Getagged: Anagramm
76. Europa anagrammiert
Kein Zweifel: «Europa anagrammiert / an Ego-Primärtrauma.» / Thomas Brunnschweiler, Neue Zürcher Zeitung 19.4.
Etienne Klein / Jacques Perry-Salkow: Anagrammes renversantes ou Le sens caché du monde. Flammarion, Paris 2011. 112 S. Petra Nagenkögel: Anagramme. da die bäume, die sprache, ein schlaf. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2012. 87 S., Fr. 27.50. Anna Isenschmid: Vier Seidenjahre Zeit. Anagramme. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2010. Unpaginiert, mit CD, Fr. 28.–. Die Anagramm-Sprechoper «Vier Seidenjahre Zeit» wird im Rahmen der Ausstellung «Jo Achermann, Die Quadratur des Blicks» in der Turbinenhalle in Giswil aufgeführt.
105. Germanisten
Das ist zwar konkrete Poesie, hats aber doch in sich. Aus gegebenem Anlaß fiel mir ein Anagrammgedicht von Kurt Mautz wieder ein. “germanisten nisten mager”… (Mag auch über alternde Literaten Auskunft geben.)
Was es nicht ist: Es ist kein Lautgedicht. Es ist nicht assoziations- noch referenzfrei. Auch nicht abstrakt. Es ist konkret ein Anagramm auf das Wort im Titel. Es ist für jeden verständlich. Außer vielleicht für verbildete Germanisten.
Germanisten
germanisten
nistenmager
manistgerne
nistgermane
sagterminne
meintersang
sternmagien
stangenreim
rastimengen
arminsegnet
amensingter
geistermann
samegerinnt
imargennest
nagermisten
greinenmast
grastmeinen
magernstein
- Kurt Mautz, aus: Andreas Thalmayr: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. Nördlingen 1985 (Die Andere Bibliothek 9)
8. Edit 57
Bei Fixpoetry Armin Steigenberger über das neue Edit:
Die Gedichte des polnischen Dichters Miron Białoszewski, übersetzt von Dagmara Kraus, frappieren. Sie wirken auf den ersten Blick simpel und sehr reduziert.
STUDIUM DES SCHLÜSSELS
Der Schlüssel
riecht wie Nagelwasser
schmeckt nach Elektrizität
und als Frucht
ist er herb
unreif
an sich ganz und gar
Kern.
Oft auf lapidare Dinge wie Sinneseindrücke fokussiert geben sie alltägliche Dingen wieder, entfachen dennoch, meist zum Ende hin, in Texten wie Bemusung oder einer selbstironischen „Ode“ über einen bekommenen und wieder genommenen Ofen oft ihr ganzes sprachgewaltiges Potenzial. …
Ebenfalls sehr spielerisch schrieben Elfriede Czurda und Ferdinand Schmatz je ein, Michael Lentz zwei Anagramme nach einem Text von Carlfriedrich Claus, rinde der bäume. Christian Steinbacher rundet mit einer „Anagrammfolge“ von gleich 6 Texten den Zyklus ab, von daher ist die Kapitelüberschrift „Vier Gedichte“ ein glattes Understatement. Es wären so gesehen 10 Einzelanagramme, nicht eingerechnet den Ausgangstext von Carlfriedrich Claus – jenes visionären experimentellen Künstlers, der die Grenzen von Stimme, Papier und Schrift zu Rändern werden ließ, zu Nähten, die die Wirklichkeit neu zusammensetzten, steht in einer Fußnote. Alle Texte lösen auf ihre Weise originell den Anspruch ein.
Außerdem u.a. über Konstantin Ames, Georg Leß und amerikanische Essays
Edit 57, Papier für neue Texte, hrsg. von Literaturverein Edit e. V., 2012
Redaktion: Jörn Dege, Kerstin Preiwuß, Mathias Zeiske
26. Alle tun es
Oskar Pastior tat es, Georges Perec tat es, und Amerikas bizarrster Privatmythologe unter den Künstlern, Matthew Barney, tut es unter dem malerischen Titel «Drawing Restraint» noch immer äusserst lustbetont … Brunnschweiler, der vor Jahren mit «Herrgott und Teufel», einer 234-zeiligen «Litanei für 17 Buchstaben», das längste deutschsprachige Anagrammgedicht vorlegte, macht auch in seinem jüngsten Wurf wieder vor keinem tieferen Sinn und höheren Unsinn halt, wobei die kürzeren Texte meist durch ihren lakonischen Expressionismus bestechen – wie etwa die Transformation von «Der grosse Konsumator» zeigt, der am anderen Ende von Brunnschweilers Buchstabenverwertungs-Maschine als «Kern: Orgasmus, Eros, Tod» herauskommt. / NZZ 30.10.
Thomas Brunnschweiler: AlltagsWorte. Anagramme. Nachwort von Stephan Krass. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2009. 128 S., Fr. 23.–.
70. Brot wende in Leid
Wir lieben den Tod
Rot winde den Leib,
Brot wende in Leid,
ende Not, Beil wird
Leben. Wir, dein Tod,
weben dein Lot dir
in Erde. Wildboten,
wir lieben den Tod
Anagramm von Unica Zürn. Bilder und Texte hier
54. Anagramm-Wettbewerb
Im Rahmen von “Luzern bucht” vom 5.-7. März 2010 (Literaturfest, Buchmarkt und Anagrammtage) fand dieses Jahr zum Abschluss der unter dem Motto “Luft & Liebe” dargebotenen Veranstaltungen in der Kornschütte die Verleihung des Anagramm-Preises statt.
Der vom Verlag Martin Wallimann, Alpnach, und der Stiftung HAUS am SEE, Horw, ausgeschriebene Anagramm-Wettbewerb wurde der Lyrikerin und Sprachspielerin Brigitte Fuchs aus Teufenthal in der Schweiz verliehen. 30 Wortkünstler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum waren dazu eingeladen worden, drei unveröffentlichte Anagramme (zwei davon in freier Form und eines mit dem Titel ZWISCHEN HALBER NACHT UND GANZEM TAG) einzusenden. Juriert wurden die unter einem Kennwort eingegangenen Beiträge durch die dreiköpfige Jury, bestehend aus Ina Brueckel (ZHB), Josef Birrer (BVL) und Matthias Burki (Verlag Der gesunde Menschenversand). Das “Preisgeld” besteht aus einem zweiwöchigen Aufenthalt im HAUS am SEE im Park Krämerstein, Kastanienbaum, Horw/LU.
Dort findet vom 7. Mai bis 27. Juni 2010 eine grosse Anagramm-Ausstellung statt, bei der auch die Wettbewerbsbeiträge gezeigt werden.
Einer der Siegertexte:
Wie Goethe gern schrieb
Schreib gewogen, heiter,
schreib ihretwegen, Ego:
Schreiben gehoert ewig!
Woher geistigen Becher?
Bewege Gehirn erotisch,
betoere Gehirn, schweig!
Gebe Gewirr Schoenheit,
gebe Irrweg Schoenheit!
Gebe rein Hochwertiges!
Wein beschert gehoerig
Grobheiten. Schweige er,
gebe wichtige Rosen her!
So. Wichtigere Begehren,
oh Richter? Gegenbeweis?
Schreib weniger, Goethe!
Brigitte Fuchs
98. Meine Anthologie 22: Unica Zürn, Les chants de Maldoror
Les chants de Maldoror
Tal des Moloch, Narr des
Alls. Rote Mordschande
der Scham – o rasend toll
des roten Dolchs Alarm.
Aus: Aus zerstäubten Steinen. Texte deutscher Surrealisten. Aachen: Rimbaud, 1995, S. 86.
Les chants de Maldoror: Gedichtsammlung von Lautréamont (eigtl. Isidore-Lucien Ducasse), 1847-1870. Deutsch bei Rowohlt (Die Gesänge des Maldoror)
63. Anagramm-Handbuch
Zu welchen Letternoperationen die poetische Arbeit in der gegenwärtigen Anagramm-Szene in Wort und Bild führt, das zeigt ein Kompendium mit dem sprechenden Titel «Die Welt hinter den Wörtern». Das Spektrum der Texte reicht von Unica Zürn und Andre Thomkins über Kurt Mautz und Elfriede Czurda bis zu jüngeren Arbeiten von Heini Gut, Mario Billia oder Gerhard Jaschke. … Wer sich auf das nicht immer schwindelfreie Unternehmen der Buchstabenpermutationen einlassen will und für poetische Höhenflüge an den Grenzen der Sprache gewappnet ist, dem sei diese Anthologie als Navigationsinstrument dringend empfohlen. / NZZ 12.3.
Die Welt hinter den Wörtern. Zur Geschichte und Gegenwart des Anagramms. Hrsg. Max Christian Graeff. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2004. 240 S., Fr. 35.-.