Kategorie: Russisch

57. Wer nicht für uns ist…

Ich habe viele meiner russischen Freunde verloren. Ich kann diese Begeisterung in den Augen nicht sehen, wenn von „Anschluss“ die Rede ist oder von „Annexion“ oder davon, dass die Ukrainer „bald nichts mehr zu essen haben werden und dann selbst darum bitten werden, sich mit uns zu vereinigen“. In Moskau heuert man ukrainische Gastarbeiter mit Schadenfreude für die allerunqualifiziertesten Arbeiten an. Ein ungeheurer Ausbruch von Patriotismus.

In keinem Restaurant bekommt man mehr Krimsekt, alles wurde bei Siegesfeiern ausgetrunken. Ständig ist davon die Rede, dass wir ohne Gefühle von Gotterwähltheit, ohne imperiale Emotionen gar nicht mehr wir wären, das russische Volk. Vor den Einberufungskommissionen drängen sich russische Freiwillige, die es den „Bandera-Leuten“ zeigen wollen.

Mich hat Gorbatschow erstaunt. Selbst er ließ sich von der nationalistischen Welle erfassen und erklärte, die Krim hätte schon längst heimgeholt werden müssen. Dass die historische Gerechtigkeit wiederhergestellt sei. Da allenthalben die antiwestliche Hysterie angefacht wird, redet auch er nicht mehr vom europäischen Weg, von der Partnerschaft mit Europa, von allgemeinmenschlichen Werten.

Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind. Gehört zur fünften Kolonne, zu den Finsterlingen vom State Departement. Das stalinistische Vokabular ist vollständig wiederhergestellt: Verräter, Abtrünnige, Helfershelfer der Faschisten. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Stalinisten jetzt orthodox sind. In Kaluga tötete während eines Betriebsfestes ein Bankangestellter einen Kollegen. Die beiden stritten über die Ukraine.

Am verhasstesten sind jetzt die Liberalen. Die Liberalen sind schuld an den verfluchten neunziger Jahren, am Verlust des Imperiums. Das Volk verlangt, die Wohnungen der Liberalen zu konfiszieren, sie einzusperren, zu erschießen. Das von Gott erwählte Volk! Das Fernsehen führt die Feinde vor. Etwa den bekannten Rockmusiker Andrej Makarewitsch, dem alle Auszeichnungen und sein Orden für Verdienste ums Vaterland aberkannt werden sollen. / Svetlana Alexijewitsch, FAZ

51. Beunruhigend und beängstigend

Der amerikanisch-russische Schriftsteller Eugene Ostashevsky sprach mit Joachim Scholl beim DLR u.a. über die Situation in der Ukraine:

Was jetzt die Frage anbetrifft, ob die Krim zur Ukraine gehört, oder ob die Krim zu Russland gehört, ob die Donbass-Region zu Russland gehört oder zur Ukraine gehört, finde ich, das sollten wirklich die Menschen vor Ort entscheiden. Sie sollten es allerdings ohne militärisches Eingreifen entscheiden, und mir erschien das Referendum auf der Krim nicht sehr legitim zu sein, weil es auch unter militärischer Präsenz stattfand.

Nun muss man gleichzeitig natürlich sagen, dass die Russische Föderation 1994 die Integrität der ukrainischen Grenzen in einem Vertrag eigentlich anerkannt hat. Das ist ebenso trivial wie es jetzt auch eine sehr ernsthafte Geschichte wird. Die Ukraine gab damals ihre Atomwaffen auf, im Gegenzug garantierte Russland allerdings die territoriale Einheit der Ukraine. Und jetzt kommen wir zu einem politischen Punkt, der dann irgendwie sehr verstörend ist.

Für mich persönlich spielt aber auch noch etwas ganz anderes eine Rolle, und zwar viel mehr etwas, was die Innenpolitik Russlands betrifft als was die Außenpolitik Russlands betrifft. Seit der Wiederwahl von Putin findet ein politischer Diskurs in Russland statt, dass die Schrauben fester angezogen werden. Man kann fast von einer Faschistoisierung des Landes sprechen und das Land reagiert unglaublich paranoid und vor allen Dingen die Medien, zumindest alle Massenmedien und populären Medien, werden manipuliert, werden kontrolliert und Putin hat sich so eine sehr willfährige Bevölkerung geschaffen.

Was die Ereignisse des Maidan in der Ukraine, in Kiew anbetrifft, so hat es eine hysterische Reaktion gegeben, und diese hysterische Reaktion ist das Resultat einer Manipulation. Und diese nationale Hysterie, die jetzt ausgebrochen ist in Russland, hat etwas sehr Altmodisches, etwas sehr Unschönes, was mich fast an Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg erinnert, zumindest jedoch an Zeiten vor 1989, und das finde ich sehr beunruhigend und das beängstigt mich auch.

Seine Gedichte sind in deutscher Übersetzung im SuKuLTuR Verlag erschienen. “Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien” heißt der Band, und die Literatur von Eugene Ostashevsky wird in der nächsten Woche hier im “Radiofeuilleton” im Mittelpunkt stehen, wenn wir den Autor in unserer Reihe “Profil” noch mal gesondert vorstellen, hier im “Radiofeuilleton” heute in einer Woche, am kommenden Dienstag.


SL 94 Eugene Ostashevsky: Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien

Eugene Ostashevsky
Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien
Aus dem Amerikanischen von Uljana Wolf
Schöner Lesen 94
Veröffentlicht im Mai 2010
ISBN: 978-3-941592-13-1
Preis: 1,00 €

DLR setzt unter seine Gespräche diesen Disclaimer:

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Okay, das wollen wir auch annehmen, ja hoffen; denn sonst brauchten wir nur noch mit uns selber zu sprechen. Andererseits, warum sollten wir uns Standpunkte anderer Menschen nicht zu eigen machen, wenn sie einleuchten oder wenigstens prägnant formuliert sind? Seit wann entscheiden Rechtsberater über unsere Meinungen? Nur mal gefragt.

2. Dostojewskij als Poet

Von Felix Philipp Ingold

Die “Lyrikzeitung” ist für manches gut, vielleicht auch mal für eine Entdeckung aus vergessenen Archivbeständen. Niemand weiss mehr (oder würde auch bloss vermuten), dass Fjodor Dostojewskij, Klassiker der russischen Erzählkunst und Erfinder der “Roman-Tragödie”, ein gewiefter Verseschmied war. In seinen Tagebüchern und Arbeitsjournalen finden sich, über viele Jahre verstreut, immer wieder kleine gereimte Gedichte, die in keiner Weise zu seinen dramatischen sozialkritischen Stoffen und philosophischen Exkursen passen, die aber womöglich als humoristische Kontrapunkte dazu gedacht waren. Die meist nur einstrophigen Gedichte sind noch nie gesammelt und bisher auch nicht übersetzt worden – ausgenommen ein paar Verse, die Dostojewskij dem verrückten Hauptmann Lebjadkin (im Roman “Dämonen”) in den Mund beziehungsweise unter die Hand gelegt hat. Auffallend ist die sonst bei Dostojewskij nicht zu beobachtende Neigung zu sexuellen Anspielungen, die sich da und dort zu ironisch-lyrischer Pornographie verbinden können – wie beispielsweise in dieser ungedruckt gebliebenen Strophe aus den Entwürfen zu den “Dämonen” (1873):

Gestatten Sie, das ist mein liebender Erguss,
Geruhn Sie meinen Antrag zu erhören,
Auf dass rechtschaffenen Genuss
Ein andres Glied mir wird bescheren.

Verse dieser und ähnlicher Art sind in Dostojewskijs Arbeitsjournalen keine Seltenheit, doch kaum etwas davon findet sich wieder in seinem publizierten Werk eingegangen. Interpreten und Kritiker scheinen sie bis heute (falls sie davon überhaupt Kenntnis haben) für peinlich oder schlicht für überflüssig zu halten. Es ist an der Zeit, diesen (zugebenermassen marginalen) Teilbereich von Dostojewskijs Schaffen aufzuarbeiten.

130. Chodassewitsch

Vladimir Nabokov war nicht gerade für schmeichelhafte Urteile bekannt. Doch in seinem Erinnerungswerk «Speak Memory» schrieb er über den russischen Dichter Vladislav Chodasevič, den er 1932 im Exil kennengelernt hatte: «Ich fand grossen Gefallen an diesem bitteren Mann, der aus Ironie und metallischem Genie gemacht war und dessen Lyrik ein ebenso komplexes Wunder darstellte wie die von Tjutčev oder Blok.» In seinem Nachruf auf Chodasevič, 1939, verkündete er geradezu siegesgewiss, dieser werde «der Stolz der russischen Dichtung bleiben, solange die letzte Erinnerung daran lebendig ist». (…)

Chodasevič, der elegante Saturniker, der pessimistische Klassizist, der formbewusste Melancholiker, der Dualität und Distanz zu den Grundzügen seiner Lyrik machte. Als Sohn eines verarmten polnischen Adligen und einer zum Katholizismus konvertierten russischen Jüdin 1886 in Moskau geboren, widmete sich Chodasevič zunächst dem Ballett, dann dem Studium der Jurisprudenz und Philologie, bis er zur Dichtung fand. Sein erster Lyrikband, «Jugend» (1908), verrät den Einfluss von Symbolisten wie Waleri Brjussow und gefällt sich in der Pose von Lebensmüdigkeit und Selbstironie. Das ändert sich in der zweiten, vor allem aber in der dritten Gedichtsammlung, «Der Weg des Korns» (1920), in der Chodasevič die Oktoberrevolution – die er zunächst begrüsste – und die Krise Russlands in den Blick nimmt. In mehreren (reimlosen) Langgedichten vergegenwärtigt er auf beklemmende Weise die Zerstörungen, die der Bürgerkrieg in Moskau angerichtet hat. Es sind lakonische Momentaufnahmen des Grauens, vermischt mit Bildern einer zweifelhaften Normalität. Kein Wunder, hat Joseph Brodsky den streng beobachtenden Sprachkünstler, der die Schrecken in Puschkinsches Jambenmass bannte, verehrt.

1922 erschien die Sammlung «Die schwere Lyra», darin die Dualität von Transzendenz und existenziellem Elend, von Natur und Technik zum Ausdruck kommt. Im selben Jahr verliess Chodasevič mit der nachmaligen Schriftstellerin Nina Berberova Russland Richtung Berlin. Geplant war ein Aufenthalt auf Zeit, doch wurde daraus ein Dauerexil. Chodasevič verbittert zusehends, der sarkastische Ton seiner Berlin-Gedichte ist unüberhörbar. Die deutsche Metropole erscheint ihm in grotesker Verzerrung, wie auf den Karikaturen von George Grosz. (…)

Eben dieser Kompromisslosigkeit aber verdankt sich sein postumer Ruhm. Wobei man sich nun endlich auch auf Deutsch ein Bild von Chodasevičs Dichtung machen kann. Adrian Wanner, bekannt für seine Übersetzungen von Alexander Blok, legt eine stattliche zweisprachige Ausgabe mit ausgewählten Gedichten von 1907 bis 1927 vor, ergänzt durch ein informatives Nachwort und den Nachruf von Vladimir Nabokov. (…)

Und mitten im Bürgerkriegsrussland, 1918, schreibt er die verstörenden Verse: «Mit kalten Blicken mustere ich nur / Den Ruhm der Zukunft, schal und leer . . . / Dafür brauch ich die Wörter ‹Blume›, ‹Kind› und ‹Tier› / Jetzt immer öfter, immer mehr.» Solche Verse machen einen frösteln. Statt Revolutionspathos diese formvollendete Klarheit, bis hin zu den Reimen, die Chodasevič meisterhaft beherrschte. An der Form war ihm gelegen, um desto deutlicher zu machen, wie sehr es im Gebälk des Lebens krachte. Den saturnischen Weltzustand – und den seines unerlösten Innern – kleidete er in Zeilen von kalter Eleganz.

Man muss ihn lesen, diesen Vladislav Chodasevič, «im Gedächtnis an die Zukunft». / Ilma Rakusa, NZZ

Vladislav Chodasevič: Europäische Nacht. Ausgewählte Gedichte 1907 bis 1927. Russisch/deutsch. Nachgedichtet und mit einem Nachwort herausgegeben von Adrian Wanner. Mit einem Essay von Vladimir Nabokov. Arco-Verlag, Wuppertal 2014. 222 S., € 24.–.

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47. Wels

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien* Texte der auf Facebook vor wenigen Tagen begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.**

Ausgewählt von Parlandopark für Textkette.

Alexej Parschtschikow (geb. 1954)

СОМ

Нам кажется: в воде он вырыт, как траншея.
Всплывая, над собой он выпятит волну.
Сознание и плоть сжимаются теснее.
Он весь, как чёрный ход из спальни на Луну.

А руку окунёшь – в подводных переулках
с тобой заговорят, гадая по руке.
Царь-рыба на песке барахтается гулко,
и стынет, словно ключ в густеющем замке.

Wels

Uns scheint, er liege im Wasser, wie ein Schützengraben ausgehoben.
Taucht er auf, wirft er eine Welle,die gleichsam über ihm steht.
Bewußtsein und Fleisch ziehen sich zusammen, werden eng verwoben.
Er ist wie der Hinterausgang einer Schlafkammer, die zum Mond hinführt.

Du tauchst die Hände ein – sofort beginnt unter See in den Seitengassen
ein Zureden, Rufen und dir wird Zukünftiges aus der Hand geweissagt.
König Fisch zappelt im Sand – dann stirbt der Widerhall, das Klatschen.
wie ein Schlüssel, der in einem plötzlich zugedickten Schloss stakt.

Alexej Parschtschikow: Erdöl · Gedichte. Russisch-Deutsch. Aus dem Russischen von Hendrik Jackson. kookbooks _ Reihe Lyrik _ Band 19, 2012.
112 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, Klappenbroschur, 19.90 Euro, ISBN 9783937445434

*) Dieser Text ist natürlich nicht “gemeinfrei”, aber Nachdichter und Verlegerin haben einer Veröffentlichung hier zugestimmt.
**) Gilt (leider) vorerst nur bei Facebook.

35. Staat und Dichter

Häufig zitierte O[ssip] M[andelstam] Chlebnikow: “Das Polizeirevier ist eine großartige Angelegenheit. Es ist der Ort, wo ich und der Staat uns begegnen …” Die dort geschilderten Begegnungen waren aber überaus harmlos. Chlebnikow berichtete von normalen Überprüfungen der Papiere bei der Landstreicherei verdächtigten Personen, das heißt von nahezu klassischen Beziehungen zwischen Staat und Dichter. Unsere Begegnungen mit dem Staat fanden in einer anderen Sphäre statt.

Aus: Nadeschda Mandelstam: Das Jahrhundert der Wölfe. Eine Autobiographie. Aus dem Russischen von Elisabeth Mahler. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch V erlag, 1973, S. 8.

41. Peter Urban gestorben

Eminente russische Autoren wie Anton Tschechow, Daniil Charms oder Isaak Babel haben erst durch Peter Urban eine deutsche Stimme erhalten. Zuvor glaubten die Übersetzer, man müsse die urwüchsige Sprache dieser modernen Schriftsteller glätten und in ein makelloses Hochdeutsch bringen. Peter Urban hat radikal mit diesem Missverständnis aufgeräumt. (…) Er übersetzte das schwierige Gesamtwerk des Futuristen Welimir Chlebnikow in zwei umfangreichen Bänden und zog mit dieser stupenden Leistung auch Paul Celans Aufmerksamkeit auf sich. (…) Peter Urban war einer der letzten unabhängigen Intellektuellen in Deutschland, die sich kompromisslos für ihre künstlerischen und politischen Überzeugungen einsetzten. Sein messerscharfer Geist, sein untrüglicher stilistischer Sinn und seine detektivische Hartnäckigkeit beim Aufspüren relevanter Quellen machten ihn zu einem unbestechlichen Hüter höchster literarischer Standards. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Übersetzerpreisen und der Ehrendoktorwürde der Universität Regensburg ausgezeichnet. / Ulrich M. Schmid, NZZ

Der Slawistikstudent verbrachte ein Jahr in Belgrad, wo er Gedichte von Vasko Popa und Miodrag Pavlović übersetzte und als Suhrkamp-Lektor Letzteren bald auch herausbrachte. Urbans Lebensaufgabe wurde, russischen Klassikern, ob Alexander Gribojedow, Iwan Turgenjew oder Nikolai Gogol, die von früheren Übersetzern bis zur Unkenntlichkeit „verschönert“ wurden, eine ihrer originalen Diktion und Sprachmelodie treue deutsche Stimme zu verleihen. Außerdem machte er den deutschen Leser mit wichtigen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts, den absurden sowjetrussischen Minimalisten – von Daniil Charms, über Leonid Dobytschin bis zu Venedikt Jerofejew -, überhaupt erst bekannt. / Kerstin Holm, FAZ

104. Putins Dead Poets Society

(Weder Satire noch Science Fiction)

Als Präsident Putin seine Rede beendete, ergriff Tolstoi das Wort. Er dankte Dostojewski, Lermontow, Scholochow und Pasternak. Leider habe Puschkin nicht kommen können, da er erkrankt sei und daher nicht aus Belgien nach Moskau fliegen konnte. “Puschkin ist unter uns”, sagte Tolstoi.

Wladimir Iljitsch Tolstoi ist ein Nachfahr des großen Autors in der vierten Generation, und er meinte Alexander Alexandrowitsch Puschkin, einen Nachfahren des Dichters. Am 21.11. fehlte er beim Gesamtrussischen Literaturtreffen an der Universität der Völkerfreundschaft in Moskau.

Rund 500 Menschen waren anwesend, darunter viele Verwandte längst toter Autoren. Mit dem Treffen tritt Putin in die Fußstapfen seiner sowjetischen Vorgänger. Nun also übernahm Putin das Kommando über die Literatur. Ganz in sowjetischer Tradition versprach er Abhilfe, wenn einer der prominenten und privilegierten Teilnehmer Probleme ansprach.

Dann aber sprach der junge Schriftsteller Sergej Schargunow das Thema der politischen Gefangenen an. Putin antwortete, niemand in Rußland sei wegen Meinungsäußerungen im Rahmen der Gesetze in Haft, doch gebe es “eine Grenze, eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.”

Dostojewski kam ihm zu Hilfe. Als “Nachkomme eines Häftlings” könne er sagen, daß die 10 Jahre Haft in Sibirien wegen Gesetzesbruches ihm gut getan hätten und er in dieser Zeit als Schriftsteller gereift sei.

Die Witwe Alexander Solshenizyns widersprach und sagte, der sowjetische Gulag sei schlimmer gewesen als die Gefängnisse des Zaren. Es entspann sich ein Wortwechsel zwischen ihr und Dostojewski.

Gelegenheit für Putin einzugreifen. Nie werde man zu Zeiten zurückkehren, “als man Daniel und Sinjawski verfolgte und Pasternak exilierte”.

In Wirklichkeit kam Juli Daniel ins Gefängnis, Andrej Sinjawski wurde ausgebürgert und Pasternak aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Dostojewski seinerseits kam nach Sibirien, weil er in einer Lesegruppe mitwirkte. / Masha Gessen, Latitude. New York Times Blog

74. Feministische Revolte

Eine junge, schöne Frau wird von Uniformierten in einen Käfig gesperrt. Sie trägt Handschellen und schlägt die Augen nieder. Ihr Vergehen ist weltbekannt: Sie hat einen der mächtigsten Männer der Erde beleidigt,Geschäftspartner des deutschen Altkanzlers Schröder, Herr über 143 Millionen Menschen und ein Drittel der Erdgasvorräte der Welt. In einem neostalinistischen Schauprozess wurde sie zu zwei Jahren Gulag verurteilt. Seither sitzt sie in ständig wechselnden sibirischen Straflagern, wartet, näht, hungert und wartet weiter.

Nadeschda Tolokonnikowa und ihre russische Band Pussy Riot führen neben den ukrainischen Femen die radikalste feministische Revolte Europas an. Beide Frauenpunkbewegungen konzentrierten sich bisher auf ihre Aktionskünstlerschaft und beschränken sich auf schlanke Forderungen: Verjagt Putin, die Ukraine ist kein Bordell, weg mit der Prostitution. / Iris Radisch schreibt in der Zeit über den Briefwechsel zwischen Nadeschda Tolokonnikowa und Slawoj Žižek.

30. Norbert Randow †

Wie über soziale Netzwerke erfahrbar und bei Wikipedia dokumentiert, starb der Übersetzer Norbert Randow am 1.10. Wikipedia schreibt:

Norbert Randow (* 1929 in Neustrelitz; † 1. Oktober2013) war ein deutscher Herausgeber und Übersetzer von bulgarischen, russischen,  altkirchenslawischen und weißrussischen Schriften und Büchern.  Er galt als wichtigster Experte und Vermittler bulgarischer und weißrussischer Literatur in Deutschland.

Randow studierte Slawistik zunächst bis 1953 in Berlin, dann anschließend für drei Jahre in Sofia. Später arbeitete er als Assistent für bulgarische Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er wurde jedoch 1962 wegen angeblicher „staatsgefährdender Hetze“ und „Beihilfe zur Republikflucht“ für drei Jahre inhaftiert – er hatte unter anderem den Roman Doktor Schiwago von Boris Pasternak weitergegeben. Seine wissenschaftliche Laufbahn war damit beendet.

Nach Ende der Haftzeit wandte er sich vornehmlich Übersetzungen aus dem Bulgarischen zu. Ab 1978 besuchte er für Studien und Übersetzungen fast jährlich Bulgarien. Dies wurde durch ein Stipendium der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften finanzierbar.

Erst 1993 kehrte Randow als Gastprofessor wieder an die Humboldt-Universität zurück.

Einige Schmuckstücke meiner Bibliothek aus seiner Übersetzer- und Herausgebertätigkeit:

Mandelstam, Ossip:
Gespräch über Dante. Russisch und deutsch. Aus dem Russischen übertragen vonNorbert Randow. Mit einem Nachwort von Leonid E. Pinski.
Leipzig und Weimar, Gustav Kiepenheuer Verlag 1984

Daltschew, Atanas:
Fragmente
Herausgeber/Übersetzer: Randow, Norbert
Philipp Reclam jun., Leipzig , 1980

Daltschew, Atanas:
Gedichte. [Zsgest. u. mit e. Nachw. vers. von NorbertRandow. Übertr. von Adolf Endler u. Uwe Grüning], Insel-Bücherei ; Nr. 567
Leipzig : Insel-Verlag, 1975

Chilandar, Paissi von
SLAWOBULGARISCHE GESCHICHTE [von dem bulgarischen Volk, seinen Zaren und Heiligen und allen bulgarischen Taten und Geschehnissen, zusammengetragen und angeordnet von dem Priestermönch Paissi aus dem Bistum Samokow, von wo er im Jahre 1745 auf die heiligen Athosberge kam und diese Geschichte zusammentrug im Jahre 1762, dem bulgarischen Volke zum Nutzen.]. Aus dem Bulg. übersetzt, hrsg., komment. u.m.e. Nachw. versehen v. Norbert Randow.
Leipzig, Insel 1984.

Ilja und der Räuber Nachtigall. Bylinen. (Aus dem Russischen ausgewählt und nachgedichtet von Wolfgang E. Groeger. Mit einem Nachwort von Norbert Randow und Xenia Werner).
Leipzig: Insel-Verlag 1986