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109. Kunst, Spektakel, Revolution No. 4
»Die Verwirklichung der Poesie«
Call for Papers!
Gerade ist die dritte Ausgabe der Broschüre „Kunst, Spektakel, Revolution“ erschienen und schon beginnen wir mit der Redaktionsarbeit für die vierte Ausgabe. Die vierte Nummer unserer (beinahe) jährlichen Publikation wird die Revolutionsepoche zwischen 1789 und 1871 behandeln und dabei insbesondere in den Blick nehmen, welche Tendenzen sich in der Dichtung zu dieser Zeit Bahn brachen – dementsprechend steht das Thema der Ausgabe unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“. Das Heft wird sich, dokumentierend und ergänzend, am letztjährigen Themenblock der Reihe orientieren, in dem wir uns mit Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire auseinandergesetzt haben.
Während sich Hölderlin und Heine vor dem Hintergrund der deutschen Misere, in je unterschiedlicher Weise, auf die Impulse bezogen, welche die französische Revolution der weltweiten Emanzipationsbewegung gab, befinden sich Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire in Frankreich in einer Situation, in welcher der deutsch-preußische Frankreich-Feldzug eine emanzipatorische Bestrebung zu zerstören drohte. Diese fünf Dichter sind jedoch nicht eigentlich „politische“ Dichter, die bloß die Forderungen politischer „Parteien“ zu ihrem Inhalt gemacht hätten. Ihr Vermächtnis ist nicht die Formulierung eines positiven Programms – vielmehr drückt sich in ihrer Formsprache die Tendenz einer Negativität aus, die zur Aufhebung einer schlechten Gegenwart drängt. Gleichzeitig wird an ihnen das Besondere sowie die Beschränkung der Dichtkunst sichtbar – was diese vorwegnahm, drängt in einem historischen Ereignis zur Wirklichkeit, das nicht Kunstgeschichte ist: Die erste große proletarische Erhebung in der Pariser Commune von 1871, in der zahlreiche Momente der ganzen Moderne kulminierten und die unter Aufsicht der preußischen Militärs von der französischen Bürgerklasse blutig niedergeschlagen wurde. Sich dieses Ereignis von unserer Gegenwart her neu zu erschließen und kritisch-historisch anzueignen, bedeutet aber gerade im Blick auf die Poesie, sich der Gebrochenheit der Revolutionsgeschichte bewusst zu werden: Das Dunkle und Düstere bei Hölderlin, auf den sich später auch Paul Celan bezog, die Flucht Heines vor dem Antisemitismus aus Deutschland und die rasende Vernichtungswut bei Lautréamont weisen darauf hin, dass in dieser Poesie auch bereits Momente erkennbar sind, die mit dem Geschichtsbruch zu tun haben, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vollzog und der auch die Geschichte der Revolution nicht unangetastet lässt.
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Soweit der inhaltliche Rahmen des letztjährigen Themenblocks. Für das Heft ist die Redaktion auf der Suche nach weiteren AutorInnen! Insbesondere in drei Themengebieten wollen wir noch Texte haben:
1.) Die französische Revolution von 1789
Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen einführenden Text über die französische Revolution von 1789 (und die darauffolgenden Erhebungen) schreiben kann. Zum einen erachten wir es als immens wichtig, die französische Revolution wieder ins Gespräch zu bringen, da kaum Wissen über dieses, das Wesen der Moderne prägende, Ereignis zirkuliert, zum anderen geht es um ein Ereignis, welches die deutsche Philosophie und Dichtung entscheidend beeinflusst hat. Es soll darum gehen, eine Auseinandersetzung mit der Dichtung des 19. Jahrhunderts historisch-materialistisch zu rahmen, wobei folgende Fragen berührt werden sollen: Welche neuen Bedingungen schaffen die bürgerlichen Revolutionen? Von welchen gesellschaftlichen Gruppen werden diese Auseinandersetzungen getragen? Wie stehen sie in einem Zusammenhang mit der Konstituierung des modernen Proletariats und einer möglichen proletarischen Revolution? Welche Versprechungen und Hoffnungen sind damit verbunden, deren möglich-und-wirklich-Werden und das Ausbleiben ihrer Einlösung auch den Erfahrungshintergrund der modernen Dichtung bilden? Welche Rollen spielen die Agrar- und Hungerrevolten in der französischen Revolution, inwiefern agieren Bauern, Handwerker, Arbeiter und Arbeitslose unabhängig von der Bourgeoisie? Was bedeutet die französische Revolution für Frauen und den Frühfeminismus? Wie etablieren sich mit der französischen Revolution spezifische gesellschaftliche Bereiche, die wir heute als Öffentlichkeit und Kultur kennen? Usw. – hierbei sind gern auch unkonventionelle Textformate gefragt (cut-up’s etc.).
2.) Comte de Lautréamont
Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen Text über Comte de Lautréamont beitragen könnte. Der Text soll die Auseinandersetzung mit Lautréamont fortführen, den wir bereits in unserem zweiten Heft begonnen haben (siehe: hier). Im oben beschriebenen Zusammenhang soll Lautréamont als Dichter des Negativen vorgestellt werden, der den katastrophischen Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits antizipierte. Folgende Aspekte erscheinen uns dabei als beachtenswert: Raserei und Rausch der Gewalt in der Dichtung / das Verhältnis der Vernunft zu ihrer dunklen Seite, die sich gewaltvoll Bahn bricht / Repression in den Bildungsanstalten des 18. und 19. Jahrhunderts und Revolte der Jugend / das Verhältnis von Revolution und Gewalt / das Programm einer neuen Dichtung, nach dem nicht ein einziger, sondern alle dichten sollen / Sexualität und Gewalt bei Lautréamont.
3.) Autorinnen des 19. Jahrhunderts
In der Nachbereitung des vierten Themenblocks der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel, Revolution“, ist uns aufgefallen, dass wir mit Hölderlin, Heine, Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire ausschließlich Männer in der Dichtung behandelt haben. Ohne es bewusst intendiert zu haben, haben wir damit einen männlich geprägten Blick auf die Literaturgeschichte reproduziert – ein selektiver Blick, der sich sachlich nicht rechtfertigen lässt, denn es gibt in der von uns fokussierten Epoche zahlreiche Dichterinnen, deren Wirken auch für den Themenkomplex »Verwirklichung der Poesie« interessant und wichtig sein dürfte. Ohne es kaschieren zu wollen, hoffen wir, dieses Ungleichgewicht in der vierten Broschüre wenigstens ein Stück weit korrigieren zu können und fordern euch daher auf, uns Portraits von Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts zuzuschicken (für unseren Themenkomplex bspw. relevant: Olympe de Gouges, Mary Darby Robinson, Karoline von Günderrode, Bettina von Armin, Rahel Varnhagen, uvm.). Auch sie sollen im Kontext der gescheiterten oder ausgebliebenen Revolution und der Widersprüche der Moderne behandelt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, Literatinnen in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Weiblichkeit zu lesen, sondern ihre Werke immanent ernst zu nehmen – auch wenn dabei das Geschlechterverhältnis ein wichtiger Aspekt ist, was sich für Frauen vor allem als ein Schreiben gegen Widerstände dargestellt hat, wie es Virginia Woolf in ihren literaturhistorischen Essays beschrieben hat.
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Alle oben genannten Aspekte und Fragestellungen sind nicht als strenge inhaltliche Vorgaben zu verstehen – wir sind offen für eure inhaltlichen Vorschläge, auch wenn sie in einer Verschiebung oder Korrektur unserer Fragestellung bestehen. Wir nehmen dabei auch Texte an, die unabhängig von den oben genannten Punkten, auf unterschiedliche Weise auf die bisherigen Ausgaben von „Kunst, Spektakel, Revolution“ reagieren. Wichtig ist uns dabei ein Zugang zur Geschichte, der im Benjamin’schen Sinne in einem „Gegen-den-Strich-bürsten“ besteht und von einem rächenden Motiv geleitet wird, das sich einer universellen Emanzipation der menschlichen Gattung verpflichtet sieht. Bezüglich Format und Umfang dienen die Texte der bisherigen drei Ausgaben zur Orientierung (siehe hier: http://spektakel.blogsport.de/broschur/).
Wenn ihr einen Text beisteuern wollt, bitte schickt uns bis zum 19. Mai 2013 ein Abstract an folgende Emailadresse: ksr-reihe[at]web.de (die Redaktion behält sich vor, Textvorschläge abzulehnen). Über einen Deadline-Termin kommunizieren wir dann.
67. Schattenliebe
Zu den Feinheiten von Novalis’ Gedicht gehört das Wort Sonnenschein in der Zeile: “Uns barg der Wald vor Sonnenschein”. Das Wiederlesen bringt mich auf einen allerliebsten und denkwürdigen philologischen Fehler. Heinrich Heine, der in Paris lebte und liebte, wollte nach dem Erfolg seines “Buchs der Lieder” einen zweiten Band folgen lassen. Doch sein Lektor Gutzkow lehnte ab.
Dichter der Reisebilder, man hat Dir viele Sünden vergeben, weil es Dornen an Rosen waren; aber diese neuen, Heine, die nur Dornen sind, vergibt man Ihnen nicht! Für »den ungezogenen Liebling der Grazien« gibt es auch eine Grenze, und diese haben Sie in jener Gesangsmanier längst überschritten. Sie kennen die allgemeine Stimme, die über Ihre Gedichte auf die Pariser Boulevardsschönheiten mit den stolzen Namen: Angelika u.s.w. im Salon in Deutschland herrscht; warum in dieser Manier noch eine so fruchtbare Nachgeburt? Nennen Sie mir die Nation, die solche Sachen in ihre Literatur aufgenommen hat? Wer hat in England, in Frankreich dergleichen zum Jocus der Commis herausgegeben, Gedichte, die man sich vorliest in Tabaksqualm, bei ausgezogenen Röcken, in einem gemieteten Zimmer, unter leeren Flaschen, die auf dem Tische stehen! Beranger scheut sich nicht, von einem nächtlichen Besuch bei einer Grisette zu sprechen; aber sagt er »ich habe mich wohlbefunden«? Spricht sich bei ihm je das Gefühl von Übersättigung und aufgestachelter sinnlicher Trägheit aus? Ich verletze Sie, indem ich dies schreibe, aber ich muß es Ihnen sagen; denn Sie scheinen mir in einer Sorglosigkeit über Ihren Namen befangen, die grenzenlos ist. Sie gehören doch einmal den Deutschen an und werden die Deutschen nie anders machen, als sie sind. Die Deutschen sind aber gute Hausväter, gute Ehemänner, Pedanten, und was ihr Bestes ist, Idealisten.
Aus: Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Hg. von Peter Demetz. Frankfurt am Main / Berlin / Wien: Ullstein 1974. ISBN 3-548-03033-5 (Brief vom 6.8.1838 an Heine)
Lustig, wie Gutzkow selbst den unanständig-französischen Namen Angelique germanisiert. Die Formulierung vom »ungezogenen Liebling der Grazien« stammt von Goethe, der sie auf Aristophanes anwendet. Das für die deutschen Biedermänner Unannehmbare: Heine besingt in der “Hauptstadt des 19. Jahrhunderts” nicht die Liebe als (platonische) Himmelsmacht, sondern leibliche Liebe mit leichten Pariser Mädchen. (Man bedenke, daß Baudelaire ein begeisterter Leser Heines war und seine “Blumen des Bösen” noch ungeschrieben.)
Heine repliziert:
Ich glaube überhaupt, bei späterer Herausgabe, kein einziges dieser Gedichte verwerfen zu müssen, und ich werde sie mit gutem Gewissen drucken, so wie ich auch den Satyrikon des Petron und die römischen Elegien des Goethe drucken würde, wenn ich diese Meisterwerke geschrieben hätte. Wie letztere sind auch meine angefochtenen Gedichte kein Futter für die rohe Menge. Sie sind in dieser Beziehung auf dem Holzwege. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behandlung eines frevelhaften und allzu natürlichen Stoffes ein geistreiches Vergnügen gewährt, können an jenen Gedichten Gefallen finden. Ein eigentliches Urteil können nur wenige Deutsche über diese Gedichte aussprechen, da ihnen der Stoff selbst, die abnormen Amouren in einem Welttollhaus, wie Paris ist, unbekannt sind. Nicht die Moralbedürfnisse irgendeines verheirateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst kommt hier in Frage… «
An Gutzkow, 23.8. 1838.
Kurz, das Buch erschien nicht. Jahre später nahm Heine viele dieser Gedichte in seine “Neuen Gedichte” auf. Der frühe Pariser Zyklus wurde erst 1982 bei Insel Leipzig rekonstruiert. Und jetzt der philologische Fehler. In der Erstausgabe der “Neuen Gedichte” von 1844 enthält das Gedicht “Schattenküsse, Schattenliebe” zwei sehr bezeichnende Druckfehler. Hier das Gedicht in der ersten Druckfassung:
Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?
Was wir lieblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.
In dieser Form wurde es mehr als 130 Jahre lang gedruckt. Erst für die Rekonstruktion von 1982 korrigierte die Herausgeberin Renate Francke aus Heines Handschrift. Außer der Interpunktion (auf deren getreuer Übernahme Heine bestand) betreffen die Fehllesungen zwei Wörter. Statt wunderbar in der zweiten Zeile muß es heißen: wandelbar. Aus der moralisch verdächtigen Wandelbarkeit der “Schattenliebe” wird “wunderbar”, ein Wort, das perfekt ins deutsche Biedermeier paßt. Heine wußte es. “Die Liebe muß sein platonisch / der dürre Hofrat sprach. / Die Hofrätin lächelt ironisch / und dennoch seufzet sie: ach!”.
Noch schöner der zweite Fehler. Statt lieblich am Anfang der zweiten Strophe muß es heißen leiblich. Leiblich! Aus einem Gedicht über Heines sensualistisches, antidualistisches Programm, aus Heines Realismus wird deutsches Biedermeier. Hier das Gedicht in seiner Originalgestalt:
Seraphine
IX.
Schattenküsse, Schattenliebe
Schattenleben, wandelbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?
Was wir leiblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.
In: Heinrich Heine: Buch der Lieder Zweiter Band. Aus dem Nachlaß rekonstruiert von Renate Francke. Leipzig: Insel Verlag, 1978, S. 38. (Dort wurden die 2 Fehler aus der Handschrift korrigiert, die Orthographie modernisiert – aus Träumereyn wurde Träumerein, die Interpunktion Heines jedoch original beibehalten.)
Bis heute aber steht Heines Gedicht in vielen Büchern und Internetquellen in der falschen Fassung, in der es harmlos und unverständlich ist. Und die Germanistik? Die hat die Fehler stillschweigend korrigiert. Siehe etwa in Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2006 (u. öfter). Damit versündigen sie sich ein zweites Mal am Autor und am Leser.
119. Antidepressiv
“Had Prozac been available last century, Baudelaire’s ‘spleen,’ Edgar Allan Poe’s moods, the poetry of Sylvia Plath, the lamentations of so many other poets, everything with a soul would have been silenced,” New York Times bestseller Nicholas Nassim Taleb writes in his latest book, Antifragile: Things That Gain From Disorder. / mehr
18. Lampingsche Variable
Sollte es wirklich, wie Enzensberger suggeriert, am Ende mehr Verfasser als Leser von Gedichten geben? Allerdings fallen einem schon Lyrikbände ein, die sich auf Anhieb und nicht erst im Lauf eines Jahrhunderts sehr viel besser verkauften als 1.354 Mal. Wolf Wondratscheks im Selbstverlag erschienene Gedichtsammlung „Chuck’s Zimmer“ von 1974 soll binnen kurzem eine sechsstellige Auflagenhöhe erreicht haben. Lawrence Ferlinghettis „A Coney island of the mind“ ist angeblich in einem Jahr eine Million Mal verkauft worden. Aber das sind natürlich Ausnahmen. Gerade die Klassiker der Moderne erreichten nur ein viel kleineres Publikum. Selbst Charles Baudelaires „Fleurs du mal“, ein Paradebeispiel für großen, aber späten Erfolg, erschien in einer ersten Auflage von gerade 1.100 Exemplaren. Die zweite, vier Jahre später, betrug immerhin schon 1500. Stephane Mallarmés „L’apres-midi d’un faune“ kam zuerst in einer Auflage von 195 Exemplaren auf den Markt – wenn man da von einem Markt reden kann. Rimbauds „Une saison en enfer“ wurde 500 Mal gedruckt und war nach 40 Jahren noch nicht vergriffen. (…)
Sobald man das Radio einschaltet, hört man dagegen unentwegt, unterbrochen nur von Verkehrsmeldungen oder Nachrichten und kurzen, durchaus überflüssigen Überleitungen: Lyrik. Sie heißt allerdings anders: nämlich Schlager, Song, Chanson, auch Lied. Kurt Tucholsky hat sie, nicht ganz freundlich, „Lyrik der Antennen“ genannt. Möglicherweise ist diese Art von Gedichten gleichfalls ein Anachronismus, aber das hat noch keiner gemerkt. Man verlangt nach ihr, und nicht nur in dieser Hinsicht ist sie auf der Höhe der Zeit. Gar nicht so selten ist sie auch auf der Höhe des Geschmacks. Längst haben sich Chansonniers, Songwriters und Liedermacher einen Ruf als Dichter verdient. Und zwar zu Recht. Die Namen kennt jeder.
Die erste Verbindung, die das Gedicht einging, war die mit der Musik. Es ist bis heute ihre erfolgreichste. Wieviele auch immer solchen Lyrikdarbietungen im Fernsehen oder im Radio zuhören mögen: Es sind durchweg weit mehr als 1354. Das ist allenfalls die Verkaufszahl sehr erfolgloser Alben, die aber auch nicht im Radio gespielt werden. Ansonsten muss man ständig mit einem Vielfachen von 1354 rechnen, das allerdings nicht genau zu ermitteln ist. Insofern ist der Schluss erlaubt, dass die Zahl der Lyrikleser und -hörer sehr veränderlich ist, wechselnd von Medium zu Medium, vielleicht sogar von Autor zu Autor – eben eine Variable. Und jetzt hat sie auch einen Namen.
/ Dieter Lamping, literaturkritik.de
Lampings Literaturhinweise
- Hans Magnus Enzensberger: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: Ders.: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt a.M. 1988, S. 23-41. Zitate S. 23.
- Hans Magnus Enzensberger: Meldungen vom lyrischen Betrieb. Drei Metaphrasen. In: Ders.: ZICKZACK. Drei Aufsätze. Frankfurt a.M. 1997, S. 182-199. Zitate S. 184.
- Kurt Tucholsky: Lyrik der Antennen. In: Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hg. von Marie Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band 9: 1931. Reinbek bei Hamburg 1993, S. 280-282.
- Zu den Verkaufszahlen der Klassiker: Octavio Paz: Die andere Stimme. Dichtung an der Jahrhundertwende. Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkopf. Frankfurt a.M. 1994, insbes. S. 85-105.
105. Kamtschatka der Romantik
Noch einmal Baudelaire. “Folie Baudelaire”, der Wahn Baudelaire, so der Titel von Calassos Buch über den Dichter, nimmt eine gehässig gemeinte Formulierung des Kritikers Charles-Augustin Sainte-Beuve auf und wendet sie ins Positiv. Sainte-Beuve war ein einflußreicher Literaturkritiker und seit 1844 Mitglied der Akademie. 1861, als die beiden Akademiker Eugène Scribe und Henri Lacordaire starben und damit ihre Sitze frei wurden, bewarb sich Baudelaire (der Prozeß, der zum Verbot einiger Gedichte der Flairs du mal führte, lag erst wenige Jahre zurück) um einen Platz in der Akademie. Aber die Sainte-Beuves widersetzten sich und siegten, sie blieben unter sich. Baudelaire aber wurde Mitglied der stets imaginären Akademie der Geister.
Und Sainte-Beuve? Seine Vornamen muß ich immer wieder nachschlagen. Er überlebte sozusagen als Insekt im Bernstein Baudelaires. In Hugo Friedrichs “Struktur der modernen Lyrik” las ich als Diktum Baudelaires: “Um die Seele eines Dichters zu durchschauen, muß man in seinem Werk diejenigen Wörter aufsuchen, die am häufigsten vorkommen. Das Wort verrät, wovon er besessen ist.” Auch belesene Autoren machen Fehler, der Satz stammt nicht von Baudelaire. Friedrich fand es und exzerpierte vermutlich für seine Materialsammlung bei Baudelaire, aber er verkürzte das Zitat, wie das beim Abschreiben passiert. Bei Baudelaire steht: “Bei einem Kritiker lese ich: ´Um die Seele eines Dichters zu erraten, oder zumindest das, was ihn vor allem beschäftigt, durchforsche man seine Werke nach dem Wort oder den Worten, die darin am häufigsten auftreten. Dem wird man entnehmen, wovon er besessen ist.´” So in der Ausgabe Sämtliche Werke, Hrsg. Friedhelm Kemp und Claude Pichois, Bd. 7, S. 177.
Der Kritiker war Sainte-Beuve. Und so kursiert wenigstens ein Zitat des Kritikers unter falschem Namen bei deutschen Lesern der französischen Moderne. Und vielleicht noch ein zweites? Die Stelle mit dem Kiosk auf dem romantischen Kamtschatka ist es wert, aufbewahrt zu werden.
97. Neuer Baudelaire
Auf Umwegen nähert sich Calasso der Welt Baudelaires, um so in ihr Zentrum zu stossen. Er beginnt mit einem Brief Baudelaires, der seine Mutter einlädt, sich mit ihm im Louvre zu treffen. In der einfach-komplizierten Faktur dieses ganz persönlichen Briefs entdeckt Calasso das ganze Geheimnis von Baudelaires Stil. Für Calasso ist die Prosa, von den Gemäldekritiken seiner «Salons» bis zu den Briefen, Baudelaires eigentlicher Ruhm. Dass Baudelaire ein grosser Prosaist ist, der die Gabe memorabler Formulierung besitzt, ist eine Entdeckung Calassos, dem die Lyrik mit ihrer doch unvergleichlichen poetischen Energie ferner steht. Zwar findet er für sie immer wieder, wenngleich nicht vorbehaltlos, rühmende Worte, aber vor allem ist er ein Wünschelrutengänger für die geballte Intensität der beschreibenden und theoretischen Prosa, die oft noch kein Leser wahrgenommen hat und aus deren Erweckung ein neuer, bedrängend naher Baudelaire ersteht. (…)
Calassos Darstellung spiegelt Baudelaires Welt in all ihren Facetten. Dabei ist es kaum vermeidbar, dass auch manches keine Beachtung findet, was man für Baudelaires geistige Physiognomie als nicht unerheblich ansehen möchte. Dies gilt insbesondere für Baudelaires Erfahrung der Melancholie. In ihrer Mitte steht Dürers Kupferstich der Melencolia, der sich seinem Werk vielfältig eingeschrieben hat. Überraschend mag auch erscheinen, dass Calasso dem Komplex von Dichtung und psychischem Grenzzustand nicht nachgeht, wie er im Sonett «Auf Tasso im Gefängnis» («Sur le Tasse en prison») seinen Ausdruck findet, das sich seinerseits an Delacroix’ gleichnamigem Bild inspiriert. Auch stand Baudelaire wohl dem subtilen Prosaisten und in die Dimension der lyrischen Dunkelheit vorstossenden Dichter Nerval näher, als es bei Calasso erscheinen mag. Dennoch: Nie wurde Baudelaires Welt, die Welt der Moderne, die im Paris des 19. Jahrhunderts ihre geistige Physiognomie fand, mit so treffender und leichter Hand beschworen wie in Calassos «Folie Baudelaire». / Karlheinz Stierle, NZZ
54. Freund des Verbrechers
Aus dem L&Poe-Archiv, September 2007:
65. Baudelaire siebenfach
Karen Volkman bespricht in der Boston Review, July / August 2007 (ins Netz gestellt von Poetry Daily) eine Neuübersetzung von Baudelaires “Blumen des Bösen” durch den amerikanischen Lyriker Keith Waldrop. Hier zwei französische (!) und drei englische Fassungen der ersten Strophe von Baudelaires Gedicht “”Le Crépuscule du Soir” (Die Abenddämmerung). Für dieses Gedicht nämlich gibt es eine Variation in den postum erschienenen Prosagedichten “Le Spleen de Paris”. Ich füge die beiden deutschen Prosafassungen aus der Ausgabe von Friedhelm Kemp dazu.
Das Gedicht aus den Fleurs du mal:
Voici le soir charmant, ami du criminel;
Il vient comme un complice, à pas de loup; le ciel
Se ferme lentement comme une grande alcôve,
Et l’homme impatient se change en bête fauve.
[Here is charming evening, the criminal's friend;
it comes like an accomplice, with a wolf's step; the sky
slowly closes itself like a great alcove,
and impatient man changes into wild beast.]
[Der holde Abend naht, der Freund des Verbrechers; wie ein Komplize naht er, auf wölfisch leisen Sohlen; langsam schließt sich der Himmel wie ein großer Alkoven, und ungeduldig verwandelt der Mensch sich in ein räuberisches Tier.]
Baudelaires Prosafassung:
Le jour tombe. Un grand apaisement se fait dans les pauvres esprits fatigués du labeur de la journée; et leurs pensées prennent maintenant les couleurs tendres et indécises du crépuscule.
[Day falls. A great easing spreads in the poor spirits weary from the day's labor; and their thoughts now take the tender and indecisive colors of twilight.]
[Der Tag sinkt. Friede breitet sich aus in den armen, von ihrem Tagwerk ermüdeten Seelen, und ihre Gedanken nehmen nun die zarten, verschwimmenden Farben der Dämmerung an.]
Nun die neue Übersetzung des Gedichts durch Waldrop:
Enchanting evening has come, friend of criminals; it approaches as accomplice, stealthily; the sky draws curtains as if around a gross bedchamber and impatient man changes into wild animal.
The Flowers of Evil, Charles Baudelaire, translated by Keith Waldrop
Hier der Originaltext aus der Ausgabe von 1857 mit weiteren englischen Fassungen
91. “Überdichter”
Bewegend sind biografische Anekdoten über den ungeliebten Stiefvater, der Baudelaire verstoßen hatte. In Gegenwart des General Aupick durfte nicht mal der Name des Dichters geäußert werden.
Das aber taten die ahnungslosen Jungschriftsteller Maxime Du Camp und Gustave Flaubert bei einer Begegnung am Bosporus, als sie mit der Frage konfrontiert wurden, ob es in Paris wohl hoffnungsvollen literarischen Nachwuchs gebe. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Das Resultat: eiskaltes Schweigen. Später, heimlich, tritt Baudelaires Mutter an Du Camp heran, der noch nicht ahnt, mit wem er es zu tun hat. “Nicht wahr, er hat Talent?”, lautet ihre Frage.
Während des Lesens fragt man sich gelegentlich, was hier eigentlich beeindruckender ist, Calassos scharfsinnige Interpretationen von Gedichten und im Buch farbig abgebildeten Gemälden oder das enzyklopädische Wissen, das er nicht einfach anhäuft, sondern zu einer fesselnden Kulturgeschichte verknüpft. Im Zentrum steht der titelstiftende Traum Baudelaires von einem Museumsbordell, den Calasso ausführlich kommentiert. Traum und Traumdeutung sind aus dem Moderne-Kontext nicht wegzudenken.
Das Buch, Teil eines groß angelegten Oeuvres über Literatur, Kunst und Mythologie, ist Stimulans und Augenöffner. Wer sich für den Überdichter Baudelaire begeistert, kommt an Calasso nicht vorbei. / Tobias Schwartz, Die Welt
Roberto Calasso: Der Traum Baudelaires. Aus dem Italienischen von Reimar Klein. Hanser, München. 496 S., 34,90 €
21. Miraji (1912-1949)
Damals versuchten die drei Dichter Miraji, Tasadduq Husain Khalid und Rashid, freie Verse in die Urdu-Dichtung einzuführen. Am mutigsten und zuversichtlichsten unter ihnen Miraji. Er bezog seine Inspiration aus drei Quellen: der westlichen Literatur, der modernen Psychologie und der alten Hindumythologie.
Er veröffentlichte eine Reihe von Artikeln in der Zeitschrift Adabi Duniya , die Maulana Salahuddin in Lahore herausgab. Darin stellte er führende westliche und östliche Dichter vor, darunter François Villon, Charles Baudelaire und Mallarmé, Whitman und Poe, DH Lawrence und Katherine Mansfield, Puschkin, Heine, Sappho, Li Bai und die Inder Chandidas und Vidyapati Von jedem übersetzte er ausgewählte Gedichte
Stärker als jeder Zeitgenosse verdient er es, als moderner Dichter im wahrsten Sinne des Wortes “Moderne” angesehen zu werden. Vielleicht hat Akhtar Suliman recht, wenn er ihn einen Vorläufer der modernen Urdudichter nennt. / Intizar Husain, dawn.com
32. Korrespondenzen
Hinter der Idee zum Verlagsnamen stecke nicht nur ein literarischer Bezug (das Sonett „Correspondances“ von Charles Baudelaire), sondern auch eine ganz praktische Begegnung. Ich solle mal an die Pariser Metro denken, da stehe überall „correspondance“ für die Verbindungen/Umsteigemöglichkeiten in den einzelnen Metro-Stationen, die die Fahrgäste durch das dichte Liniennetz lenken. Für Ziegler entfaltet sich aus dem Begriff Verbindung und seinen inhaltlichen Ableitungen daraus wie Netz/Geflecht, sich kreuzende Linien sein Ursprungsprojekt: Das Verlegen einer Literatur aus dem deutschen Sprachraum und ihrer Erweiterung auf die angrenzenden Nachbarländer in Richtung Osten, den Sprung wagen über Sprach- und Nationalitätsgrenzen hinaus und dabei renommierte Autoren mit internationalem Format miteinander verknüpfen. (…)
Der Verlag selbst verpasst sich das ästhetische Signet „sprach- und formbewusster“ Literatur aus den Ländern Mitteleuropas. Die Hälfte seien deutschsprachige Titel wie etwa die von Ilse Aichinger: Die ist einfach bekannt, sagt Ziegler. Sie zählt neben dem deutschen Schriftsteller Kurt Drawert, dem tschechischen Dichter Petr Borkovec, der in Berlin lebenden slowenischen Lyrikern Maruša Krese und der slowakischen Dichterin Mila Haugová zu den Autoren und Autorinnen der ersten Stunde – dem Beginn eines „mitteleuropäischen Lyrikdialogs“. Nahezu unbekannte Dichter bekamen durch Übersetzungen auch andernorts eine Stimme. Später kamen Autoren hinzu wie Zsuzsanna Gahse, Oswald Egger, Anja Utler. / hotlist-online