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72. Kino im Kopf
Schrott Ist die Studie nicht auch ein Kniefall vor dem positivistischen Zeitgeist?
Schrott Einerseits stimmt das natürlich. Das Geheimnisvolle, Unsagbare und Geniale der Poesie wird zugunsten des Messbaren ausgesetzt – doch nur um sich ihr einmal von der Seite der Pragmatik nähern zu können.
Wie groß ist denn die Gefahr, dass Lyrik dadurch entzaubert wird?
Schrott Null. Sie gewinnt dadurch nur. Kein Gedicht wird zerstört, indem man hinter den Vorhang schaut. Was man dann wahrnimmt, ist weitaus interessanter und kann die Wirkung des Gedichts nur erhöhen. Damit kann man auch mit dem Vorurteil aufräumen, Gedichte seien “schwierig”.
Was haben Sie aus neurologischer Sicht Neues über das Gedicht lernen können?
Schrott Dadurch, dass ein Gedicht Bild, Musik und Information synchron liefert und im Grunde ein Kino im Kopf ist, wird es zum menschlichsten und komprimiertesten Zeugnis unseres Denkens und unserer Wahrnehmung. Man erkennt, dass das Gedicht in einer Zeit, in der es noch keine Schrift gab, mit seiner musikalisch gebundenen Sprache die einzige Möglichkeit war, sich Informationen über größere Strecken zu merken.
Der Rhythmus ist es also.
Schrott So ist es. Über die verschiedenen und doch miteinander verknüpften Speichermöglichkeiten der Musik und des Inhalts verfügen wir über die doppelte Kapazität. Wenn wir ein Lied trocken aufsagen, kommen wir drei Zeilen weit; wenn wir es singen, gelangen wir bis zur nächsten Strophe. So fußt bereits die Erfindung des Gedichts auf Pragmatik: nämlich als Erinnerungsspeicher zu fungieren.
Was stellt das Gedicht – in seiner schriftlichen Form – in unserem Gehirn an?
Schrott Die Erfindung der Schrift ist zweifelsohne einer der revolutionärsten Entwicklungsschritte in der Menschheitsgeschichte. Sie hat unsere Wahrnehmung radikal verändert. Mündlich funktioniert die Sprache über den Klang, in dessen Mitte wir stehen. Das Lesen dagegen stellt uns an den Rand, lässt uns die Worte wie Dinge betrachten und macht das Visuelle dominant. Vorher war das Wort als Klang ein Ereignis, beim Lesen ist es ein Objekt, wird verschiebbar und vor allem beliebig wiederholt lesbar. Plötzlich hatten wir Begrifflichkeiten, mit denen wir wie mit Legosteinen hantieren konnten. / Rheinische Post
Raoul Schrott / Arthur Jacobs, “Gehirn und Gedicht”, Hanser, 544 S., 29,90 Euro
121. Pastior-Projekt
Am Samstag, 2. April, beginnt der zweite Tag des Lyrikertreffens Münster mit einem Pastior-Projekt (11 Uhr, Theatertreff Städtische Bühnen).
Urs Allemann, Schriftsteller aus Basel, wird Texte des Georg Büchner-Preisträgers Oskar Pastior lesen. Über den aktuellen Stand der biographischen Forschung berichtet Ernest Wichner. Dieser kann nach Besuchen im Bukarester Securitate-Archiv gut informiert über den „Fall Pastior“ Auskunft geben.
Für die junge deutsche Lyrik gehört der jung verstorbene Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) zu den fast kultisch verehrten Figuren. Im Vorjahr sind seine frühen Arbeiten erschienen. Maleen Brinkmann, die Witwe des Dichters, wird diese Gedichte im Kunstmuseum Picasso (14 Uhr) vorstellen, dieses – wie es der Schriftsteller Georg Klein einmal formuliert hat – „merkwürdig verstockte, fast lauernde Potential seiner poetischen Möglichkeiten“.
„Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren“ – so heißt das Buch, das der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Raoul Schrott zusammen mit Psychologieprofessor Arthur Jacobs (Freie Universität Berlin) verfasst hat. Der Literat und der Neuropsychologe wollen um 16.30 Uhr im Theatertreff wissen: „Weshalb vermag uns das Lesen gedruckter Schriftzeichen so sehr zu vereinnahmen, dass wir alles um uns herum vergessen? Warum sind Verszeilen kurz? Aus welchem Grund wurde die Poesie erfunden?“ Dirk von Petersdorff – auch er liest beim Lyrikertreffen – hat in einer Rezension bereits Bilanz gezogen: „Der Reim kann bleim“.
Die Abendlesung (20 Uhr, Kleines Haus Städtische Bühnen) wird moderiert von Hermann Wallmann, dem künstlerischen Leiter des Lyrikertreffens, und Maria Gazzetti, Leiterin des Lyrik-Kabinetts München. Den Anfang macht Ron Winkler. Der 1973 geborene Autor und Übersetzer junger amerikanischer Lyrik hat seinem neuen Gedichtband einen programmatisch lautleisen Titel gegeben: „Frenetische Stille“. Gemessen an den funkensprühenden Gedichten Winklers haben die Gedichte der 1950 geborenen Angela Krauß etwas Erzählerisches – so wie ihre Prosa etwas von einem Gedicht hat. Raoul Schrott, gewaschen mit allen Wassern von Orient und Okzident, Mitherausgeber der Edition Lyrik-Kabinett, wird aus seinen Übersetzungen altägyptischer Liebeslyrik und eigene Liebesgedichte lesen.
Im zweiten Teil des Abends präsentiert Maria Gazzetti zwei Autoren: Sie stellt den 1935 geborenen Christoph Meckel vor, der in den letzten Jahren eindrucksvolle Zeugnisse eines philosophisch fundierten und doch sehr sinnlichen Alterswerks vorgelegt hat. Und – zum Abschluss des Abends – ihre Landsmännin Patrizia Cavalli, die große alte Dame der italienischen Gegenwartslyrik. Die deutschen Texte liest ihr Übersetzer Piero Salabè.