Getagged: Benedikt Ledebur
65. Hombroich: Poesie
Raketenstation Hombroich
Vom 12. bis 15. September 2012 findet auf der Raketenstation Hombroich das dritte Colloquium für Poesie statt. 14 – unter den ästhetisch interessanten und relevanten – bedeutsame deutschsprachige Lyriker, Autoren und Philosophen treffen sich in einem informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Denken der Sprache des Gedichts und des Denkens betrifft, soll hierbei das Projekt der Poesie frei von saisonaler Wahrnehmung und medialen Einschätzungen innerhalb des Betriebsgefüges literarischer Öffentlichkeit überdacht und fortgesetzt erweitert werden.
Die publikumsöffentliche Lesung aller Teilnehmer findet in Zusammenarbeit mit dem Förderverein der Stiftung Insel Hombroich am Samstag, dem 15. September 2012 um 18 Uhr in der Veranstaltungshalle auf der Raketenstation Hombroich statt.
Es lesen Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Christian Filips, Brigitta Falkner, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Thomas Schestag, Farhad Showgi und Ulf Stolterfoht Texte von Autoren, welche der Insel verbunden waren oder assoziiert sind: Hans Arp, H.C. Artmann, Inger Christensen, Thomas Kling, Ernst Jandl, Oskar Pastior, Francis Picabia, Kurt Schwitters u.a.m.
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Veranstalter
Das böhmische Dorf.
Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur und Kunst
Raketenstation Hombroich
D-41472 Neuss
tel +49(0) 2182 570 000
anmeldung@hombroich.com
Die Aktivitäten des böhmischen Dorfes werden unterstützt von der Literaturabteilung der Landesregierung NRW, von der Kunststiftung NRW sowie vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Wien.
73. Timber
Ulf Stolterfoht, Urs Allemann, Monika Rinck, Barbara Köhler
Diskussion
Dienstag, 10.01.12, 20.00 uhr
Unter dem Titel TIMBER! Eine kollektive Poetologie hatte Ulf Stolterfoht im vergangenen Jahr elf Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, auf der gleichnamigen Internet-Seite einen Aufsatz zu veröffentlichen, der sich im weitesten Sinn mit dem Verhältnis von Poesie und Politik beschäftigt. Nachdem im Dezember ein Abschlusssymposion mit allen Beteiligten im Berliner Literaturhaus stattgefunden hat, versuchen nun Urs Allemann, Barbara Köhler, Monika Rinck und Ulf Stolterfoht im Rahmen einer Diskussion die Fragen noch einmal zu stellen: Wie Poesie politisch sein kann, ohne dabei hinter ihre Möglichkeiten zurückzufallen? Ob schon die Entscheidung, heute Lyrik zu schreiben, einen politischen Akt darstellt? Ob das Schielen aufs gesellschaftlich Wirksame nicht vielmehr die Ursünde der Literatur darstelllt? Und viele andere mehr. Abschließende Antworten sind gleichwohl nicht zu befürchten. Urs Allemann lebt in Reigoldswil bei Basel, zuletzt erschien der Lyrikband im kinde schwirren die ahnen (Urs Engeler Editor 2008). Barbara Köhler lebt in Duisburg, 2007 erschien im Suhrkamp-Verlag der Band Niemands Frau. Gesänge mit einer CD. Monika Rinck veröffentlicht u.a. bei kookbooks, zuletzt die Bände zum fernbleiben der umarmung (2007) und helle verwirrung (2009), sie lebt in Berlin. Von Ulf Stolterfoht ist zurzeit im Literaturhaus die Ausstellung handapparat heslach zu sehen, unter dem gleichen Titel erschien bei roughbooks vor zwei Monaten ein kleines Begleitbuch. / Literaturhaus Stuttgart
Bisher sind 8 Essays im Netz – Texte von Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Ferdinand Schmatz, Ulf Stolterfoht, Uljana Wolf.
94. Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung an Elke Erb
Anlässlich des 31. Erlanger Poetenfests (25. bis 28. August 2011) vergibt die Kulturstiftung Erlangen zum vierten Mal den „Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung“. Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung wird in diesem Jahr an Elke Erb verliehen. Die Jury würdigt damit ihr übersetzerisches Gesamtwerk, das „kritisches Urteilsvermögen“ und „poetische Gestaltungskraft“ vereint. Elke Erb nimmt die Auszeichnung am Freitag, 26. August 2011, 19:00 Uhr, im Erlanger Markgrafentheater entgegen, die Laudatio hält die schweizerische Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Übersetzerin Ilma Rakusa.
„Elke Erb erhält den vierten Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Seit über 40 Jahren gehört Elke Erb zu den herausragenden Übersetzerinnen beider Deutschland. Ihre Nachdichtungen und Übersetzungen – vor allem aus dem Russischen – verbinden kritisches Urteilsvermögen und poetische Gestaltungskraft. Übersetzen ist für Elke Erb ein Erkenntnisvorgang, der in der ‚Steinbrucharbeit’ am fremden Gedicht die schöpferischen Möglichkeiten der eigenen Sprache erweitert. Zuletzt übersetzte sie unter anderem Ales Rasanau, Oleg Jurjew und Olga Martynova.“ (Aus der Begründung der Jury)
Deutschland besitzt über tausend Literaturpreise, aber noch immer auffallend wenige Übersetzerpreise. Dieses Missverhältnis hat vor allem etwas mit dem nach wie vor mangelnden Bewusstsein dafür zu tun, dass der internationale Erfolg eines Buches wesentlich von der Qualität seiner Übersetzungen abhängt. In dieser Situation hat sich das Erlanger Poetenfest die Förderung von Poesie als Übersetzung zur Aufgabe gemacht. Im Rahmen des 24. Erlanger Poetenfests 2004 wurden erstmals Autoren als Übersetzer eingeladen. Die Erlanger Übersetzerwerkstatt soll die Stellung der Übersetzer im Literaturbetrieb stärken. Mit Übersetzerwerkstatt und Übersetzerpreis wollen das Erlanger Poetenfest und die Kulturstiftung Erlangen gemeinsam das Bewusstsein dafür schärfen, wie sehr gerade Übersetzungen die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bereichern.
Die Jury des „Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung“ besteht selbst aus Übersetzern. Dieses bislang einzigartige Konzept verbürgt die sprachschöpferische Qualität der ausgezeichneten Arbeiten. Der Jury gehörten in diesem Jahr an: Barbara Köhler, Annette Kopetzki, Adrian La Salvia (Jury-Sprecher), Benedikt Ledebur, Ilma Rakusa, Ulf Stolterfoht und Peter Waterhouse. Der Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung wurde bisher an Felix Philipp Ingold (2005), Georges-Arthur Goldschmidt (2007) und Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht (2009) verliehen.
31. Erlanger Poetenfest – 25. bis 28. August 2011
Informationen zum Programm ab Ende Juli unter www.poetenfest-erlangen.de.
34. Hombroich : Poesie
Vom 15. bis 19. September 2010 findet auf der Raketenstation Hombroich (Neuss, NRW) das zweite Colloquium für Poesie statt. Dieses Jahr siebzehn deutschsprachige Lyriker und Philosophen, eine Künstlerin, ein Komponist, treffen sich im informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Denken der Sprache des Gedichts und des Denkens betrifft, soll hierbei das Projekt der Poesie – ohne den saisonalen Fürwahrhaltungen gehege oder eingewattet zu sein –, kollegial überdacht und infolge fortgesetzt werden. Teilnehmer der diskreten Akademie sind diesmal: Urs Allemann, Antoine Beuger, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Martin Endres, Hans-Jost Frey, Eleonore Frey, Felix Philipp Ingold, Erich Klein, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Ferdinand Schmatz, Farhad Showghi, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Suse Wiegand (und wohl noch andere).
Eine okkasionelle Lesung aller Teilnehmer findet am Samstag, dem 18. September 2010 um
19 Uhr in der Veranstaltungshalle der Raketenstation statt; ebenso sollen die poetologischen Beiträge wieder unter dem Titel Das böhmische Dorf ediert erscheinen: mit Mobilität zwischen den Medien Buch und Internet: Wer unentwegt oder am Weg baut, hat viele Nachbarn.
Das böhmische Dorf. Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur und Kunst
Raketenstation Hombroich
41472 Neuss-Holzheim
Tel. 02182 570000
In Zusammenarbeit mit der Stiftung Insel Hombroich
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Buchhinweis
Nichts tun, Hrsg. Oswald Egger, Das böhmische Dorf 2009
(= Tagungsband zum ersten Colloquium für Poesie in Hombroich ISBN 978-3-902024-14-5, 224S, 22 Euro)
3. Widdershins
Viele Lyrikleser – Schreiber sowieso – sind Wortsammler. Ein schönes liegt heute im Briefkasten. Nämlich seit Jahren bekomme ich täglich ein Wort von dem Onlinewörterbuch yourdictionary.com, heute dies:
Widdershins (withershins) (adverb)
Pronunciation: ['wid-êr-shinz]
Definition: Moving in a direction opposite the usual; moving counterclockwise or in the contrary direction (of the sun, especially).
Usage: Today’s word is basically an adverb but may be used as an adjective without the final [s]. As a predicate adjective, however, the [s] is usually left on. D. H. Lawrence wrote in ‘Plumed Serpent’ (1926) “She made up her mind, to be alone, and to cut herself off from all the mechanical widdershin contacts. He, too, was widdershins, unwinding the sensations of disintegration and anti-life.”
Suggested Usage: Today’s word is another wonderword from the land of kilts and bagpipes that we should all fight to keep alive: “Gerard does everything widdershins; he will either turn out a grandiose success or an abrupt failure.” Niches for this word abound in everyday conversations: “Remember, the prophets agree that you get nowhere walking widdershins up the escalator.”
Etymology: Middle Low German weddersinnes based on wider “back,” whence German wider “against” and wieder “again.” The English adverb wither “wrong, perverse” is rarely used any more. The “shins” is from earlier “sinnes” and is related to Latin sentire “sense, feel” since both go back to an original root *sent- “go in or choose a direction.” We borrowed “sense” from the noun of this verb. The same root also turns up in English send “to cause someone to go in a direction.”
–Dr. Language, YourDictionary.com
Es steht in Rudyard Kiplings Gedicht “Cruisers” (kostenloses eBuch von 800 Seiten bei poemhunter.com):
As maidens awaiting the bride to come forth
Make play with light jestings and wit of no worth,
So, widdershins circling the bride-bed of death,
Each fleereth her neighbour and signeth and saith: –
“What see ye? Their signals, or levin afar?
“What hear ye? God’s thunder, or guns of our war?
“What mark ye? Their smoke, or the cloud-rack outblown?
“What chase ye? Their lights, or the Daystar low down?”
… und häufig bei Aleister Crowley. Anweisung an einen Magier, Encantations Liber V:
23. Perform the spiral dance, moving deosil and whirling
widdershins.
Each time on passing the West extend the wand to the
Quarter in question, and bow:
a. “Before me the powers of LA!” (AL, to West.)
b. “Behind me the powers of AL!” (LA, to East.)
c. “On my right hand the powers of LA!” (AL, to North.)
d. “On my left hand the powers of AL!” (LA, to South.)
e. “Above me the powers of ShT!” (tS, leaping in the air.)
f. “Beneath me the powers of ShT!” (tS, striking the ground.)
g. “Within me the Powers!” (in the attitude of Phthah erect, the
feet together, the hands clasped upon the vertical wand.)
h. “About me flames my Father’s face, the Star of Force and
Fire.”
i. “And in the Column stands His six-rayed Splendour!”
(This dance may be omitted, and the whole utterance chanted in
the attitude of Phthah.)
In dem – wohl fälschlich Crowley zugeschriebenen – Hexerwörterbuch steht:
Widdershins: Counterclockwise motion used in some magickal workings or ceremonies.
(deosil ist die andere Richtung, also im Uhrzeigersinn)
– Schön auch der Zusammenhang von Sinn und senden. Die Bienen sind aus (imbi ist hucze)? “Ic dir nach sihe – Ic dir nach sendi”. Sendung geht nur, wenn man die Richtung kennt. “Sinn” ja dann wohl auch. Im Widdershin ist der Widersinn drin. Lesen Sie bei Ledebur weiter, winning his way / seine Richtung finden.)
Die zitierten Althochdeutschen Texte: Lorscher Bienensegen – Weingartner Reisesegen.
2. Zu Barbara Köhlers und Ulf Stolterfohts Übersetzungen von Texten Gertrude Steins
Laudatio auf Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht
anlässlich der Zuerkennung und Überreichung des “Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung” im Rahmen der Eröffnung des 29. Poetenfestes Erlangen am 27. 8. 2009*
Price a price is not in language, it is not in custom, it is not in praise.
Einen preis preisen kommt nicht zur sprache,
es kommt nicht zur sache, kommt nicht zu lobpreis.
(Stein, Köhler, Tender Buttons)
Benedikt Ledebur : SIE WISSEN WAS SIE TUN – Die geistige Wiedererschaffung als Fortleben des Originals
Zu Barbara Köhlers und Ulf Stolterfohts Übersetzungen von Texten Gertrude Steins
Gertrude Stein von einem Interviewer mit Klagen über die Unverständlichkeit ihres Stücks Four Saints in Three Acts konfrontiert (1934, auf ihrer einzigen Reise zurück nach Amerika), antwortete diesem:
… I mean by understanding enjoyment. If you go to a football game you don’t have to understand it in any way except the football way and all you have to do with Four Saints is to enjoy it in the Four Saints way.
Wenn nicht alles, so ist damit viel zur Übersetzbarkeit ihrer Werke gesagt, denn mehr als Idee oder Bedeutung legt enjoyment -Genießen den Akzent auf das Prozesshafte, die zeitliche Dimension, auf Verstehen als Erfahren, Spiel ist ein Hinweis darauf, daß es verbindliche Regeln gibt, deren Logik auch durch assoziative, rhythmische oder lautabhängige Folgen begründet werden kann, und die Beschränkung auf Four Saints macht deutlich, daß solche Regeln nur ein bestimmtes Stück lang Gültigkeit haben können. Gertrude Stein hat beim Schreiben einfache, funktionale Wörter, wie sie in Gesprächen vorkommen, bevorzugt, und so ist, auch wenn man von zweckgerichteter Selektion absieht, das Glück vielleicht wahrscheinlich, daß sich das im Interview-Zitat dreimal vorkommende Wort way im Titel des von Ulf Stolterfoht übersetzten Langgedichts Winning His Way wiederfindet und in diesem Zusammenhang so verstanden werden kann, daß im Ästhetischen der Unterschied zwischen der Art, wie man ein Fußballspiel genießt, und der Art, “wie man seine art gewinnt” geringer ist, als gemeinhin angenommen wird. Doch angemessenes Genießen des Vorgeführten setzt nicht nur Kenntnis von Regeln und Kategorien voraus, sondern wie beim Spiel, das, um gewonnen zu werden, auf den ganzen Einsatz der Spieler angwiesen ist, verlangt Genießen von künstlerischen Erzeugnissen nach Einbeziehen der ganzen Persönlichkeit. “As I say the pleasure of a literature is having it all inside you. It is the one thing that one can have all inside one.” schreibt Stein in What is English Literature, und was die Wortwahl betrifft:
This makes literature words whether you choose them whether you use them, whether they are there whether or not you use them and whether they are no longer there even when you are still going on using them. And in this way a century is a century. One century has words, another century chooses words, another century uses words and then another century using the words no longer has them. […] As I say each century has its way …
Der vollständige Text der Laudatio Benedikt Ledeburs bei in|ad|ae|qu|at
1. Gehen Amerika die großen Dichter aus?
Im Oktober wurde John Ashbery der erste Dichter, dessen Werkausgabe bereits zu Lebzeiten in der Reihe Library of America erschien. Diese Ehre sagt einiges über den Zustand der Gegenwartslyrik – teils Gutes, teils weniger Gutes –, aber die wichtigste und verstörendste Frage ist vielleicht die: Was wird, wenn Ashbery und seine Generation gegangen sind? Vielleicht zum erstenmal seit dem frühen 19. Jahrhundert wird der amerikanischen Lyrik Größe fehlen.
Das Konzept der Größe hat nämlich in der Lyrik eine besondere Bedeutung, die ihr anderswo oft fehlt. Fast überall ist Größe zwar angenehm, aber nicht unbedingt nötig. Die Lyrik ist ihrer Dauer weniger sicher als beispielsweise die Welt des Golfspiels. Sie rechtfertigt sich allein durch den Anspruch, daß sie unabhängig davon, wie wenige Leser sie hat und wie doof die Dichter sind (how dotty its practitioners), immer den Gipfel der Hochkunst darstellt. Wie es Byron in einer freien Horazübersetzung sagt: “But poesy between the best and worst / No medium knows; you must be last or first: / For middling poets’ miserable volumes, / Are damn’d alike by gods, and men, and columns.” (Byron, Hints from Horace*) Die Dichtung braucht Größe.
Das Problem ist, daß im Lauf des 20. Jahrhunderts der Begriff der Größe unscharf geworden ist. Teilweise reflektiert das die Standarderzählung der Postmoderne, wonach alle hochgestochenen Ideale – Wahrheit, Schönheit, Gerechtigkeit – hinterfragt werden. Aber die Schwierigkeit mit poetischer Größe geht über die zeitgenössischen Kulturkriege hinaus. Größe ist – und war immer – ein Gewirr verschiedener und teilweise unvereinbarer Konzepte, von denen die meisten die Last der Größe auf unterschiedliche Teile des Schaffensprozesses gründen. Heißt “groß sein” einfach “große” Gedichte schreiben? Wenn ja, wie viele? Oder bedeutet “Größe”, daß jemand ein ausreichend “großes” Projekt hat? Wenn man ein solches Projekt hat, kann man “groß” sein und nur “gute” (und vielleicht sogar etwas “langweilige”) Gedichte schreiben? Ist ein “großer” (great) Dichter dasselbe wie ein “bedeutender” (major)? Sind “große” Dichter in jedem Fall “ernste” Dichter? Das sind alles gute Fragen, auf die niemand besonders überzeugende Antworten gefunden hat. / David Orr, New York Times 22.2.
(Der Artikel beschäftigt sich mit den amerikanischen Debatten der letzten Jahre, aber die Fragen sind auch für die deutsche Lyrik relevant. Sind die Büchnerpreisträger groß? Alle? Die Huchelpreisträger? Man wird nicht zwei Kenner finden, die auch nur hierauf die gleichen Antworten geben. Bezogen auf den letzten Jahrgang: Falkner oder doch lieber Czernin? Und was ist mit (unvollständige und unsortierte Aufzählung) Birgit Kempker oder Farhad Showghi, Bert Papenfuß oder Uwe Kolbe, Steffen Popp oder Thomas Kunst, Franz Hodjak oder Benedikt Ledebur, Dieter M. Gräf oder Nico Bleutge, usw.? Shall we have a discussion later?)
*) Frei nach Horaz: An die Pisonen (Die Dichtkunst). In Wielands Übersetzung lautet die Horaz-Stelle:
Es gibt der Dinge viel, worin
die Mittelmäßigkeit mit gutem Fug
gestattet wird. Ein Rechtsgelehrter oder
ein Redner vor Gericht kann minder wissen
als ein Cascellius, an Beredsamkeit
weit unter dem Messalla stehn und hat
doch seinen Wert: den mittelmäß’gen Dichter
schützen weder Götter, Menschen noch
Verleger vor dem Untergang!
93. Selbstverständlich Pound
Ein Meisterstück, ein Geniestreich (könnte man sagen; wenn man das nicht über viele Nummern dieser Zeitschrift sagen könnte). Schreibheft Nr. 69 ist fast vollständig dem Dichter Ezra Pound gewidmet, von dem ein polizeiliches Foto vom 26. Mai 1945 aus Pisa den Titel ziert. Es beginnt mit Traumtexten von Roberto Bolaño, in denen Pound nicht explizit vorkommt, aber Li Po, Baudelaire, Archilochos, Anaïs Nin (“Mir träumte von einem Neunundsechziger mit Anaïs Nin auf einer riesigen Basaltplatte”), Robert Desnos, Roque Dalton und viele andere. Im anschließenden Playboy-Interview gibt Bolaño seine private Hitliste: “Nicanor Parra steht über allen, auch über Pablo Neruda, Vicente Huidobro und Gabriela Mistral. … Wäre Joyce anstelle von Eliot, ich wählte Joyce. Wäre Pound anstelle von Eliot, selbstverständlich Pound.”
Dann ein umfängliches Dossier über Ezra Pound im St. Elizabeths Hospital für kriminelle Geisteskranke mit Gedichten von Lawrence Ferlinghetti, E.E. Cummings, Basil Bunting, Elizabeth Bishop, William Carlos Williams, Kornelijus Platelis, Marcel Beyer, Ulf Stolterfoht und Alban Nikolai Herbst (Ezra Pound im Käfig); Briefwechseln mit H.D., Wyndham Lewis, Marshall McLuhan und E.E. Cummings und Prosabeiträgen u.a. von T.S. Eliot, Charles Olson (“Hier spricht Yeats”!), William Carlos Williams, W.H. Auden, George Orwell und Benedikt Ledebur sowie einem Gespräch, das u.a. Pier Paolo Pasolini für das italienische Fernsehen mit Pound führte.
Schließlich visuelle Gedichte des Katalanen Joan Brossa und eine Rezension der Werkausgabe von Rainer M. Gerhardt (dem ersten deutschen Pound-Übersetzer) durch Michael Braun.
Marcel Beyer übersetzt Cummings’ Jugendgedicht “pound pound pound” um es zu untersuchen, da es ihn ratlos gemacht habe wie selten ein Gedicht. Den 13 Zeilen des Gedichts läßt er über vier Seiten Kommentar folgen. “pound pound pound” , die erste Zeile, enthält eine unübersetzbare Mehrdeutigkeit, da es neben dem Namen (Cummings schrieb grundsätzlich alles klein, auch Eigennamen und das große “i”) noch etliche andere Bedeutungen hat, darunter stoßen, stampfen, rammen, hämmern. Beyer übersetzt: poch, poch, poch. Sein Kommentar dröselt ein weitgespanntes intertextuelles Netz zur englischen Lyriktradition und -moderne auf. Anscheinend ist es eine (“verquaste”, Beyer) Auseinandersetzung des ehrgeizigen jungen Dichters mit Pound und Eliot, die ihn nicht als Gleichen unter Gleichen sehen wollten. Was Cummings so verquast andeute, treffe ihn selber, der zu der Zeit noch nicht frei von “gelegentlichen Trivialitäts- und Kitschattacken” sei. Das Zitat, das Beyer zum Beleg zitiert, verkürzt er allerdings auf beinah unzulässige Weise: “man lese etwa sein eigenes Drehorgelgedicht, ‘at the head of this street a gasping organ is waving”, in dem er sich als ‘queer monkey with a little oldish doll-like face’ auf den Leierkasten setzt.” Nach “waving” geht es aber weiter: “is waving moth-eaten tunes”. Der Leierkasten schwingt mottenzerfressene Töne. Die muß man wohl in Betracht ziehen oder ins Gehör, nicht? Beyer schließt: “Von pound pound pound – das wird niemand bezweifeln – [tu ich doch auch nicht!] ist es noch ein weiter Weg bis zum selbstgewissen “crazy jay blue” (…), diesem zarten Vogelgruß, den Cummings Ende der fünfziger Jahre dem “demon” und “thief crook cynic”, dem “trickstervillain”, dem “raucous rogue & vivid voltaire” , dem “beautiful anarchist”, dem alten Blauhäher Ezra Pound senden wird.”
Wenn ich an dem spannenden, so lesenswerten wie instruktiven Heft etwas zu mäkeln hätte, es wär: daß den übersetzten Gedichten nicht das Original zugesellt wird. Die paar Seiten müßten doch noch drin sein? Die letzte Strophe von William Carlos Williams’ Gedicht “To my friend Ezra Pound” übersetzt Norbert Hummelt so:
Dein Englisch
ist nicht eigentümlich genug
Als Autor von Gedichten
erweist du dich als untüchtig, um nicht zu sagen
wucherisch.
Williams’ letztes Wort ist natürlich usurious: Pounds Zauberwort “usura”. Das Wort sie sollen lassen stahn.
Hier sozusagen zum Ausgleich Cummings’ Gedicht vom blauen Eichelhäher im Wortlaut:
crazy jay blue)
demon laughshriek
ing at me
your scorn of easily
hatred of timid
& loathing for (dull all
regular righteous
comfortable)unworlds
thief crook cynic
(swimfloatdrifting
fragment of heaven)
trickstervillain
raucous rogue &
vivid voltaire
you beautiful anarchist
(i salute thee
23. Hombroich : Poesie
Vom 11. bis 15. Juli 2007 findet auf der Raketenstation Hombroich (Neuss, NRW) das erste Colloquium für Poesie statt. Elf – unter den ästhetisch interessanten und relevanten – bedeutsame deutschsprachige Lyriker und Autoren treffen sich in einem informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Gedicht betrifft, soll hier das “Projekt der Poesie“ frei von saisonaler Wahrnehmung und medialen Einschätzungen innerhalb des Betriebsgefüges literarischer Öffentlichkeit überdacht und fortgesetzt werden. Teilnehmer sind: Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Brigitta Falkner, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Thomas Schestag, Ferdinand Schmatz, Farhad Showgi, Ulf Stolterfoht u.a.
Eine okkasionelle, öffentliche Lesung aller Teilnehmer findet am Samstag, dem 14. Juli 2007 um 19 Uhr statt, ebenso werden die poetologischen Beiträge – unter dem programmatischen Titel Das böhmische Dorf – in Buchform erscheinen.
Das böhmische Dorf. Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur & Kunst
Museum Insel Hombroich / Raketenstation
41472 N
