Getagged: Andreas Reimann
75. Platz für Lyrik
Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker, war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.
Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik “Kleine Sprachen – Große Literaturen” lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!
Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das “Café Europa”. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die “Störung” dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt “Tranzyt” und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.
Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.
Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel “UV – die Lesung der unabhängigen Verlage” genießen, zu Beginn lasen unten im “Café” Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im “Saal” DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte “Industriebier” ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.
79. “am tag als neil armstrong”
Es wird Zeit, dass wir den großen Schriftsteller Andreas Reimann endlich wieder entdecken, schreibt Clemens Meyer in der Welt:
Die Bitternis im Leben des Dichters Andreas Reimann. Geboren 1946. Leipzig. Und dessen Werk (Das ja zum Glück noch in Progress ist) jetzt gesammelt bei der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erscheint. Beginnend mit “Die Weisheit des Fleisches”, das, erstmals veröffentlicht 1974 im Mitteldeutschen Verlag, eines von zwei Büchern war, die von Reimann in der DDR erscheinen durften. Nach 1979 schien er zu schweigen, weil er schweigen musste, weiterdichtend, nicht mehr gedruckt. Und nein, der Dichter entschwand nicht. Er ist da, und war immer da und schrieb und harrte aus. Kunstvoll in ihrer Form und weich in ihrer Strenge sind seine Dichtungen. Immer wieder das Sonett, Elegien, Oden, oft eine Trauer in seinen Versen und oft ein bitterer Witz.
“Es tropft in den städten der schnee. Bleib hier. / Die stricher suchen ein winterquartier: / erbärmliche streuner zwischen den gleisen, / die um sich beißen und dennoch den greisen / nachtappen ergeben: wen wärmt schon der stolz? / Bis märz ist geschlossen das unterholz.” …
Vor Kurzem saß er auf einem Podium einer lokalen Zeitung, “bewohnbarer Stein”, und wirkte seltsam fremd und allein, während er seine Gedichte las:
“Weiß warn die wände, die betten warn weiß, / weiß warn die Laken, patienten und ärzte. / Aber im fernsehen die bilder: schwarz-weiß / am tag als neil armstrong den blässlichen mond / (louis, o wonderful world!) betrat, / während auf eiserner bettstatt / ein anderer häftling, dreifacher mörder, / in mir, dem verfahlten, sich wütend betrieb / und schauerlich zärtlich.”
Er erzählt wenig über diese zwei Jahre Ende der 60er, Anfang der 70er. Hat nie späte Gerechtigkeit eingefordert, öffentlich. Mit seiner Vergangenheit geschachert. Aber in einigen seiner besten Gedichte ist sie so kunstvoll gegenwärtig. Wütend, und schauerlich zärtlich. “Zwei Körper lang die zelle. Breit: drei schritte, / wenn einer kurz tritt. – In des hohlraums mitte / auf einem vielbesessnen schemel hockt / die nummer krumm verängstigt und verstockt.”
48. Warten lohnt
… denn heute ist es soweit:
Am Freitag, 11. November, feiert der Leipziger Dichter Andreas Reimann nicht nur seinen 65. Geburtstag. Im Haus des Buches wird gleichzeitig der erste Band einer Andreas-Reimann-Werkausgabe vorgestellt. “Die Weisheit des Fleischs” heißt der. Er erschien 1975 in der DDR und hatte ein ähnliches Schicksal wie Thomas Böhmes “Mit der Sanduhr am Gürtel”: Er wurde zu einem Bestseller und zu einer Legende.
Und das Warten auf Band 1 lohnt sich natürlich, denn hier werden seine Gedichte aus den Akten der Stasi auftauchen. Li-Z
Leipzig, 19.30 Uhr, Haus des Buches,
19. 20. Sächsischer Literaturfrühling
„Der entfesselte Pegasus – Literatur trotz(t) Markt“ vom 4. Mai – 1. Juni 2011
Aus dem Programm:
Sa. 7. Mai ab 20.00 Uhr
Völkerschlachtdenkmal, 04299 Leipzig, Straße des 18. Oktober 100,
während der Nacht der Museen
Lyrik und Sax
20.00 Uhr Roland Erb (li.) mit Versen vom Hiersein und Reisen
21.00 Uhr Andreas Reimann (Mi.) mit dem neuen Gedichtband „Gräber und drüber“
22.00 Uhr Bertram Reinecke (re.) Meditationen über Tod und Form
Das Saxophon spielt Michael Breitenbach.
Mi. 11. Mai 20.00 Uhr
Buchhandlung LeseZeichen, 01099 Dresden, Prießnitzstraße 58
Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts
Sie wollen sich „tief über die lyrischen Grasbüschel beugen“, nämlich Michael Braun, Mitherausgeber der Sammlung neuester Lyrik, und der Poet und Aktivist des Literaturforums Dresden, e.V., Patrick Beck. „Gute Dichtung“, meinen sie, „beginnt mit dem Totalverlust aller Gewissheiten.“
Fr. 13. Mai 20.00 Uhr
Leipziger Literaturverlag,
04229 Leipzig, Brockhausstr. 56
„Beide Sommer“ von Utz Rachowski und
„Nichtstun als Handlungsmaxime“ von Victor Kalinke
Gleich zwei BUCHPREMIEREN an einem Abend! Dazu spielt der Gitarrist Matthias Huth sanften Blues.
Do. 26. Mai 18.00 Uhr
Buchhandlung Hugendubel, 04109 Leipzig, Peterstr. 12-14
Verse und andere Verbrechen
Clemens Meyer nennt Andreas Reimann „einen unserer besten Dichter“, und -ky lobt an Steffen Mohr, dass er dem Krimi „zu literarischem Ansehen“ verholfen hat. In einer ungewöhnlichen Paarung erlebt man die beiden Kultautoren ihres Genres. Während Reimann Lyrik aus seinem Band „Bewohnbare Stadt“ liest, trägt Mohr erstmals die Mordsstory „Ziehvater“ über Leipzigs Jugend-Drogenszene vor.
30. Gute Lyrik
Hätte das deutsche Feuilleton noch eine Nase für gute Lyrik, der Leipziger Andreas Reimann würde immer wieder auftauchen in den Vorschlagslisten zu den ganz großen Literaturpreisen im Land. So viele richtige Lyriker hat die Bundesrepublik nämlich nicht. Jetzt hat er wieder einen neuen Gedichtband vorgelegt. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung 4.10.
Gräber und drüber. Gedichte
Andreas Reimann, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2010, 18 Euro
111. Sächsischer Literaturfrühling
Literaturfrühling in Leipzig, und alle kommen. DAS „Spezialorgan für Lyrik und ihre Poetologie“, die von Urs Engeler herausgegebene Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ ist gleich mit allen Autoren der aktuellen Nummer dabei: Konstantin Ames, Michael Fiedler, Andrea Heuser, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke und Daniela Seel lesen Gedichte, Norbert Lange moderiert: wenn das kein Gipfeltreffen jüngster Lyrik ist!
Und es gibt viel mehr. Norbert Lange und Susanna Mewe übersetzen die amerikanischen Lyriker Kevin Prufer und George Oppen und geben Einblick in ihre Werkstatt. Ulf Stolterfoht stellt Cowboylyrik vor (auch bei Engeler!) und Andreas Reimann liest einen Essay über Georg Maurer, (nicht nur) seinen legendären Lehrer. Meistens ist Musik, manchmal auch Bildende Kunst dabei. Leipzig scheint zwei, drei Reisen wert. Lesen Sie das vollständige Programm hier unten.
19. Sächsischer Literaturfrühling
„Im Glück – 65 Jahre Frieden in Mitteleuropa“ vom 28.5.-21.6.2010
Do 27. Mai, 19.00 Uhr
Kulturwirtschaft „Waldfrieden“, Bornaische Straße 56
Thomas Renker liest „Dass Du mir bleibst“
Musik: Lutz Heinrich (Eisenheinrich).
Gemeinsam mit Heike May bringt der Autor seine einfühlsamen Verse auf die Bühne. Anschließend geben Heike May und Lutz Heinrich ein Konzert.
Sa 29. Mai, 20.00 Uhr
Galerie KUB, Kantstraße 18
Urs Engelers „Zwischen den Zeilen“
Mit Daniela Seel, Andrea Heuser, Michael Fiedler, Bertram Reinecke, Konstantin Ames, Kerstin Preiwuß
Moderation: Norbert Lange
Musik: Diana Moehrke, Aiko Herrmann
Eintritt: 4/2 Euro.
Die Jahresschrift des Schweizer Kultverlegers Urs Engeler hat sich zu dem Spezialorgan für Lyrik und ihre Poetologie entwickelt. „Die nach wie vor beste deutschsprachige Lyrik-Zeitschrift“ lobt Michael Braun im Saarländischen Rundfunk anlässlich des aktuellen Hefts. Wir führen alle Autoren dieser Nummer in Leipzig zusammen. Gemeinsam Lyrik lesen und über Poesie nachdenken werden so unter anderem die Verlegerin Daniela Seel, mit ihrem Verlag „KOOKbooks“ selber eine der ersten Adressen für zeitgenössische Lyrik, der aktuelle open-mike-Preisträger Konstantin Ames und die Münchner Schriftstellerin Andrea Heuser. Diana Moehrke und Aiko Herrmann bearbeiten einzelne Texte musikalisch.
115. Sprachschärfung
ZEIT ONLINE: … Lyrik. Interessieren Sie sich dafür?
[Clemens] Meyer: Ja, sehr. Ich hab ein paar Spezialisten. Das kam erst in den letzten Jahren. Doch ein gutes Gedicht hat mich schon immer interessiert.
ZEIT ONLINE: Welche Spezialisten?
Meyer: Der leider verstorbene Wolfgang Hilbig war einer der ganz Großen. Und der Leipziger Lyriker Andreas Reimann, ein Meister der Sonette. Leider ist er in Vergessenheit geraten.
ZEIT ONLINE: Haben Sie selbst mal dran gedacht, Lyrik zu schreiben?
Meyer: Hab ich! Aber nur zu Übungszwecken, um meine Prosa zu vervollkommnen. Das ist was anderes. Wen kennt man denn schon hier*! Raoul Schrott, Durs Grünbein, Thomas Kling, dann hört’s schon langsam auf. Das Lesen von Lyrik ist eine Sprachschärfung. Aber selbst schreiben? Vielleicht irgendwann.
*) Wenn “hier” Leipzig ist: da hätten ihm ja ein paar übern Messe-Weg stolpern können.
175. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (2)
Essay von Bertram Reinecke, Teil II von II
Vgl. 168. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (1)
Während sich Braun um die analytische Durchdringung seines Gegenstandes bemüht, beschränkt sich Michael Buselmeier oft lediglich darauf, den Gedichtinhalt oder das Dichterschicksal nachzuerzählen. Warum der Dichter diesen Inhalt wählte und ihn genau so behandelt hat, scheint ihn weniger zu interessieren[1]. Eher geht es ihm durch die Einordnung der Gedichte in den Kontext der Zeitläufte und der Dichterschicksale darum nachzuweisen, dass Gedichte an Brennpunkten der Wirklichkeit auftauchen. Auch sollen, scheint es, heranzitierte Biografien den Gedichten Glaubwürdigkeit verleihen. Nicht jedem mag dieser Zugriff liegen, bei dem es immer zunächst um etwas anderes geht als um Literatur.
Dichter zu Übergröße stilisiert, wie bei ihm bisweilen geschieht, neigen zudem notorisch dazu, in der Wirklichkeit nicht auftreten zu wollen und machen sich so mit den idealisierten Schemata der Schulbücher gemein. Sie setzen Buselmeiers Diskurs mithin der Gefahr aus, ebenfalls als pädagögelnde Übertreibung abgetan zu werden.[2]
Er problematisiert einen solchen Zugriff auf Dichtung über die bedeutende Biografie zwar am wohlfeilen Beispiel George Forestiers. Die Chance, hier gleichzeitig die Vorgehensweise seiner Beiträge zu thematisieren, nutzt er aber nicht. Dies Stillschweigen scheint sagen zu wollen: „Schaut her, ich bin mir der Problematik des Verfahrens bewusst. Wenn ich dennoch so vorgehe, habe ich meine Gründe.“ So muss bei diesem stoffintensiven Ansatz über manches hinweggegangen werden, was der näheren Erläuterung bedurft hätte und Buselmeiers kritisches Potential kommt nicht voll zum Tragen. Nach Buselmeier z.B. „dürfte kein lebender deutschsprachiger Dichter die Vers- und Reimkunst virtuoser handhaben“ als Richard Pietraß. Dies wird festgestellt und nicht begründet. Es könnte so die Frage auftauchen, ob nicht etwa auch ein Reimann oder sagen wir Rosenlöcher (um nur zwei Sachsen mit R zu nennen) diese Palme verdient hätten. Buselmeier erhebt, soweit er erwartet, dass der Leser seinem Urteil folgt, damit Anspruch auf ein nach Art und Größe nicht näher zu bestimmendes Geheimwissen. Sich so auf Gedeih und Verderb der Autorität des Kritikers auszuliefern, mag manchem Leser misslich sein. Über Lutz Seiler heißt es, er gehöre „nicht zu den westwärts orientierten Leichtfüßen mit einer Tendenz zum unterhaltsamen Witzeln.“ Dass Lutz Seiler ein ernster Mann ist, versteht sich. Schätzbar ist der Dichter jedoch vielen gerade dadurch geworden, dass er ostdeutsche Herkunft und ostdeutsches Aufwachsen, jenseits des Politischen in seiner umfassenden alltäglichen Dimension, lyrisch erlebbar gemacht hat. Dies ist freilich ein Projekt, das für Leute mit ähnlicher Biografie wenig interessant ist. Inwiefern diese Poetik sich also nicht westwärts orientiert, eine andere aber wohl, versteht sich da nicht von selbst. Gegen wen richtet sich Buselmeier also? Ein habitueller Reflex gegen die Anarchisten von der hauptstädtischen Höhe? Mal eine interessante Meinung über Rosenlöcher? Dann und wann hätte er sich doch mehr Raum für das begründete Argument nehmen können.
Der prototypische Gegenwartsdichter hat nach Buselmeier rein statistisch ein Durchschnittsalter von über siebzig Jahren.[3] Wie formal eine solche Berechnung auch immer sei, hier hat sie ihre Berechtigung: Sascha Michel, der jüngste von Buselmeier ausgewählte Dichter, ist lediglich verzeichnet, um kräftig abgewatscht zu werden[4] und auch der zweitjüngste Albert Ostermaier wird nur mit spitzen Fingern angefasst[5].
Liest man einmal die von Buselmeier ausgewählten Gedichte hintereinander, fällt bei allen Verschiedenheiten im Einzelnen eine merkwürdige Gemeinsamkeit auf. Das lyrische Sprechen nimmt meist eine Mittelposition zwischen den Objekten der Welt und dem Subjekt des Sprechens ein. Nie verliert sich das Sprechen im Gegenstand, nie setzt sich das Subjekt dominant.
So gibt es auf der einen Seite kein empirisches Einlassen auf Welt und deren präzise Abschilderung nimmt wenig Raum ein. Ein Baum ist sozusagen nie ein Baum, sondern immer gleich ein Symbol für etwas anderes. Es gibt kein Einlassen auf das sprachliche Material. Werner Laubscher wird zwar in die Nähe der Wiener Gruppe gesetzt, das vorgestellte Beispiel inszeniert sich aber mit einer derartigen Lustigkeitsattitüde, dass Clemens Brentano, was das Vertrauen in diese Verfahren betrifft, bereits einen Schritt weiter scheint.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch keine Lyrik, die sich als Unmutsäußerung oder „kräftig die Meinung sagen“ versteht. Ein lyrisches Ich wird zwar meistens greifbar, bleibt aber so zurückgenommen, dass es immer als verletzt von der Welt dasteht und nie weltschaffend, allenfalls weltbearbeitend eingreift.
Diese Sorge um die Mittelposition des Subjekts wird in den Artikeln über die Dichter besonders deutlich, die diese nicht oder nicht immer vertreten. Surreale Verfahren kommen mit Ausnahme von Hans Thills „Die Lokomotive“ nicht vor und auch hier handelt es sich um ein gemäßigteres Beispiel, das nicht ohne den Kommentar auskommt, solche Schreibweise sei „nicht ohne Risiko, zumal, wenn sie sich immer weiter von einem (autobiografischen) Erfahrungskern entfernt oder gar Sinn und Existenz eines poetischen Kraftzentrums mit Theoremen wie ‘Ich-Verlust’ und ‘Welt-Entzug’ leugnet.[6] Das einzige (im übrigen recht schwache) Beispiel für Gedankenlyrik kommt nicht ohne kritischen Textkommentar aus.[7] Erwin Walter Palms ebenfalls um ein allgemeines Sprechen bemühter Text wird von Buselmeier auf eine subjektive Selbstaussage reduziert.[8]
Albert Ostermaiers Machogesten werden ebenso kritisch vermerkt, aber ein Gedicht gewählt, das diese Züge nicht trägt. Ähnlich wird bei Friederike Mayröker erwähnt, dass sie die „sprachartistischen Errungenschaften[9] der Surrealisten und besonders der Wiener Gruppe“ keinen Augenblick verleugne, im gewählten Textbeispiel tritt diese Spracharbeit aber auffällig hinter dem klar strukturierten erzählenden Rahmen zurück. Zu der im Text beschriebenen Mütze wird von Buselmeier zwar beifällig bemerkt, sie ließe sich „sehen, riechen und anfassen“. Sie steht in seiner Deutung dennoch in erster Linie für eine „märchenhaft gruselige Kindheit“.
Alle Verfahrensweisen, deren Fehlen hier vermerkt wurde, mögen in sich ihre speziellen Problematiken haben. Das gesamte Gegenwartsgedicht lässt sich auf eine solche mittlere Sprechposition jedoch nicht festlegen. Zumal sich damit ja auch eine bestimmte Normvorstellung von (bürgerlichem?) Individuum einschleicht. Wenn diese doch sehr massive Restriktion seiner Auswahl nicht sofort von den Kritikern des Bandes bemerkt wurde, dann wohl, weil sich genau hier der Schnittpunkt der verschiedenen lyrischen Richtungen befindet. Dass man zumindest auch so ein Gedicht verfassen könnte, scheint von den meisten poetologischen Positionen aus noch einsichtig. (Bzw. man ist solche Gedichte zu lange gewohnt, um sie gänzlich aus dem Kanon ausscheiden zu können.)
Welchen Lesern mag ein so eigensinniges Buch wie „Der gelbe Akrobat“ nützlich sein? (Angehende) Pädagogen, die sich mit dem Werk einen Überblick über das Gegenwartsgedicht verschaffen wollen, mögen sich, zumal in Buselmeiers Stil, schnell zurechtfinden. Sie sollten aber nicht vergessen, dass der ästhetische Diskurs dieses Buches so seine Schlagseiten hat. Sich auf breiterer Textbasis über das Gegenwartsgedicht zu informieren, sollten sie sich nicht ersparen. Liebhaber zeitgenössischer Poesie können sich mit der Lektüre dieses Werkes gut lange Zugfahrten vertreiben, finden dort aber auch Altbekanntes vor. Allemal bleibt es ein Dokument dafür, wie um die Jahrhundertwende gemeinhin in Deutschland über Gedichte nachgedacht wurde.
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[1] Geschweige denn, dass es Dichter gibt, die grundsätzlich anders vorgehen.
[2] Man möchte weiter einwenden, dass ein lauterer Leser sich bemühen sollte, die Glaubwürdigkeit eines Textes aus dessen sprachlichen Qualitäten zu erschließen. Man muss Michael Buselmeier immerhin die Einsicht zugestehen, dass dies bei einem kontextlosen Einzeltext oft schwierig ist.
[3] Und ist damit ungefähr so alt wie er selbst. Es zeigt sich hier das oft beobachtete Phänomen, dass zur lyrischen Adoleszenz das Studium der Vorgänger gehört und ein Interesse an den gleichaltrigen Mitstreitern, dass es aber vielen Dichtern oft schwerer fällt, Leistungen der nachfolgenden Generationen zu würdigen.
[4] Er unterstellt dem Text eine Frührentnerhaltung und sagt, es sei bei diesem Gedicht beinahe nichts übrig geblieben von den „glanzvollen Anstrengungen der Tradition“ als „ganz affirmative Redewendeungen, billige Häme“ usf.. Der Text mag in der Tat schwach sein. Man möchte aber Buselmeier den Satz entgegen halten, welchen Michael Braun in Bezug auf Volker Brauns „Marlboro is Red. Red is Marlboro“ unmittelbar davor äußert, denn beide Gedichte scheinen teilweise nach ähnlichen Verfahren zu arbeiten: „Wer eine bruchlose Identität zwischen Autor- und Gedicht-Ich unterstellt, der kann zum voreiligen Schluss gelangen, der Autor habe sich im Bestehenden eingerichtet.“ Einen mindestens ähnlich plakativen bzw. ironischen Text wie Sascha Michels, allerdings vom dem ein entscheidendes Vierteljahrhundert älteren Ludwig Fels verfasst, behandelt Buselmeier hingegen wohlwollend fragend. Das Problem mit der jungen Generation erweist sich hier nicht nur als ein Problem neuer? ironischer? Techniken, sondern in erster Linie als ein Vertrauensproblem: Bei Volker Braun oder Ludwig Fels „weiß“ man einfach, dass ihre Texte nicht affirmativ gemeint sein können.
[5] Er grübelt etwa darüber nach, warum Ostermaier bei Verlagsleitern und Jurymitgliedern so beliebt sein könnte, kritisiert modische Vokalbeln, einen demonstrativen Vitalismus usw.
[6] Bemerkenswert, wie hier frustrierende Einsichten, wie sie die (Post-)Moderne uns aufnötigt, zur bloßen Sache der Meinung eingedampft werden.
[7] Hier kommt einem etwas das Wohlwollen abhanden: Man muss mutmaßen, Buselmeier habe sich für dieses schwache Beispiel von Frommel entschieden, um einerseits nicht als gar zu einseitiger Kritiker zu erscheinen, andererseits den jugendlichen Leser durch ein berückendes Beispiel nicht vom Pfad der lyrischen Tugend abzubringen. Wie leicht hätte sich ein besserer Text dieser Art etwa bei Rainer Kirsch gefunden und zeitlich würde sogar Brecht ja noch im Rahmen gewesen sein.
[8] „Das lyrische Ich, dieser ‘Niemand’ … ist der für immer vertriebene Dichter selbst, ein ‘Abgeschnittener’, der ewige Exilant.“ Es gibt in Palms Text gar kein „ich“, sondern der Text hat ein „wir“ und redet ein „du“ an. Ich denke, damit hat Palm etwas gemeint.
[9] Nur nebenbei: Mit wem wurde da gerungen?
Der gelbe Akrobat: 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert / von Michael Braun und Michael Buselmeier. Leipzig: Verlag des Poetenladen 2009. 360 S. ISBN 978-3-940691-08-8. 19,95 Euro.
92. Lyrik und Lyriker bei textenet
Freitag, 20. November 2009 um 19:30 Uhr
Werkstatt für Kunstprojekte
Jens Paul Wollenberg und Uta Pilling – „Ein Bericht für eine Akademie“
Jens Paul Wollenberg liest „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka, Musik: Uta Pilling
Freitag, 20. November 2009 um 20:00 Uhr
Galerie Koenitz:
Bild und Bildner – Texte zur bildenden Kunst
Texte zur Bildenden Kunst mit Interessierten aus Bildender Kunst und Literatur: u.a. Rosemarie Fret, Jutta Pillat und Ralph Grüneberger, Musik: Martin Höpfner
Freitag, 20. November 2009 um 21:00 Uhr
Galerie A und V:
Ronald M. Schernikau – Abend
Mit Tobias Amslinger und Hannes Becker
Samstag, 21. November 2009 um 16:00 Uhr
Werkstatt für Kunstprojekte:
Verlagspräsentation der Leipziger Belletristik-Verlage
Mit Verlag Faber & Faber, Plöttner Verlag – für den Verlag lesen: Reinhard Bernhof & Thomas Kunst, Poetenladen – für den Verlag lesen: Katharina Bendixen & Johanna Schwedes, Leipziger Literaturverlag – für den Verlag lesen: Viktor Kalinke & Carsten Zimmermann, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Passage Verlag, Mitteldeutscher Verlag – für den Verlag liest Jörg Jacob, PaperOne – für den Verlag treten auf: Volly Tanner & Wolfgang Flür (vom Schlagzeuger der Gruppe „Kraftwerk“ zum Schriftsteller), Zeitschrift EDIT, Carpe Plumbum, Poesiealbum neu, Buchverlag für die Frau – für den Verlag liest: Christel Foerster, edition vulcanus – für den Verlag lesen: Maren Uhlig & Elmar Schenkel, Edition TP, Ausgabe 1 – für den Verlag lesen Marcel Rabe & Thomas Jez
46. Der 11. November
… ist nicht nur Martinstag* und Enzensbergers Geburtstag (und nebenbei der von Heinrich IV., Paracelsus, Dostojewski, Paul Signac, René Clair, Kurt Vonnegut, Carlos Fuentes, Andreas Reimann (Glückwunsch!), Demi Moore, Ally McBeal, Leonardo DiCaprio and the lot), sondern in Großbritannien Armistice Day – Gedenktag zum Waffenstillstand von 1918. Der wird bis heute begangen (praktischerweise hat man 1939 die zwei Schweigeminuten auf den nächstliegenden Sonntag verschoben), so auch in der Lyrik. Heute veröffentlicht das First World War Poetry Digital Archive der Universität Oxford eine digitale Sammlung der Manuskripte des Dichters Siegfried Loraine Sassoon (1886–1967).
Das Archiv enthält auch Sammlungen von Wilfred Owen, Isaac Rosenberg, Robert Graves, Vera Brittain und Edward Thomas.
Bericht im Guardian vom 11.11.
Sassoon war eine komplexe Persönlichkeit: britischer Patriot mit teutonischem Namen, tollkühner und dekorierter Soldat und Deserteur, Jude und Katholik (jeweils nicht unbedingt gleichzeitig, abgesehen von Ersterem), war poet und anti war poet. “They” heißt ein berühmtes Gedicht – hier ist nicht der Feind gemeint, sondern “they”, die Kirche, die den Krieg beweihräuchert, und “they”, die Jungs aus den Schützengräben. Wäre es nicht an der Zeit, es auch in den deutschen Kanon aufzunehmen?
*) vgl. 28. Gedicht