Getagged: Die Welt
79. Statistik
ist immer wieder für ne Meldung gut. Es müßte viel mehr davon geben. Die Süddeutschen haben lange Nasen? Die Welt ist eine gute Zeitung? Die Ostdeutschen finden sich richtig toll? Letzteres steht, ohne Fragezeichen, in der Halb-Welt. (Nur anklicken, wenn man es überprüfen mag).
24. Lyrik-Fexe
Der Welt-Autor (schönes Wort) und hauptberufliche Modernefresser Tilman Krause schimpft:
Mutlos und kraftlos, ein Fall für Lyrik-Fexe
Die Würdigung Tomas Tranströmers ist eine schwache Entscheidung, denn er verkörpert jene klassische Moderne, die seit einem halben Jahrhundert etabliert ist.
Wie aufschlußreich seine Gleichsetzung “Lyrik” = “Klassische Moderne”. Dann will ich unbedingt für beides sein!
Wessen Ignoranz ist größer: Reich-Ranickis, der behauptet, den Namen nie gehört zu haben, oder Krauses, der also etwa dies für “Klassische Moderne” hält:
Im März ’79
Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen,
fuhr ich zu der schneebedeckten Insel.
Das Wilde hat keine Wörter.
Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus.
Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee.
Sprache, aber keine Wörter.
(Deutsch von Hans Grössel)
Aus: Tomas Tranströmer: Der Mond und die Eiszeit. Gedichte. München und Zürich: Piper 1992, S. 85.
Der und Reich-Ranicki passen freilich besser DAHIN (obwohl MRR Koeppen protegierte, während sich Krause auch als Koeppenfresser betätigt)
Hier das Gedicht auf Englisch
125. Welt-Lyrik
3,20 kostet das gute Stück. “die zeiten für poesie, / sie waren nie besser” dichtet die Welt am Sonntag auf der Titelseite. Von den 5 Seiten Lyrik seien 2 empfohlen, oder ein Teil der 2 Seiten 52/53. Peter Wawerzinek parodiert “seine Kollegen”, will sagen die üblichen Verdächtigen (nehmen wir an, die hat die Welt ausgesucht aus einem Buch, das in 2 Wochen erscheint, alle die sie kennen): Enzensberger, van Hoddis, Brecht, Wedekind, Benn, Grass, Fried, Stramm, Biermann, Rilke, Grünbein, Tellkamp, Pastior und Schneider (Peter + Helge). Die Parodien sind mäßig witzig, Probe Oskar Pastior:
Kaderwelsch
Dichter fressen Dichter auf
Das ist der Dichtung Lauf
Er sie es wir ihr sie ich
Jeder sucht ein Opfer sich
Und ist der Magen voll
Ist es der Dichter froh
Und rennt damit zum Klo.
Sonst noch ein Gespräch mit Jan Wagner, das die Redaktion oder die Welt-Autoren ruhig vorher hätten lesen sollen, weil er genau die Vorurteile aufs Korn nimmt, die die im wesentlichen bedienen (gilt auch für die Mehrzahl von Wawerzineks Texten).
Sonst:
Despoten greifen zur Feder: Mao, Stalin, Gaddafi – sie alle hielten sich für Poeten. Über den Zusammenhang von Versmaß und Macht (Thomas Schmid) hier
Warum Songtexte die bessere Lyrik sind – und wie Robbie Williams seine Lieder schreibt: Ein Popkritiker und ein Popstar geben Auskunft (Eric Pfeil) hier
123. Lyrik-”Welt”
Die “Welt” schreibt:
Gleich ganz unter dem Motto der Literatur und ihrer ältesten Gattung, dem Gedicht, steht die Kultur mit einem Lyrik-Spezial auf den Seiten 49 bis 53. Viel Futter für Hirn und Herz. Und zum Lachen. Wir haben Parodist Peter Wawerzinek auf die Elite deutschsprachiger Lyriker losgelassen und “Rotkäppchen und der Wolf” umdichten lassen.
(Anscheinend nicht online)
Was online ist, erwartbar dürftigst:
Konstantin Richter (Jg. 1971 ), Autor der Kulturgeschichte für Manager “Kafka war jung und er brauchte das Geld”
schreibt über Lyrik. Kann man auch sein lassen.
115. Schlochig
Die “Welt” teilte vorige Woche mit, daß sie mit “Bob” per Du ist (dem Musiker, der 70 wurde). In dem Bund wolln wir nicht der Dritte sein. Heute läßt sie wissen, daß sie nicht in Frankfurt dabei war, beim Lyrikfestival. Kam erst gestern abend an, um die “bezaubernde Monika Rinck” zu fotografieren (wir wollen nichts bestreiten, aber in dem Bund, s.o.). Und zeigt, wie man möglichst arschlochig über Lyrik schreiben kann. Als ob wir das nicht kennten.
76. Gepflegte Sätze
Der Aufstieg Gottfried Benns zum wichtigsten deutschen Nachkriegsdichter ist eines der erstaunlichsten Comebacks der Literaturgeschichte. Denn Benn, der als Expressionist bekannt geworden war, unter anderem mit seinen schockierenden “Morgue”-Gedichten (1912) wie der “Krebsbaracke”, war 1945 gleich doppelt auf dem Abstellgleis gelandet. Weil er der nazistischen Machtergreifung 1933 zunächst positiv gegenüberstand (auch in seiner kulturpolitischen Funktion in der Preußischen Akademie der Künste), hatte er sich in den Augen vieler Regimekritiker und Emigranten desavouiert.
(Ja, und Gott erhalte uns unsre alten Klischees und bewahre uns vor neuen! Schockierende Morgue-Gedichte? Krebsbaracken gibt es, Krebsbaracken gibt es. Ein ketzerischer Gedanke befällt mich: Könnte es sein, daß der Aufstieg Benns nach 1945, ob man das Comeback nennen kann, steht dahin, auf der Angst des Publikums vor Klischeewechsel beruht? Das würde auch erklären, nächste Drehung der Schraube, daß noch heute Studenten aus den “Neu-BL” signifikant seltener angeben, in der Schule was von Benn gelesen zu haben, als “Alt-BRDler”.)
Ich suche nach weniger klischeehaften Sätzen aus dem Artikel von “rik” in der Welt, vielleicht diese, ja. Am besten sind die letzten zwei Sätze:
Seine 1916 unter dem Titel “Gehirne” veröffentlichten “Rönne-Novellen” sind ein Musterbeispiel expressionistischer Prosa. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte Benn im “Ptolemäer” und dem “Roman des Phänotyp” daran an – Werke, die die herkömmlichen erzählerischen Formen überschreiten. “Der Ptolemäer” ist die Ich-Erzählung eines Schönheitssalonbesitzers mitten in den Trümmern des Berlins nach 1945. In die fiktionalen Fragmente sind assoziative philosophische und kulturkritische Passagen eingewoben, die eine Diagnose der Zeit und der Menschheitsgeschichte abliefern – ohne sich allerdings zu einer kohärenten Philosophie zu bündeln: “Zugegeben: Panoptikum, Bilder, – Fragmente, von meinen Fragen koloriert! Aber das Zusammenhang suchende Denken scheint mir noch viel unvollkommener.”
Aber vielleicht echauffiere ich mich eh umsonst und dieser Artikel hat nur die Funktion, den Onlineleser zum Klicken zu bewegen. Unter dem Wort “Bilder” im Bennzitat liegt ein Link auf die “Welt”-Bildergalerien, die zwar nichts mit Benn zu tun haben, sondern mit Themen wie “Kelly Brooks üppiges Dekolleté im Bikini” oder ”Was trägt Frau so zum Staatsbesuch” mit je 185 klickbaren Bildern, aber dann paßt es vielleicht doch wieder zu Benns Kulturkritik. Er kannte sein Publikum und wußte, daß er mit gepflegt schönen Gedichten und einem Bißchen gepflegter kulturkritischer Prosa besser ankommt als mit Gedichten von Pathologen und Krebsärzten.
Letzteres gehört in den abendlichen Krimi und bitte nicht ins Gedicht zum Sonntag.
.
5. Baselitz
Falls Sie heute (ausnahmsweise) eine “Welt” kaufen wollen, müssen Sie sich beeilen. Es lohnt sich. Die komplette Ausgabe, nicht nur das Feuilleton, sondern Sport, Finanzen und alles andere statt mit Fotos mit Bildern von Georg Baselitz ausgestattet. Welt goes taz. (Aber Welt sagt: “Das gabs noch nie”.)
66. “Das ist das Problem der Lyriker”
Wann habe ich zuletzt “Die Welt” gelesen? Gerade eben, im World weit weg. Da schreibt ein Anonymus:
Wann haben Sie ihren letzten Lyrik-Band gekauft? Tja, ist wohl schon länger her. Das ist das Problem der Lyriker. Ihre Bücher gehen schlecht. Der renommierte Schweizer Verleger Urs Engeler musste 2009 bereits aufgeben.
Gut, bei mir ist es mit Sicherheit viel weniger lang her als die letzte Papier-Welt. (Komisch, sie schreiben immer über die Sachen, als wären sie es nicht.) Aber der Welt-Autor, wenn er nur all das kaufen, lesen und vielleicht noch drüber nachdenken wollte, was bei Engeler seit Sommer 2009 alles erschien, hätte eine Weile zu tun. Und Verleger und Autoren könnten sich auch freuen.
Welt online 13.4.: “Lyrik hat wohl nur noch im Internet eine Chance”. Die journalistische Güte ist allerdings bestreitbar:
Die literarische Güte dessen, was dort geboten wird, ist allerdings umstritten. Im “poetenladen” gibt es neben Gedichten Reflexionen und Rezensionen. Oft sind aber vom metrischen Handwerk völlig unberührt gebliebene Zeilen zu lesen: ein buntes, meist gefühlsbeladenes Sammelsurium.
Ah ja!
147. Müder Revolutionär
Revolutionstreu – heute vielleicht nur noch die Konservativen? Muß ein Zeichen sein, daß keine Revoluuschen droht. Wieder ein Beispiel, Die Welt 22.2. (“Die Revolution läuft auch nicht bei youtube”):
Bereits vor 40 Jahren wusste ein New Yorker Musiker und Dichter, dass im Fernsehen nur das Fernsehen abgebildet wird. Und nicht das Leben. Gil Scott-Heron wurde 21, am 1. April 1970, damit standen ihm die Bars und Bühnen offen.
Seine Lyrik lag zwar auch gedruckt vor. Ein Gedichtband hieß “Small Talk at 125th & Lenox” und wies auf die Straßenkreuzung hin, wo sich in Harlem die nach Martin Luther King und Malcolm X benannten Boulevards begegneten. Aber wer las schon Poesie in dieser Gegend?
Gil Scott-Heron trat also im Nachtklub an der Ecke auf. Zwei Freunde trommelten, Bob Thiele von der Plattenfirma Flying Dutchman ließ die Bandmaschine laufen, und der ungehaltene Poet saß am Klavier. “The revolution”, prophezeite er, “will not be televised. The revolution will be live.” Revolutionen werden nicht im Fernsehen übertragen. Wer über das Leben unterrichtet werden möchte, sollte sich an aufmerksame Musiker und Dichter halten.
Gil Scott-Heron soll damals den Rap erfunden haben. Wie auch immer: Heute ist er 60 Jahre alt, während der HipHop sich am Ende nur noch um sich selber dreht. …
“I’m New Here”, die erste aktuelle Äußerung seit 16 Jahren, informiert über ein Leben unter sechs Milliarden: Es berichtet über Gil Scott-Heron. Einen müden Revolutionär, der immerhin noch daran glaubt, dass Lyrik und Musik wahrhaftiger berichten können, als es ein herkömmliches Unterhaltungsmedium jemals vermöchte.
108. Die Presse hat immer Recht
Drei Meldungen über Herta Müller bei der Berliner Literaturkritik* an einem einzigen Tag:
- Angriff auf Herta Müller - 19.11.2009
- Wirbel um Müller-Lesung - 19.11.2009
- Werke von Herta Müller auf Englisch - 19.11.2009
Allein aus diesem Monat gibts an der selben Stelle drei weitere Meldungen:
- Kirchentag widerspricht Herta Müller - 13.11.2009
- Herta Müller dachte in Rumänien an Suizid - 12.11.2009
- Herta Müller erneut geehrt - 02.11.2009
Wenn man die geballte Ladung sieht, drängen sich zwei Eindrücke auf: Die deutsche Nobelpreisträgerin hat einen hohen Nachrichtenwert und 2. irgendwie geht Unruhe von ihr aus.
Liebe Berliner Kollegen, ich bewundere Eure Arbeit, aber ich nörgele ein bißchen an Euch herum. Ist es wirklich nötig, die widerliche Auslassung eines Geheimdienstlers zur Weltnachricht hochzustilisieren? Milliarden Leute sprechen jeden Augenblick, Millionen oder doch wenigstens Hunderttausende veröffentlichen täglich etwas in lokalen Medien, wie wird etwas zur Nachricht? Klar, weil es eine Agentur dazu macht. Die Verleihung eines sogenannt angesehenen Literaturpreises an Oswald Egger oder Ulf Stolterfoht ist den meisten deutschen Presseorganen eine Kurzmeldung, warum soll man sich dafür von Frankfurt oder Hamburg nach Staufen begeben? Nein, ich korrigiere mich, zumindest bei Stolterfoht war ein FAZ-Mitarbeiter anwesend: Jurymitglied Thomas Poiss hielt die Laudatio. Aber hat die Zeitung sie gedruckt? Ich lasse mich gern eines besseren belehren, vielleicht habe ich es übersehen? Ich habe nur die Kurzmeldung gefunden. “Kein Thema”. In Freiburg mag man noch glauben, der Huchelpreis sei ein wichtiger oder gar “der wichtigste” Preis für deutsche Lyrik: die Nachrichtenlage spricht eine andere Sprache, und die Presse hat immer Recht.
Dagegen erfährt die nachträgliche Verleumdung eines Ex-Geheimdienstmanns an seinem einstigen Opfer mediale Aufmerksamkeit allüberall. Hier zB in der Welt. Die bringen die unsägliche dpa-Meldung ohne Kommentar, und nur die Leserreaktionen im Netz bringen Anstand und Vernunft zur Geltung. Laßt doch der Welt ihre Welt-Ordnung: aber müßt Ihr das mitmachen? Ignorieren oder wenns sein muß kommentieren: aber bitte nicht durch eine Nachricht aufwerten.
– Und die zweite Herta-Müller-Schreckensmeldung des 19.11.: wenn ich das richtig verstehe, handelt es sich um eine Frankfurter (Literaturhaus) oder auch Münchner (Hanser Verlag) Provinzposse. Aufgescheucht von zuviel Nachfrage haben sie eine Lesung der Autorin abgesagt. Was ist in Frankfurt los? Drohen enttäuschte Literaturfans die Türen aufzubrechen? Gibt es Straßenschlachten, werden Autos angezündet, Polizisten angegriffen? Was auch immer da los ist: “Wirbel um Herta-Müller-Lesung” ist der falsche Text. Und wenn ich dann lese, daß die Literaturhausdame am selben Tag fast dasselbe sagt wie der Securitäter: “Dies sei vor allem zum Wohle der Autorin geschehen, die in der letzten Zeit auch körperlich sehr bedrängt worden sei.” (Frankfurt) – “Er habe sich dafür eingesetzt, dass sie wieder als Lehrerin angestellt wird” (Rumänien) – kann ich nur Max Liebermann zitieren: “Man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen müßte.”
Lesen Sie hier weiter:
*) natürlich!. und nicht wie ich versehentlich schrieb literaturkritik.de!