Getagged: Alban Nikolai Herbst

40. Embedded Blogging

Bloggen über Literatur – das macht hierzulande fast nur die Britin Katy Derbyshire, und das auch noch in englischer Sprache. Dabei haben Blogs das Potenzial, den literarischen Diskurs entscheidend zu bereichern. Nun soll die Szene beim Open-Mike-Wettlesen belebt werden.

Lesen wir im Tagesspiegel. Das ist ja gut, daß sich jetzt jemand Kompetentes dem Bloggen annimmt. Bzw. des Bloggens. Auf denn; vorwärts immer!

„In Großbritannien gibt es eine sehr diskussionsfreudige Szene, die gerade das, was für explizite Hochliteratur gehalten wird, sehr pflegt.“ In Deutschland dagegen seien es vor allem die Fans minderklassiger Genreliteratur, die einander im Netz Inhaltsangaben und Kaufempfehlungen schrieben, vor allem aus den Bereichen Fantasy oder „Frauenliteratur“. „Chick Lit“, wie Derbyshire das nennt. „Die Nische, in der ich mich hier bewege, ist sehr klein.“

Das mag sein; aber vielleicht lesen sie auch nur die falschen Blogs? Wahrscheinlich meinen sie “richtige” und “Hochliteratur” und nicht Lyrik und so. Kennen sie die Dschungel. Anderswelt? Oder das litblogs.net? Und was man mehr fragen und anmerken könnte.

Seite 2 des Webbeitrags hab ich nicht geklickt. Der Text zum Link nämlich lautet:

Embedded Blogging beim Open Mike

Sorry, die benutzen die Sprache als wüßten sie nicht was sie tun. Was dann wohl der Fall ist. “Embedded journalism” ist ein hochproblematischer Begriff, weil eine Erfindung der Kriegspropaganda in den jüngsten US-Kriegen. Es bedeutet, daß Journalisten das berichten, was ihnen die PR-Abteilung der Stäbe zeigen oder geben. Wikipedia weiß mehr:

Embedded Journalist (von englisch „to embed“ – einbetten, integrieren, deutsch „Eingebetteter Journalist“) bezeichnet einen kontrollierten und zivilen Kriegsberichterstatter, der im Krieg einer kämpfenden Militäreinheit zugewiesen wurde. Geprägt wurde der Begriff zu Beginn des Irakkrieges im Jahre 2003, seitens der Streitkräfte der Vereinigten Staaten.

Die United States Army begegnete mit der Praxis des „eingebetteten Journalismus“ dem Druck amerikanischer Massenmedien, denen der Zugang zum Kriegsgeschehen während des Zweiten Golfkrieges 1991 und des Krieges in Afghanistan 2001 nicht ausgereicht hatte.

Das US-Militär verlangte von den embedded journalists, kurz auch als embeds bezeichnet, dass sie vorher eine Zeit lang ein Spezialtraining absolvierten, das dem Boot Camp (kurzes, aber intensives militärisches Training in den USA) ähnelt, bevor sie in die Kampfzonen durften. Außerdem mussten sich die Reporter und deren Arbeitgeber verpflichten einem speziellen Regelkatalog, den sogenannten Ground Rules, die genaue Auflagen enthielten, zuzustimmen.

Das englische Wikipedia ist noch etwas deutlicher:

When asked why the military decided to embed journalists with the troops, Lt. Col. Rick Long of the U.S. Marine Corps replied, “Frankly, our job is to win the war. Part of that is information warfare. So we are going to attempt to dominate the information environment.”

Wer zu welchem Zweck das Bloggen kontrolliert, wurde mir nicht ganz klar. Die Todesrate der embedded journalists war höher als die der Kriegsteilnehmer. Zumindest das ist bei den embedded bloggers vermutlich anders. Nun denn! – empfehle mich mit den Worten des Dichters Paul Wiens: Glück auf, Glück ab, und – Götz von Berlichingen!

46. Lyrik im Schlößchen

 

Das Gohliser Schlößchen war im 18. Jahrhundert als ”Musenhof am Rosental” bekannt. Georg Joachim Göschen, Christian Gottfried Körner und Friedrich Schiller verkehrten hier. 1998 wurde es nach Sanierung wiedereröffnet. Seit Jahren findet hier während der Buchmesse die Veranstaltungsreihe Lyrik im Schlößchen statt.

Gohliser Schlößchen,
Menckestraße 23, 04155 Leipzig (Gohlis-Süd)
ÖPNV
Tram 4 bis Menckestr. oder Tram 12 bis Fr.-Seger-Str.

Aus dem Programm 2011:

Do 17.3.

17:30 Tatort Poesiealbum. Helmut Braun, Wulf Kirsten, Reiner Kunze, Richard Pietraß.
Märkischer Verlag – Poesiealbum

18:30 Wilhelm Bartsch: Mitteldeutsche Gedichte

19:30 Uhr Kurt Drawert: Idylle, rückwärts

Fr 18.3.

18:00 Lutz Steinbrück “Blickdicht” / Crauss “Lakritzvergiftung”

19:00 Arnold Leifert, Ullrich Marzahn, Sabina Lorenz, Katrin Marie Merten, Eberhard Häfner

20:30 APHAIA-Lyrikabend mit drei deutsch schreibenden Autoren aus Serbien, Indien und Berlin: Rajvinder Singh, Achim Wannicke, Boško Tomašević

Sa 19.3.

16:00 Bettina Ziegler: Warum mich keiner anfasst . Bissig-satirische und provokante Gedichte

17:00 Alban Nikolai Herbst, Bamberger Elegien

19:00 Judith Zander: oder tau

Mehr hier

 

79. Wider den Betrieb

Andere loben auch. Alban Nikolai Herbst, der es anhören muß, schüttelt sich. Er schreibt in seiner Dschungel Anderswelt “für Michael Lentz und gegen Dirk von Petersdorff. Paulus Böhmer zu Ehren. „Nach” dem Hannoverabend des 16. Septembers 2010. Mit Marion Poschmann und Jan Wagner.” Herbst tadelt und lobt wohltuend kräftig:

Denn der Kotau, mit dem sich Rector zuvor Petersdorffs betriebsbe-, ja -durchgetriebenen Produkten zu Füßen geworfen hatte, war schlichtweg ekelerregend gewesen – zumal er darauf enormen rhetorischen Nachdruck verwandte, wiewohl doch allenfalls ein Erstaunen sein kann, daß ein Mann mit einer solchen intellektuellen Karriere solche schlechten Verse verfaßt. Tatsächlich meidet Petersdorff in seinen „Gedichten” nicht eine einzige Banalität, ja er gefällt sich und, schlimmer, suhlt uns darin: das gilt für die Formen wie den Inhalt. Wo es hingeht, fleddert er in den letzten Knochen Gernhardts herum, der auch schon lyrisch ein, wenn auch ungewollt, Scharlatan war. Geht es, wie nahezu immer, schlecht, ist Petersdorff kaum mehr als eine Mary Roos der Alltagsgedingse. Das desavouiert die Formen, derer er sich bedient – immer auf das schnellstgefundene Reimwort gehüpft. Zwar ist dies nicht ohne Kunsthandwerk, denn das ist freilich recht toll, wenn selbst die Glätte klappert. „Ein Replikant”, dachte ich aber, „meine Güte: So schreiben Replikanten Gedichte.” Wo wahres Gefühl wäre zu erwarten, Betroffenheit, jaja: sagen Sie nur „sentimental” – das heißt doch nicht, das Engagement sei sentimental auch in Worte zu fassen… – kurz: wo L e b e n ein Gedicht beseelte, wirkt durch Petersdorffs Verse nichts als Mainstream-Prothetik. Gebrauchsgedichte sind das im besten Fall, die aber, durch Kleist(!!)- und Liliencron-Preise, zu Hölderlin hinaufgemetzt worden sind von einem Betrieb, der sich hierin schamloser offenbarte denn je. Unter der plastifizierten Oberfläche schaut Tiefe nicht mal mehr durch. Hier werden gestiegene Brötchenpreise zu Weltschmerz ohne Schmerz, ja Schmerz selber, ganz wie die Liebe, zum Produkt der affirmativsten Melancholie. Die setzt, ganz klar, auf den Ulk. Wäre ich gutwillig, ich spräche von Abwehr, Reaktionsbildung nämlich: das Lachen, auf das Petersdorff so ganz erfolgreich abzielt, hat das Niveau eines ins Feinsinnige nobilitierten Schenkelklatschens. …

Die anderen lachten, wie zu erwarten, denn was des Affen ist, das frißt er. Alleine ich – Leser, ich konnte nicht anders – rief ein „Furchtbar!” in den Applaus.

So war diese Lesung nicht nur eine Maulschelle ins Gesicht Paulus Böhmers – Rector hatte nämlich gar noch „empfohlen”, an Petersdorff den nächsten Hölty-Preis zu vergeben -, sondern eine Beleidigung der drei anderen Autoren, die das Vorprogramm zur Preisverleihung bestritten: eine Verletzung der sanften, melodiösen Gedichte Jan Wagners, der stillen, ausgesprochen formstrengen, bisweilen schwebenden Gedichte Marion Poschmanns und – daß der sich nicht wehrte! – der radikalen und doch gefährdeten Sprache der „100 Liebesgedichte” von Michael Lentz. Sie waren meine Entdeckung des gestrigen Abends.

120. Lyrik im Netz

Fast eine Debatte löste jüngst ein magerer “Zeit”-Artikel über Lyrik im Netz aus. Unvermerkt blieb dagegen ein ganz ähnlich angelegter knapper Artikel bei Textem zwei Wochen früher. Carsten Klook schrieb unter der Überschrift “Lyrik im Netz” über drei Seiten, auf denen Gedichte in großer Zahl archiviert sind: lyrikline, Poetenladen und fixpoetry.com. Klook liefert solide Information statt mehr oder weniger verbrämter Meinung, und er hat Kontakt mit Verantwortlichen aller drei Seiten aufgenommen. Über fixpoetry heißt es:

„Wir möchten auf unserer Website den Hang zum Hermetischen überwinden, den Lyrik haben kann. Und eine Offenheit an den Tag legen“, sagt Frank Milautzcki, der im Feuilleton mit seinem großen Essay „Grundlegendes zur Lyrik der Gegenwart“ einen interessanten Überblick wagt.

“Interessanter Überblick” ist natürlich tiefgestapelt. Klook zielt auf sachliche Information, und die ist gut recherchiert und zuverlässig. Und immerhin liefert er den Hinweis auf einen wichtigen und spannenden Text von Milautzcki, der seit über zwei Monaten (er ist datiert 23.05. – 18.06.2009) im Netz steht. Daß das sogenannte große Feuilleton seit langem den Anspruch aufgegeben hat, die Lyrikszene zu verfolgen, verwundert nicht. Aber die vielzüngige, agile Lyrikszene im Netz hätte ruhig hinhören können. Nur bei Matthias Kehle habe ich vor einigen Wochen einen Hinweis gefunden.

Ich spreche hier auch in eigener Sache. Seit gut zwei Monaten schiebe ich den Plan vor mir hier, den Text zu kommentieren. Ganze Essaykavalkaden im Kopf entwerfend. Das Tagesgeschäft, das digitale wie das realweltliche, haben den Plan immer wieder wegrutschen lassen. Dies sei eine Ankündigung: Kommentar folgt. Wer es noch nicht getan hat: Lesen!

www.Lyrikline.org

www.poetenladen.de

www.fixpoetry.com

93. Selbstverständlich Pound

Ein Meisterstück, ein Geniestreich (könnte man sagen; wenn man das nicht über viele Nummern dieser Zeitschrift sagen könnte). Schreibheft Nr. 69 ist fast vollständig dem Dichter Ezra Pound gewidmet, von dem ein polizeiliches Foto vom 26. Mai 1945 aus Pisa den Titel ziert. Es beginnt mit Traumtexten von Roberto Bolaño, in denen Pound  nicht explizit vorkommt, aber Li Po, Baudelaire, Archilochos, Anaïs Nin (“Mir träumte von einem Neunundsechziger mit Anaïs Nin auf einer riesigen Basaltplatte”), Robert Desnos, Roque Dalton und viele andere. Im anschließenden Playboy-Interview gibt Bolaño seine private Hitliste: “Nicanor Parra steht über allen, auch über Pablo Neruda, Vicente Huidobro und Gabriela Mistral. … Wäre Joyce anstelle von Eliot, ich wählte Joyce. Wäre Pound anstelle von Eliot, selbstverständlich Pound.”

Dann ein umfängliches Dossier über Ezra Pound im St. Elizabeths Hospital für kriminelle Geisteskranke mit Gedichten von Lawrence Ferlinghetti, E.E. Cummings, Basil Bunting, Elizabeth Bishop, William Carlos Williams, Kornelijus Platelis, Marcel Beyer, Ulf Stolterfoht und Alban Nikolai Herbst (Ezra Pound im Käfig); Briefwechseln mit H.D., Wyndham Lewis, Marshall McLuhan und E.E. Cummings und Prosabeiträgen u.a. von T.S. Eliot, Charles Olson (“Hier spricht Yeats”!), William Carlos Williams, W.H. Auden, George Orwell und Benedikt Ledebur sowie einem Gespräch, das u.a. Pier Paolo Pasolini für das italienische Fernsehen mit Pound führte.

Schließlich visuelle Gedichte des Katalanen Joan Brossa und eine Rezension der Werkausgabe von Rainer M. Gerhardt (dem ersten deutschen Pound-Übersetzer) durch Michael Braun.

Marcel Beyer übersetzt Cummings’ Jugendgedicht “pound pound pound” um es zu untersuchen, da es ihn ratlos gemacht habe wie selten ein Gedicht. Den 13 Zeilen des Gedichts läßt er über vier Seiten Kommentar folgen. “pound pound pound” , die erste Zeile, enthält eine unübersetzbare Mehrdeutigkeit, da es neben dem Namen (Cummings schrieb grundsätzlich alles klein, auch Eigennamen und das große “i”) noch etliche andere Bedeutungen hat, darunter stoßen, stampfen, rammen, hämmern.  Beyer übersetzt: poch, poch, poch. Sein Kommentar dröselt ein weitgespanntes intertextuelles Netz zur englischen Lyriktradition und -moderne auf. Anscheinend ist es eine (“verquaste”, Beyer) Auseinandersetzung des ehrgeizigen jungen Dichters mit Pound und Eliot, die ihn nicht als Gleichen unter Gleichen sehen wollten. Was Cummings so verquast andeute, treffe ihn selber, der zu der Zeit noch nicht frei von “gelegentlichen Trivialitäts- und Kitschattacken” sei. Das Zitat, das Beyer zum Beleg zitiert, verkürzt er allerdings auf beinah unzulässige Weise: “man lese etwa sein eigenes Drehorgelgedicht, ‘at the head of this street a gasping organ is waving”, in dem er sich als ‘queer monkey with a little oldish  doll-like face’ auf den Leierkasten setzt.” Nach “waving” geht es aber weiter: “is waving moth-eaten tunes”. Der Leierkasten schwingt mottenzerfressene Töne. Die muß man wohl in Betracht ziehen oder ins Gehör, nicht? Beyer schließt: “Von pound pound pound – das wird niemand bezweifeln – [tu ich doch auch nicht!] ist es noch ein weiter Weg bis zum selbstgewissen “crazy jay blue” (…), diesem zarten Vogelgruß, den Cummings Ende der fünfziger Jahre dem “demon” und “thief crook cynic”, dem “trickstervillain”, dem “raucous rogue & vivid voltaire” , dem “beautiful anarchist”, dem alten Blauhäher Ezra Pound senden wird.”

Wenn ich an dem spannenden, so lesenswerten wie instruktiven Heft etwas zu mäkeln hätte, es wär: daß den übersetzten Gedichten nicht das Original zugesellt wird. Die paar Seiten müßten doch noch drin sein? Die letzte Strophe von William Carlos Williams’ Gedicht “To my friend Ezra Pound” übersetzt Norbert Hummelt so:

Dein Englisch
ist nicht eigentümlich genug
Als Autor von Gedichten
erweist du dich als untüchtig, um nicht zu sagen
wucherisch.

Williams’ letztes Wort ist natürlich usurious: Pounds Zauberwort “usura”. Das Wort sie sollen lassen stahn.

Hier sozusagen zum Ausgleich Cummings’ Gedicht vom blauen Eichelhäher im Wortlaut:

crazy jay blue)
demon laughshriek
ing at me
your scorn of easily
hatred of timid
& loathing for (dull all
regular righteous
comfortable)unworlds
thief crook cynic
(swimfloatdrifting
fragment of heaven)
trickstervillain
raucous rogue &
vivid voltaire
you beautiful anarchist
(i salute thee