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20. Volksdeutsche Jugendbewegung

Als sie am 19. April 1933, kaum ein Vierteljahr nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten, aus Deutschland in die Schweiz emigrierte, war die Dichterin Else Lasker-Schüler 64 Jahre alt. Unmittelbar vorausgegangen war ihrer Flucht ein gewalttätiger Übergriff. Eine Gruppe junger SA-Männer hatte sie auf offener Straße zusammengeschlagen. Binnen weniger Tage packte sie die Koffer und verließ das Land. Berlin, das sie hinter sich ließ, hatte sie über Jahrzehnte als exzentrische Figur der Caféhaus-Boheme gekannt, sie nannte sich selbst nicht nur in ihren Dichtungen »Tino von Bagdad« und »Jussuf von Theben«, sondern unterschrieb mit diesen Kunstnamen auch Briefe und Verträge. Berlin und Theben beständig ineinander zu verwandeln, der empirischen Wirklichkeit, ohne sie zu verlassen, eine zweite, phantastischere und deshalb wirklichere abzugewinnen, in der alle, gerade weil niemand mehr auf seine gesellschaftliche Identität verpflichtet wäre, in allen ihren Möglichkeiten zu sich selbst kämen, war Telos ihrer Dichtung wie ihres Lebens. Möglich schien das innerhalb Deutschlands in den zwanziger Jahren nur in Berlin, allein hier schien der Kosmopolitismus ein Versprechen nicht der Außenpolitik, sondern des Alltags zu sein.

Doch erst indem dieser Alltag die als Teil des eigenen Skurrilitätenkabinetts geliebte Exotin als Lebensunwerte ausspuckte, kam er als Berliner Alltag zu sich selbst. Weit eher als in Militärparaden und Olympiafeiern kam in der Schlüsselerfahrung von Lasker-Schülers Emigration, in der lässig und widerspruchslos ausgelebten Gewalt einer Gruppe qua Abzeichen dazu legitimierter refraktärer Bengel gegen eine wunderliche alte Frau, das Wesen des Nationalsozialismus zum Ausdruck, der keine Ideologie Ewiggestriger, sondern eine volksdeutsche Jugendbewegung auf der Höhe der Zeit gewesen ist. Die Macht haben die Nazis nicht ergriffen, sondern erteilt, indem sie jeden Schüler und jeden Hausmeister, jede Putzfrau und jede Sekretärin zum alltäglichen sanktionslosen Judenmord, zur basisdemokratischen Ausplünderung volksfremder Nachbarn und zur Denunziation zersetzender Elemente, die einfach nur störende Konkurrenten zu sein brauchten, ermächtigten. Es bedarf lediglich etwas retrospektiver Phantasie, um zu ermessen, in welchem Maße die angeblich goldenen, libertären zwanziger Jahre, die dem vorausgingen, bis in die Kleinigkeiten des Alltags hinein gezeichnet waren von dem, was folgte. Die Neue Sachlichkeit, die einer noch immer populären Ansicht zufolge von Urbanität und Amerikanismus geprägte Kunst- und Lebenstendenz jener Zeit, war ein genuin deutsches Phänomen: deutscher Amerikanismus und eben deshalb keiner mehr. / Magnus Klaue, jungle world

19. Epitaph

Kein Gedicht Else Lasker-Schülers hat mich auf Anhieb so bewegt wie dieses. (…) Die erste Lektüre verdanke ich einem Freund. Bei einer Tagung über Trauer analysierte der Psychoanalytiker Andreas Hamburger, was ihm das Gedicht seit vielen Jahren bedeutet. Angeregt davon, habe ich seither in Gesprächen mit anderen und mit mir selbst wiederholt die Frage gestellt, wie drei einfache Sätzen eine derartige emotionale Wucht entwickeln können.

Georg Trakl

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

Kaum ein Gedicht Else Lasker-Schülers ist kürzer als dieses. Vielleicht ist es auch deshalb eines ihrer besten. Die sonst meist wort-, phantasie- und bildreiche Dichterin hat sich hier dem Konzentrationszwang einer alten literarischen Gattung gebeugt, des Epitaphs. Eine Grabschrift hat naturgemäß nur begrenzten Platz zur Verfügung. So sind hier auf nur zwei Zeilen die unerschöpflichen Stoffe verdichtet, von denen gute wie schlechte Literatur seit jeher lebt: Tod, Einsamkeit, Trauer, Liebe. Die aneinandergereihten Sätze werden immer lapidarer. Über die vier kindlich kleinen Worte der abschließenden Liebesbezeugung hinaus spricht sich die Trauer nur noch schweigend aus. / Thomas Anz, literaturkritik.de

13. Mit dem Hut in der Hand

Else Buschheuer über einen lebhaften Traum, den sie hatte, anlässlich des Geburtstags von Gottfried Benn am 2. Mai

Gestern habe ich wieder von Dr. Hering geträumt. Er trug Zwicker und Gehrock und sprach mit näselnder, von intellektuellem Hochmut vibrierender Stimme, während er gespielt unterwürfig den Kopf neigte. Er richtete das Wort an Gottfried Benn, der auf dem Podium saß und ihn mit verhangenem Blick aus “Augen eines Tigers” (Else Lasker-Schüler) fixierte. Dr. Hering sprach: “Ich finde es beklagenswert, wenn wir, die wir hier uns auseinandersetzen wollen, auch schon mit Verallgemeinerungen, um nicht zu sagen mit Simplifikationen anfangen, nicht wahr, und das betrifft auch den so sehr von mir verehrten Herrn Doktor Benn. Ich füge gleich hinzu, alles was ich jetzt sage, ist mit dem Hut in der Hand gesprochen. Das versteht sich von selbst unter höflichen Menschen.”

“Mit dem Hut in der Hand”, eine schöne 1950er-Jahre-Floskel, die Großmutter von Joschka Fischer: “Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.” Neben Benn sitzt Heinrich Böll, so wie man ihn von Fotos kennt, mit Baskenmütze und Zigarette. Er treibt in rheinischem Singsang die Diskussion “Soll Dichtung das Leben bessern?” voran. Neben Benn und Böll sitzt der katholische Dichter Reinhold Schneider. Er wird in der Diskussion immer wieder um eine Art Behindertenstatus bitten, weil er ja nicht nur Dichter ist, sondern eben auch Christ. Was Benn, den Nihilisten, wenig beeindruckt. “Das erkenne ich durchaus nicht an”, sagt er. “Wer zwingt einen Christen, Kunst zu machen, wenn er eben hauptsächlich Christ ist?”

/ Der Standard

12. In der Schweiz

So etwas hat es hierzulande (und wohl auch andernorts) noch nicht gegeben. Roger Perrets Anthologie «Moderne Poesie in der Schweiz» ist eine editorische und verlegerische Grosstat – und sie ist überdies und keineswegs zuletzt ein glänzendes Zeugnis der Kunst des Übersetzens. Die Anthologie trägt rund 600 Werke von 250 Autorinnen und Autoren aus hundert Jahren zusammen. Alle fremdsprachigen Texte sind – zum Teil erstmals – ins Deutsche übersetzt und werden zweisprachig wiedergegeben. Schliesslich bietet ein Autorenverzeichnis mit stichwortartigen Angaben eine Art Personallexikon der Schweizer Lyrik der letzten hundert Jahre in Kürzestform. So überblickt man mit diesem Kompendium ein stupendes Panorama der Poesie in der Schweiz seit 1900 – und erkennt in Auswahl und Darbietung die eigenwillige Handschrift des Herausgebers.

Dazu gehört ein weit gefasster Begriff des Gedichts. Die Anthologie versammelt manchen lyrischen Prosatext, sie enthält Songtexte (etwa von Sophie Hunger oder Endo Anaconda), und sie zeigt eine bedeutende Auswahl an Textbildern (u. a. von Sonja Sekula, Paul Klee oder Adolf Wölfli). (…) Zur «Poesie in der Schweiz» gehören z. B. auch Else Lasker-Schülers im Zürcher Exil entstandenes Gedicht «Mein blaues Klavier» (leider mit dem Druckfehler aus dem Erstdruck), Rilkes auf Schloss Muzot bei Siders auf Französisch geschriebene «Quatrains Valaisans» oder spanische Gedichte der aus dem Tessin nach Argentinien ausgewanderten Alfonsina Storni. / Roman Bucheli, NZZ

Moderne Poesie in der Schweiz. Eine Anthologie von Roger Perret. Migros-Kulturprozent und Limmat-Verlag, Zürich 2013. 639 S., Fr. 54.–. Buchvernissage am 5. Dezember, 19.30 h im Migros-Hochhaus, Limmatplatz, Zürich.

49. Prosa-Erregung

Die “kreisende” Prosa-Erregung der Else Lasker-Schüler gebiert zahlreiche kuriose, erstaunliche, anrührende und irritierende Lesestücke der einzigartigen Dichterin, die wir hier als streitbaren “Prinz Jussuf von Theben” kennen lernen. / Wolfram Schütte, DLF

Else Lasker-Schüler: “Die kreisende Weltfabrik. Berliner Ansichten und Porträts.”
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Heidrun Loeper. 
Transit-Verlag, Berlin 2012
127 Seiten, zahlr. Abb. ,14.80 Euro

16. Politisches Statement

Befragt zum § 218, antwortet die gläubige Jüdin [Else Lasker-Schüler]: “Paragraph 218, wahrscheinlich der des Verbots der Abtreibung?? Ich vermute? Was noch nicht atmet, lebt nicht; die Schäden der ,Kindtragenden” – ihre Privatsache! Aber warum werden nicht öffentlich unschädliche Mittel verkauft?

Außerdem haben nur weibliche Richter über diesen Paragraphen zu bestimmen, da bekanntlich Männer noch nie im Leben es bis zum neunten Monat gebracht haben.” / Frauke Meyer-Gosau, Süddeutsche Zeitung 28.1.

78. Schmackeduzie

Lasker-Schüler, Frau Else. (Eigentl. Walden.) Halensee. Geb. Elberfeld 11.2. 76.

Steif steht im Teich die Schmackeduzie,
Es dehnt und sehnt sich Fräulein Luzie.

Das hat Else Lasker-Schüler gedichtet. Manchmal dichtet sie auch nach Hofmannsthal, manchmal nach Rilke…, es klingen tausend Klänge von ihr her… und in dem schönen Liede mit der Schmackeduzie auch ein eigener. Sie ist die Anempfinderin in unbegrenzten Möglichkeiten.

Styx, G. 02; Das Peter-Hille-Buch 06; Die Nächte Tino von Bagdads, Nn. 07; Die Wupper, Sch. 08; Meine Wunder, G. 11; Gesichte, Essays 11.

/ Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Weimar: Alexander Duncker Verlag, 1913, S. 316.

Geißler hat 1913! auf 754 Seiten mehr als 2000 lebende Autoren lexikalisch vorgestellt und jeden dieser Dichter auch bewertet. Manches kommt einem grotesk verzeichnet vor, aber man bedenke, was man vor 99 Jahren davon wissen konnte. Die meisten teils herben Verrisse werden nicht völlig willkürlich sein. So verreißt er: “Gelegenheitsdichter, der lokale Ereignisse oder auch dier Sage seiner Heimat in gefällige Verse bringt. Die haben keinen größeren Fehler, als daß sie allen Ernstes für Dichtung gelten wollen.” (Martin Primbs). “Dichtungen und Reimereien. Der Reimereien sind mehr.” (Karl Streibel). “Eng wie die thüringische Heimat waren auch die Grenzen seiner Kunst.” (Johann Heinrich Löffler). “Hübsches poetisches Talent, das 1909 mit einer Sammlung Gedichte an die Öffentlichkeit trat. Anmutige Gedanken und Gefühle in gefälliger Form; Eigenart scheint zu fehlen.” (Hertha Federmann).

“Scheint”! Ich vermute, daß jeder, auch der (jeder denke sich einen!) beste Kritiker, der heute 2000 lebende Schriftsteller, auch wenn sie gerade erst ein Bändchen veröffentlicht haben, so mit ein oder zwei Sätzen charakterisieren wollte, erstens jämmerlich scheitern und zweitens vom Publikum (je nach Lagerzugehörigkeit jeder wegen anderer wirklicher oder vermeintlicher Fehlurteile) gesteinigt werden würde*. Aber die meisten, die er kritisiert, kennen wir heute nicht mal dem Namen nach. Und bei Lasker-Schüler hat er sich auch nicht schlecht geschlagen, alles in allem. Ein unentbehrliches Nachschlagewerk!

*) Eher würde keiner Lust haben, so viele Bücher zu lesen. “Das soll ich ausforschen?”

77. Moderne radikale Lyrik

Die Lesung der eigenwillig-selbstbewussten Dichterin geriet zum Desaster und spaltete das vor Staunen starre Publikum. Es zeigte sich irritiert und reagierte mit Hohn und Gelächter. Etliche Besucher verließen sogar empört den Saal. Andere waren jedoch fasziniert von der ungewöhnlichen Performance und klatschten demonstrativ Beifall. Die Lasker-Schüler, von der Presse als “Vertreterin der modernen radikalen Lyrik” angekündigt, reagierte verärgert und appellierte an das Publikum: “Ich bitte um Ruhe, ich lese hier das Allerfeinste vor. So geht das nicht weiter, ich bin das anders gewöhnt.” / njuuz

74. Hebräische Lyrik aus Deutschland

Hebräische Lyrik in/aus Deutschland

aus: Lyrikwiki

Seit über tausend Jahren leben Juden auf deutschem Gebiet, zuerst im Rheinland. Aschkenas (hebr. ‏אשכְּנז‎) ist ein Personenname und der Name eines Königreichs in der hebräischen Bibel (mit den Skythen oder nach anderer Auffassung den Phrygern gleichgesetzt).

  • In der jüdischen Tradition gilt Aschkenas seit dem Mittelalter als Stammvater der Deutschen, was möglicherweise auf einer früheren Assoziation seines Vaters Gomer mit den Germanen beruht. Das hebräische Wort Aschkenasim (Nachkommen des Aschkenas) wurde meist im Sinne von „im deutschen Raum beheimatete Gruppe der Juden“ verwendet. (Wikipedia)

Das Wort Aschkenas bezeichnet das Rheinland und dann ganz Deutschland, Aschkenasim (Pl.) sind die Juden in Deutschland, Nordfrankreich und anderen Ländern (später auch Osteuropas) im Unterschied zu den Sephardim aus Spanien (Andalusien), die nach der Vertreibung nach Nordafrika und ins Osmanische Reich flohen. Die Sephardim sprachen das vom Spanischen anverwandelte Ladino, die Aschkenasim Jiddisch. Natürlich dichteten sie auch in diesen Sprachen (manchmal auch in der Landessprache). Süßkind (Süezkint) von Trimberg war der einzige jüdische Minnesinger, von dem mittelhochdeutsche Sangsprüche in der Heidelberger Liederhandschrift (Manesse-Handschrift) überliefert sind.

Aber es gab auch hebräische Dichter in Deutschland. Zu ihnen gehören:

  • Moses ben Kalonymus (etwa spätes 10. Jh., geboren vielleicht in Lucca, seine Familie wurde von einem der karolingischen Kaiser nach Mainz gebracht)
  • Schimon ben Jitzhak (Simeon ben Isaac) (Mainz, geboren um 950)
  • Awraham ben Schmuel aus Speyer
  • Simcha ben Schmuel aus Speyer
  • Elasar bar Jehuda aus Worms
  • Gerschom ben Jehuda (Mainz)
  • David bar Meshullam aus Speyer (12. Jh.)
  • Ephraim aus Regensburg (1110-75)
  • Ephraim aus Bonn (1132-1200)
  • Baruch ben Samuel aus Mainz (ca. 1150-1221)
  • Eliezer bar Judah aus Worms (ca. 1165-ca. 1230)
  • Baruch aus Worms (frühes 13. Jh.)
  • Juda (Jehuda) ben Samuel he-Chasid, genannt Jehuda der Fromme (ca. 1140-50) Wikipedia
  • Abraham ben Samuel He-Chassid, Bruder von Jehuda ben Samuel
  • Eleazer ben Judah ben Kalonymus aus Worms (1176-1238) Wikipedia
  • Isaac ben Moses von Wien
  • Meir ben Baruch, bekannt als Ma’aram (Meir) von Rothenburg (um 1215-1293) Wikipedia

In der Neuzeit dichteten die deutschen Juden meist in Deutsch. Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler, Jakob van Hoddis, Nelly Sachs oder Paul Celan waren Teil der deutschen Literatur, wenn sie auch oft emigrieren mußten oder wie van Hoddis im deutschen Machtbereich ermordet wurden. Erst mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung gab es wieder eine Reihe von Autoren, die nach der Emigration nach Palästina Hebräisch dichteten:

  • Lea Goldberg (1911-70, geboren in Königsberg, studierte in Bonn, Emigration nach Palästina 1935
  • Tuvia Rübner (geboren 1924 in Bratislava, wuchs unter dem Einfluß deutscher Literatur auf; 1941 emigriert nach Palästina, übersetzte aus dem Deutschen ins Hebräische und umgekehrt)
  • Yehuda Amichai (geboren 1924 in Würzburg, kam 1936 Jerusalem; diente im 2. Weltkrieg in der Jewish Brigade)
  • Nathan Zach (geboren 1930 in Berlin, kam 1935 nach Palästina

 

Literatur

 

Anthologien

  • Carmi, T. (ed.): The Penguin Book of Hebrew Verse. New York: Penguin, 1981.
  • Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the word: poems & other visions of the Jews from tribal times to present. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989.
  • Efrat Gal-Ed und Christoph Meckel (Hg.): Der Vogel steigt empor als kleiner Rauch. Ein deutsch-israelisches Lesebuch. Göttingen: Steidl 1995.

76. Kummer mit Lyrik

Nicht jeder geht auf Lyriklesungen, und nicht jeder der hingeht kauft auch Gedichtbände. Trotzdem ist die Liebe zur Lyrik breit gestreut, und beim Lieben gibts auch Kummer, wie der schizophrene Dichter Alexander März wußte. Auch die Zeitungen an diesem Wochenende sind voll davon. “So ein Gedicht ist nicht leicht zu schreiben”, meint die Märkische Allgemeine, und daß mit ihr keine große Auflage zu machen ist, weiß die Rhein-Neckar Zeitung. Dennoch wird sie geschrieben was das Zeug hält. “Aber ach, wie anders”, seufzt ein polnischer Autor. Die “gedichtete Melancholie des Abschiednehmens senkt sich um vieles tiefer in die Seele”, liest man in der Thüringischen Allgemeinen, und überhaupt, „Die Liebe ist das stärkste Gefühl, das Lyriker dazu treibt, Gedichte zu schreiben“, sagt die Ahlener Zeitung. Aber der Standard warnt: “Üblicherweise sind es die glücklich und oft frisch Verliebten, die Gedichte schreiben. Schlechte zumeist, weil sie versuchen, ihre Gefühlswallungen unmittelbar in lyrische Zeilen zu überführen, ohne dem kreativen Prozess genügend Zeit zu geben.” Lyrik in aller Munde, von den Fingern zu schweigen.

Nachtrag 16:30:

Es liegt in der Luft (“Das ist der Frühling, fiel mir ein”, Novalis). Weiter gehts. “Aber das ist im Gruenspan nur Lyrik” (Hamburger Abendblatt). Auch nicht schlecht die Westdeutsche Zeitung: “Seit vielen Jahren führt der Kirchenmusiker und Lyriker aus Schiefbahn einen literarischen Dialog mit der 88-jährigen „Grande Dame“ der deutschsprachigen Literaturszene.”  Und was ist mit Augsburg? “Aus den Verstärkern klingen Heines Verse”. Kein Entrinnen nirgends. Erfurt: “Klezmer-Musik und Lyrik von Else Lasker-Schüler vereinen sich im Erfurter Theater.” Probleme mit der Liebeslyrik hat auch die Süddeutsche: “Bemerkenswert ist sein Umgang mit der heute unerträglich schwülstigen, um 1900 skandalösen Lyrik des selbsternannten ‘Panerotikers’ Richard Dehmel. Alexander Zemlinskys fünf Dehmel-Lieder, die vor brünstiger Phantasie nur so strotzen, bietet Kupfer mit großem, wenn auch etwas starrem Ernst.”

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