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65. Fantasma poetico
Als literarischer Cicerone führt Hans Raimund durch das lyrische Werk von Virgilio Giotti (1885-1957): Der zeitlebens arme Poet zählt zur “Letteratura triestina” (als deren prominentestes Mitglied Italo Svevo gilt) und schrieb seine Gedichte in “triestino”, genau sagt: in seinem triestino. Er entwickelte den lokalen Dialekt zu einer “höchst persönlichen, raffinierten und rational gefilterten Sprache” (Raimund), zum “außergewöhnlich poetischen Ausdrucksmittel: archaisch und zugleich höchst modern” (Magris).
Giottis Haupt- und Herzthema ist seine Heimatstadt: Triest als “fantasma poetico” (Pasolini), die Menschen, die Straßen, die Luft, das Leben hier. / David Axmann, Wiener Zeitung
106. Gefallene Wort-Engel
Die österreichische Lyrikerin Cvetka Lipus betrachtet ihr Leben und die Welt – mit Wehmut, zarten Metaphern und Ironie.
Wird das Glück belagert, geschieht das in der Hoffnung, es einmal erobern zu können. Vor allem aber im Glauben, dass es das Glück überhaupt gibt. Wie beschaffen sind Glück und Belagerung, so beide aus dem Zauberland der Lyrik stammen?
Erste Aufschlüsse geben die Gedichtanfänge: “Idylle am Horizont, alter Trick, der nicht zieht”. “Das halb verheilte Gespräch verlangt nach Bestechung”. “Hier sind die Koordinaten Bestand und Verfall”. “Wilde Wüste mit Haut verklebt”. “Gefallene Wort-Engel irren umher zwischen”… / David Axmann, Wiener Zeitung
Cvetka Lipuš: Belagerung des Glücks, Gedichte. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Drava Verlag, Klagenfurt/Wien 2010, 80 Seiten, 17,80 Euro.
52. Reimglück
Was haben Friedrich Hölderlin und Georg Kreisler gemeinsam? Nichts. Deshalb erhält Kreisler den Friedrich Hölderlin-Preis 2010 der Stadt Bad Homburg. …
Als wär’s ganz einfach. Und wenn sich die in seinen Gedichten entfaltende Leichtigkeit des Reims mit schönem Wortglück paart, entstehen so seltene Reimpaare wie diese: Krokodil – Profil, Verschnürung – Globalisierung, erzählt – geölt, Juli – Patschuli, Töchter – Gelächter, Erdbeeren – wert wären, Formosa – Prosa, renitenter – Einkaufs-Center, Paprikatee – Adieu.
Erinnert das nicht an Fritz Grünbaum und Karl Farkas? Gewiss, wie ja Kreislers Lyrik überhaupt, auch in Tonfall und Thematik, eine sehr anklangreiche ist: man erkennt Spurenelemente u.a. von Ringelnatz, Kästner, Tucholsky, Eugen Roth, Wilhelm Busch, ja sogar von Heine. …
Und wenn der aus seinen Träumen erwacht, paraphrasiert er vielleicht Hölderlin: Größers wolltest auch du, aber das eigne Talent zwingt / All uns nieder . . .
/ David Axmann, Wiener Zeitung 10.4.
Georg Kreisler: Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte. Verbrecher Verlag, Berlin 2010, 119 Seiten, 19 Euro.
75. “Endpunkt”: John Updikes letzte Gedichte
Was für ein Dichter! Was für große, klare, wahre, herrliche Gedichte. John Updike (1932 – 2009), dem Lesepublikum vor allem als Romanautor bekannt, hat zeitlebens auch Lyrik geschrieben. Eine Sammlung von Gedichten, die in des Autors letzten Lebensjahren entstanden sind, enthält dieser Band mit dem programmatischen Titel “Endpunkt”.
Obwohl dem privaten wie dem politischen Geschehen keineswegs entrückt (“Irak geht weiter”, schreibt er im Jahr 2006, “ohne Vorhang, ein schlechtes Theaterstück”), begegnen wir hier einem Lyriker in Abschiedsstimmung: “Ich richte mich ein, in dem Jahrzehnt, in dem, / wie ich höre, die meisten Menschen sterben”, heißt es einmal, und in dem Gedicht “Verfassung mit 76″: “Wie nicht an den Tod denken?” und “Bleibt bei mir, Wörter, bleibt noch ein bisschen”. / David Axmann, Wiener Zeitung 12.12.
John Updike: Endpunkt und andere Gedichte. Deutsch von S. Höbel und H. Frielinghaus. Rowohlt, Reinbek 2009, 109 Seiten, 19,90 Euro.