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103. Reif für Lyrik

Die Münsteraner sind reif für Erotik, lese ich in der Zeitung. Gut, daß die das jetzt auch geschafft haben. Sonst gibt es dort auch Kultur, hohe und niedere bzw. alte und hippe (Foto und Programm anbei):

Die selbsternannten „sechs schönsten Dichter der Welt“ kommen am 1. April nach Münster, um die Damen mit erlesener Lyrik zu betören. [Es sind] F.W. Bernstein, Thomas Gsella und Reinhard Umbach … Georg Raabe, Klaus Pawlowski und Christian Maintz. …

[Das gehört zu "Poetry", einer] Art langer Vorspann vor dem traditionsreichen münsterschen Lyrikertreffen im April. Während dort die Dichter Hochkultur mit schwindelerregendem Anspruch pflegen, will Münsters Kulturamtsleiterin Frauke Schnell mit „Poetry“ beweisen, dass Gedichte auch jung, cool und hip sein können. / Münstersche Zeitung

In einer Ausstellung sind auch Ben Lerner und “große und kontroverse Namen wie Oskar Pastior” dabei

86. Schwärmen

Wie – Gedichte? Für die einen komplett unzugänglich, geraten andere ins Schwärmen. Ein Kommentar von Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck.

Die Zahl derer, die sich von den Bildern der Klangzauberer und Sprachmagier verführen lassen, nimmt zu: Es wird öffentlich gelesen, über Poesie debattiert, die Verlage trauen sich wieder zu produzieren… / Börsenblatt für den deutschen Buchhandel #15

Auch NILS KAHLEFENDT schwärmt im gleichen Heft vom Lyrik-Boom:

Poesie-Engpass? Gedichtverknappung? Im Gegenteil: Das Lyrik-Jahr 2010 startet mit starken Auftritten, von toll choreografierten Deüts bis zu spannenden Anthologien.

… Das Lyrik-Jahr beginnt als eines mit starken weiblichen Stimmen, die – eine interessante Tendenz in Poesie und Prosa gleichermaßen zu Hause sind. … Traumwandlerisch sicher choreografiert die ausgebildete Tanzpädagogin Martina Hefter Wörter und Körper in ihrem Lyrik-Debüt »Nach den Diskotheken« (Kookbooks); ihr genauer, häufig ironischer Blick lässt uns die Welt neu sehen. …

Kritiker-Heißsporne wollten für Ron Winklers Verse schon mal eine Popband gründen, und in der Tat lässt er es in »Frenetische Stille« (Berlin Verlag) krachen: »wir spürten die Mischung / aus Revolte und Parkplatz. spürten das / Potenzial der Geisha -Chicas so, wie wir / ihre angeborenen Schmauchspuren spürten. tief / in uns selbst, wo 17Fronten-Kriege tobten.« Wenn die Amplituden von Winklers Metaphernstakkato stärker ausschlagen als in den letzten Büchern, mag das auch seiner intensiven Beschäftigung mit junger amerikanischer Lyrik als Übersetzer und Herausgeber geschuldet sein.

Dass er nicht nur einer der sprachmächtigsten Dichter seiner Generation, sondern auch ein Anthologist mit gutem Händchen ist, stellt Winkler mit einer Sammlung von Ostsee-Gedichten unter Beweis. »Die Schönheit ein deutliches Rauschen« (Connewitzer) versammelt Texte von 5o Autoren der jüngeren Lyrik-Garde; wer als Hühnergott-Sucher glücklos blieb, wird beim Blättern »im Inhaltsverzeichnis der See« (Ulrike A. Sandig) jede Menge toller Entdeckungen machen.

Besprochen wird:

Deutschsprachige Lyrik

    • > Martina Hefter: Nach den Diskotheken. Kookbooks, 80 S., 19,90 Euro
    • > Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Wallstein, 86 S., 18 Euro
    • > Nadja Küchenmeister: Alle lichter. Schöffling & Co., 104 S., 16,90 Euro
    • > Marion Poschmann: Geistersehen. Suhrkamp, 126 S., 17,80 Euro
    • > Kathrin Schmidt: Blinde Bienen. Kiepenheuer & Witsch, 90 S., 16,95 Euro
    • > Ron Winkler: Frenetische Stille. Berlin Verlag, 96 S.,18 Euro

Anthologien

    • > Wulf Kirsten (Hrsg.): »Beständig ist das leicht Verletzliche«. Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan. Ammann, 1120 S., 79,95 Euro
    • > Christian Maintz (Hrsg.): Komische Liebesgedichte. Kein & Aber, 239 S., 16,90 Euro
    • > Ron Winkler (Hrsg.): Die Schönheit ein deutliches Rauschen.  Ostseegedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 156 S., 15 Euro (Mai)

Übersetzungen

    • > Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. Deutsch von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl, 120 S., 18 Euro
    • > Gwendolyn McEwan: Die T.E. Lawrence Gedichte. Deutsch von Christine Koschel. Edition Rugerup, 160  S., 19,90 Euro
    • > Gerald Stern: Alles brennt. Deutsch von Thomas Pletzinger. Matthes & Seitz, 288 S., 29,90 Euro

60. Nonsens und Philosophie

Generell aber gilt: man sollte eben nicht hinter jedem komischen Gedicht eine „ernste Botschaft“ suchen – der Reiz liegt oft im Sprachspiel und in der Absurdität.

Das trifft wahrscheinlich auch auf dieses Gedicht zu: „Der Habicht fraß die Wanderratte, nachdem er sie geschändet hatte“. Das Spiel mit dem Tabubruch ist hier ja eindeutig. Warum lachen wir aber trotzdem?

Keine Theorie kann das hinreichend erklären. Bestimmte Grundmuster sind aber erkennbar: Das Spiel mit Kontrasten, das Unterlaufen von Erwartungen. Die überraschende Wendung zu Dingen, die normalerweise ungesagt bleiben, hier etwa zum Sexuellen. Der Nonsens hat hier durchaus auch seine philosophische Dimension. / Dirk Becker sprach mit Christian Maintz, Potsdamer Neueste Nachrichten