Getagged: Daniel Beskos

108. Radikal wie Wulff?

Nachtrag zum Open Mike

Ist es deshalb nicht möglicherweise so, dass Christian Wulff den viel aufwendigeren, wütenderen, zersetzenderen Kampf geführt, sich viel weiter aus der eigenen Komfortzone hinausgewagt hat? Schließlich musste er sich tatsächlich mit dem Unangenehmsten und Widerständigsten beschäftigen, das es auf der Welt gibt: dem Realen. Viele deutsche Literaten begnügen sich indes mit dem gedämpften Raum ihres eigenen Gewissens und scheuen den Schritt in den Veronica-Ferres-Kosmos, weil der eben tatsächlich schmerzhaft wäre. Christian Wulff ist diesen Schritt gegangen, furchtlos schritt er voran.

Insofern ist die Hinwendung zur kleinen Realität, die auf dem Open Mike zu beobachten war, vielleicht eher als radikale poetische Strategie zu verstehen, denn als postideologischer Privatismus. Die jungen Schreibschüler formulieren einfach, was sie sehen, und mag das noch so banal sein. Und das, so der Lektor Daniel Beskos, ist auch ‘legitim, weil sie sich damit eben auskennen’.

‘Einst glaubten wir, die Ausnahme zu sein, die sich dem metrischen System entzieht’, heißt es bei dem Dichter Levin Westermann, der den Open Mike vor zwei Jahren gewonnen hat. Diese Metaphysik des Außenseiters ist den jungen Literaten fremd und indem sie das thematisieren, werden sie eben doch wieder an den Rand gedrängt, denn nichts ist unzeitgemäßer, als kein Individualist zu sein. Die Leute, die ‘sich nicht verbiegen lassen’ und ‘einfach ganz sie selbst sind’, tummeln sich heute massenweise in den Oberstufenzentren und in Zweierreihen beim ‘Supertalent’.

Die Außenseiter-Erzählung ist von Kulturikonen vom Range eines Bushido besetzt, denen dieses Rollenspiel nur deshalb nicht peinlich ist, weil ihnen entgeht, dass sie in jedem Moment ihre eigene Parodie sind, selbst wenn sie die Wahrheit sagen. Und genauso geht es jedem jungen Talent, das in Berlin-Mitte wohnt, auf Ausstellungen und Partys geht und einen aufrichtigen Roman über die Lehre seines Lifestyles schreiben möchte: Am Ende käme dann höchstwahrscheinlich doch wieder nur der vierhundertste Berlin-Mitte-Roman heraus, denn: ‘Wenn ich in Berlin-Mitte sitze, ist meine eigene Individualität inauthentisch’, wie Juror Thomas von Steinaecker sagte.

/ Felix Stephan, Süddeutsche Zeitung 13.11.

75. “Mäßige Prosa, kraftvolle Lyrik”

Der Wettbewerb Open Mike

Unter den 586 Prosa-Einreichungen, so konstatierte denn auch Daniel Beskos stellvertretend für die Lektoren, habe es nur “wenig Experimentelles” gegeben.

Anders im Bereich Lyrik: Unter den Gedicht-Beiträgen stachen neben denen Piekars auch die des Berliners Arne Vogelgesang (Jahrgang 1977) heraus. Vogelsang, ein stilsicherer Wortakrobat mit erfrischenden Bildern, hätte eindeutig auch einen Preis verdient. Auch wenn Christoph Buchwald, zuständig für die Lyrik-Auswahl, beklagte, dass unter den 48 Lyrik-Einreichungen keine gewesen sei, die sich mit Utopien beschäftigt habe.

Was allen Finalisten meisterlich gelang, war die Vortragsweise: klares, fehlerfreies, betontes Sprechen ohne theatralische Übertreibung. / Angelo Algieri, Saarbrücker Zeitung

109. Open Mike

Die Finalisten des 20. open mike stehen fest. Es sind für die Lyrik

  • Yevgeniy Breyger (Magdeburg)
  • Sascha Kokot (Leipzig)
  • Martin Piekar (Bad Soden)
  • Friederike Scheffler (Berlin)
  • Michael Spyra (Leipzig)
  • Arne Vogelgesang (Berlin)
  • Linus Westheuser (Berlin)
  • Tristan Marquardt (München)

/ open mike blog

Jury:

Marcel Beyer, Silke Scheuermann und Thomas von Steinaecker mehr

Lektoren:

Daniel Beskos, Natalie Buchholz, Christoph Buchwald, Lars Claßen, Georg Hasibeder, Birgit Schmitz mehr

Die Lektoren haben die Teilnehmer aus über 630 anonymisierten Texten ihre Kandidaten ausgewählt. Während des Finales stellen sie die Teilnehmer dem Publikum und der Jury vor.

55. Gipfeltreffen der jungen deutschsprachigen Literatur und Musik in Hamburg

Am 4. Februar präsentiert HAM.LIT das Spannendste, was junge deutschsprachige Literatur und Musik aktuell zu bieten hat – in einer Nacht, unter einem Dach: im Terrace Hill undUebel & Gefährlich, dem besten Club der Hansestadt.

18 Autorinnen und Autoren lesen parallel auf drei Bühnen, geben einen Einblick in die aktuelle Literaturszene und einen Ausblick auf ihre wichtigsten Vertreter im kommenden Jahr. Dabei sind nicht nur etablierte Autoren, wie der Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt und der Träger des Preises der Leipziger Buchmesse, Clemens Meyer, sondern auch gefeierte Debütanten wie Verena Rossbacher und Patrick Findeis und aufregende, bislang unveröffentlichte Autoren, die es in dieser Nacht zu entdecken gilt.

Gustav & Band aus Wien verbinden im Anschluss großartige Texte mit elektronischer Popmusik. Gustav ist selten in Deutschland zu hören und gehört zum Feinsten, was ambitionierte deutschsprachige Musik derzeit hervorbringt.

Für alle, die HAM.LIT zu schön finden um nach Lesungen und Konzert nach Hause zu gehen, legt ab 0 Uhr im Turmzimmer DJ Floschiedler (LaRance) Musik zum Tanzen auf.

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