Getagged: Clemens J. Setz

1. Warum macht er’s?

Ist ein Schriftsteller früher bei seiner Lektüre belletristischer oder fachspezifischer Literatur auf eine bemerkenswerte Stelle gestoßen, hat er sie notiert und vielleicht bei nächster Gelegenheit als Motto einem Roman vorangestellt, einem Essay oder einem Aufsatz eingefügt. Clemens J. Setz macht aus so einer Notiz ein Gedicht. Warum macht er’s? Warum macht er sich’s so leicht? Vielleicht, weil’s ihm eben so leicht gemacht wird durch die weit verbreitete, weithin gültige freizügige (einem Wittgenstein-Wort nachgebildete) Maxime: Lyrik ist alles, was der Zeilenfall ist. / David Axmann, Wiener Zeitung

68. Clemens J. Setz

Dieser Grazer Germanist und Mathematiker, der schnell mit Romanen und Erzählungen bekannt geworden ist (zuletzt mit “Indigo”, 2012), steckt den Kopf nicht in den Sand, auch nicht, wenn er Gedichte schreibt. Er ist ein genauer Beobachter, ein Rechercheur, der alte Nachschlagewerke heranzieht oder eine schon wieder verschwundene Website, und es macht ihm Spaß, Erkenntnisse seines Studiums auch zum Vergnügen der Leser in seine Texte einfließen zu lassen, wie zum Beispiel die Geschichte des Rangers Roy C. Sullivan, der sieben Mal vom Blitz getroffen wurde, all diese Schicksalsschläge überlebte und sich sechs Jahre nach dem letzten Blitz aus Trauer über den Tod seiner Frau umgebracht hat. / Herbert Wiesner, Die Welt

Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete. Suhrkamp, Berlin. 86 S., 16 €.

61. Sonett aus Glas und Beton

Eine Prosaminiatur, präzise notiert, voller Komik, jedes Wort an seinem Platz. Allein schon die Bewegungen darin -  fliegen, füttern, öffnen, sammeln, stehen, gehen. Clemens Setz, dem Autor dieser leichten, phantastischen Zeilen, gelingt es, die Papageien, unsere buntgefiederten Sprachimitatoren, aus dem ihnen von uns Menschen zugedachten Käfig zu befreien.

(…)

Warum aber hat Setz, der Erzählkünstler, seine Prosa in Verse gebrochen? Und das nicht nur bei den Papageien? Und: Setz ist keineswegs allein. Dichter schreiben prosaische Texte nieder, klauen ihnen Punkt und Komma und vielleicht noch das ein oder andere, und dann brechen sie die Sätze scheinbar willkürlich in Zeilen auf, völlig unabhängig von Grammatik- oder Sinn-Einheiten. Man ahnt: das Öffnen der Sätze ins Ausgesparte hinein ist ein dichterisches  Wagnis.
In einem der letzten Gedichte des Bandes “Vogelstraußtrompete” gibt Clemens Setz Hinweise, was dabei geschieht.

Ein Sonett, das ist ein vierzehnstöckiges
Bürogebäude aus Glas und Beton.
Und hie und da segelt durch ein eckiges
Fenster ein Flugzeug davon.

Die ästhetischen Setzungen des Gedichtes gleichen einem Gebäude aus Glas und Beton, mit 14 Stockwerken. Gerade diese stählerne Anlage aber ist in ihrer Geschlossenheit die Startbahn für ganz andere Dimensionen, für das Poetische, das hier als Flugobjekt gegen alle Realität durch alle Öffnungen davonsegeln kann. Doch leider gibt es in dem Band auch Gedichte, bei denen sich kein Flugobjekt einstellt, so oft man auch hinschaut.

Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, gebunden, 88 Seiten, 16 Euro

Der staatenlose, aus Palästina stammende, in Dänemark lebende Dichter Yahya Hassan (siehe unser Vorgeblättert) haut seinen Hörern seine Prosa um den Kopf. Um dies zu tun, setzt er seine Sätze in Verse. So festigt er sie. Jede Zeile ist ein Satz, oder ein Halbsatz. Hier bricht die Form kein Fenster auf unabhängig vom Sinn. Zeilenende ist Sinnunterbrechung. Jede Zeile eine Setzung. Keine Fenster, keine Balkone, keine Flugzeuge. Die Sätze sind beides in einem: Wutschrei und Hilferuf. Hassan schreibt an gegen die Gewalt im Innern der muslimischen Gemeinschaft, die ihm den Atem nimmt, und  gleichzeitig gegen die Dänen, die in ihm nur den potentiellen Kriminalstraftäter sehen.

Für sich genommen, als Ich-Äußerungen sind seine Texte eine Provokation (“Ich bekriege Euch mit Worten, ihr werdet mit Feuer antworten”). Doch: hier spricht kein privates Ich. Zu Recht haben Yahya Hassans Texte einige Kritiker an die Wut in Allen Ginsbergs Langgedicht “Howl” erinnert; und Heinrich Detering, des Dänischen mächtig, hat in der FAZ das Original kommentiert: erst aus der Spannung zwischen Schriftbild und Syntagmen ergebe sich, so sagt er, die suggestive Wirkung des Textes. “Der, der hier schreibt, und der, den Yahya Hassan sprechen lässt, erscheinen als zwei verschiedene Instanzen.”  Und dann wird Detering konkret: “Was immer der Sprecher an sexistischen und rassistischen Ressentiments, an Hass auf Israel und auf die eigene Herkunft fomuliert, wird vom Schreiber weder geteilt, noch verurteilt.” Gerade durch die Abschottung der einzelnen Sätze im Zeilenbruch wird das Beschriebene begreifbar.

Yahya Hassan: Gedichte. Ullstein Verlag, Berlin 2014, gebunden, 176 Seiten, 16 Euro

/ Marie Luise Knott, Perlentaucher

59. Lyrikseite

BuchMarkt blättert vor

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch. [suchen, M.G.]

Morgen in der Literarischen Welt eine Lyrik-Seite über

  • Carl Christian Elze ich wohne in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte (Luxbooks)
  • Carl Christian Elze Aufzeichnungen eines albernen Menschen ( J. Frank)
  • Geoffrey Hill Für die Ungefallenen. Ausgewählte Gedichte (1959–2007). (Edition Lyrik Kabinett / Hanser)
  • Clemens J. Setz Die Vogelstraußtrompete (Suhrkamp)

102. Poesiepreis für Nora Gomringer

Der Literaturpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz - Nora Gomringer erhält den Poesiepreis 2013

Der mit 20.000 Euro dotierte Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e. V. geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz. Den mit 10.000 Euro dotierten Poesiepreis erhält Nora Gomringer. Der Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ist mit 20.000 Euro einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise in der Sparte Prosa. Im zweijährigen Wechsel wird zudem ein mit je 10.000 Euro dotierter Poesie- bzw. Übersetzerpreis verliehen.

Das vielseitige Kulturengagement von Unternehmen spielt eine wichtige Rolle für den Kulturstandort Deutschland. Um Unternehmen in ihrem Engagement zu bestärken und andere zur Nachahmung anzuregen, vergibt der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit seinen Partnern Süddeutsche Zeitung und Handelsblatt auch in diesem Jahr den Deutschen Kulturförderpreis. Die Bewerbungsfrist endet am 27. Juni 2013.

110. 32. ERLANGER POETENFEST

32. ERLANGER POETENFEST – 23. BIS 26. AUGUST 2012
PROGRAMMINFORMATION

Das 32. Erlanger Poetenfest lässt vom 23. bis 26. August literarische Höhepunkte des Frühjahrs Revue passieren und wirft noch vor der Frankfurter Buchmesse einen ersten Blick auf viel versprechende Neuerscheinungen des deutschsprachigen Bücherherbstes. Über 80 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten kommen zu Lesungen, Gesprächen und Diskussionen nach Erlangen. In großen Porträts werden die international renommierten Autoren Uwe Timm, A. L. Kennedy und Jean-Philippe Toussaint vorgestellt. An den Nachmittagen im Schlossgarten treten unter anderem Olga Martynova, Marcel Beyer, Clemens J. Setz, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Anne Weber, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck auf, für Kinder und Jugendliche finden Autorenlesungen und Aktionen statt. Gespräche und Diskussionen beschäftigen sich unter anderem mit der Entmachtung der Politik, der Zukunft Europas und der Urheberrechtsdebatte. Anlässlich ihres neuen Romans gibt Ljudmila Ulitzkaja Auskunft über Russland, der Neuseeländer Anthony McCarten kann über einen aktuellen Roman und einen Film-Start sprechen. An die im Dezember letzten Jahres verstorbene Christa Wolf erinnert eine Soirée mit Weggefährten der Schriftstellerin. Bayern 2 überträgt seine “Nacht der Poesie” live aus dem barocken Markgrafentheater, die Neunte Erlanger Übersetzerwerkstatt, Ausstellungen und Filme sind weitere Programmpunkte des viertägigen Festivals, zu dem einmal mehr über 10.000 Besucher erwartet werden.

Die Bayern 2-Nacht der Poesie mit Tanja Dückers, Nora Gomringer, Uwe Kolbe, Reiner Kunze und Bernhard Wunderlich alias “Wunder” bildet den Auftakt des 32. Erlanger Poetenfests (23.8., 20 Uhr). Das erste Autorenporträt (24.8., 20:30 Uhr) stellt Uwe Timm, einen der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller vor. Zum Porträt International (25.8., 20:30 Uhr) kommt mit der 1965 im schottischen Dundee geborenen A. L. Kennedy eine der herausragenden Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur, die auch als Standup-Comedian auftritt, mit ihrem druckfrischen Roman “Das blaue Buch” nach Erlangen. Ebenso vielseitig ist der belgische Romancier, Regisseur und Fotograf Jean-Philippe Toussaint (26.8., 20:30 Uhr). Seine Trilogie “Sich lieben”, “Fliehen” und “Die Wahrheit über Marie” war ein Bestseller im französischsprachigen Raum, im Herbst erscheint in Deutschland der anlässlich seiner Ausstellung im Pariser Louvre entstandene Essay-Band “Die Dringlichkeit und die Geduld”.

Am Wochenende (25. und 26.8.) lesen und diskutieren nachmittags im Erlanger Schlossgarten: Olga Martynova, Stephan Thome, Marjana Gaponenko, Marcel Beyer, Kerstin Preiwuß, Clemens J. Setz, Rainer Merkel, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Benjamin Stein, Nora Bossong, Nicol Ljubić, Arezu Weitholz, Andre Rudolph, Michael Maar, Anne Weber, Julia Schoch, Michael Buselmeier, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck. Kinder- und Jugendbuchautoren präsentieren auf dem Jungen Podium Literatur für alle Altersgruppen: Gerald Jatzek, Albert Wendt, Zoran Drvenkar, Michael Römling, Bettina Kupfer, Arend Agthe, Susann Opel-Götz und Katja Behrens.

“Wer hat die Macht im Staat?”, fragt die traditionelle Sonntagsmatinee mit Daniela Dahn, Friedrich Dieckmann, Mathias Greffrath, Roland Roth und Christoph Schwennicke. Dass Europa mehr bedeutet als Bankenkrise und Euro-Rettung, diskutieren Dieter Bachmann, Hans Christoph Buch, György Dalos und Olga Martynova unter dem Titel “Schafft sich Europa ab?”. Florian Felix Weyh will im Gespräch mit Uwe Jochum, Wilfried F. Schoeller und Benjamin Stein der Urheberrechtsdebatte auf den Grund gehen. Mit der “Literatur-Verteidigerin” Sigrid Löffler und dem “Vor- und Nachdenker der deutschen Einheit” Friedrich Dieckmann werden zwei Persönlichkeiten gewürdigt, deren Namen eng mit dem Erlanger Poetenfest verbunden sind. Die Reihe zu den großen Mythen des 20. Jahrhunderts setzt Peter Glaser im Dialog mit Florian Felix Weyh unter dem Titel “Rocket Boys” fort – diesmal zum Thema Raumfahrt. Akustische Erlebnisse verspricht die Vorstellung ungewöhnlicher Hörbuch-Editionen und Bayern 2 sendet sein Büchermagazin Diwan live vom Erlanger Poetenfest. Unter dem Titel “Rede, dass wir dich sehen” erinnert Friedrich Dieckmann mit Daniela Dahn, Sonja Hilzinger und Kathrin Schmidt an die im vergangenen Jahr verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf.

Anlässlich ihres neuen Romans “Das grüne Zelt” spricht Ljudmila Ulitzkaja über die Chancen für Bürgerrechte und Zivilgesellschaft im heutigen Russland, Jörg Baberowski diskutiert sein mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnetes, nicht unumstrittenes Sachbuch “Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt”, durch Hanjo Kestings “Grundschriften der Europäischen Kultur” erfahren wir, “woher wir kommen” und die Zeichnerin Vika Lomasko dokumentiert jüngste Prozesse gegen russische Künstlerinnen und Künstler. Im Gespräch mit Hajo Steinert stellt Anthony McCarten aus Neuseeland – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2012 – seinen neuen Roman “Ganz normale Helden” und als Preview den Film “Am Ende eines viel zu kurzen Tages” vor.

Einblicke in die Faszination des literarischen Übersetzens vermittelt das offene Arbeitstreffen der Neunten Erlanger Übersetzerwerkstatt mit Gerhard Falkner, Friedrich Koch, Margitt Lehbert, Constantin Lieb, Nora Matocza, Alexander Nitzberg, Andreas Nohl, Angela Plöger, Hans Raimund und Wolfgang Schlüter. Anlässlich des 100. Todestags von Bram Stoker wird in Gesprächen, Lesungen und Filmausschnitten bis nach Mitternacht die dauerhafte Faszination des Vampirismus analysiert. Mit “Text” bringt das Theater Erlangen ein Stück von Jérôme Junod zur Uraufführung, in psychedelischer Vernetzung von Free Jazz und Voodoo Rock lässt das Kammerflimmer Kollektief Texte von Dietmar Dath erklingen und Poetry Slammer aus ganz Deutschland treten auf der Open Air-Bühne des Kulturzentrums E-Werk an.

Die Ausstellung “Parcours” des Kunstpalais Erlangen präsentiert Installationen von Thomas Locher an der Schnittstelle von Bild und Text. Weitere Ausstellungen zeigen Arbeiten von Lorenzo Mattotti zu “Hänsel und Gretel”, Vika Lomaskos Comic “Verbotene Kunst”, ein Experiment zum Thema “Arten” der Literaturzeitschrift “Blumenfresser” und – im Rahmen der “Druck & Buch” – Buchkunst von 24 Kleinverlage aus Deutschland, der Schweiz und Ungarn. Literaturverfilmungen und Dokumentationen sind teilweise in exklusiven Previews zu sehen, musikalisch wird das 32. Erlanger Poetenfest von Benjamin Boone (Saxofon/Live-Elektronik) und Stefan Poetzsch (Violine/Viola/Live-Elektronik) umrahmt.

Die Moderatorinnen und Moderatoren des 32. Erlanger Poetenfests 2012 sind Maike Albath, Verena Auffermann, Niels Beintker, Michael Braun, Friedrich Dieckmann, Herbert Heinzelmann, Dirk Kruse, Adrian La Salvia, Sigrid Löffler, Wilfried F. Schoeller, Hajo Steinert, Florian Felix Weyh und Cornelia Zetzsche.

133. Schöner preisen

Ein viel schönerer Preis könnte der Georg-Büchner-Preis sein, wenn die Akademie im jährlichen Wechsel drei unterschiedliche Preise vergeben würde. Im ersten Jahr gibt es einen Wiedergutmachungspreis, mit dem ein bisher Übersehener ans Licht geholt wird (Vorschlag: Edgar Hilsenrath, 85). Im zweiten Jahr wird gezockt, da muss der Preisträger unter 30, na gut, unter 35 sein (Vorschlag: Clemens J. Setz, 29). Im dritten Jahr darf das Präsidium sich ausruhen und alles wie bisher machen, also einen üppig vorbepreisten Autor zwischen 50 und 70 wählen. Die nächsten Preisträger stehen schon fest, nur die Reihenfolge muss noch gelost werden: Christoph Ransmayr (57, zwölf Preise), Ulla Hahn (65, acht Preise), Sibylle Lewitscharoff (57, zehn Preise), Ralf Rothmann (58, zwölf Preise). Und wenn die Jury mutig ist, auch Rainald Goetz, 54, nur sieben Preise. / Angela Leinen, taz 29.10.