Getagged: Carles Riba

42. Vielsprachig

[...] Die Texte, die jeweils im Original und in einer deutschen Übersetzung präsentiert werden, entstammen dem Chinesischen, ecuadorianischen Spanisch, Französischen, Griechischen, Italienischen, Hebräischen, Japanischen, Katalanischen, Serbischen, Slowakischen, Ungarischen sowie dem Wolof. An die Seite gestellt wird den Lesern jeweils ein Reiseführer in Form eines Kommentars, der die jeweilige Literaturregion und ihre Sprache vorstellt, Interpretationsangebote macht und weiterführende Lektüre empfiehlt.

Vorgestellt und kommentiert werden:
- Konstantínos Kaváfis: Zweite Odyssee
- Giuseppe Ungaretti: Nostalgia
- Milos Crnjanski: Strazilovo
- Miyazawa Kenji: Phantasie einer Reisestrecke
- Jules Supervielle: Marseille
- Xu Zhimo: Erneuter Abschied von Cambridge
- Gonzalo Escudero: Heft von New York in Flammen
- Carles Riba: Elegie VII
- Mikós Radnóti: Gewaltmarsch
- Lea Goldberg: Tel Aviv 1935
- Khadi Fall: Das Unbehagen, mich selbst als Schriftsteller zu bezeichnen
- Mila Haugová: Der geschlossene Garten (der Sprache)

Brigitte Rath u. Slávka Rude-Porubská  (Hg.): Vom Verreisen in Versen. Zwölf Gedichte aus zwölf Sprachen: Original – Übersetzung – Kommentar, vielsprachig. Leipzig : Leipziger Literaturverlag 2013

/ Leipziger Literaturverlag

37. Wo Lyrik noch etwas relevanter zu sein scheint

Die katalanische Tageszeitung ARA gibt zusammen mit dem Verlag Edicions 62 in diesem Herbst eine 42-bändige Buchreihe »Els millors poetes catalans del segle XX« [›Die besten katalanisch(sprachig)en Dichter des 20. Jahrhunderts‹] heraus. Begleitend dazu wurde für die Ausgabe vom 11. 9. eine 44-seitige Lyrik-Sonderbeilage mit Beiträgen renommierter Journalisten, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler gedruckt.

Jede Woche erscheint ein Band zum Preis von 9,90 Euro (wer die ganze Reihe bestellt, erhält 20% Rabatt, Abonnenten der Zeitung sogar 30%). Zum Auftakt wurde die sehr bekannte Antologia general von Josep Maria Castellet und Joaquim Molas neu aufgelegt. Es folgen 41 Bücher von 33 Autor/inn/en (bei besonders bedeutenden sind es auch mal zwei Bände).

Eine bemerkenswerte Marketing-Idee: Beim Erwerb der gesamten Reihe kann die/der Käufer/in ohne jegliche Zusatzkosten einer Schule ihrer/seiner Wahl eine komplette Sammlung schenken.

Ob dadurch wirklich mehr Lyrik gelesen werden wird? Ein wenig auf jeden Fall, glaube ich, denn wer sich – und sei es aus Prestige- oder Allgemeinbildungsgründen – ein paar Bände sagen wir mal Maragall, Riba, Espriu, Ferrater oder Maria-Mercè Marçal  ins Regal stellt (und erst recht, wenn es die ganze Reihe ist), die/der wird dann doch vielleicht eher mal hineinschauen, vielleicht einfach ein Gedicht, das ihr/ihm noch in Gedächtnis ist, nachschlagen oder suchen usw.

Schön finde ich aber darüber hinaus den kultur- und literatursoziologischen Aspekt. Lyrik wird hier offensichtlich weder als marginale Erscheinung gehandelt (obwohl de facto auf zeitgenössischen Poesie-Lesungen in Barcelona oder Lleida im Schnitt kaum mehr Zuhörer anzutreffen sind als in Berlin oder Regensburg) noch als Goldschnitt-Paraphernalium des Bildungsbürgertums oder als Schulpflichtlektüre.

[Natürlich kann man auch Einwände formulieren. Zum Beispiel, dass hier wohl letztlich ein politischer Wille dahintersteckt. Das stimmt, aber dazu kann ich sagen, dass im Koordinatensystem der katalanischen Identität die Lyrik von jeher eine große Rolle gespielt hat (wie natürlich die Sprache überhaupt). Außerdem finde ich es immer noch besser, sich über Gedichte zu definieren als über gewonnene Schlachten. Oder dass die Sammlung nur Autoren umfasst, die bereits gestorben sind. Da denke ich, dass die Herausgeber bewusst die Rangelei vermeiden wollten, die dort (nicht anders als hierzulande) losgegangen wäre.]

Alles in allem eine tröstliche Angelegenheit im Vergleich zu dem, was in #113 vom September vermeldet wird. Und vielleicht kontert die SZ-Bibliothek nun mit den besten oder bekanntesten deutschsprachigen Dichter/inne/n des 20. Jahrhunderts?

23. Eine katalanische Sappho-Rezeption

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Von Àxel Sanjosé

Es wird kaum verwundern, dass Carles Riba (1893–1959) sich auch mit Sappho beschäftigte, hat er doch neben seinem lyrischen und essayistischen auch ein umfangreiches übersetzerisches Werk hinterlassen, in welchem die griechischen Klassiker einen Schwerpunkt bilden (u.a. die Odyssee, Aischylos, Sophokles und Euripides sowie Plutarch). 1914, also noch während des Studiums, schrieb er katalanische Versionen einiger Sappho-Fragmente nieder, die er später z.T. überarbeitete, die aber zu Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung gelangten.

Ich gebe hier Ribas Fassung des Fragments LP 31 (in normalisierter katalanischer Rechtschreibung), dazu eine möglichst wortlauttreue deutsche Version:

Em sembla igual als déus aquell home qui s’asseu davant de tu i t’escolta de la vora, com dolçament parles
i rius amablement; la qual cosa m’esbalaeix el cor dins el pit, car totseguit que et miro, la veu tota se me’n va.
I la llengua se’m paralitza, i un foc subtil em corre per sota la pell, i no veig res amb els ulls, i hi ha un brunziment dins les meves oïdes.
I la suor em raja, i tota sóc presa de tremolor, i devinc més pàl·lida que l’herba, i tota semblo que estigui a punt de morir…

Den Göttern gleich scheint mir jener Mann, der sich vor dich hinsetzt und dir aus der Nähe zuhört, wie du sanft sprichst
und freundlich lachst; dieses nämlich bestürzt mein Herz in der Brust, denn sobald ich dich anschaue, bleibt meine Stimme ganz weg.
Und meine Zunge erstarrt, und ein leichtes Feuer läuft mir unter der Haut, und ich sehe nichts mit den Augen, und ein Schwirren ist in meinen Ohren.
Und der Schweiß rinnt, und ich bin ganz von Zittern erfasst und werde blasser als das Gras und sehe ganz so aus, als müsste ich gleich sterben …

Die Auseinandersetzung mit Sappho war für Ribas eigenes poetisches Schaffen offensichtlich von nachhaltiger Bedeutung. Neben mehreren Anspielungen auf die zitierte Sappho-Szene findet sich in der Nr. 32 seiner Estances (I) ein direkter intertextueller Bezug, der Zitat und poetologische Aufarbeitung zugleich ist. Interessant ist, wie die sapphischen Elemente reproduziert, aber zugleich verneint werden: Der Negativ-Aufzählung der sinnlich-körperlichen Phänomene, die sich aus der verstörenden Nähe der Angebeteten ergibt, folgt im Gegenzug, exakt zur Hälfte des Gedichts, ein (eher episch wirkendes) Bild, das eine Art mentaler Überwindung der erotisch bedingten Willens- und Sprachlosigkeit darstellt. Unmittelbarkeit und Reflexion, die sich, zumindest formal, die Waage halten: durchaus ein poetischses Programm. Auch hier füge ich eine wortlautnahe Übertragung hinzu, leider unter Komplettverlust der sehr kunstvoll miteinander verbundenen Alexandriner.

Tu apareixes. No la roja meravella
que per damunt ma galta fa un súbit llengoteig,
no el tremolor que ajup l’envanida parpella
i la paraula forta esderna en balbuceig,

són, oh Amor d’amors, l’essència del miracle
que, en seure prop de tu i oir-te, en mi es difon.
Oh, sabessis! dels pensaments, quin dolç sotrac la
turba perplexa ordena darrera el mur del front!

Així a l’assamblea dels ciutadans el guia
fiat obre les ales del seu discurs serè,
i d’home a home passa una ardent correntia
i alcen tots junts els braços amb un igual voler.


Du erscheinst. Nicht die rote Wundererscheinung,
das auf meiner Wange plötzlich züngelt;
nicht das Zittern, welches das eitle Lid senkt
und das starke Wort zu bloßem Stammeln zerschmettert,

sind, oh Liebe aller Lieben, das Wesen des Wunders,
das, wenn ich mich in deine Nähe setze und dir zuhöre, in mir sich ausbreitet.
Ach, wüsstest du nur! von den Gedanken, welch süße Erschütterung
die erstaunte Menge ordnet hinter der Mauer der Stirn!

So öffnet in der Bürgerversammlung der Anführer
vertrauensvoll die Flügel seiner wohlbedachten Rede,
und von Mann zu Mann überträgt sich eine glühende Strömung,
und alle erheben gemeinsam die Arme mit gleichem Willen.

76. Die “Elegies de Bierville” von Carles Riba (Lyrikwiki Labor)

Neu im Lyrikwiki Labor:

Einen interessanten Fall stellen die Elegies de Bierville von Carles Riba dar. Hierzulande sind sie kaum bekannt, im katalanischsprachigen Raum gelten sie als eines der Hauptwerke des 20. Jahrhunderts. Geschrieben 1939 bis 1942 während des Exils in der französischen Provinz (Gut Bierville bei Boissy-La-Rivière, 60 km südlich von Paris), entsprechen sie auf den ersten Blick der Schillerschen Definition: Klage über Verlust. Sie sind aber zugleich eine geistige Auseinandersetzung mit den Prämissen abendländischer Kultur, Reflexionen über Identität und Gemeinschaft, über Wandel und Dauer sowie – für den Dichter in diesem Ausmaß damals neu – über die Existenz eines Gottes im christlichen Sinn, alles vor dem Hintergrund eines mythisch-idealen Griechenlands bzw. Mittelmeers [nicht umsonst war Riba der ›Entdecker‹ Hölderlins in den 20er Jahren mit nachhaltiger Wirkung: Heute ist Hölderlin zumindest in literarischen Kreisen auch auf der iberischen Halbinsel eine Ikone, zuvor kannte man ihn dort so gut wie gar nicht].

Auch formal sind die Elegies interessant: Riba überträgt das elegische Distichon ins Katalanische und verweist im Nachwort als Beispiel für die Adaption dieser antiken Form auf Goethes Römische Elegien. Letztlich übernimmt er also den Opitzschen Grundsatz »antike Länge –> Betonung«, wendet also (anders als etwa Carducci im Italienischen) in einem überwiegend silbenzählenden metrischen Umfeld eine nach dem regulierten Abwechseln von Hebungen und Senkungen organisierte Struktur an. Er wählt mit dem elegischen Distichon darüber hinaus ein vergleichsweise komplexes Muster, das andererseits durch die im Spondeus verankerten Möglichkeit, drei- und zweisilbige Einheiten abzuwechseln, den prosodischen Gegebenheiten romanischer Sprachen sicherlich eher entgegenkommt als etwa der ›einfachere‹ Blankvers. Antiker Form sich nähernd, allerdings via Deutschland.

So knüpft Riba an die Tradition der – ihm sehr vertrauten – Antike an (er hatte selber zahlreiche griechische Klassiker ins Katalanische übertragen) und stellt im selben Atemzug die Verbindung zur deutschen Klassik her (die ihm ebenfalls nah ist, s.o.). Durch die Einführung der »deutschen« Distichen erweitert er die Möglichkeiten der poetischen Ausdrucksweise im Katalanischen (und letztlich der Romania) und schafft im eigenen Werk eine kohärente Synthese von »humanistischer« Form und humanistischem Gedankengut.

Hier die ersten vier Zeilen aus der zehnten, der wohl berühmtesten:

X
He somiat amb Orfeu a la porta oberta de l’Ombra.
Una absència d’espill ha devorat els meus ulls
ebris encar de mirar-se en el maig turbulent de les coses,
plens d’abocar sobre el cel tantes aurores del cor.
[...]

|He so|miat amb Or|feu a la |porta_o|berta de| l’Ombra.
|Una_ab|sència d’es|pill ||ha devo|rat els meus |ulls
|ebris en|car de mi|rar-se_en el |maig turbu|lent de les |coses,
|plens d’abo|car sobre_el |cel ||tantes au|rores del |cor.
<Synaloephen durch Unterstrich angezeigt

Ich habe von Orpheus geträumt an der offenen Pforte des Schattens,
und Spiegellosigkeit hat ganz meine Augen verzehrt,
die trunken noch war’n, sich im wirbelnden Mai der Dinge zu schauen,
und, überlaufend, in den Himmel gossen so viel Herzmorgenrot.

(Beitrag von Àxel Sanjosé)

127. Ithaka im Sinn

In seinem vielzitierten Gedicht «Ithaka» beschreibt der Diaspora-Grieche Konstantinos Kavafis das Leben als permanente Migration: «Brichst du auf gen Ithaka / wünsch dir eine lange Fahrt, voller Abenteuer und Erkenntnisse. Die Lästrygonen und Zyklopen fürchte nicht.» Als in den sechziger und siebziger Jahren griechische Arbeitskräfte unter den Argusaugen deutscher Amtsärzte in Athen und Thessaloniki reihenweise ihre «Prüfung» bestehen mussten, ehe sie sich endlich per Sonderzug oder Fährschiff auf die grosse Fahrt ins Jenseits ihrer bekannten Welt begeben durften («Halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier / Und erwirb die schönen Waren: Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz») – da haben auch diese Migranten ihre Lebenswege in einer Art elliptischen Bewusstseins als Odyssee imaginiert, als Irrfahrt zwar, die sich aber mit ihrer heldischen Heimkehr kreislaufartig wieder schliessen sollte: «Immer aber halte Ithaka im Sinn. Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt. Doch beeile nur nicht deine Reise. Besser ist, sie daure viele Jahre.» / Manuel Gogos, NZZ

93. Grenzen sind Straßen

Im Umfeld der Vorbereitungen für den Auftritt der katalanischen Kultur als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2007 wurde vom Institut Ramon Llull (dem katalanischen Kulturinstitut) ein Buchprojekt über die Verbindungen zwischen der deutsch- und der katalanischsprachigen Kultur ins Leben gerufen. Herausgegeben von Arnau Pons und Simona Škrabec sind unter dem etwas seltsamen Titel „Grenzen sind Straßen“ zwei Bände mit je über 450 Seiten erschienen (parallel dazu jeweils die katalanische Fassung), in denen über 150 Fachleute aus zahlreichen akademischen Disziplinen in kurzen, meist vier- bis sechsseitigen Beiträgen einzelne Aspekte dieser ungleichen Beziehung beleuchten.

Jetzt hat auch die Vertretung der Regierung von Katalonien in Deutschland den Titel auf ihrer Website angekündigt, was ich zum Anlass für diesen Hinweis nehme.

Die Bände bieten Exkurse in Literatur, Film, Kunst, Architektur, Tanz, Musik, Philosophie, Soziologie, dazu einige geschichtliche und sprachwissenschaftliche Kurzdarstellungen. Leser können dank der Kürze der Texte (die nicht nur thematisch recht unterschiedlich ausfallen) und der reichen Bebilderung wie in einem Magazin blättern und aus dem rezeptionsgeschichtlichen Mosaik das eine oder andere über diese seltsame Geschichte mitten aus Europa erfahren.

Es ist auch viel Lyrik zu finden, so etwa Beiträge über Ausiàs March, Jacint Verdaguer, Joan Maragall, Carles Riba, Salvador Espriu, Agustí Bartra, Joan Vinyoli, Gabriel Ferrater, Vicent Andrés Estellés, Joan Brossa, Miquel Martí i Pol, Maria Mercè Marçal, Andreu Vidal oder Feliu Formosa, aber auch über den Einfluss Goethes, Hölderlins, Novalis’, Rilkes, Brechts, Celans und anderer auf die Dichtung in Katalonien, den Balearen und València. Darüber hinaus gibt es jeweils einen Überblick über die Lyrik-Übersetzungen aus dem Katalanischen ins Deutsche und umgekehrt, verstreut sind auch Gedichte der meisten eben genannten sowie weiterer Autoren zu finden. Es kommt nicht von ungefähr, dass in dieser Aufzählung die meisten bedeutenden katalanischsprachigen Lyriker zu finden sind, denn die Rolle der deutschen Dichtung als Bezugspunkt ist bis an den heutigen Tag besonders spürbar.

Die Bände sollten in jeder romanistischen Institutsbibliothek stehen und hoffentlich auch in Staats- und Stadtbibliotheken, die etwas auf sich halten.

Arnau Pons, Simona Škrabec (Hrsg.): Grenzen sind Straßen. Verbindungen zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur. 2 Bde. Institut Ramon Llull, Barcelona 2008 u. 2009, 464 u. 488 S.

 /àxel sanjosé

68. Meine Anthologie 13: Friedrich Hölderlin, Mnemosyne

Mnemosyne*

Reif sind, in Feuer getaucht, gekochet
Die Frücht und auf der Erde geprüfet und ein Gesetz ist,
Daß alles hineingeht, Schlangen gleich,
Prophetisch, träumend auf
Den Hügeln des Himmels. Und vieles
Wie auf den Schultern eine
Last von Scheitern ist
Zu behalten. Aber bös sind
Die Pfade. Nämlich unrecht
Wie Rosse, gehn die gefangenen
Element und alten
Gesetze der Erd. Und immer
Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist
Zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See.

Wie aber Liebes? Sonnenschein
Am Boden sehen wir und trockenen Staub
Und heimatlich die Schatten der Wälder und es blühet
An Dächern der Rauch, bei alter Krone
Der Türme, friedsam; gut sind nämlich,
Hat gegenredend die Seele
Ein Himmlisches verwundet, die Tageszeichen.
Denn Schnee, wie Maienblumen
Das Edelmütige, wo
Es seie, bedeutend, glänzend auf
Der grünen Wiese
Der Alpen, hälftig, da, vom Kreuze redend, das
Gesetzt ist unterwegs einmal
Gestorbenen, auf hoher Straß
Ein Wandersmann geht zornig,
Fern ahnend mit
Dem andern, aber was ist dies?

Am Feigenbaum ist mein
Achilles mir gestorben,
Und Ajax liegt
An den Grotten der See,
An Bächen, benachbart dem Skamandros.
An Schläfen Sausen einst, nach
Der unbewegten Salamis steter
Gewohnheit, in der Fremd, ist groß
Ajax gestorben,
Patroklos aber in des Königes Harnisch. Und es starben
Noch andere viel. Am Kithäron aber lag
Elevtherä, der Mnemosyne Stadt. Der auch, als
Ablegte den Mantel Gott, das Abendliche nachher löste
Die Locken. Himmlische nämlich sind
Unwillig, wenn einer nicht die Seele schonend sich
Zusammengenommen, aber er muß doch; dem
Gleich fehlet die Trauer. **

Aus der “LyrikMail” von  http://www.textgalerie.de/, 20.4.2000

*) gr.: Gedächtnis, Erinnerung; die Mutter der 9 Musen

**) dem /eben Beschriebenen/ gleich fehlet  (verfehlt das Gebotene) die Trauer: der Trauernde begeht denselben Fehler wie derjenige, der “nicht die Seele schonend sich zusammengenommen”.

Laut Beißner “Hölderlins letzte Hymne” (dat. Herbst 1803); nach neuerer Ansicht keineswegs die “letzte”, sondern lediglich der letzte (fast) vollendete Entwurf, und in wesentlich spätere Zeit zu datieren (Spätherbst 1805 – 1806).
“Nicht drohender Verlust des Gedächtnisses ist also das zentrale Thema des Gedichts, sondern die vom Dichter kraft der Erinnerung gestiftete Unsterblichkeit.” Friedrich Hölderlin, “Bevestigter Gesang”. Die neu zu entdeckende hymnische Spätdichtung bis 1806 (hg. Dietrich Uffhausen). Stuttgart: Metzler 1989, S. 261.

© (Für Auswahl und Kommentar) Michael Gratz 2000.