Kategorie: Tamilisch

49. Sprachwechsel

Global Literature ist eine Literatur in Bewegung, eine Literatur ohne festen Wohnsitz, eine Literatur der Unbehaustheit, sehr oft überdies eine Literatur der Nicht-Muttersprachlichkeit, die von Sprachwechslern geschrieben wird. Türken, Serben, Bosnier, Bulgaren, Ungarn, Tschechen, Russen wandern in die deutsche Sprache ein und mutieren zu deutschsprachigen Schriftstellern: Feridun Zaimoglu, Dimitre Dinev und Ilija Trojanow, Libuše Moniková, Wladimir Kaminer und Vladimir Vertlib, Terézia Mora und Saša Stanišić.

Die überwiegende Mehrzahl dieser Sprachwechsler wechselt allerdings ins Englische. Inder, Peruaner, Palästinenser, Äthiopier, Karibik-Bewohner, Kurden, Afghanen, Pakistani, Libanesen, Tamilen, Bangladescher, Somalier, Vietnamesen, Chinesen lassen ihre Herkunftssprachen hinter sich und beginnen, auf Englisch zu schreiben. Die führende Sprache der einstigen Kolonialherren ist zur Lingua franca der postkolonialen globalen Literatur geworden, ironischerweise.

Die Sprache, insbesondere das Englische, ist demokratisch. Man kann sich der englischsprachigen Literatur von überall her zugesellen: „Jeder kann die englische Sprache zu seiner Heimat erklären, und niemand kann aus ihr verbannt werden“, sagt etwa der Schriftsteller Aleksandar Hemon, ein gebürtiger Bosnier aus Sarajevo mit serbischen und ukrainischen Wurzeln, der in Chicago lebt und seine Bücher auf Englisch schreibt. / Sigrid Löffler in Falter : Buchbeilage 10/2010 vom 10.3.2010 (Seite 4)