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70. Literaturdebatte 1966

1966 fand die Literaturdebatte nicht in den Zeitungen statt (jedenfalls nicht in Westgermanien). Die Literaturzeitschrift Akzente diskutierte unter der Überschrift: “Die Jungen – haben sie einfach nichts zu sagen?” Das Niveau war hoch. Paul-Gerhard (später Hadayatullah) Hübsch steuerte ein Minidrama bei, Auszug:

die deutsche literaturwiese. auftritt der gute onkel aus amerika! er ächzt & stöhnt das ganze stück über, weil er schwer am deutschen schicksal trägt.

der gute onkel aus amerika (murmelnd): wolln doch dem handke mal zeigen, was ne harke is. (laut) die jungen sind beschissen / weil sie nix zu sagen wissen. (geht ab)

jungdichterstimme aus dem hintergrund (leise): ich will was sagen!

walter von der höllerer: sim-sala-bim!

aus den maulwurfshügeln ertönen hurtige, muschige, hübsche, knoffige, mairige, prießnitzige,  undsoweitrige stimmen, (durcheinanderredend): ICH BIN, dubist, ER ißt, (sie ist!) – es ist. WIR SIND, IHR seid, siesind. ich war du warster sieeswarwirwaren. ihr wart! siewaren. (undsoweiter&sofort. bis) ich wollte gewesen sein, duwolltestgewesenseinersieeswolltegewesensein …

(irgendwann zwischendurch senkt sich dichter nebel über die bühne).

(…)

privatdozent: der erste ist zu jung / doch hat er wengstens schwung / der zweite ist nicht diskutabel / der dritte gar ist miserabel / dem vierten halt ich die jugend zugut / dem fünften jedoch fehlt leider der mut.

die deutsche leserschaft: oh dichtung du selige / prosa du mehlige / lyrik du kehlige.

chor der traditionalisten: wir wollen unsern alten friedrich schiller wieder haben.

Akzente 5/1966, S. 356

Zwischenfazit von Michael Nerlich:

500 deutsche bierzeitungsdichter stürmen die bühne und übernehmen die redaktion der akzente

Ebd. S. 358

Die Protagonisten:

  • Die Alten: Goethe, Schiller, Kafka, Musil, Heinrich Mann
  • Die Mittleren: Günter Grass, Peter Handke, Peter Weiss, Yakov Lind
  • Die Jungen: Adolf Muschg, Paul-Gerhard Hübsch, Artur Knoff, Wolfgang Maier, Reinhard Prießnitz

 

96. Akzente 60

Auszüge aus einem Artikel von Willi Winkler zum 60. Geburtstag der Zeitschrift “Akzente”:

Gleich im ersten Heft fielen sie auf einen Hoch- und Tiefstapler herein. George Forestiers Lyrikband ging eben in die fünfte Auflage und längst über die unteren Zehntausend, da zögerten die Herausgeber nicht, neue Gedichte des geheimnisvollen Autors zu drucken. Der angebliche Deutschfranzose war seit 1951 als Fremdenlegionär in Indochina verschollen, hatte aber vor seinem mutmaßlichen Tod sein Herz in den Staub der Straße geschrieben oder jedenfalls gespenstisch schlechte Gedichte wie dieses hinterlassen: „Ich geh durch die Jahre/zerschossener Felder,/gesprengte Brücken/weinen im Wind.“

In den Wind geweint? Aber Walter Höllerer und Hans Bender waren ebenfalls im Krieg gewesen, dieses heruntergeschluckte Pathos war ihnen nicht fremd, und die neue „Zeitschrift für Dichtung“ suchte noch ihr Publikum. (…)

Von Verlagsseite war damals mehr an bewährte, konservative Schriftsteller gedacht worden, an richtige, reimbewusste Dichter, doch Höllerer und Bender verstanden es, Abstand zu solchen Forderungen zu halten. (…)

(…)

Günter Eich, der zunächst zusammen mit Höllerer die Zeitschrift herausgeben sollte: „Es wäre halt gut, wenn alles deutsch dastünde und zugleich Paris wäre.“

(…)

Gottfried Benn machte sich rar, brachte aber Gedichte einer Geliebten unter. (…)

Die Größe der Herausgeber zeigte sich in ihrer Großzügigkeit. Gerhard Rühm zeisigte Lautmalerisches, Jandl jandelte, Erich Fried meinte es gut, Durs Grünbein prosodierte semi-klassisch, Rolf Dieter Brinkmann nannte die Fellatio bei ihrem populären Namen, und Rühmkorf, der ganz frühe Rühmkorf, gottfriedbennte gewaltig: „Der Mond, billig, obszön/Maisbrand 40%/Ausatmen und Vergehn,/Wenn die Kerze runterbrennt.“

Am Schluß, anscheinend unbeabsichtigt, eine Stellungnahme zur “Literaturdebatte” des däutschen Föjetons:

Und mitten drin eine Probe vom jungen Handke, eine halbe Textseite, nicht mehr: „Ich interessiere mich für die sogenannte Wirklichkeit nicht, wenn ich schreibe. (…) Ich schreibe von mir selber.“ So soll es sein, und mit Glück gibt es dafür die Akzente noch ein paar Jahre.

Die Auflage wird übrigens bei gut dreitausend angegeben, wahrscheinlich liegt sie noch darunter. Literatur, erst recht Lyrik, war schon immer ein Zuschussgeschäft, sie wälzte sich denn, siehe den Fremdenlegionär Forestier, im Staub der Landstraße.

Danke, Herr Winkler! Dafür sehe ich gern über Zeisig und Jodel hinweg.

48. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (4)

Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Wird in den nächsten 3 Tagen in alphabetischer Folge ergänzt. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  (Bitte erst unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen, hier also nur Kr – Na. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Michael Krüger (Hg.) ∙ Akzente. Zeitschrift für Literatur, Heft 2/April 2011: Moderne hebräische Lyrik, zusammengestellt von Ariel Hirschfeld, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, 108 Seiten, Broschur, Verlag Carl Hanser, München 2011.
  2. Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Hg. von Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß 2011.  81 S.
  3. Georg Kulka: Sichtbarkeit. Aufzeichnende Prosa. Prosagedichtezyklus, hochroth Verlag 2011.
  4. Thomas Kunst · Legende vom Abholen, 109 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, Berlin · S-Hörby 2011.
  5. Kunstverein Kunstgeflecht (Hg.): Rhein! Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang Nr. 2 (Oktober), Kidemus: Köln 2011. Lyrik von Kurt Drawert, Armin Foxius, Frederike Frei, Thomas Geduhn, Harald Gröhler, Gert Heidenreich, Franz Hodjak, Yaak Karsunke, Jochen Kelter, Regine Mönkemeier, Albert Ostermeier, Elisabeth Plessen, Manfred Pricha, Carmen Elisabeth Puchianu, Francisca Ricinski-Marienfeld, Kurt Roessler, Said, Joachim Sartorius,Rolf Stolz, A. J. Weigoni.
  6. Axel Kutsch (Hg.) · Versnetze_vier. Deutschsprachige Lyrik der Ge­genwart von 216 Autorinnen und Autoren, dar­unter Andreas Altmann ∙ Michael Arenz ∙ Hans Bender ∙ Hans Georg Bulla ∙ Uwe Claus ∙ Crauss ∙ Hugo Dittberner ∙ Richard Dove ∙ Hans Eichhorn ∙ Peter Ettl ∙ Karin Fellner ∙ Brigitte Fuchs ∙ Claudia Gabler ∙ And­rea Heuser ∙ Franz Hodjak ∙ Jürgen Israel ∙ Peter Kapp ∙ Ulrich Koch ∙ Christoph Leisten ∙ Vesna Lu­bina ∙ Marie T. Martin ∙ Jürgen Nendza ∙ Andreas Noga ∙ Irmhild Oberthür ∙ Antje Paehler ∙ Tom Pohl­mann ∙ Arne Rauten­berg ∙ Francisca Ricinski ∙ Horst Samson ∙ Vera Schindler-Wunderlich ∙ Marita Tank ∙ Ralf Thenior ∙ Beate Ün­ver ∙ Marianne Ullmann ∙ Ruth Velser ∙ Jürgen Völkert-Marten ∙ Ron Winkler ∙ Ma­rio Wirz ∙ Maximilian Zander ∙ Rosemarie Zens, Vor­wort des Herausgebers, 329 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Wei­lerswist 2011.
  7. Stan Lafleur/Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011
  8. James Laughlin: Dylan schrieb Gedichte. Aus dem US-Amerikanischen von Christine Pfammatter. Leipziger Literaturverlag. 136 Seiten.
  9. lauter niemand e.V. (Hg.): lauter niemand. Die Berliner Zeitschrift für Lyrik und Prosa. 11. Ausgabe. Lyrik von Clemens Schittko, Sylvia Geist, Philipp Güntzel, Isabella Roumiantsev, Catherine Hales, Elke Engelhardt, Sina Klein, Richard Duraj, Andrea Scholl, Kerstin Becker, Martina Winter, Levin Westermann, Niklas Lem Niskate, Sonja vom Brocke, Charlotte Warsen, Thomas Steiner, Jan Imgrund, Dieter M. Gräf, Theresa Klesper, Claudia Gabler, Philippe Kottoros, Carl-Christian Elze, Lutz Steinbrück, Tom Nisse, Roberto Yañez, Tibor Schneider, Kirsten Hartung, Simone Hirth, Julian Walther, Robert Bahr, Prosa von Ulrike Almut Sandig, David Frühauf, Dirk Alt, Yulia Marfutova, Stephan Roiss, Martin Lechner, Guy Helminger, Joachim Wendel, Florian Wacker, Marie T. Martin, Bernd Gonner.
  10. Radmila Lazić: Das Herz zwischen den Zähnen. Gedichte. Aus dem Serbischen von Mirjana & Klaus Wittmann. Leipziger Literaturverlag. 160 Seiten.
  11. Ivo Ledergerber · Besuch bei einem Freund, 92 Seiten, Hardcover, Waldgut Verlag, CH-Frau­enfeld 2011.
  12. Wilhelm Lehmann, Poesiealbum 297. Auswahl Axel Vieregg, Grafik Herbert Tucholski. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011. 32 S.
  13. Christian Lehnert · Aufkommender Atem, 99 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhr­kamp Verlag, Ber­lin 2011.
  14. Anton G. Leitner · Arne Rautenberg (Hg.) · Das Gedicht, 19. Ausgabe: götterschöner freudefunken, Gedichte von Melanie Arzenheimer ∙ Jürg Beeler ∙ Brigitte Fuchs ∙ Norbert Göttler ∙ Ulla Hahn ∙ Erich Jooß ∙ Chris­tine Langer ∙ Andreas Peters ∙ Ilma Rakusa ∙ Robert Schindel ∙ Babette Werth ∙ Johannes Zultner u.v.a., 135 Seiten, Broschur, Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2011.
  15. Anton G. Leitner (Hg.) ∙ Gedichte für Zeitgenossen. Lyrik aus 50 Jahren von H. C. Artmann ∙ Ingeborg Bachmann ∙ Werner Dürrson ∙ Jörg Fauser ∙ Axel Kutsch ∙ Mario Wirz u.v.a., 142 Seiten, Taschenbuch mit Schutzumschlag, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011.
  16. Anton G. Leitner, Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte, mit einem Nachwort von Ulrich Johannes Beil, 128 Seiten, Broschur, Daedalus-Verlag, Münster 2011.
  17. Michael Lentz · Textleben. Über Literatur, woraus sie gemacht ist, was ihr vorausgeht und was aus ihr folgt, herausgege­ben sowie mit Vor- und Nachwort versehen von Hubert Winkels, 576 Seiten, Hard­cover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.
  18. Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. Gedichte, zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Mit e. Nachwort von Matthias Göritz.  luxbooks.americana, Wiesbaden 2011.
  19. Lettre International. Europas Kulturzeitung. Heft 95. Winter 2011. 138 S. Wassili Dimow: Kafkasus. Ein Poem. Beiträge von Péter Nádas, Slavoj Žižek, Friedrich Kittler u.v.a.
  20. Liao Yiwu: Massaker. Frühe Gedichte. Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, hochroth Verlag 2011.
  21. Ernst Wilhelm Lotz · Wolkenüberflaggt (edition grillenfänger 20). 52 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  22. Wolfram Lotz: Fusseln. Liste. Köln: Parasitenpresse 2011 (paradosis Nr. 8). 16 S.
  23. Gertrud Luick-Conrad: Lebenslinien. Esslingen: Civitas Imperii Verlag 2011.
  24. Nikola Madzirov · Versetzter Stein, aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann, 64 Sei­ten, Hardco­ver, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011.
  25. Zvonko Maković: lügen. warum nicht? Gedichte. Übersetzung: Alida Bremer. 96 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden, Softcover. Das Wunderhorn 2011.
  26. Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an Anna Achmatowa . Aus dem Russischen von Christiane Körner. Kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Pawel Nerler. Bibliothek Suhrkamp 1465, Berlin 2011. 205 S., mit zahlreichen Abbildungen.
  27. Horst-Ulrich Mann [d.i. Ulrich Horstmann]: Kampfschweiger. Gedichte 1977–2007. Verlag Shoebox House, Hamburg 2011. 187 S., € 16.90
  28. Julia Mantel ∙ dreh mich nicht um, Bilder von Petrus Akkordeon, Vorworte von Kurt Drawert und Jörg Sun­dermeier, 47 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  29. Peter Marggraf (Hg.) · Berichte aus der Werkstatt, 10. Ausgabe, Bilder von Peter Marggraf, Gedichte von Hans Georg Bulla ∙ Uwe Claus ∙ Georg Oswald Cott ∙ Hugo Dittberner ∙ Paul Klee ∙ Gerd Kolter ∙ Heiner Müller ∙ August von Platen ∙ Rainer Maria Rilke, 40 Seiten, Format 23 x 33 cm, San Marco Handpresse, Neustadt 2011.
  30. Alfred Margul-Sperber (Hrsg.) · Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Guțu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. Mit Gedichten von Rose Ausländer · Uriel Birnbaum · Klara Blum · Paul Celan · Zeno Einhorn · Norbert Feuerstein · Ernst Maria Flinker · Robert Flinker · Benjamin Fuchs · David Goldfeld · Lotte Jaslowitz · Josef Kalmer · Alfred Kittner · Ewald Ruprecht Korn · Artur Kraft · Josef I. Kruh · Kamillo Lauer · Siegfried Laufer · Ariadne Baronin Löwendal · Hugo Maier · Itzig Manger · Alfred Margul-Sperber · Tina Marbach · Salome Mischel · Johann Pitsch · Moses Rosenkranz · Heinrich Schaffer · Isaac Schreyer · Jakob Schulsinger · Erich Singer · Isak Sonntag · Klaus Udo Tepperberg · Victor Wittner · Kubi Wohl. 469 Seiten, gebunden, 2. Auflage, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  31. Jean-Michel Maulpoix: Schritte im Schnee. Prosagedichte. Aus dem Französischen von Margret Millischer. Leipziger Literaturverlag. 140 Seiten.
  32. Ernst Meister · Gedichte, ausgewählt von Peter Handke, 150 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Lese­bändchen, Suhrkamp, Berlin 2011.
  33. Burkhard Meyer-Sickendiek · Lyrisches Gespür. Vom geheimen Sensorium moderner Poesie, 571 Sei­ten, Bro­schur, Wilhelm Fink Verlag, München 2012.
  34. Suzanna Mikesh, “wann eigentlich haben wir damit aufgehört” 97 Gedichte, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, HC mit Schutzumschlag, Lesebändchen und Faksimilie auf dem Umschlag, ISBN: 978-3-935259-83-5, erscheinen im worthandel : verlag, 2011, 19,80 Euro (www.worthandel.de/wh_voe/aufgehoert.htm)
  35. Anja Möbest (Hg.): Alles auf Anfang. Trennungsgedichte. Reclam. 96 Seiten.
  36. Esther Mohnweg: Zuerst versinkt der Horizont. Berlingedichte und Fotografien. Leipziger Literaturverlag. 124 Seiten.
  37. Shafiq Naz (Hg.) · Der deutsche Lyrikkalender 2012. Jeder Tag ein Gedicht, 366 Ge­dichte von 300 Autorin­nen und Autoren von den An­fängen bis zur Gegen­wart, darunter Hans Assmann von Abschatz ∙ Friedrich Ani ∙ Jürgen Becker ∙ Irène Bourquin ∙ Ann Cotten ∙ Crauss ∙ Michael Donhauser ∙ Jutta Dornheim ∙ Elke Erb ∙ Peter Ettl ∙ Wolfgang Fienhold ∙ Walter Helmut Fritz ∙ Claudia Gabler ∙ Sylvia Geist ∙ Caroline Hartge ∙ Kerstin Hensel ∙ Angelika Janz ∙ Markus Manfred Jung ∙ Gottfried Keller ∙ Thomas Kling ∙ Wilhelm Leh­mann ∙ Alfred Lichtenstein ∙ Friederike Mayröcker ∙ Ernst Meister ∙ Jörg Neugebauer ∙ Hans Erich Nossack ∙ Hellmuth Opitz ∙ Jutta Over ∙ Silke Peters ∙ Marion Poschmann ∙ Bertram Reinecke ∙ Sophie Reyer ∙ Chris­tian Saalberg ∙ Horst Samson ∙ Suleman Taufiq ∙ Jesse Thoor ∙ Unbekannter Dichter ∙ Jürgen Völkert-Mar­ten ∙ Florian Voß ∙ Christian Wagner ∙ A. J. Weigoni ∙ Annemarie Zornack ∙ Stefan Zweig, 440 Seiten, Tischkalen­der mit Spiralbindung, Al­hambra Publishing, B-Bertem 2011.

6. Höllerers US-Connection

Fünfzig Jahre nach Walter Höllerers Veröffentlichung der Anthologie “Junge Amerikanische Lyrik” präsentiert der wissenschaftliche Leiter des Literaturarchivs, Michael Peter Hehl, am 6. Dezember (20 Uhr) bislang ungehobene Schätze von Beat-Autoren wie Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Robert Creeley und Lawrence Ferlinghetti aus dem hauseigenen Archiv.

(…)

Wie kam Walter Höllerer zu dieser US-Connection? 

Hehl: Höllerer war ja seit 1954 als Herausgeber der “Akzente” – also einer der wichtigsten deutschsprachigen Literaturzeitschriften – stets an Neuem interessiert. Er wollte hierzulande auch amerikanische Literatur bekanntmachen und dabei den Horizont über Hemingway hinaus erweitern. Und so fiel sein Blick auf die Beat-Generation, also jene jungen Leute, die gerade dabei waren, den US-Literaturbetrieb auf den Kopf zu stellen. In Deutschland kannte man die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. 1958 schließt Höllerer Bekanntschaft mit Gregory Corso, der damals gemeinsam mit Allen Ginsberg und Peter Orlovsky in Paris lebte. Höllerer fährt also nach Paris und man beschließt, eine gemeinsame Anthologie herauszubringen, die dann schließlich zwei Jahre später auch – zweisprachig übrigens! – beim Hanser-Verlag erscheint. Medienhistorisch interessant ist auch, dass dieses Bändchen damals mit Schallplatte erschien – ganz einfach deswegen, um auch die klangliche Dimension dieser Lyrik vermitteln zu können.

Interview von Peter Geiger, Oberpfalznetz

46. Akademie ehrt Übersetzer

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 15.000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung an Frank Günther für seine Shakespeare-Übertragungen ins Deutsche.

Den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland erhält der katalanische Übersetzer und Lyriker Feliu Formosa. Der Preis ist mit 12.500,- Euro dotiert.

Beide Preise werden am 15. Mai 2011 in Stockholm im Rahmen der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen.

Frank Günther, 1947 in Freiburg im Breisgau geboren, wird für seine Übersetzung des Gesamtwerks von William Shakespeare ins Deutsche ausgezeichnet. Das „übersetzerische Mammutprojekt“, das Günther in den 1970er Jahren begonnen hat, soll bis 2014 abgeschlossen sein. Das über Jahrzehnte gehaltene Niveau seiner Übertragungen aus den unterschiedlichen Gattungen und Schaffensphasen des Dramatikers ist ebenso bewundernswert wie sein sprachlicher Einfallsreichtum. Günthers Übertragungen sind eine lustvolle Polyphonie der Stile, die sich immer als lebendige Neuentdeckung Shakespeares für unsere Zeit verstehen. Was Günther vor allem auszeichnet, ist die seltene Verbindung von philologischer, theaterpraktischer und kritischer Kompetenz.

Frank Günther studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte in Mainz und Bochum und war dann als Regisseur an mehreren Theatern tätig, bevor die Arbeit an der Übersetzung der Shakespeare-Werke zu seiner Hauptbeschäftigung wurde. Anerkennung erfuhren seine Über-setzungen nicht nur durch zahlreiche Aufführungen, sondern auch durch die Verleihung des Christoph-Martin-Wieland-Preises 2001 und des Übersetzerpreises der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung 2006. 2007/8 hatte er die August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne. Seine Shakespeare-Übersetzungen erscheinen im Verlag ars vivendi und in der renommierten Klassiker-Reihe beim Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv). Frank Günther lebt im oberschwäbischen Rot.

Mit Feliu Formosa, 1934 in Sabadell (Spanien) geboren, ehrt die Deutsche Akademie einen herausragenden Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur ins Katalanische und Spanische. Die Liste der von ihm übersetzten Werke reicht von Thomas Bernhard bis Peter Weiss – quer durch das Alphabet der deutschen Literatur. Derzeit übersetzt er das Stück von Peter Handke „Die Unvernünftigen sterben aus“ ins Katalanische. Bekannt sind seine Übertragungen von Bertolt Brecht, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich von Kleist, Joseph Roth und Franz Kafka. Besonders erwähnenswert ist sein Verdienst, Brechts Theater in Spanien zu einer Zeit auf die Bühne gebracht zu haben, als Brecht-Aufführungen zensiert und sogar verboten wurden. Formosa übersetzt nicht nur Prosa und Lyrik, sondern gehört selbst zu den großen katalanischen Lyrikern.

Nach dem Studium der Romanischen Philologie in Barcelona und der Germanistik in Heidelberg arbeitete in den sechziger und siebziger Jahren als Schauspieler und Regisseur vor allem in der freien Theaterszene. Formosa lehrte lange Jahre am Städtischen Theaterwissenschaftlichen Institut in Barcelona und unterrichtete literarische Übersetzung an der Universität Pompeu Fabra. Er wurde vielfach als Übersetzer und Autor ausgezeichnet, unter anderem mit dem Premio Nacional a la Obra de Traductor, 1994, und dem Premi Nacional de Teatre de la Generalitat de Catalunya, 2002. Formosa lebt in Barcelona.

Nachtrag

Feliu Formosa hat über hundert Stücke/Romane/Gedichtbände ins Katalanische und Spanische übertragen, an Lyrik u.a. Trakl, Heine, Brecht, Rose Ausländer und zwei Bände deutscher Lyrik vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Er selber ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker im katalanischsprachigen Raum; im August vergangenen Jahres druckte Akzente eine Auswahl seiner Gedichte (katal./dt.) ab.

13. Bender und seine Vierzeiler

Mit den „Akzenten“ errichteten Höllerer und Bender 1954 gleichsam die Zentralstation für die Literatur der Nachkriegszeit. Danach widmete sich Bender vorwiegend der Arbeit als Herausgeber und Förderer junger Autoren. Mit legendären Textsammlungen wie „Mein Gedicht ist mein Messer“ (1955) und „Was alles hat Platz in einem Gedicht?“ (1978) prägte er das Lyrikverständnis von zwei Dichtergenerationen.

Später fand er in „Aufzeichnungen“ und Vierzeilern die literarischen Genres, die ihm die Konzentration auf das Wesentliche ermöglichten. „Ich schreibe kurz“, notiert er in einer dieser Aufzeichnungen, „denn bevor ich sterbe, will ich schlafen.“ Bei Elias Canetti, Cesare Pavese und Julien Green fand er das Stilideal der konstatierenden, chronikalen Grundhaltung, die seine lakonische Knappheit den Weisheitssätzen alter Philosophen verwandt erscheinen lässt.

In seinen Vierzeilern, von denen jetzt der aktuelle Band „Wie es kommen wird“ erschienen ist, konzentriert sich Hans Bender ohne jede stilistische Ornamentik auf die Essenzen unserer Existenz. Diese Miniaturen sind in einer Beiläufigkeit geschrieben, die den inhärenten Humor fast übersehen lässt. Der schönste Vierzeiler des Bandes blamiert die Bemühungen der legendären Gruppe 47: „Behaltenswert die Orte, wo sie / Jahr um Jahr sich trafen. / Sie lasen vor. Sie kritisierten. / Sie wollten mit der Bachmann schlafen.“
/ Michael Braun, Tagesspiegel 5.7.

Hans Bender:
Wie es kommen wird. Meine Vierzeiler.
Carl Hanser Verlag,
München 2009.
80 Seiten, 12,90 €.

Zeitschriftenlese

“Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab” – diesen Satz habe er mehrfach in die Alben seiner Mitschülerinnen kaligraphiert, erinnert sich Hugo Loetscher in einem Rückblick auf seine schriftstellerischen Anfänge. In der Zeitschrift Akzente, in der erstmals Gedichte des Schweizer Romanciers und Essayisten präsentiert werden, erläutert der 74-Jährige, welch lange poetische Sensibilisierung dieser jetzigen Publikation vorausging: vaterländische Dichtung im Deutschunterricht, Fragen zum Versmaß im Examen, eigenständige Entdeckung Gottfried Benns “beim Bibliotheksschnüffeln”, dann die ersten Literatursendungen im Fernsehen. Irgendwann hatte Loetscher sich so intensiv in die Lyrik eingelesen, dass er keinen Schritt mehr gehen konnte, ohne das eigene Erleben mit Zitaten zu untermalen: “Unabhängig der Meteorologie lässt der Frühling Jahr für Jahr sein blaues Band flattern, und schon ist mir, als flöge meine Seele nach Haus.” / Roman Luckscheiter, FR 15.1.04

Akzente, Heft 6/2003 (Vilshofener Straße 10, 81679 München), 7,90 Euro. (Hugo Loetscher, Katarina Frostenson)
entwürfe, Heft 36, Dezember 2003 (Reichenbachstraße 122, CH-3004 Bern), 12 Euro. (Ulrike Draesner)
die horen, Heft 212, 4. Quartal 2003 (Postfach 101110, 27511 Bremerhaven), 9,50 Euro. (Thomas Chatterton, James MacPherson)

Derselbe daselbst am 14.1.04:

“Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens”, Heft 5 / 2003. Am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin hrsg. von Peter Wruck und Roland Berbig. 186 Seiten, 8 Euro. (Gottfried Benn)

Dossier: Zum Tod von Walter Höllerer

Walter Höllerer begegnete mir zuerst im Studium, in Rostock. Dort gab es nicht wie anderorts in der DDR “Giftschränke” mit Westbüchern, sondern ein ganzes Giftzimmer. Wenn die Bücher eingearbeitet wurden, lagen sie auf dem Schreibtisch der freundlichen Bibliothekarin, wo man dann zum Beispiel die Akzente lesen konnte – “Begründet von Walter Höllerer“. – Als ich dann nach Greifswald geriet, entdeckte ich dort die Zeitschrift “Sprache im technischen Zeitalter” – wieder Höllerer! Akzente schien mir etwas in die Jahre gekommen – aber das Neue! Schließlich – auch in Greifswald – schenkte mir mein Doktorvater zur Promotion (ja, so herum) etwas Wertvolles, wie er sagte. Es war die Anthologie “Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte”, herausgegeben 1956 – von Walter Höllerer. Nur die ebenfalls legendäre – alles von Höllerer war legendär! – Rowohlt-Anthologie “Theorie der modernen Lyrik” war nicht aufzutreiben. Das gelang mir erst in den neunziger Jahren, in “seinem” (West-)Berlin. Jetzt ist Walter Höllerer in Berlin gestorben. Hier ein kleines Dossier.

M.G.


König der Literatur

Ohne Zweifel war er der generöseste Mensch, dem ich je begegnet bin: Er teilte gerne, nahm Anteil, förderte, auch wenn ihm dadurch die Zeit für die eigene schriftstellerische Arbeit fehlte. Nun fehlt er uns. So einen wie ihn wird es nie mehr geben: den Provinzler aus der Oberpfalz, der es zum freundlichen König der Literatur brachte. / Michael Krüger, SZ 22.5.03

(Hier auch ein Nachruf von Adolf Muschg)


Zirkusdirektor

Als Walter Höllerer im März 1932 das Aufsatzthema „Was ich einmal werden will“ gestellt bekam, schrieb der Neunjährige: „Zuerst wollte ich Förster, dann Gärtner, dann Zirkusdirektor werden. Doch all diese Pläne habe ich aufgegeben. Ich habe Reisepläne entworfen. Ich will Reisen nach Irland, in die Wüste, nach Asien, Afrika, Australien und zum Nordpol machen. Ich will filmen und eine Expedition zusammenbringen. Das schreibe ich dann alles in ein dickes Buch. Und wenn ich von meinen Reisen heimkomme, gründe ich einen Zirkus.“ / Lothar Müller, SZ 22.5.03


Die deutsche Literatur hat Höllerer einiges zu verdanken. Sie hätte ohne ihn anders ausgesehen. Von Berlin ganz zu schweigen. Es wäre, ohne seine Aktivitäten, geblieben, was es wohl am liebsten ist: Provinz. / Martin Lüdke, Berliner Zeitung 22.5.03


“Gründervater der literarischen Moderne”

Wir verdanken Walter Höllerers Impuls die Zeitschriften “Akzente” (1954) und “Sprache im technischen Zeitalter” (1961). Auf ihn geht in Idee und Ausführung das “Literarische Colloquium” zurück, Deutschlands erste Dichterwerkstatt nicht nur in einem chronologischen Sinne. Soeben konnte sie ihr vierzigjähriges Bestehen feiern. Höllerer hat aber darüber hinaus als Mitglied der Gruppe 47, als Literaturwissenschaftler mit Lehrstuhl an der Technischen Universität zu Berlin (seit 1959), als Herausgeber so wichtiger Anthologien wie “Transit”, dem “Lyrikbuch der Jahrhundertmitte” von 1961 und nicht zuletzt als Autor, dessen Summa der Experimentalroman “Die Elephantenuhr” von 1973 darstellt, er hat mit seiner gesamten geistigen Existenz angestoßen und mitvollzogen, was im Rückblick als wahrhaft heroischer Paradigmenwechsel bezeichnet werden muss: die Wende deutscher Geistigkeit nämlich, die sich traditionell als überpolitisch und solipsistisch begriff, hin zu einem kritisch-demokratischem Selbstverständnis, das die kollektive Organisation so wenig verschmähte wie das handfeste politische Statement und die gerade darum anschlussfähig wurde für den “langen Weg nach Westen” (Heinrich August Winkler), den Nachkriegsdeutschland in politischer und lebensweltlicher Hinsicht gegangen ist. / Tilman Krause, Berl. Morgenpost 22.5.03

Weitere Nachrufe: Peter Rühmkorf und Marcel Reich-Ranicki, FAZ 22.5. / Roland H. Wiegenstein, FR 22.5. / Beatrix Langner, NZZ 22.5. / Stuttgarter Nachrichten 22.5. / Aargauer Zeitung 22.5. / Nico Bleutge, Stuttgarter Zeitung 22.5. / St. Galler Tagblatt 24.5.

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