben. Schlechte zumeist, weil sie versuchen, ihre Gefühlswallungen unmittelbar in lyrische Zeilen zu überführen, ohne dem kreativen Prozess genügend Zeit zu geben.” Lyrik in aller Munde, von den Fingern zu schweigen.

Nachtrag 16:30:

Es liegt in der Luft (“Das ist der Frühling, fiel mir ein”, Novalis). Weiter gehts. “Aber das ist im Gruenspan nur Lyrik” (Hamburger Abendblatt). Auch nicht schlecht die Westdeutsche Zeitung: “Seit vielen Jahren führt der Kirchenmusiker und Lyriker aus Schiefbahn einen literarischen Dialog mit der 88-jährigen „Grande Dame“ der deutschsprachigen Literaturszene.”  Und was ist mit Augsburg? “Aus den Verstärkern klingen Heines Verse”. Kein Entrinnen nirgends. Erfurt: “Klezmer-Musik und Lyrik von Else Lasker-Schüler vereinen sich im Erfurter Theater.” Probleme mit der Liebeslyrik hat auch die Süddeutsche: “Bemerkenswert ist sein Umgang mit der heute unerträglich schwülstigen, um 1900 skandalösen Lyrik des selbsternannten ‘Panerotikers’ Richard Dehmel. Alexander Zemlinskys fünf Dehmel-Lieder, die vor brünstiger Phantasie nur so strotzen, bietet Kupfer mit großem, wenn auch etwas starrem Ernst.”

121. Bunt besiegt Tot

Im badischen Lörrach prallten die Gegensätze aufeinander, neudeutsch gegen bundesdeutsch, Altmeister gegen Jungslammer und Klassik gegen Moderne:

Der Club der toten Dichter trat im Wettstreit gegen eine bunte Mischung aus Ost und West, aus Neu-Deutschen und bundesdeutsch sozialisierten an.

Max Frisch (weder neu- noch bundesdeutsch) verlor gegen Tilmann Doering:

Max Frisch war der jüngste Tote, der ins Rennen ging. Und er hatte es mit seinen Reflexionen über das Wesen der Liebe schwer gegen Tilmann Doering, der sich sprachlich eher auf die deutschen Klassiker vorbereitet hatte als auf einen der Moderne. Er gewann das Duell trotzdem, so sehr der Zürcher Architekt zwar an seiner Pfeife zog – authentischer wird es deshalb noch lange nicht.

Dann wurde es prinzipiell und die Frontlinie verschob sich:

Dem nächsten der “Young Boys” oblag es, die Unterschiede zwischen Althergebrachtem und Neuem offen zu legen. Max Kennel aus Bamberg nahm sich des lyrischen Herbstgedichts an, der einsamen Dichter, die auf einsamen Spaziergängen durch kahle Wälder streifen, um einsame Entscheidungen zu treffen. Es wurde zum Spiel Mann gegen Mann [?? Else heißt er, M.G.]. Der Junge mit der Mütze hatte genug von Seelenbefindlichkeiten und Weltschmerz und mit ihm sein Publikum. Zweiter Treffer für die Jungen, was auch an der Gegnerin lag. Die verstörende Lyrik Elke Lasker-Schülers kann kaum punkten bei einem überwiegend jugendlichen Publikum, das lieber mitgerissen wird, als über Metaphern zu stolpern.

Am Ende siegt Jung gegen Alt und Ost gegen West. Lyly Schoettle aus Freiburg besiegte die Lichtgestalt Goethe aus Frankfurt und Weimar und wurde anschließend von  ”derTom” aus Halle an der Saale besiegt, einer 806 erstmals erwähnten, seit 20 Jahren deutschen Stadt.

/ Zitate aus Badische Zeitung

106. “Lebend schon”

Schwieriges Deutschland. Deutschland Today schreibt über die deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler:

Schon zu Lebzeiten publizierte sie in verschiedenen Zeitschriften und illustrierten Bänden.

Deutschland yesterday war da weniger nachlässig. Ihr Gedichtband “Mein blaues Klavier” erschien 1943 in Jerusalem.

Mein blaues Klavier

 

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr. 

Zerbrochen ist die Klaviatür…
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

124. Eingeweiht

Else Lasker-Schüler war in die Weltgeheimnisse eingeweiht. Sie wusste, „dass die Mondbewohner den Kartoffelpuffer lieben“ und wie die Pavianmutter ihr Paviänchen in den Schlaf singt. Sie hat Satan in den Himmel eingesperrt, Gott in die rauchende Hölle und dann die schönsten Gedichte der Weltliteratur verfasst. / hagalil.com

59. Schicksalsstücke

Die Lehre vom Dichter als Seher findet in Rilkes «Erster Duineser Elegie» zum rein pathetischen Ausdruck und lebt fort in Gottfried Benns Aberglauben, Walter Hasenclevers Horoskopen, Elsa Lasker-Schülers Stern-Signaturen und Hermann Hesses Zahlenmagie. Die endgültige metaphysische Ausnüchterung erfolgt im Zeichen Neuer Sachlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Kunst wird nun zur Technik, Magie zur Mache, Vorsehung zum Zufall. Davon kündet Friedrich Kittlers selbstgebastelter Synthesizer ebenso wie Hubert Fichtes Wortfeld-Mathematik oder Robert Gernhardts Stachelschweinborsten-Poesie (aus dem Vorraum grüsst ratternd Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomat herüber). Persönliche «Schicksalsstücke» haben u. a. Arno Geiger, Brigitte Kronauer, Martin Walser und Bazon Brock beigesteuert – als «Zufälle», an denen sie sich abarbeiteten, bis ihnen daraus ein Sinn entwuchs. / Andreas Breitenstein, NZZ 11.6.

17. Lider Togbuch aufgeführt

Gilead Mishory, 1960 in Jerusalem geboren, Musikprofessor in Freiburg, spielte im Lyrik Kabinett München “vor wenigen Connaisseurs” seine Vertonung von 13 Gedichten des großen jiddischen Dichters Abraham Sutzkever, berichtet die Süddeutsche:

Für Mishory war Jiddisch in jungen Jahren die (Fremd-)Sprache des Großvaters, mit der der Klavierstipendiat, Ironie des Schicksals, erst 1984 in München näher in Berührung kam. Sutzkevers Sprache – ‘ein immenses Glühen, das übersprang’ (Mishory) -, bildhaft, heimelig, weh, aber auch voller Humor, hat ihn zu dieser seiner ersten Komposition motiviert, der noch weitere Literaturvertonungen, zum Beispiel von Werken Else Lasker-Schülers und Marc Chagalls, folgten.

Das ‘Lider Togbuch’ wurde anlässlich des Israel-Schwerpunkts der Münchner Frühjahrsbuchwoche uraufgeführt und damals nicht weiter zur Kenntnis genommen. Ein Fehler. Der Lieder-Zyklus beginnt mit klirrenden Akkorden – ein Sonnenaufgang wie splitterndes Glas. Dieses schmerzende Vorspiel verweist auf die nur angedeutete Düsternis unter dem Sonnenglast und erfasst damit das vieldeutig Schillernde. Mishori selbst singt die Gedichte. Bei den ersten könnte man meinen, er habe Schönbergs Sprechgesang fortgeschrieben. Stimmt. Aber seine Komposition kennt viele Farben und Schichten. Bei der ‘Abgehackten Hand’, einer gruseligen Ballade, schwingt er scharfe Konsonanten statt einer Axt. /  Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung