Getagged: Czernowitz

43. Celans Kastanie

Hier, an der Hausnummer fünf, hängt die Tafel zu Ehren des Dichters Paul Celan, der am 23. November 1920 in Czernowitz zur Welt kam. Wie es der Irrtum will, hängt die Gedenktafel an der falschen Stelle; über die Gründe indes kann nur spekuliert werden. Linker Hand, in jenem eher maroden Wohnhaus mit der Hausnummer drei, an dessen Aussenwänden der Putz abbröckelt, wuchs er tatsächlich auf. Durch das Gartentor, das an diesem sommerlich warmen Maitag offen steht, gelangt man in den Hof. Im ersten Stock soll er gewohnt haben. Eine Mansarde habe damals noch existiert. Mitten im Hof soll ein Kastanienbaum gestanden haben, der Kastanienbaum Celans, der damals noch Paul Anczel hiess.

Aus einem Text von Tom Schulz, der im Mai und Juni Stipendiat der Residenz Meridian in Czernowitz ist.

/ NZZ 10.6.

48. In Czernowitz

… weilt zur Zeit Ron Winkler und berichtet darüber in seinem Blog. Hier ein Auszug aus dem Eintrag vom 10. März:

»Czernowitz war häßlich und schön: architektonisch stillos, uninteressant, aber landschaftlich lieblich und von eigentümlichem Reiz«. So erinnerte sich Rose Ausländer »an eine Stadt«. Das mit der Stillosigkeit lässt sich nicht wirklich nachvollziehen, vielleicht fehlt Ausländer eine gewisse Exzentrik in der Architektur. Es schmerzt aber natürlich (weit über den Stilaspekt hinaus), den Israelitischen Tempel in ein Knabberfilmkino transformiert zu sehen ― so nett der Bau heute auch immer noch wirken mag. Scheynem Dank.

49. Stadt der toten Dichter

Eine Reise nach Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi, beginnt in der eigenen Bibliothek. Kaum eine Provinzstadt hat so viele Dichter und Denker hervorgebracht wie die alte Hauptstadt der Bukowina: Die Lyriker Paul Celan und Rose Ausländer, auch der berühmte Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff wurden hier geboren, die Schriftsteller Karl Emil Franzos und Mihail Eminescu sowie der Psychoanalytiker Wilhelm Reich gingen hier zur Schule. Nicht umsonst wird die Stadt am Pruth als “Stadt der toten Dichter” bezeichnet. (…)

Mit Beginn der österreichischen Herrschaftsperiode wurde eine Einwanderungspolitik in Gang gesetzt, die eine beispiellose Völkervielfalt mit sich brachte. Vor allem Deutsche, Juden, Armenier und Ungarn ließen sich in der bis dahin überwiegend von Ukrainern und Rumänen besiedelten Gegend nieder. Der Aufstieg von Czernowitz vom abgelegenen Provinznest zur multiethnischen Großstadt erfolgte in beachtlichem Tempo und endete erst 1918 mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. (…)

Wie entleert und seelenlos muss dieses Czernowitz gewesen sein, nachdem man* die Juden, Roma, Rumänen und Polen deportiert, versklavt und ermordet, die Deutschen “heim ins Reich geholt” hatte. / Georg Christoph Heilingsetzer, Die Welt

*) vornehm gesagt. Wikipedia sagt (übrigens auch mit einem merkwürdig passivischen Akzent):

Am 28. Juni 1940 wurde die Stadt von der Sowjetunion besetzt, der Großteil der deutschen Bevölkerung wurde nach Verhandlungen mit Deutschland anschließend „Heim ins Reich“ geholt. Von 1941 bis 1944 gehörte Czernowitz wieder zu Rumänien, das mit dem Dritten Reich verbündet war. In dieser Zeit kam es zur Ermordung und Deportation eines großen Teils der jüdischen Gemeinde. Als 1944 die Rote Armee die Stadt erneut einnahm, wurden die noch verbliebenen deutschen Bewohner der Stadt vertrieben, auch ein Großteil der rumänischsprachigen Bevölkerung verließ Czernowitz. Es siedelten sich nun tausende Ukrainer und Russen in der Stadt an. Die ehemals deutschsprachige Kultur der Stadt verschwand fast vollständig.

Die ukrainische Fassung ergänzt:

Während der sowjetischen Periode verschwanden die Deutschen und Polen, sank die Zahl der Rumänen (17%), Juden und stieg die Zahl der Ukrainer (62%) und Russen (11%).

Muttersprache, nach der Volkszählung von 2001:

  • Ukrainisch – 79,2%,
  • Russisch – 15,27%
  • Rumänisch / Moldovan – 4,34%
  • Polnisch – 0,12%
  • Hebräisch (?? “єврейська” evtl. auch Jiddisch?) - 0,11%
  • Weißrussisch – 0,09%
  • Armenisch – 0,05%
  • Bulgarisch – 0,03%
  • Deutsch – 0,03%
  • Gypsy – 0,02%
  • Ungarisch – 0,01%

Die deutsche Version hat leider keine Liste berühmter Bewohner der Stadt. In der ukrainischen heißt es:

Berühmte Einwohner der Stadt (vor dem Krieg, 1941):

Die deutsche Dichterin Rose Ausländer (1901-1988), der österreichische und rumänische Historiker Daniel Verenko (1847-1940), der deutsche Dichter, Romancier, Dramatiker, Übersetzer, Journalist, Schauspieler George Drozdowsky (1899 – 1987), der deutsche Dichter Paul Celan (1920-1970 ), der Biochemiker Erwin Chargaff (1905-2002), der jüdische (jiddische) Schriftsteller Itzik Manger (1901-1969), die rumänische Pianistin Karol Mikuli (1821-1892), der deutsche Schriftsteller und Journalist Gregor von Rezzori (1914-1998), der jüdische Schriftsteller Elizer Shtaynbarh (1889-1932), die ukrainischen Schriftsteller Yuri Fedkovich (1834-1888) und Olga Kobylyanskaya (1863-1942).
In Czernowitz arbeitete der rumänische Dichter Mihai Eminescu (1850-1889), der Schriftsteller und Journalist Karl Emil Franzos (1848-1904), der Dichter und Übersetzer Alfred Margul-Sperber (1898-1967), der Dichter Moses Rosenkranz (1904-2003), der Tenor Joseph Schmidt (1904-1942) und der Wirtschaftswissenschaftler (damals Finanzminister) Joseph Schumpeter (1883-1950).

Berühmte Einwohner der Stadt in der Nachkriegszeit (1941)

Vladimir Ivasyuk – 1949-1979 – ukrainischer Komponisten und Dichter. Held der Ukraine;
Ivan Mykolaychuk – 1941-1987 – ukrainischer Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor;
Dmitry Hnatiuk – ukrainische Opernsängerin (Bariton);
Sofia Michailowna Rotaru – Sängerin;
Arthur Kogan – Schachspieler, Großmeister.

Die englische Fassung nennt:

Many well-known historical figures were born in the city, including poet and writer Paul Celan, actress Mila Kunis, musician and essayist Roman Vlad and Selma Meerbaum-Eisinger, the former Speaker of the Parliament Arseniy Yatsenyuk, anarchist political activist Zamfir Arbore, and the Vienna Secession artist Oskar Laske. Many other famous people lived and worked in the city, such as Ukrainian national poet Ivan Franko, the first President of Ukraine Leonid Kravchuk, Romanian national poet Mihai Eminescu, Yiddish actress Sidi Tal, novelist Aharon Appelfeld, Eudoxiu Hurmuzachi, Aron Pumnul, Ciprian Porumbescu, Ion Nistor, Gala Galaction, economist and political theorist Joseph Schumpeter, jurist and sociologist of law Eugen Ehrlich, Nikolai Vavilov, Abraham Goldfaden, Ruth Wisse, and Avigdor Arikha.

Die rumänische nennt u.a. bemerkenswert viele weitere deutsch- und anderssprachige Autoren:

Moisei Fișbein (n. 1947), Alfred Gong (geboren als Alfred Liquornik) (1920–1981), Alfred Kittner (1906–1991), Dan Pagis (1930–1986), Gregor von Rezzori (d’Arezzo; 1914–1998), James Immanuel Weissglas, auch bekannt als Ion Iordan, (1920–1979), Hermann Bahr (1863-1934), Isaac Schreyer, auch Herbert Urfahr (1890 – 1948), Eliezer Steinbarg (1880–1932).

120. Spiegelungen 4/2011

Die Spiegelungen wird Peter Motzan als Mitherausgeber und in der redaktionellen Tätigkeit weiterhin unterstützen, so u. a. in der Rubrik „Literarische Texte“, für die er diesmal von Anke Pfeifer übersetzte Prosa des Rumänen Constantin Abăluţă, Gedichte des Banaters Horst Samson und der jungen Ungarndeutschen Angela Korb ausgewählt hat. Aus dem im IKGS in Vorbereitung befindlichen Lexikon deutschsprachiger Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa werden vom Literaturhistoriker Klaus Werner drei aus der Bukowina stammende Autoren vorgestellt, neben dem Lyriker, am Wiener Deutschen Volkstheater aufgeführten Stückeschreiber und Publizisten Victor Wittner (1896–1949) der in Czernowitz geborene Essayist und Lyriker Jonas Lesser (1895–1968), von dem u. a. das Buch „Thomas Mann in der Epoche seiner Vollendung“ erschien (1952), und sein Landsmann, der Romancier Jacob Klein-Haparash (1897–1970), schlagartig bekannt geworden mit dem im S. Fischer Verlag veröffentlichten Roman „… der vor dem Löwen flieht“ (1961). Wittner starb in Wien, Lesser in London und Klein-Haparash in Israel. Passend zur Beschäftigung mit diesen Vertretern einer ungewöhnlichen literarischen Landschaft Südosteuropas plädiert ein Essay von Martin A. Hainz für ein neues Nachdenken über Czernowitz als Stadt gelebter bzw. intendierter Multikulturalität. …

Im Rezensionsteil des Heftes wird eine Reihe beachtenswerter Neuerscheinungen zur Literatur und Geschichte Südosteuropas besprochen – Lyrik von Dieter Schlesak und Edith Ottschofski, Prosa von Hans Bergel, Bettina Schuller, Marica Bodroić und Dan Lungu, ein Studienband über Immanuel Weißglas, Erinnerungen Edith-Silbermanns an Paul Celan, eine Hans-Bergel-Monografie Renate Windisch-Middendorfs, Anton-Joseph Ilks Dissertation über die mythische Erzählwelt der Zipser im Wassertal sowie Bücher zur Geschichte der Donauschwaben (1918–1945), zur Rolle des serbischen Staatsmodells (1918–1929) und über Osteuropa nach der politischen Wende 1989. / Siebenbürgische Zeitung

Heft 4/2011 der IKGS-Zeitschrift Spiegelungen
Auslieferung, Vertrieb und Abonnementbetreuung erfolgen über: Intime Services GmbH, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon: (0 89) 85 70 91 12. Preis: Einzelheft 6,15 Euro (zuzüglich Porto und Versand, Abonnement 22,50 Euro (einschließlich Porto und Versand).

100. Lyrik bei Tag und Nacht

Tranzyt. Messeschwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse

Poetische Tage und Nächte warten auf Lyrikfans. Bei Tage stellt sich das “Internationale Poesiefestival Meridian Czernowitz” in Leipzig vor. In mehreren Veranstaltungen lesen Lyrik-Stars und Newcomer. Am Nachmittag des ersten Messetages steht zeitgenössische Lyrik aus Polen, der Ukraine und Belarus auf dem Programm. Die Teilnehmer debattieren, was die neue lyrische Richtung in diesen drei Ländern auszeichnet. Die tranzyt-Nacht auf der Leipziger Theaterbühne Skala vereint Slam-Poetry und Musik aus Polen, der Ukraine und Belarus.

Spannend sind nicht nur die Literaturen aus den drei Ländern sondern auch die Literaturzeitschriften und -portale. In Leipzig stellen sich die Zeitschrift des Vereins translit e.V., die deutsch-polnisch-ukrainische Zeitschrift “RADAR” und das Webportal literabel.de für belarussische Gegenwartsliteratur vor.

Vielfältige Literaturen – vielfältige Buchmärkte

“Polen, Belarus und die Ukraine stehen für unterschiedliche politische Systeme”, erläutert Oliver Zille. “Ebenso verschieden haben sich die Buchmärkte der einzelnen Länder entwickelt und so sind auch die statistischen Gegebenheiten zu unterschiedlich, um eine wirkliche Vergleichbarkeit der bekannten Daten und Fakten herzustellen.”

Polen verfügt über den größten Buchmarkt innerhalb des Programmschwerpunktes. Die gut 38 Millionen Einwohner sorgten 2010 für einen Umsatz von 736 Millionen Euro im Buchmarkt. Der Deutsche Buchexport nach Polen lag 2010 bei 19,79 Millionen Euro. Im Jahr 2009 wurden 24.380 Bücher veröffentlicht davon 13.430 Neuerscheinungen . 26 Prozent der publizierten Titel sind Übersetzungen. Die 200 größten Verlage verzeichneten 98 Prozent des Umsatzvolumens.

Polen verzeichnet insgesamt 3.000 Buchhandlungen und 31.100 Unternehmen im Verlagswesen. Zu den wichtigsten Vertriebswegen zählen der Buchhandel/Buchketten, Supermärkte/Warenhäuser, Direktverkauf/Buchklubs und das Internet . Polen gehört seit 1995 zur weltweiten Spitzengruppe der Lizenzkäufer deutscher Titel. Die Hälfte der Lizenzen entfallen auf Belletristik. Eine Studie aus dem Herbst 2012 der Arbeitsstelle für Leseforschung der Nationalbibliothek ergab, dass 46 Prozent der polnischen Bücherfans gern Übersetzungen fremdsprachiger Literatur lesen, darunter zahlreiche Neuübersetzungen deutscher Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Fallada, Remarque oder Rilke. Die Zahl der regelmäßigen Leser liegt stabil bei 12 Prozent der Bevölkerung. Besonders beliebt beim Publikum sind Thriller, Liebesromane und Reportagen. E-Books und E-Reader erfreuen sich vor allem bei jungen Polen großer Beliebtheit.

Belarus stellt mit 9,5 Millionen Einwohnern das bevölkerungsärmste Land des Programmschwerpunktes. 2010 erschienen 10.774 Titel mit einer Gesamtauflage von 42 Millionen Stück. Das Verlagswesen vereint 837 Unternehmen, von denen etwa 100 marktentscheidend sind.

Zwei Drittel der Bevölkerung bekennt sich zum Lesegenuss, während ein Drittel keine Bücher zur Hand nimmt. Weißrussisch ist die Amtssprache in Belarus. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung nutzt im Alltag das Russische. Der Mehrheit er Publikationen erscheint daher in dieser Sprache. Nur etwa ein Drittel wird auf Weißrussisch veröffentlicht. Immerhin 13,3 Prozent der Einwohner können nicht auf Weißrussisch lesen und 62 Prozent zeigen an weißrussischer Literatur nur wenig Interesse. Hoch im Kurs steht hingegen zeitgenössische, ausländische Literatur insbesondere russische.

In der Ukraine leben rund 45 Millionen Einwohner. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung beherrscht sowohl die ukrainische als auch die russische Sprache. Offizielle Amtssprache ist nach der Unabhängigkeit 1991 das Ukrainische. Die russische Kultur und Literatur beeinflusst aber weiterhin die Gesellschaft. So wird der ukrainische Buchmarkt stark mit russischer Belletristik versorgt. Andererseits steigt die Nachfrage nach Büchern in der ukrainischen Sprache. Den Buchmarkt teilen sich 350 Verlage. Im letzten Jahr gaben 60 Prozent dieser Unternehmen ein Umsatzwachstum an. Im Jahr 2010 betrug die Gesamtauflage an Büchern und Broschüren knapp 34 Millionen Stück, davon erschienen knapp 17 Millionen auf Ukrainisch und gut 15 Millionen auf Russisch.

54 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine lesen regelmäßig. Sie kauften zu 38 Prozent ukrainische und zu 60 Prozent russische Publikationen. Bücher auf Deutsch werden von 1,1 Prozent der Ukrainer erworben.

Insgesamt 2.780 Autoren und Mitwirkende in 2.600 Veranstaltungen kommen zu Europas größtem Lesefest “Leipzig liest” nach Leipzig. Das komplette Programm ist online unter www.leipzig-liest.de verfügbar. Wer viel unterwegs ist, kann die mobile Programm-Version unter www.leipzig-liest.de/mobil erreichen.

100. Meridian Czernowitz

Zum neunzigsten Geburtstag des großen Celan veranstaltet seine Vaterstadt erstmals ein Poesiefestival, hat Dichter aus halb Europa, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, dorthin geladen, wo zwischen 1880 und 1940 eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität stattfand, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Czernowitz, dessen weit über die Hügel am Pruth gezogene habsburgische Altstadt etwas abgebröckelt, aber komplett erhalten ist, hatte nur achtzigtausend Einwohner.

Doch im heiklen Ungleichgewicht von fünf Sprachen – Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch – und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt. …

In Czernowitz, dessen relative Bevölkerungsmehrheit um 1900 aus Juden bestand, lernten und schrieben, lehrten und veröffentlichten gleichzeitig einige der besten jiddischen Autoren: der Pädagoge Elieser Steinbarg und der versoffene Poet Itzig Manger, der fliehen konnte und nach einem Wanderleben 1969 in einem Sanatorium bei Jerusalem letztes Obdach fand. Auch Gregor von Rezzori, der mit Brigitte Bardot auf der Leinwand zu sehen war und sich in Czernowitz für seine „Maghrebinischen Geschichten“ inspirierte, ist von hier.

Die 1901 geborene Dichterin Rose Ausländer nicht zu vergessen, die Celan 1941 im Czernowitzer Ghetto kennenlernte – nicht zuletzt seiner Kritik an ihrem bis dato expressionistisch grundierten Stil verdankte sie jene lakonische Diktion, die ihre großen, längst gegenwartsklassischen Gedichte auszeichnete. Immer wieder ist sie aus Czernowitz geflohen, immer wieder zurückgekehrt: „Eine goldene Kette“, heißt es im Gedicht „Heimatstadt“, „fesselt mich / an meine urliebe Stadt / wo die Sonne aufgeht / wo sie untergegangen ist / für mich“.

Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte ebenso in der habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie mehrere poetische Ikonen der heutigen Ukraine: Olga Kobylanska oder Dmytro Zahul, der in Stalins GULag umkam. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Josef Burg, letzter jiddischer Dichter aus dem Schtetl, ist vorigen August in Czernowitz mit fast siebenundneunzig Jahren gestorben. …

Und auch die Studenten im Festsaal applaudieren überrascht, wenn der Schweizer Schriftsteller Andreas Saurer sie bei der Rezitation seiner aphoristischen Gedichte in fließendem Rumänisch, wenn der deutsche Poet Hendrik Jackson sie in perfektem Russisch anspricht. Man interessiert sich also doch für diesen vergessenen Teil Europas. Durchaus hermetische Lyriker wie Elke Erb oder Brigitte Oleschinski kehren bei der Reise nach Czernowitz zu den Wurzeln des Genres, zu Paul Celans verdichteten und verrätselten Innenbildern zurück.

Wenn Gerhard Falkner sein schönes Poem vom Stadtplan als Gedicht und von den Straßen als Zeilen und den Häusern als Wörtern vorträgt, dann fühlt man sich zu Fuß unterwegs im untergegangenen Czernowitz, das für die Fremden aus magischer Poesie besteht.

/ Dirk Schümer, FAZ.net 22.9.

Zum Thema im FAZ-Archiv:

Über Josef Burg: Uwe von Seltmann: In Memoriam Josef Burg

L&Poe 2009 Aug #041. Josef Burg gestorben

34. Czernowitz

Ein Ort, der aus seinem Mythos Kräfte saugt: Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi. Dies sei die Stadt, schrieb man einst, «in der die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien». Als wolle man diese Worte für immer festhalten, hat Czernowitz den Rosenstrassenfegern ein Denkmal gesetzt: Die Hand eines Unsichtbaren fegt mit drei Rosen aus Bronze vor einer Hauswand das Pflaster. / Gerhard Gnauck, NZZ 6.8.

145. »Fahrtenschreiber«

»Fahrtenschreiber« – ein Wort, in dem viel Technik und wenig Poesie zu stecken scheint. Doch weit gefehlt: José F. A. Olivers neuer gleichnamiger Gedichtband spiegelt Eindrücke für alle Sinne von Reisen durch Deutschland und Osteuropa wider.

Behandelte der Hausacher Lyriker mit seiner vorherigen Sammlung »Unterschlupf« noch Rückzug, Heimat und Geborgenheit, so setzt José F. A. Oliver nun einen Kontrast. »Die Gedichte erzählen von Augenblicken, die mich auf Reisen in den vergangenen drei Jahren berührt haben«, beschreibt der Autor sein 14. Buch. So lädt er auf einen Streifzug durch das ukrainische Czernowitz ein, Geburtsort von Paul Celan und Rose Ausländer. / Alexander Gehringer, Schwarzwälder Bote

85. Gedichte aus dem Buchenland

Alfred Margul-Sperber, 1897 im österreichisch-ungarischen Bukowiner Städtchen Storozynetz geboren, ist vor allem als eine Art Standbild bekannt. Als jener bebrillte, nicht allzu gelenke Zweimetermann, der, auf einem alten Foto in einer Celan-Biographie, in einem hellen Trenchcoat neben dem kleinen Dichter Moses Rosenkranz durch Paris spaziert. Buchalterssohn Sperber, der den Mädchennamen seiner Mutter nach deren Tod ehren wollte und von 1927 an für das Czernowitzer Morgenblatt als literarischer Korrespondent tätig wurde, war nicht nur ein entschiedener Förderer Paul Antschels, wie der dreiundzwanzig Jahre jüngere Celan hieß, als die beiden sich 1945 kennen lernten.

Der zweitbeliebteste Grund, den offensichtlich notorisch großherzigen Riesen zu kennen, ist seine Funktion als Herausgeber der legendären Lyrik-Anthologie “Die Buche”, in der Margul-Sperber Mitte der dreißiger Jahre drei Dutzend Autoren aus der Bukowina versammelte. Dass es diese “Anthologie deutschsprachiger Judendichtung” damals nicht geben konnte – noch im Dezember 1938 schickte Schocken aus Berlin eine Absage aufgrund “der Verhältnisse” – und vor allem, dass sie bisher noch immer nicht vorlag, macht nun ihr um gut sieben Jahrzehnte verspätetes Erscheinen zu einer kleinen editorischen Sensation.

Der Ruf der Anthologie rechtfertigt sich nicht zuletzt aus ihrer damaligen Wegweiser-Funktion. Margul-Sperber war auch einer der Entdecker von Rosalie Scherzer, verheiratete, dann geschiedene Ausländer. Als Sperber sie in seine Anthologie aufnahm, war noch nicht einmal ihr erster Gedichtband “Der Regenbogen” (Bukarest 1939) erschienen, und auch Paul Antschel, der in eine spätere Fassung der geplanten Sammlung aufgenommen werden konnte, durfte zu diesem Zeitpunkt von seinem Erstling “Der Sand der Urnen” erst träumen.

Doch es geht nicht bloß um die bekannten Namen. In der Auswahl, die George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth als Publikation des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas jetzt schön gestaltet und sorgfältig kommentiert haben, sind zwei der im Bukarester Nachlass von Margul-Sperber aufgefundenen Fassungen mit teils weitgehend unbekannten Autoren vereinigt. Eine erste, frühe und eine späte. Von der Lo Jaslowitz – vielleicht die nachmalige Scherenschneiderin Lo shuee-jü? – waren nicht einmal die Lebensdaten zu eruieren. Von anderen, wie Salome Mischel-Grünspan oder Klara Blum, die nach China kam und als Lhu Bhailan Gedichtbände mit Scherenschnitten von Lo shuee-jü veröffentlichte, kann Peter Motzan in seinen kenntnisreichen Kurzbiographien ganze Romane erzählen. …

Eine wichtige Leistung der jetzt erschienenen “Buche” sind neue Fakten und drei wenig bis unbekannte Aufsätze von Margul-Sperber, die, 1928 bis “nach Hitlers Machtergreifung” geschrieben, den nicht nachträglich stilisierten, auf einer jüdisch-deutschen Position beharrenden Charakter des Unternehmens zeigen. Ein Aufsatz trägt den schönen Titel “Der unsichtbare Chor”.

Klar wird darin jedoch auch, dass die Bukowina nicht unbedingt ein gesegnetes Bücherland war. So gab es, laut Margul-Sperber, Ende der zwanziger Jahre kaum Verlage, wenige Bücher. Einem ansonsten aktiven, vor allem von deutschsprachigen Juden betriebenen Czernowitzer Kulturleben, das bis 1933 einen “Deutschen Theaterverein” kannte, standen am Ende die deutschen Tageszeitungen, derer es in der 110·000 Einwohner-Stadt viere gab, als einzige Möglichkeit zur Veröffentlichung von Lyrik zur Verfügung. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 11.1.

ALFRED MARGUL-SPERBER: Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009. 469 Seiten, 28,50 Euro.


041. Josef Burg gestorben

Der Autor Josef Burg ist heute, Montag [9.8.], im Alter von 97 Jahren gestorben. Burg galt als letzter jiddischer Schriftsteller in Czernowitz (Ukraine) und hat seine Erzählungen auf Deutsch und auf Jiddisch verfasst, teilte die Theodor Kramer Gesellschaft in einer Aussendung mit. Burg, der 1997 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet wurde, veröffentlichte zuletzt “Ein Stück trockenes Brot” (2008).

Josef Burg, geboren am 30.5.1912 in Wischnitz in der Bukowina, veröffentlichte 1934 seine erste Erzählung in den “tschernowizer bleter”, die 1938 zwangseingestellt wurden und von Burg ab 1990 als jiddische Monatszeitschrift wieder herausgegeben werden. / Die Presse 10.8.

In der Sowjetunion, in der es mit Birobidschan im russischen Osten gar eine autonome Provinz gab, in der das Jiddische Amtssprache war und eine jiddische Tageszeitung erschien, existierte bis in die 1990er-Jahre auch Sovietisch Heimland, eine jiddischsprachige literarische Monatszeitschrift, in der neben vielen anderen Autoren auch Josef Burg publizierte. So kann man ihn in drei Kontexten lesen: als Czernowitzer Autor und damit als im weitesten Sinne der Habsburger jüdischen Tradition entstammend; als Wiener Autor der Zwischenkriegszeit, einer Stadt, aus der er nach der Machtübernahme exiliert wurde – weshalb er auch im Lexikon der österreichischen Exilliteratur verzeichnet ist; aber auch als Teil der noch lebendigen jiddischen Literaturtradition der Sowjetunion bzw. ihrer Nachfolgestaaten. / Der Standard 3.2. 2007