Getagged: Aleksandr Blok

11. Überraschungstour

Vergessen Sie alles, was Sie über russische Lyrik zu wissen meinten. Hier werden Sie auf eine Überraschungstour geschickt, denn Felix Philipp Ingold verweigert – wie er im Vorwort betont – das übliche “Rating”, in dem Großmeister wie Majakowski, Blok und Achmatowa ganz oben stehen. Ingold hingegen lässt sich nicht beeindrucken von denen, “die mit nachhaltigem Ruhm so sehr imprägniert” sind, schlüpft in die Rolle des Kriminalisten, sucht nach Spuren Verschollener, entdeckt “zu Unrecht disqualifizierte Außenseiter” wie Ilja Kutin und inszeniert dramatische Konfrontationen. / Dorothea von Törne, Die Welt

Felix Philipp Ingold (Hg.): Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Dörlemann, Zürich. 536 S., 33 €.

9. Lichtgestalt der Moderne

Zwar ist der russischen Lyrikerin Anna Achmatowa (1889–1966) die höchste literarische Würdigung, der Nobelpreis, versagt geblieben, doch die Verehrung, die sie zu Lebzeiten genoss, wie auch ihr stetig wachsender Nachruhm machen sie gleichwohl zu einer Lichtgestalt der europäischen Moderne – kaum ein anderer Autor des vergangenen Jahrhunderts ist in Malerei, Skulptur oder Fotografie so oft dargestellt worden wie sie, kaum ein anderes lyrisches Werk hat man so extensiv übersetzt, ausgedeutet, vertont und illustriert wie das ihre, und kaum jemand sonst hat in Briefen, Tagebüchern oder Erinnerungsschriften zeitgenössischer Sympathisanten so viel Präsenz gewonnen. …

Die nun seit kurzem auch in deutscher Sprache vorliegenden «Erinnerungen an Anna Achmatowa» erweisen sich als ein rückhaltlos voreingenommener Nachruf, der die Dichterin hochleben lässt als künstlerische, moralische und intellektuelle Führungskraft einer Epoche des Horrors. …

Der rasant hingeschriebene, weder die Erzähllogik noch die Chronologie respektierende Text ist darüber hinaus ein epochales Zeitzeugnis von unmittelbar anrührender Authentizität – subjektiv, eigensinnig, provokant, ungemein klug und souverän, dabei völlig illusionslos, bisweilen auch ausgesprochen zynisch.

An Zynismus grenzt hier etwa die radikale Neubewertung der russischen literarischen Moderne. Diese sieht die Autorin dominiert von Ossip Mandelstam, dem angeblich einzig die Achmatowa und Pasternak das Wasser reichen können, während die kanonisierten Autoren des Symbolismus und Futurismus – von Alexander Blok bis hin zu Chlebnikow und Majakowski – lediglich als Komparsen der Literaturgeschichte in Erscheinung treten oder explizit als Kriecher, Schönredner, gar als «Kretins» abgefertigt werden . . .  / Felix Philipp Ingold, NZZ 3.1.

Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an Anna Achmatowa . Aus dem Russischen von Christiane Körner. Kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Pawel Nerler. Bibliothek Suhrkamp 1465, Berlin 2011. 205 S., mit zahlreichen Abbildungen, Fr. 27.50.

50. Meckels Erinnerungsbuch

Christoph Meckels Erinnerungsbuch an die Nachkriegszeit in der „Russischen Zone“ ist keine der üblichen Autobiografien. …

Meckels Buch ist frei von Larmoyanz und Verbitterung gegen die Russen. Und das Kind, das unter den Bedingungen der Besatzung, trotz innerer Bereitschaft, kein Russisch erlernen sollte, wird als junger Mann zum Liebhaber russischer Literatur – um im Paris der Fünfzigerjahre schließlich Paul Celan zu treffen und im Manuskript seine Nachdichtungen Mandelstams, Bloks und Jessenins zu lesen. Ein versöhnlicher Ausblick am Schluss dieses kleinen Meisterwerks.  / Jan Koneffke, Die Presse 12.11.

6. Dandy und Kommunist

Majakowski ist zuerst ein Gesicht, eine Gestalt ohne Maß. Man betrachte die Bilder Rodtschenkos oder Schklowskis: Koloß der Jugendlichkeit, harter Schädel und weiche Lippen, ein düsterer Blick über den Horizont hinaus, eine überspitzte Eleganz. Dandypoet, Futurist und Kommunist. … Wladimir Majakowski hat den Tod gewählt, vielleicht aus Liebeskummer. Er war knapp 37.  15 Jahre früher hatte er geschrieben: “Immer öfter denke ich: / Wär’s nicht gescheiter / auf die Stirn einen Schlußpunkt mit Blei zu setzen”*. Das war nicht nach Stalins Geschmack. Der Sowjetherrschaft gefiel es, ihre besten Dichter zu verfolgen oder zu vernichten: Jessenin, Blok, Achmatowa, Zwetajewa… Trotzdem wurde er bis zur Auflösung der Sowjetunion der offizielle Dichter des kommunistischen Reichs. Das war sein zweiter Tod. / Thierry Clermont, Le Figaro 28.10.

(Wikipedia)

 

La Vie en jeu, une biographie de Vladimir Maïakovski de Bengt Jangfeldt, traduit du suédois par Rémi Cassaigne, Albin Michel, 590 p., 25 €.

Euer Traum 

im Hirn ist verweichlicht bereits,
wie ein fetter Lakai auf dem speckigen Sofa, bis ich
ihn erst einmal mit dem blutigen Fetzen des Herzens gereizt
und mich sattgelacht, arrogant und bissig.

In meiner Seele fand sich von grauen Haaren kein Schimmer,
keine Greisenzärtlichkeit fand sich!
Da schreit’ ich: Es donnert die kraftvolle Stimme.
Und ich bin schön
und bin zweiundzwanzig

Вашу мысль 

мечтающую на размягченном мозгу,
как выжиревший лакей на засаленной кушетке,
буду дразнить об окровавленный сердца лоскут:
досыта изъиздеваюсь, нахальный и едкий.

У меня в душе ни одного седого волоса,
и старческой нежности нет в ней!
Мир огромив мощью голоса,
иду – красивый,
двадцатидвухлетний.

(aus dem Prolog von Wölkchen** in Hosen, Übersetzung von Alexander Nitzberg) (zitiert bei Wikipedia)

*) aus dem Prolog des Poems “Die Wirbelsäulenflöte”, in: Wladimir Majakowski: Wolke in Hosen. Deutsch von A. E. Thoß. Berlin: Volk und Welt 1949, S. 11

**) Freilich Облако heißt Wolke: warum Wölkchen wie in der Fernsehwerbung?

169. Das “ekstatisch-empirisch-esoterische mOMent” der Direkten Dichtung oder: Das Scheinparadoxon der Jülicher Transrealistik (EEE-Teil 1)

“Seine Tendenz zur Normalität entsprach einer Persönlichkeit, die durch die Konfrontation mit dem Unbewußten nicht entwickelt, sondern nur gesprengt worden wäre. (…) Man kann wohl sagen, daß das heutige Kulturbewußtsein, insofern es sich philosophisch reflektiert, die Idee des Unbewußten und deren Konsequenzen noch nicht aufgenommen hat, obwohl es seit mehr als einem halben Jahrhundert damit konfrontiert ist. Die allgemeine und grundlegende Einsicht, daß unsere psychische Existenz zwei Pole hat, bleibt noch immer eine Aufgabe der Zukunft.”
Carl Gustav Jung (‘ERINNERUNGEN, TRÄUME, GEDANKEN’, 1961)

G&GN-Institut, Berlin-Neukölle (Ende Februar 2010) / Angeregt durch die beiden jüngsten Kommentare seitens Thien Tran & Anonymus über angeblich esoterische Tendenzen innerhalb der Lyrik von Tom de Toys, versucht das G&GN-Institut nun anhand von öffentlich zugänglichen sowie noch unpublizierten Texten diverser Institutsmitarbeiter diese Interpretation der Direkten Dichtung nachzuvollziehen und vorallem zu verstehen, ob sich der “junge” Literaturbetrieb generell von der DIREKTEN DOKUMENTATION “SEELISCHER” DIMENSIONEN ZUGUNSTEN EINER SOGENANNTEN “SACHLICHEN” EBENE distanziert oder inwiefern es sich um ein Mißverständnis handelt, das die ambivalente Bedeutung des Begriffs Esoterik mit sich bringt, wenn dieser absurderweise in die Nähe von Zen gerückt wird, also einer Haltung, deren traditionelles Anliegen es ist, die Wirklichkeit gerade nicht als “geheim” zu empfinden sondern als ERFAHRBARES TOTALES “JETZT”:

“Als ein Meister des Zen einmal gefragt wurde, was Zen sei, erwiderte er: ‘Eure Alltagsgedanken.’ Ist das nicht klar und ehrlich? Zen hat gar nichts zu tun mit Sektierergeist irgendwelcher Art. Christen können Zen ebenso ausüben wie Buddhisten, genau so, wie große und kleine Fische zufrieden miteinander im selben Ozean leben. Zen ist der Ozean, Zen ist die Luft, Zen ist das Gebirge, Zen ist Donner und Blitz, Frühlingsblume, Sommerhitze und Winterschnee; ja mehr als das, Zen ist der Mensch. Unter all seinen Förmlichkeiten, Überlieferungen und Überbauten, die sich in seiner langen Geschichte angehäuft haben, im Grunde lebt dieser Kern des Zen fort. Sein Hauptverdienst liegt darin, daß wir in diese letzte Wirklichkeit hineinzuschauen vermögen, ohne irgendwelche Ablenkung. (…) Alles in allem: Zen ist -was nachdrücklichst betont sei- eine Sache persönlichen Erlebens. Gibt es irgend etwas in der Welt, was man als reine Erfahrung bezeichnen könnte, so ist es Zen. Weder ein Berg von Büchern, noch eine Unzahl von Lehrern machen je einen Menschen zum Meister des Zen. Das Leben selbst muß in der Mitte seines Flusses erfaßt werden…”
Daisetz Teitaro Suzuki (1958, in: ‘DIE GROSSE BEFREIUNG’; übersetzt 1969: Rascher-Verlag)

“Lieber Tom, ach, wenn Du hier unser deutschsprachiger Zen-Meister-Dichter bist, (…), dann hat das, was Du tust nur wenig mit Buddhismus zu tun, zumal Dein Verständnis der Null wohl eher ESOTERIK ist, eine aufdringliche Mischung aus christlichem Gedankengut (Glaube, Liebe, Hoffnung) und fernöstlicher Schule oder Philosophie (…)”
Thien Tran (5.2.10, Lyrikmail-Kommentar zum Gedicht #2139 “Reduktion I”)

“ach, herr de toys, aus ihnen spricht wie immer der blanke neid. und alles nur, weil sie es mit ihrer esoterischen lyrik nie in die von ihnen erwähnten anthologien schaffen. nichts für ungut, herr kollege.”
Ein unter falschem Namen auftretender Anonymus (19.2.10, L&Poe-Kommentar zum Ticker “Poesielabel Perplex”, 17.2.10)

“Es ist ganz sicher, daß das Geheimnisvolle zum Träumen verleitet und der Welt eine Tiefendimension gibt, und daß im Gegensatz dazu die tagtäglichen Dinge an Reiz verlieren. Deshalb hegen die Esoteriker gern das Geheimnisvolle. (…) Die Etymologie des Wortes ‘Esoterik’ läßt die Notion des Geheimen mitschwingen, indem sie zu verstehen gibt, daß man keinen Zugang zu einem Symbol, einem Mythos oder zur Wirklichkeitswelt haben kann ohne ein persönliches Bemühen um eine stufenweise, progressive Erläuterung, d.h. ohne eine Art Hermeneutik. Ferner gibt es auch kein allerletztes Geheimnis, sobald man einmal entschieden hat, daß alles geheim sein soll.
Antoine Faivre (1992, in: ‘ESOTERIK’; übersetzt 1996: Aurum-Verlag, Edition Roter Löwe)

Antoine Faivre (vom Religionswissenschaftlichen Institut der Sorbonne, Paris) rückt so manchen berühmten Dichter in seinem Buch “Esoterik” (1992, Presses Universitaires de France) in die Nähe des Esoterischen: Oscar Venceslas Milosz, William B. Yeats, Aleksandr Blok, den Surrealisten André Breton, Fernando Pessoa und den deutschen Maler & Dichter Joseph Anton Schneiderfranken (alias Bo-Yin-Ra, 1876-1943: “Das Buch der Gespräche”, 1920). Über den Seelenforscher Carl Gustav Jung (1875-1961) schreibt er, dessen “nicht reduktionistische Orientierung seines Denkens hat ihm die Entdeckung erlaubt, daß alchemistische Transmutation und die Symbolik ihrer markierten Pfade eine hochpositive – da trans-formierende – Arbeit der Psyche auf der Suche nach ihrem eigenen Gefüge, nach ihrer ‘Individuation’, darstellt.” Hier drängt sich uns die Verwunderung auf, daß gerade im wörtlichsten Sinne “junge” Dichter genau das abzulehnen scheinen, was doch gerade ein Markenzeichen der Jugend ist: DAS TIEFE RINGEN UM SINN UND LETZTE FRAGEN. In anderen Epochen wie der Beat-Generation (hier könnten nun unzählige Zitate von Alan Watts bis Allen Ginsberg folgen!) war die “esoterische Suche” die Voraussetzung für schriftstellerische Tätigkeit schlechthin, nur nannte man das damals eher “spirituell” oder sogar “religiös”, was aber im Kontrast zu jeder angestrebten Versachlichung von emotionalen Ereignissen als synonym mißverstanden wird. Bedenkt man die seelische Besessenheit, mit der Malewitsch sein “Schwarzes Quadrat” entwickelte, oder die Konkrete Poesie ebenso wie manch sprachmagisch inspirierter Dada geradezu zwanghaft versuchten, eine EXISTENZIELLE ESSENZ der sogenannten “Wirklichkeit” künstlerisch einzufangen, dann erstaunt umso mehr, warum sich eine ganze junge Generation von deutschen Dichtern ideologisch von “esoterischen Ebenen” abgrenzen muß, um ihren vermeintlichen “Stil” als Conradi-salonfähig zu legitimieren, der dann allerdings absurderweise vor lauter neologistischen, grammatikalischen und metaphorischen Originalitätsbemühungen derart ins Willkürlich-Hermetische abdriftet (wie z.B. die Tranig naiv-faszinierte Fastfood-Verwertung der Zahl Null zeigt), daß nicht nur der Echtpop-Veteran Brinkmann sondern selbst Celan (der ja ganz offensichtlich bei vielen der Fraktion “Jetzt” als Vorbild gilt) noch unesoterischer wirken!

Bruno Brachland, Nr.11, 6./7.2.1999

ÜBER(N)ACH(T)

sich im alltäglichen
spiel verlieren
während die regierung
sämtliche gesetze ändert
jeden nächstbesten
ersatz gutheißen
der Das echte LEBEN
wirklich MACHT
so wirklich
daß es scheint
als ob Nichts fehle
jedenfalls nichts greifbares
obwohl selbst seele nur
noch ein wahnhaftes wort
für unmögliche wünsche War
in zeiten wo fast
Alles körperlich entgrenzt
um die beweise gegen
gott nachzuvollziehen
bis die sinne SINN erzeugen
ohne große geister zu beschwören

Seltsamerweise lassen sich seit einigen Jahren sogar gleich zwei parallele Trends in der Gesellschaft beobachten, die nicht gegensätzlicher sein könnten: einerseits wird viel medialer Wind um die angebliche Renaissance der Gattung Lyrik gemacht (obwohl selbst Auschwitz nur zu ihrem Fake-Suizid führte und bei den literarischen Adlon-Popperzombies mündet), andererseits tendieren immer mehr Menschen zur “ganzheitlichen” (bzw. grenzwissenschaftlichen) Beschäftigung mit sich selbst bzw ihrem SELBST: Yoga, Taijiquan, Zazen, transpersonale Psychotherapie, Quantenphysik, Astrologie und Astronomie, Neurophilosophie und “sogar” Lyrik stehen bei solchen Menschen hoch im Kurs, die sich NICHT OBERFLÄCHLICH sondern “sinnsuchend” mit sich selbst auseinander- und zusammensetzen wollen! Darum ist ein gewisser reziproker Effekt der zeitgenössischen Lyrik umso spannender: der Bedarf nach “innovatiefen” Gedanken steigt zwar allgemein, aber wird eben nicht von solchen “hoch”-literarisch sublimierten Texten befriedigt, die in ihren eigenen elitär-kapitalistischen Zirkeln zirkulieren. Repräsentativ ausgerichtete Leseshows in Rathäusern und Museen sowie Preisspektakel in Vereinen und Verlagen möchten zwar gern all jenen Millionen Menschen, die diesen meist katastrophal langweiligen Literaturorgien in Anzug und Doktortitel nicht live beiwohnten, suggerieren, sie hätten den einzig wichtigen Event des Vortages verpaßt und damit quasi “sich selbst” (denn laut Hilde Domin spiegelt ja der Dichter den seelischen Tiefgang des Lesers in einem exemplarisch erlebten und darum poetisch verwertbaren Augenblick), aber das Aberwitzige daran ist, daß eben diese suggestive Kraft der germanistischen Inzucht-Boulevardpresse das schlechthin esoterischste Element am ganzen Betrieb darstellt, weil es ähnlich hypnotisch funktioniert wie Laufstegmode: je durchsichtiger die kaiserlichen Klamotten desto kostbarer, weil sie einen “ernsten” (offiziös-legalen) Blick auf die letzte tabuisierte Wahrheit gestatten: das nackte Fleisch, das ansonsten nur für Chirurgen und Bordells reserviert bleibt!

DNÄ (Der Nachäffer), 27.1.1999

ESOTERISCHE ENTROPIE (E²-TERRE)

jahrtausende
am eignen leibe
abgearbeitet
mit letztem mut
die sätze produziert die
glaubensschulen über-
treffen ohne eine
neue botschaft zu
verkünden frei und
frech die fülle
des weltganzen als
DIE EIGENTLICHE LEERE
sch(w)ätzen lernen nur
aufgrund der grundlosen
anwesenheit
gesetze schaffen weitere
gesetze regeln die gesetze
um das leuchten mancher
zellen zu versachlichen
den lebenshunger in das
internet verbannen !
wo der integrale frieden
– einsam und vernetzt –
STILLSCHWEIGEND
ausgesessen wird anstatt
die postmodernen parks
mit liebenden zu über-
sähen Jetzt
Ist Endlich Etwas klar:
das echte loch ermöglicht
zentnerschweren kindern
WIRKLICHKEIT
auf allen ebenen

An anderer Stelle bemerkten wir bereits, daß sich bei einer Umfrage im Umfeld des G&GN-Instituts herausstellte, daß “normalsterbliche” Lyrikfans (Leselaien) aus anderen Berufsfeldern (wie Medizin, Jura, Müllabfuhr und Schneeschaufeln) meist große Probleme damit haben, die neuere Lyrik für ihr seelisches Alltagsleben kreativ anstatt nur respektiv-konsumistisch zu verwerten, weil das pseudosachlich-ÜBERINDIREKTE (metaphorische oder semiphilosophische) Moment preisgekrönter Texte schnell zu einer instinktiven Interpretationsblockade führt, die sich natürlich durch übereifriges höfliches Applaudieren auch journalistisch leicht vertuschen läßt. Trotzdem weiß jeder insgeheim, daß das erhoffte “nackte Fleisch” schimmlig war. Prophylaktisch publiziert darum so mancher stolze Dichter natürlich auch überkompensatorische Ausnahmetexte (die manchmal bis ins slamtauglich Komödiantische reichen müssen!), die zwar ontogenetisch ihre Frustration über die eigene stilistische Redundanz ausbalancieren sollen (was dann aber aufgrund des Mangels an metapoetologischer Basis eher prätenziös anrührt), aber im laufenden Betrieb zur billigen Abwechslung mithilfe über-direkter erotischer, politischer oder vulgärsprachlicher Effekte dient, um den “Ernst” des ansonsten übersublimierten “zeitgemäßen” Stils zu untermauern. Was allerdings wirklich zeitgenössisch relevant und sogar zeitgemäß ist, oder besser: war – DAS stellt sich historisch leider oft erst posthum heraus, und selbst dann ist oft noch nicht einmal das Werk selber gemeint, sondern dessen plötzliche “sensationelle” Markttauglichkeit ausschlaggebend, denn der Tod (als materieller Schock) bleibt als letztes Kleidungsstück der ontischen Nacktheit (neben der Liebe als spiritueller Schock) jenes große esoterische Element, das weder Preisträger noch Präsidenten mit noch so vielen Nadelstreifen neokonservativ liberal (gewollt “lässig”) übermalen können. Und DIESER Respekt vor den letzten “geheimnislosen Geheimnissen” unseres Daseins hat eine mystische Tragweite, der man nicht gerecht wird, indem man nur ein “großes” WORT als selbstreferenzielles Buchstabenkombinat aus dem historisch bewährten Baukastensystem der “letzten” (poetisch anmutenden) Wörter taktisch in ein Gedicht einbettet wie eine schnell hingepustete gefrorene Riesenseifenblase – umgeben von flirrend heißer Luft, die den Mißbrauch der freien Buchstaben als Monitorstrichverband relativieren sollen. Eine Null bleibt eine Null bleibt eine Null… gegen diese mystisch-monströse XXL-Matrix der mathematischen Leerstelle (dem erfahrbaren Loch!) hilft weder die eine noch die andere Pille, hier bleibt jeder Dualismuß von Eins bis Unendlich auf der asymptotischen Rennpiste nach diversen Erschöpfungs- und Erhebungsschleifen liegen! Und vielleicht klingelt erst dort irgendwo in diesem unerhört transtopisch aufgerichteten gekrümmten Elementarraumzeitgefüge das Handy mit der entscheidenden SMS: “Kommst Du mit ins Grüne? Die Sonne scheint!”

ONLINE-QUELLENANGABEN:
Thien Tran (5.2.2010, Lyrikmail-Kommentar zum Gedicht #2139 “Reduktion I”):
http://www.lyrikpost.de/blog/2010/02/04/lyrikmail-2139-tran/#comment-10625
http://lyrikzeitung.wordpress.com/2010/02/17/poesielabel-perplex/
Bruno Brachland, Nr.11, 6./7.2.1999 “ÜBER(N)ACH(T)”:
http://www.wulle.de/GGN/BrunoBrachland/uebernacht.html
DNÄ (Der Nachäffer), 27.1.1999 “ESOTERISCHE ENTROPIE (E²-TERRE)”:
http://www.wulle.de/GGN/DerNachaeffer/esoterischeentropie.html
ERSTVERÖFFENTLICHUNG DIESER PRESSEMELDUNG AM 25.2.2010 @ MYSPACE-BLOG:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=529870971