Getagged: Bert Papenfuß

68. Weißensee ist überall

Robert Mießner über das Festival “Weißensee 2″ heute in der Zeitung junge Welt, Auszug:

Ein charmantes Motto des Festivals könnte »Das Hündle kam weiter auf drein« (roughbook 028), dem neuen Gedichtband Elke Erbs, entnommen sein. Sie las am Eröffnungsabend: »…wo da hinter der Stadt / die Gegend bloßlag: schwieg das Gemüt / war die Eigenliebe beendet.« »Weißensee 2« ist ein kollektives, multimediales An- und Unterfangen. Viele der präsentierten Texte sind Neuveröffentlichungen: Tone Avenstroups »ineinandersetzung / samstemmelse« (deutsch / norwegisch) ist unlängst bei Distillery erschienen. Sie stellte ihren Band am Mittwochabend mit Band vor: Alexander Krohn (Britannia Theatre, Straßenschaden) und Egon Kenner (Freygang) spielten Akustikgitarre; Ralph Gabriel (Straßenschaden) erkundete die perkussiven Möglichkeiten von Teedosen, Kichererbsen und Küchengeräten. Ebenfalls neu bei Distillery: Katja Horns »Mengenleere« mit Illustrationen von Mareile Fellien. »Leere«, nicht »Lehre«: Manchmal macht ein Buchstabe den Sinn und den Sound. Oder besser: sehr oft.    (…)

Der Sonnabend klingt aus mit der »Chronik der Zone Greifswalder Bodden« (roughbook 025): ein kühner Science-Fiction-Wurf ins Jahr 2557 wie eine  Rückblende. Die Chronik besteht aus zwei Texten des norwegischen Dichters Øyvind Rimbereid: »St. Petersburg Wasser« und »Solaris korrigiert«, geschrieben im Stavanger Dialekt beziehungsweise einer synthetischen Nordseesprache, von Tone Avenstroup ins Hochdeutsche, von Bert Papenfuß in moderates Berlinisch bzw. eine utopische Ostseesprache übertragen. Papenfuß trägt dies vor gemeinsam mit Ronald Lippok (Tarwater, To Rococo Rot) und Alexander Pehlemann (Zonic). Anschließend Mehrgenerationentanz.

Das Abschlußfest am Sonntag bestreiten Katrin Heinau, Clemens Schittko, Brigitte Struzyk, HEL Toussaint und Ralf S. Werder mit einer Lesung aus Kai Pohls Schock-Edition, deren vierte Folge diesen April erschienen ist.

 

6. Weißensee 2

Freunde der Kultur!

Vom 7. bis 16. Juni 2013 findet das erste Literaturfestival in Berlin Prenzlauer Berg unter dem Namen WEISSENSEE 2 statt. An vier Orten werden ca. 30 Veranstaltungen von kompetenten, kompromißlosen Kulturschaffenden präsentiert, die größtenteils in Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee zu Hause sind. Mehr als 60 Künstlerinnen und Literaten stellen sich der »freiwilligen Aufgabe«: sie bieten der Gemeinde den Gegenwert für die Aufmerksamkeit, die gegenwärtig in Pankow für 4 Euronen pro Kopf und Jahr zu haben ist. Ihre Spontaneität ist ihre wirksamste Kraft, die Muskulatur einer utopischen Kultur, die bereits heute auf bargeldlosem Zahlungsverkehr beruht:

auf Poesie.

Aus dem Programm:

Freitag, 7. Juni

21 Uhr, Rumbalotte
Elke Erb
Das Hündle kam weiter auf drein
Lesung

Sonntag, 9. Juni
18 Uhr, staatsgalerie
Depesche auf Rädern.
Dichtungen des tschechischen Poetismus 1923–1939.
Eine Vorstellung von Peter Ludewig mit einem poetistischen Spezialgast.

20 Uhr, Rumbalotte
Kohle auf Papier
Ilia Kitup stellt seinen Propeller Verlag vor.

Montag, 10. Juni
19 Uhr, BAIZ
Über die Klebrigkeit von Sprengstoff
Andreas Paul und Denis Faneitis proben den Aufstand mit Gedichten & Slam
Poetry.

19 Uhr, Rumbalotte
Women are hungry
Henryk Gericke, Cornelia Jentzsch, Sarah Marrs, Robert Mießner, Bert Papenfuß
Rückblickende Buchvorstellung von Slam! Poetry (Druckhaus Galrev, 1993)
Illustrationen: Sarah Marrs

21 Uhr, Rumbalotte
Batterie Bolu
Deutsch-serbische Texte von Silke Galla und Zoran Naric plus vaterlandslose
Geräuschmusik von Helko Reschitzki

Dienstag, 11. Juni
19 Uhr, Rumbalotte
Rothahndruck präs.:
Engel- und Türklopfer
Alexander Krohn und Kai Pohl lesen aus dem Siebdruck.
www.distillerypress.de
www.pappelschnee.de

Mittwoch , 12. JUNI

19 Uhr, Rumbalotte
Tone Avenstroup
ineinandersetzung
Lesung, Hintergrundmusik von Krohn/Kenner/Gabriel

WEISSENSEE 2

40. Ob man renitent ist

Kommen hier nur Ossis jenseits der fünfzig?

Nicht nur. Es ist oft gar nicht mehr so wichtig, ob man Ossi ist oder Wessi, sondern eher, ob man renitent ist oder nicht.

Ihre Kneipe ist einer der letzten Orte für Alternativkultur in diesem Kiez, und nun sind konkret drei dieser Orte in Ihrem Umfeld bedroht: Das letzte besetzte Haus der Gegend in der Linienstraße 206, der Jugendkulturclub Kirche von Unten und die Kultur- und Schankwirtschaft Baiz. Schlimm?

Sehr schlimm. Ich war Stammgast in der Baiz und habe dort den Gästerat gegründet, wo wir Forderungen stellten wie zum Beispiel das Anbringen neuer Steckdosen. Die wurden dann auch alle erfüllt. Es ging darum, die Interessen der Gäste gegenüber der Wirtschaft zu vertreten. Die Baiz ist ein guter Laden. Es ist ein Elend!

(…)

Immerhin haben Sie im letzten Jahr einen ganzen Gedichtband über die Mauer veröffentlicht – also interessieren Sie sich doch dafür?

Na ja. Das Buch heißt “Mauer”. Aber die Gedichte handeln eigentlich gar nicht von der Mauer.

Wovon dann?

Zum Beispiel von den Klischees, die es über Ostfrauen gibt. Ein anderes Gedicht heißt “an die allgemeine weltöffentlichkeit” und handelt von den Schwierigkeiten, echt zu sein. Ich hätte es ganz gern gehabt, wenn das Buch anders geheißen hätte. Aber dann hätte es sich wahrscheinlich nicht so gut verkauft.

/ Susanne Messmer, Interview mit Bert Papenfuß, taz 6.4.

74. Unfugs Beginnens Verrichtung

O.T.O.B (Bert Papenfuß) – Unfugs Beginnens Verrichtung
Eigenproduktion
1984

Berlin, Kassette [Lutz Heyler (g), Bernd Jestram (g), Ronald Lippok (dr), Bert Papenfuß (voc)]

Gefunden in:

 

73. “Anarchistische Sprachakrobatik”

Klein- und Kleinstverlage sind das Biotop des Kneipenkapitäns und Autors Bert Papenfuß, der schon zu Zeiten der demokratischen Republik als Anarchist gelebt haben soll. In der Nachwendezeit begann dann seine öffentliche Phase mit dem Publizieren von Kleinbüchern*. Seinem Publikum vermittelte Papenfuß das Gefühl, der Umfang seiner einzelnen Werke sei aus reiner Menschenliebe gering gehalten, denn mehr als ein paar Seiten einsturzgefährdeter Sprachakrobatik und granatengenialen Rumpöbelns erträgt schließlich auch der Wessi nicht. Nun aber ist es mit der Rücksicht vorbei, und Papenfuß fällt den Lesern mit einer Best-of-Papenfuß-Schwarte in den Rücken, kugelsicheres Hardcover bei Hatje Cantz inklusive, Titel: „Die Mauer“. Die Hälfte der Attacke überlässt er – ein Akt der Gnade – Antonio Saura, dem Bruder des Filmemachers Carlos Saura, der 1985 Fotos der Berliner Mauer in seinem typischen Graustufenstil übermalt hatte. Mauerposten werden da durch Farbkleckse in den Tod gestürzt, Alienköpfe auf S-Bahnfahrer gesetzt oder der Himmel über Berlin melasseartig ins Niemandsland gekippt. Eines haben der fratzenspezialisierte, kunstbetriebkompatible Spanier und der Berliner Dauerallergiker (neben der Diktaturerfahrung) dabei gemeinsam: Sie rhythmisieren ihr Material mit sogartiger Treffsicherheit. „Wer daran will löten, / bange um seine Klöten.“ / Astrid Kaminski, Berliner Zeitung 9.2.

Bert Papenfuß/Antonio Saura: Die Mauer. Hatje Cantz, Ostfilden 2012. 189 S., 29,95 Euro.

*) schreibt die Zeitung. Was eigentlich selbstredend sein sollte: ich verbürge mich weder für diese noch irgendeine frühere oder spätere Aussage. M.G.

65. Entwicklungslyrik

Initiative Zonic Zwanzig & Buchhandlung Drift präsentieren

Bert Papenfuß liest “Entwicklungslyrik”
Ausgewählte Texte von 1973 bis 2013
aus dem Band “Die Mauer” (Bilder: Antonio Saura/Worte: Bert Papenfuß/ Hatje Cantz 2012)

Kulturny Dom B31
Bornaische Str.31, HH
Leipzig

DO 28.02.2013
20 Uhr

Der 1984-85 in Westberlin entstandene “Mauer”-Bildzyklus des spanischen Spät- & Post-Surrealisten Antonio Saura gehört zu den wenigen gelungenen Werken, die sich mit dem zwei politische Welten mehr als nur symbolträchtig teilenden Bauwerk auseinandersetzten. Im Verlag Hatje Cantz erschien nun als Teil einer Buchserie zur Berliner Mauer ein Band, dass diese Arbeiten mit Texten aus allen Schaffensphasen des (Ost-) Berliner Anarcho-Poeten, Kultur-Spelunkenbetreibers und Zonic-Ko-Redakteurs Bert Papenfuß zusammenfügt. Von früher radikal experimenteller Sprachakrobatik über kryptische Lyrics für DDR Post Punk-Bands bis hin zum freien Spiel mit gebräuchlicheren Textformen und prosaischen Pamphleten, zuletzt gern mit Zitaten von Barock bis Science-Fiction und entsprechenden Fußnoten-Exzessen.
Ob Früh-, Mittel- oder beginnendes Spätwerk, alles ist durchzogen von einem Geist des Dagegen und erfüllt vom machbaren Traum der Anarchie, angemischt mit Humor und Unerbittlichkeit, übervoll mit erfahrenem Leben von Rotz bis Rock´n´Roll. Ein Text-Trip, von den Mauer-Bildern des Antonio Saura gerahmt und mit diversen Vertonungen verfeinert, der nicht zuletzt als bestmöglicher Anfang der seriell angelegten Jubiläums-Präsentationen gelten darf: im zwanzigsten Zonic-Jahr!

ENTROPIE

ist einfach, umgänglich und unumgänglich:
Mich bewegt das Irrationale im Realen –
und Irrealen sowohl als auch umgekehrt;
d.h. ANARCHIE beginnt in Dir selbst,
oder ich irre unsäglich VORWÄRTS.

B.P. 2004

Mehr B.P.-Klappen-O-Ton zum Buch:

Entwicklungslyrikband, der: Im Gegensatz zu Best-of-Alben – die strukturlos, z.B. chronologisch, alphabetisch usw., die Greatest Hits eines Lyrikers versammeln – das ausgeklügelte Konglomerat einer (oft notgedrungenen bzw. -ersehnten) sog. Lebenslüge (siehe Autobiographie, S. 59), das eine vorgebliche “Entwicklung” eines Dichters darstellt. Lyriker neigen dazu, jeweilige kreative Phasen ihres Schaffens (unter Auslassung aller Aus-Zeiten, s. S. 56) als bahnbrechend evolutionär auszugeben. Geborene Arschlöcher (oft prädestinierte Entwicklungslyriker, s S. 232 – Beispiele gibt´s noch und nöcher) hingegen gestehen hin und wieder, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, räumen Entgleisungen ein, beißen sich ins Bein, wollen dabei sein und scheren aus, über die Stränge von Erwartungen zu schlagen, die kaum die Richtigen (s. S. 667) treffen; manchmal jedoch ihr Publikum finden. Das Entwicklungsprinzip verlangt, vom Ursprung auszugehen und nach Irrungen, Scheinlösungen und Alternativen ouroboroid zu ihm zurückzukehren. Als mißlungene Versuche gelten alle bisherigen. Als halbwegs gelungenes Beispiel gilt Die Mauer von Bert Papenfuß (ex-Gorek, ex-Papenfuß-Gorek; s S. 506), ein Konvolut, das konkordial durch die Bildkunst von Antonio Sauras Mauerzyklus (s S. 402) getragen wird. – “Hauptsach´, es rockt der Band und steht wie eine Wand”, wirft beschwichtigend der Volksmund ein.
Eintrag aus: Diktatorenkollektiv (Hg.). Lohn und Saktion. Wie wir sprachen – was wir wurden. Lexikon und Idiotikon der Prenzlauer Berg-Untertagesprache. Gesamtverlag Staatssekretariat für ostdeutsche Antworten, Berlin, 2013, S. 233

Mauerzyklus, der: Mehr oder weniger beholfene Serie von Reaktionen auf physisches und psychisches Eingesperrt- bzw. Unwohlsein, künstlerisch oder (direkt) persönlich (also handgreiflich – “er/sie/es hat seinen Mauerzyklus”) ausgedrückt. Nach 1933 in Deutschland literarisch ungelungen. In der bildenden Kunst stellt Cornelia Schleimes sog. “Stasi-Serie” Bis auf weitere gute Zusammenarbeit Nr. 7284/85 von 1993 eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Der große Wurf gelang jedoch dem spanischen Maler Antonio Saura (1930 – 1998) mit einem 1985 in Westberlin entstandenen Zyklus von Zeichnungen und Fotoübermalungen unter dem Titel Die Mauer.

27. Forum Stadtpark

Im Dezember erschien die Anthologie “extrakt” mit allen Forum-Stadtpark-Autorinn+en, die zwischen 2010 und 2012 im Forum zu Gast waren. — mit Lilly Jäckl, Gerhild Steinbuch, Jörg Piringer, Markus Berger, Blazin Tommy Productions, Ilse Kilic, Barbi Markovic, Gerhard Rühm, TextTotal, Margret Kreidl, Helmut Schranz, Robert Prosser, Elisabeth Hödl, Gundi Feyrer, Daniel Wisser, elffriede i.a., Florian Neuner, Clemens Schittko, Petra Coronato, Sylvia Egger, Hansjörg Zauner, Carola Göllner, Bernd Volkert, Stefan Schmitzer, Sarah Foetschl, Evelyn Schalk, Ulrich Schlotmann, D. Holland-Moritz, Bernhard Saupe, K. Silem Mohammad, Stefan Schweiger, Christoph Szalay, Franzobel, Ferdinand Schmatz, Max Höfler, Crauss, Stefanie Sargnagel, Enno Stahl, Bert Papenfuß, Karl Rauschenbach, Ann Cotten, Ulrich Holbein, Sophie Reyer, Alexander Micheuz, Heike Fiedler, Johannes Schrettle, Valeri Scherstjanoi, Markus Köhle, Zuzana Husarova, Ralf B. Korte, Uwe Warnke und Brigitta Falkner.

71. Experten

Man kann gar nicht soviel nach-schlagen wie man… brechen müßte: auf-, den Stab –, ins Horn, was weiß ich.

Lyrische Bildhaftigkeit hatte auch der Prosatext von NN zu bieten.

Ja, was sich die Zeitungsschreiber darunter vorstellen. Irgendwie lyrisch, so bildhaft halt. Steht in der Zeitung, es muß stimmen.

Inhaltlich wurde „Utopielosigkeit“ (Christoph Buchwald) diagnostiziert, das seit einigen Jahren als Stoff beliebte Großelternsterben soll in den eingesandten Texten weitergegangen sein, wurde dem öffentlichen Publikum aber zugunsten von unerfülltem Beziehungsleben* vorenthalten.

Ja, das sind Experten, die wissen das. Die Zeitung schreibts auf, da kann mans nächstes Jahr zitieren. Ohne Quellenangabe, versteht sich.

Demgegenüber** steht eine inzwischen hohe Professionalität➶ der jungen Autoren. Bei der Lyrik konnte man ein großes Formbewusstsein beobachten, weder vor traditionellen Formen wie dem Sonett noch vor Reim➶➶ und Alliteration scheuen heute die Lyriker zurück, blieben aber oft doch merkwürdig spröde, unsinnlich und oft kleinteilige Spracharbeiten.

Professionalität, Formbewußtsein: verdächtig ist das schon. Alles Akademiker wahrscheinlich. Nichts zu sagen, aber das geschwollen ausdrücken!

„Dankeschön, oder in meiner Generation: Scheiß egal“, sagte dagegen der 22-jährige Lyrikpreisträger Martin Piekar.

Ein 22jähriger, ich unterstelle mal, da Lyriker, nicht Großverdiener, dem es scheißegal ist, daß er grad 2.500 Eier bekam? Steht in der Zeitung. Generationsforscher werden es zu zitieren wissen.

Jemand aus dem Publikum meint, er habe “Scheiße, geil!” gesagt. Klingt mir plausibler, steht aber nicht in der Zeitung.***

Mir plausibler, mal genau gesagt. Aber kommts auf mich an? Ich gehöre eingeschlossen, bzw. gehöre, da aus dem Osten, vielleicht zu den 16 % mit einem “geschlossenen rechtsextremen Weltbild”. Steht in der Zeitung, noch dazu einer, die ich seit 20 Jahren abonniert hab, leicht überteuert (sie nennen es “politischer Preis”):

Die Wissenschaftler sind alarmiert: Fast jeder sechste Ostdeutsche hat laut einer neuen Studie ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“.

Jeder sechste? In meinem Haus wohnen rund 20 Menschen, das wären dann mehr als 3. Nein, meinen Nachbarn mag ich das kaum zutrauen, ob ich es nicht doch selbst bin? Mich haben sie zwar nicht gefragt, aber die haben schon ihre wissenschaftlichen**** Methoden.

Menschen mit einem “geschlossenen rechtsextremen Weltbild” sehen unauffällig aus und tarnen sich beim Reden mit dem Nachbarn. Nur wenn Experten k0mmen, sagen sie ihre wahre Meinung. Sie wählen CDU, SPD, Grüne oder Piraten (alles Parteien, die in Greifswald mehr Stimmen haben als die Nazis).

Interessant sind die Fragen der Experten.

- „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“ finden gut 19 Prozent der Ostdeutschen (West: 15)

19:15 also. Messerscharf folgern die Experten, daß uns Normalos der Atem schon mal stockt:

In den ersten Jahren stellten die Wissenschaftler noch im Westen des Landes häufiger ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ fest als im Osten. Das hat sich inzwischen eindeutig geändert: 2012 hatten gut 7 Prozent der Westdeutschen nach den Kriterien der Forscher eine durchgehend rechtsextreme Einstellung, in Ostdeutschland waren es knapp 16 Prozent.

Demnach meinen 8 Prozentpunkte der Westdeutschen, die die Volksgemeinschaft durch eine starke Partei vertreten wünschen, das gar nicht rechtsextrem, wohl aber eindeutig 16 von den 19 Prozentpunkten der Ostdeutschen mit der gleichen angekreuzten Ansicht.**

- „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ finden 19 Prozent der Ostdeutschen (West: 20)

19:20, auch interessant. Liegt Lübeck eigentlich im Osten oder Westen? Die Unterschiede sind ja nicht nennenswert. Ein gepflegter Antisemitismus muß gar nicht rechtsextrem sein. – Folgerichtig auch diese Zahlen:

- „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“ finden knapp 9 Prozent der Ostdeutschen (West: 11).

Im Westen gibts einfach mehr Autobahnen.

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, soll Churchill gesagt haben. Für unseren Fall variiere ich eine Strophe von Wolf Biermann:

Und auch die deutschen Professorn / was haben wir bloß an denen verlorn / die wirklich manches besser wüßten / wenn sie nicht

Experten wären. Experten & Zeitungsschreiber. Warum vergeude ich immer noch meine Zeit mit denen? Nächstes Jahr lese ich 2 Zeitungen weniger. Schreib ich mir eben mehr selber.

Quellen: Frankfurter Rundschau / Deutschlandradio  / taz

___________________

*) wie Goethe (der alte Faust, der junge Werther).

**) In meiner Jugend bedeutete demgegenüber was andres als dem gegenüber, aber daran sind andre Experten schuld.

***) okay, jetzt stehts in der Lyrikzeitung, aber das ist keine richtige Zeitung, Richard sagt das auch.

****) wassenschuftler, wissenschaftler (Papenfuß)

*****) Daß meinem ostdeutschen Laienverstand eine solche Fragestellung provokatorisch vorkommt, so daß ich fast meine, solche Frage von irgendeinem akademischen Lackaffen mit rheinischem Dialekt gestellt provoziere bei manchen Befragten – ich kanns mir bei meinem verstorbenen Vater vorstellen, der in Ulbrichts DDR Adenauerfan war zu meinem Leidwesen und der, wenn die weggegangen wären, gesagt hätte: “Die Heijeijen” (Heugeigen******) – genau die erwarteten Antworten.

******) Mildere Form von Arschgeigen.

➶) “Die meisten anderen Texte waren sehr klar und oft, wie moniert wurde, mit einer “erschreckenden Professionalität” geschrieben und vorgetragen.” (Zeitung über den open mike 2011)

➶➶) Weder Sonett noch Reim!