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Archiv der Kategorie: Russisch

Im Netz seit 1.1.2001

Russische Dichterin überfallen

Vor ihrem Wohnhaus in einem Moskauer Außenbezirk ist die russische Dichterin Alina Wituchnowskaja Opfer eines Überfalls geworden. Sie glaubt, in Russland seien auf einer subalternen Machtebene alle Regimegegner für vogelfrei erklärt worden. Durch den Mordanschlag auf Boris Nemzow sieht sie sich bestätigt.

Sie habe am Abend des 23. Februar, der als „Tag der Vaterlandsverteidiger“ begangen wird, vor der Haustür Müll entsorgt, als zwei Männer, einer in Polizeiuniform, der andere in Zivil und deutlich angetrunken, auf sie zugekommen seien und sie aufgefordert hätten, mitzukommen, berichtete Alina Wituchnowskaja der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als sie sich geweigert habe, hätten die beiden einige ihrer Internetauftritte erwähnt, von ihren politischen Aktivitäten erzählt, von einem in die Ukraine geflohenen Vertrauten, aber auf eine Weise, die klar gemacht habe, sie kannten sie gar nicht, sondern waren instruiert worden, so die Dichterin.

Als sie die zwei etwas maliziös fragte, wer sie überhaupt seien, habe einer der beiden ihr einen Schlag ins Gesicht versetzt. Sie sei in die Wohnung geflohen und habe den ärztlichen Notdienst gerufen, sagt Alina Wituchnowskaja. Als es wenig später an der Tür klingelte, habe sie geöffnet, in der Annahme, es seien die Mediziner. Doch es waren zwei Männer in Zivil, die sich offenbar neue Instruktionen geholt hatten und sie jetzt bewusstlos schlugen. / FAZ 2.3.

„der im flug herausgepresste schrei der blase“

Hendrik Jackson postet auf lyrikkritik.de einen Text von 2003 über den russischen Lyriker Wiktor Iwaniv:

Mir wurde die Aufgabe angetragen, einige russische Gegenwartslyriker zu versammeln und zu übersetzen. Dabei stieß ich auf den fast gänzlich unbekannten jungen Autor Wiktor Iwaniv aus Nowosibirsk, dessen Gedicht „kamera“ meine Aufmerksamkeit erregte. Das Gedicht weist keine Interpunktion auf und zeichnet sich dadurch aus, daß viele Wörter jeweils vor wie auch rückbezogen werden können, innerhalb einer Zeile oder im fortlaufenden Zusammenhang mit der jeweils nächsten Zeile zu lesen sind. Eine mehrfache Lesart findet sich auch inhaltlich wieder. Das beginnt schon bei der Überschrift: kamera. (das ganze Gedicht findet man hier)
Das Wort hat drei Bedeutungen: 1. Kamera (Film, Foto, Video) 2. Zelle, Kammer 3. Blase (vom Fußball). Im ersten Fall ist die russische „kamera“ also eine Art Behälter, oder wie man eben auch für die deutsche Kamera sagt: ein Gehäuse – für Bilder; im zweiten Fall eine Behausung, aber ebenso gehäuseartig relativ klein und kompakt und im dritten, seltenen Fall eine selbst umschlossene Ummäntelung für die Luft, die den Ball trägt, weicher als die ersten beiden „Kapseln“, aber um nichts weniger „luftdicht“, abgeschlossen, und in einem gewissen Sinne gleichförmigen geometrischen Grundformen entsprechend (Quader, Würfel, Kugel etc.)
Die dritte Bedeutung schien etwas abwegig, ich hielt mich zunächst an die ersten beiden.
Ich übersetzte:

Kamera

Im angestrahlten wald war ein süßes singen zu hören
die stimme Lemeschews drang ans ohr irgendwoher
trug ein windstoß wörter verdrehte sie ein kanarienvogel
imitierte sich selbst von unten wie durch eine platte
klopfte regelmäßig geräusch vom aufprallen eines balls
zusammen mit dem gesang sich vereinend wie
wie in einer einzigen kehle
gefiederte kinder liefen voraus drehten sich nicht um
oder führten ihre truppen zurück bis an den Rahmen
jedes von ihnen und nicht nur volodja pinigin
als wüßte er es nicht er steht auf schlammigem grund
die schlange glitt schnell durch die reihen erstarrter kinder
so hätte es aussehen können für den
der sie so durch das Schlüsselloch beobachtet hätte
der klopflaut des balls hörte momentlang auf wie kurzes
kuckucksheulen die quälenden tage zählt
nur jene werden mich verstehen die selbst einmal diesen
im flug herausgepressten schrei der kamera hören sehen mußten
eng zusammengepferchte kinder ihre blicke zur erde gewandt
hinab wo der von schrecklichem schluckauf befallene volodja
auf allen vieren kroch wie ein toter aus der erde
eines anderen morgens durch hingekleckste lichtflecken
ging ich erinnerte mich an zwei namen Wolodja und Wladik
ich nahm damals an der parade teil und schaute den pionieren
nach sie trugen pfingstrosen im porträt des toten führers

Vielleicht eine Filmszene? Ein Film im Wald? Was macht der Kanarienvogel hier? Vielleicht handelt es sich doch um eine Zelle, eine kleine Kammer? Rätselhaft. Jetzt war ich zum ersten Mal irritiert. Eine Platte im Wald? Sicherlich keine Photoplatte. Und dann ein Ball? Eine russische Freundin wies mich auf das Kinderbuch „Unterirdische Kinder“ hin, in dem es um unter der Erde, in Erdhöhlen lebende Kinder ging. Sie sagte auf ihre russische trockene Art: „Klar, sie spielen dort unter dem Wald mit einem Ball, kein Problem.“ Platte, Schallplatte, Photoplatte, Zelle, Kamera… worum handelt es sich?
Das Ende gab auch keinen Aufschluß. Interesse halber schrieb ich dem Autor. Er erklärte kurzerhand, daß die Kinder unter der Erde hier nichts zu suchen hätten und alles würde auf dem Doppelsinn von kamera und „Blase“ (des Fußballs) beruhen, kurzum ein aufgenommenes Fußballspiel. Nun ist es mehr als heikel, den Erklärungen eines Autors beim Übersetzen zu folgen, zumal bei einem so vieldeutigen Gedicht. Dennoch will ich gerade dies anführen, um zu zeigen, daß man die Anmerkungen des Autors nicht ganz negieren soll, zumal, wenn das Gedicht dann eine gewisse Schlüssigkleit gewinnt. Ich übersetzte neu und als erstes die Überschrift, um diese Doppeldeutigkeit zwischen Fußball und Kamera herauszustellen. „Gehäuse“ fiel mir als erste Verbindung zwischen Fußball und Photo ein, allerdings schien mir das nicht geläufig genug, eher schon die Redewendung „etwas im Kasten haben“ und „Kasten“ für Fußballtor.

im kasten

Im angestrahlten wald war ein süßes singen zu hören
die stimme Lemeschews drang ans ohr irgendwoher
trug ein windstoß wörter verdrehte sie ein kanarienvogel
imitierte sich selbst von unten wie durch eine platte
klopfte regelmäßig geräusch vom aufprallen eines balls

Nun wurde alles klar, oder? Es folgen die aus der Kamera-Ferne (Vogelperspektive?) bunten (wie Federn) Trikots der „Truppen“:

zusammen mit dem gesang sich vereinend wie
wie in einer einzigen kehle
gefiederte kinder liefen voraus drehten sich nicht um
oder führten ihre truppen zurück bis

Jetzt endlich das Wort: Gehäuse für die „Rahmen“, den Bildausschnitt und das Tor zugleich. Gehäuse – Kern – Zelle. Zelle: Da war sie die russische „kamera“ in ihrer zweiten Bedeutung. Überwachtes Wohnen, Gefängnis. Gitter – Netz – Im Kasten, im Netz, und also wieder: Fußball, aber auch: Kern, Frucht, Netz mit Früchten, Hülse, Worthülse, die verschiedene Bedeutungskerne beinhaltet, aber sich aufbläht zur Blase: Bildblase, kein sachliches Kamerabild, nicht nur ein Fußballreport in jedem Fall. Weiter:

an das gehäuse
jedes von ihnen und nicht nur volodja pinigin
als wüßte er es nicht er steht auf schlammigem grund
die schlange glitt schnell durch die reihen erstarrter kinder
so hätte es aussehen können für den
der sie so durch das Schlüsselloch beobachtet hätte
der klopflaut des balls hörte momentlang auf wie kurzes
kuckucksheulen die quälenden tage zählt
nur jene werden mich verstehen die selbst einmal diesen
im flug herausgepressten schrei

und hier konnte es jetzt nicht mehr Kamera oder Zelle heißen, hier war die dritte Bedeutung von „kamera“ gefragt: Pocke, Pille, nein, denn dann fiele das fliegende Auge der Kamera weg, wie das vereinen? Mir fiel eins ein: Ich quetschte das Augen direkt in den Sucher der Kamera – und fand – die puPille, allerdings: ein im Flug herausgepresster Schrei der puPille, hmm, ich weiß nicht… dann lieber Blase als Fußballblase, Bildblase, zumal eine gepresste schreiende Blase, das hat etwas Comicartiges und läßt sich vorstellen.

der blase hören sehen mußten
eng zusammengepferchte kinder ihre blicke zur erde gewandt
hinab wo der von schrecklichem schluckauf befallene volodja
auf allen vieren kroch wie ein toter aus der erde

Fußball kann grausam sein, zumal aus der Höhe. Aber wird hier wirklich das Stadion zur geschichtlichen Kammer, aus dem es kein Entrinnen gibt? Kriegssprache und das Ticken wie von Uhren oder Bällen deutet die Vergangenheit oder Zeitlichkeit an, eine Vergangenheit, die (für den jungen Autor) medial (durch Bilder) verdoppelt wird, was direkt an den Bilderkult der alten Zeit anschließen mag… und dennoch bleiben einige Fragen offen, doch staunen wir nicht länger, sondern folgen dem Autor zum Ende und schauen den Wendungen des Gedichts nach wie jene Pioniere…

eines anderen morgens durch hingekleckste lichtflecken
ging ich erinnerte mich an zwei namen Wolodja und Wladik
ich nahm damals an der parade teil und schaute den pionieren
nach sie trugen pfingstrosen im porträt des toten führers

Hendrik Jackson

Dieser kleine Text entstand 2003 anlässlich der Herausgabe einer Sammlung von russischen zeitgenössischen Gedichten. Damals lernte ich den noch völlig unbekannten sibirischen Dichter Iwaniv kennen. Am 25. 2 2015 nahm sich der Dichter, inzwischen russlandweit bekannt und geschätzt, das Leben. Deswegen sei hier das Dokument einer ersten Annäherung und beginnenden Freundschaft sowie eines literarischen Austausches (Iwaniv hat mich ins Russische übersetzt und wurde von der Stiftung Brandenburger Tor nach Berlin eingeladen) publiziert. Die ganze Übersetzung findet man auf parlandopark, den russischen Text auf vavilon.ru

106. Kritik der Kritik

Sehr geehrte Frau Veit,

vielen Dank für Ihre Rezension und die Beschäftigung mit Majakowskis Poem „der fliegende Proletarier“. Ich muss Ihnen allerdings die Bedeutung des Gedichtes noch einmal darstellen und auf die Kunst der Übersetzung hinweisen.

Majakowskis Text ist ein in der Weltliteratur einzigartiges Beispiel für die Verbindung von Poetologie und politischer Lyrik. Die Verse verhandeln bis ins Detail die ästhetischen Debatten der Avantgarde und jungen Sowjet-Kunst: vom Futurismus und Konstruktivismus bis hin zur Literatur des Fakts und dem proletarischen Agitprop. Die Verfahren der neuen Massenmedien, die in den 20er Jahren aufkamen – Radio, Kinofilm, Pulp-Literatur, Werbung, Comic, Plakat – verbindet Majakowski in seinem Text auf eine Weise, wie dies keinem anderen Dichter gelungen ist. Zudem ist sein Text ein Paradebeispiel der utopischen Literatur. Die Thematisierung von Luftkrieg und Raumfahrt ist angesichts der geostrategischen Auseinandersetzungen, die um den „Kontinentalblock“ geführt werden, bis heute aktuell.

Die Übersetzung ist von einer fast wörtlichen Werktreue und erlaubt sich nur dort kleine Freiheiten der Nachdichtung, wo es darum geht, die durchgehende Reimstruktur des Textes nachzubilden und für den Leser erlebbar zu machen. Auch die vereinzelten Verwendungen von Alltagsjargon sind durchaus im Wortsinn des Originals oder entsprechen der Haltung und Tonalität Majakowskis selbst. Dies richtig zu gewichten, muss Literaturkritik schon leisten können.

Das Poem stellt in jedem Fall einen der wichtigsten Klassiker der Avantgarde-Literatur dar. Die im Buch vorhandenen Illustrationen treffen genau den Geist der Zeit. Nachwort, editorische Notiz und Zeitleiste helfen zum kontextuellen Verständnis und werden literaturwissenschaftlichen Kriterien gerecht. Als Lektüre unbedingt zu empfehlen!

Zwei Gedenktage sind ebenfalls im April 2015 mit dem Buch zu verbinden:
6.4.1925 – Premieren-Lesung des „Proletariers“ durch Majakowski im Moskauer Bolschoi-Theater (vor 90 Jahren)
14.4.1930 – Selbstmord Majakowskis (vor 85 Jahren)

Mit herzlichen Grüßen
Boris Preckwitz

(Vgl. hier)

104. “Gescheiterter Versuch”

Harsch das Urteil der Neuen Zürcher Zeitung über die Erstveröffentlichung eines Langgedichts von Wladimir Majakowski über einen “Luftkrieg zwischen den kapitalistischen USA und der kommunistischen Sowjetunion im Jahre 2125″:

Boris Preckwitz, der begeisterte Übersetzer, versucht, das 1925 geschriebene Langgedicht für die Gegenwart aufzumotzen; bald macht er es ulkig poppig und peppig («echt nie», «Newswust», «Nüschte», «Rabbatz», «gefrickelt», «beschlagzeilt», «betarnmalt», «beschraubschwungt»,), bald pathetisch umständlich bis unverständlich («Der Kommandant wringt die Stirn» für: «runzelt die Stirn» «Fiederling» für: «Vogel», «sie spitzen die Hauer» für: «bis an die Zähne bewaffnet»). (…)

Der Versuch, die vor neunzig Jahren entstandenen Verse mittels zeitgemässen Werbejargons sowie Slam-Poetry-Elementen zu aktualisieren, überzeichnet die im Original angelegte verbale Kraftmeierei («und eine Stadt ist getilgt ohne jeden Mucks / von einer erstickend giftigen Gasschicht») zusätzlich und macht sie vollends ungeniessbar. Ein Versuch mit den falschen Mitteln und am falschen Objekt. / Birgit Veit

Wladimir Majakowski: Der fliegende Proletarier. Übersetzung: Boris Preckwitz, Illustrationen: Jakob Hinrichs, Nachwort: Jan Kuhlbrodt, Edition ReVers 3, Berlin 2014. 100 S., € 14.90.

100. Gestorben

Wie der in Odessa lebende Schriftsteller Boris Chersonski auf seiner Facebookseite mitteilt, hat sich der Nowosibirsker Schriftsteller Viktor Iwaniw (Виктор Иванiв, auch Iwanow) im Alter von 37 Jahren das Leben genommen. Er wurde 1977 in Nowosibirsk geboren, studierte dort und arbeitete als Übersetzer aus dem Französischen und Journalist. Er schrieb Gedichte und Prosa und war mehrfach auf Long- und Shortlists für verschiedene Preise nominiert, darunter den Andrej-Bely-Preis.

Hier sein Eintrag in der “Neuen Literaturkarte Rußlands”

Die Todesnachricht hier  |  Gedichte hier | Der Link auf die Seite der Anthologie “Literatur nicht aus der Hauptstadt” (Нестоличная литература) funktioniert nicht.

Hier ein Aufsatz “Natürliches Licht und ‘optische Täuschung’. Über Spinozas Begriff einer unendlichen Anzahl von Attributen ein und derselben Substanz in Bezug auf die Texte Chlebnikows” (russisch)

 

95. Neu bei lyrikkritik

Bücher und Rezensionen, die man nicht verpassen sollte: Kürzlich starb der hochverehrte slowenische Dichter Tomaž Šalamun. Eine wunderbare Hommage an den Dichter gibt es von M. Rinck und N. Broemmer, rezensiert von Meinolf Reul. Eine alte Rezension zu seinem Buch “4 Fragen der Melancholie” findet sich im Archiv von lyrikkritik unter Rezensionen. Erinnert sei auch an Rudert! Rudert!, übertragen von M.Rinck/G. Podlogar, besprochen z.B. von J. Kuhlbrodt, erschienen bei korrespondenzen. Neu übersetzt wurde auch Anne Carson, ausführlich A. Kampmann im deutschlandfunk. Interessante Entdeckungen macht weiterhin Ingold, so zum Beispiel schon vor langer Zet in der nzz: Dada im Kaukasus, vor kürzerem – politisch brisant -: Hereinbrechende Ränder, und neu in der lyrikzeitung über Ilya Sdanewitsch. In diesem zusammenhang findet man auch eine schöne Chlebnikow-Kompilation auf der manchmal etwas skurril gestalteten, aber gehaltvollen Seite planetlyrik.
alte Hinweise

88. Heulende Hunde und küssende Dichter

Das Online-Werbebanner eines Homosexuellenclubs in Almaty (Kasachstan) provozierte [im vergangenen Sommer] Proteste und eine Anzeige. Die Werbung zeigt einen berühmten kasachischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, Qurmanghazy Saghyrbaiuly, und den russischen Dichter Alexander Puschkin in einer Kußszene. Der Club Studio 69 liegt an der Kreuzung der Qurmanghazy- und Puschkinstraße. Rund 20 Aktivisten zeigten den Club an und sagten, die Anzeige beleidige sowohl Kasachen als Russen. Der Club entschuldigte sich und versprach, die Werbung nicht mehr öffentlich zu zeigen. Homosexuelle Beziehungen stehen seit den 90er Jahren in Kasachstan nicht mehr unter Strafe, aber es gibt starke Vorurteile. / Radio Free Europe / Radio Liberty

Erstaunlich daran ist vielleicht am meisten, daß die ehemaligen Sowjetbürger eigentlich an Bilder alter küssender Männer gewöhnt waren. Man vergleiche die Bilder:

Gorbatschow und Honecker

 

Breschnew und Honecker

Diese Episode fiel mir ein, als ich eine aktuelle Meldung aus Moskau las, das mit Kasachstan in einer eurasischen Wirtschaftsunion verbunden ist, wiewohl die Verbundenheit bröckelt, weil man ebenso wie in Weißrußland Grund hat, sich vor dem großen Bruder zu fürchten.

Zwei russische Damen, darunter Irina Bergset, die sagt, daß sie früher bei der Duma tätig war und die Mitgründerin der Organisation “Russische Mütter” (russkije materi) ist, melden auf dem Moskauer “Anti-Maidan” Erschröckliches aus Deutschland. Dort ist es “schrecklich, die Hunde heulen, weil sie vergewaltigt werden, weil die zu wenig Weiber haben, wenn man durch die Straßen läuft, hört man dort das Heulen dieser Hunde…. die sind für Liberalismus dort… in allem… In Deutschland gingen Hunderttausende auf die Straße, um für Sodomie zu demonstrieren, das ist normal dort, echt, da gibt es ein Video! Wir waren nicht da. Aber Russia Today hat die Reportagen gemacht, es ist schwierig, das nicht zu glauben…. Es gibt acht unterschiedliche Arten von Homosexualität, die sie legalisieren wollen, Kasparow sagt sogar, 71 Arten. Perversionen! Das ist eine Diagnose, kranke Menschen sind das, und jetzt wird das legalisiert. Da gehören auch Sadomismus dazu, auch Kannibalismus. Das sind Liberale. Die sind alle Perverse.” (Übersetzung Boris Reitschuster) Wers nicht glaubt, hier das Video. Überschrift: “Irina Bergset: Schon 71 Arten Schwule! Hundegeheul in ganz Europa”

75. Neu zu entdecken – der russische Wort- und Schriftkünstler Iljazd

Von Felix Philipp Ingold

Noch eine Entdeckung aus dem Fundus der russischen Moderne: Beim Moskauer Verlag Hylaea sind zum Jahreswechsel die theoretischen Schriften sowie private Korrespondenzen des futuristischen Wort- und Schriftkünstlers Ilja Sdanewitsch (Зданевич) in zwei exzellent edierten Bänden erschienen.* ‒ Sdanewitsch, der sich unter diversen Pseudonymen (ab 1923 definitiv: “Iljazd”) als einer der radikalsten und konsequentesten Protagonisten der vorrevolutionären russischen Avantgarde hervorgetan hat, wurde 1894 im Kaukasus geboren, lebte ab 1911 in Petersburg und Moskau, wo er sich an vorderster Front – neben dem Dichter Majakowskij und dem Maler Larionow ‒ mit zahlreichen Manifesten und öffentlichen Auftritten für die damals aktuellen “Kunstismen” einsetzte (Kubofuturismus, Neoprimitivismus, Centrifuga, “Totalismus”), bis er im Herbst 1917 in den Kaukasus zurückkehrte, um dort (zusammen mit Aleksej Krutschonych, Igor Terentjew und seinem Bruder Kirill Sdanewitsch) unter der Bezeichnung 41° eine weitgehend selbständige Filiale aktueller Avantgardekunst zu eröffnen – mit Ausstellungen, Performances und mit der Publikation von Büchern und Zeitschriften.

Ende 1921 übersiedelte Sdanewitsch nach Paris, wo er als Typograph und Designer eine zweite Karriere begann und mit führenden Zeitgenossen wie Picasso, Braque, Giacometti, aber auch Eluard und Coco Chanel zusammenarbeitete. Erst im Exil entstand sein eigenständiges, literarisch relevantes Werk, bestehend aus “hintersinnigen” schriftkünstlerischen Kompositionen (“LidantJu fAram”, 1923) sowie diversen Lyrik- und Prosabänden (u.a. dem Roman “Begeisterung”, 1927). Erfolgreich betätigte sich Iljazd auch als Verleger und Herausgeber; mit dem französischen Sammelwerk “Die Poesie unbekannter Wörter” (1949) knüpfte er noch einmal an die Unsinnspoesie der 1910er und 1920er Jahre an.

Heute ist der 1975 verstorbene “totalistische” Künstler nur noch einem kleinen elitären Publikum bekannt. Die nun vorliegende Edition seiner theoretischen Schriften (darunter sein aufschlussreicher Briefwechsel mit Filippo Tommaso Marinetti, 1912-1914) macht aber deutlich, dass Sdanewitsch-Iljazd keineswegs im Elfenbeinturm verharrte, dass er vielmehr zu den ersten europäischen Kunstschaffenden gehörte, die den öffentlichen Raum als Auditorium für ihre performativen Auftritte nutzbar machten. ‒ Im deutschen Sprachbereich kennt man Iljazd bestenfalls als Schrift- und Buchgestalter; als Wortkünstler und Dichtungstheoretiker ist er noch zu entdecken.

*) Илья Зданевич (Ильязд), “Футуризм и всечество” (Futurismus und Totalismus), I-II, Гилея: Москва 2014; in Deutschland zu beziehen durch Kubon & Sagner Books, München.

51. Bombenanschlag auf jüdischen Dichter

Während Wladimir Putin einen weiteren diplomatischen Sieg feiert, bleibt ein Bestandteil dieses Sieges im Westen weitgehend unbekannt: die terroristische Bombenserie, die viele russischen Geheimdiensten zuschreiben und die seit Wochen Städte wie Cherson, Saporishje und Dnipropitrowsk heimsucht. Am Dienstag, am Vorabend der Minsk 2-Gespräche, explodierte eine Bombe im Haus des bekannten russisch-jüdischen Dichters und Psychologen Boris Chersonski in Odessa, wo in den letzten zwei Monaten etwa ein Dutzend solcher Bombenanschläge stattfanden. Türen, Fenster und Fußböden seiner Wohnung wurden zerstört und einige Räume verwüstet. Im selben Stock des Gebäudes gibt es auch eine Herberge für Flüchtlinge aus Donezk und Lugansk.

Die Bombe lag unter einem Müllhaufen zwischen der Wohnung und der Herberge. Chersonski lebt nicht mehr in dieser Wohnung, aber sie ist in öffentlich zugänglichen Quellen als seine Adresse verzeichnet. (…)

Chersonski, der einen ganz eigenen klassizistischem Stil pflegt, ist vielleicht der bekannteste russischsprachige Dichter der Ukraine. Er veröffentlichte mehr als zwei Dutzend Gedichtbände und einen Band verschmitzt-heterodoxer “Chassidischer Sprüche” sowie Essays und Erinnerungen. Im letzten Jahr trat er als vehementer Verteidiger der ukrainischen Souveränität auf. Nach zahlreichen Todesdrohungen kam jetzt der Anschlag, unmittelbar nachdem er in einem vielbeachteten Artikel die Bombenanschläge kritisiert hatte.

(…) Ein Artikel im Wall Street Journal zitiert ihn als jemand, der die Leser an die Identität der Hafenstadt als kosmopolitische und autonome Stadt erinnert: “Odessa ist sehr verschieden von der russisch orientierten Krim und der Donezker Region mit einem hohen Anteil russischer Bevölkerung. In Odessa wird weitgehend Russisch gesprochen, aber sie ist ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen ohne Dominanz einer einzelnen nationalen Idee. ‘Der Separatismus in Odessa wird von außen hineingetragen’, sagt Boris Chersonski. “Odessa möchte von jedem unabhängig sein”. (…)

Odessa ist neben der belagerten Stadt Mariupol der einzige der Ukraine verbliebene Hafen nach der Annexion der Krim.

Im Profil seines sozialen Netzwerks sagte Chersonski, wenn man ihn frage, was er bei einem Szenarium wie in Donezk tun werde, antworte er, er werde “die Katzen unter die Arme nehmen und gehen”. Er könne und wolle nicht unter einem Putinistischen Regime leben.

Nach dem Bombenanschlag veröffentlichte er ein Gedicht:

explosions norm of life coming to terms with them you
stop noticing man it be your end
the sapper and demolition man arm-in-arm in the park
whisper in each other’s ear what are they saying
get the gist of the action shovel means undermine
conspiracy means undermine, underhanded means overkill
granny grew plain dill* under the rain that fell mainly
elderly lady means elderberry, God means year
you get the gist of death out of the blue avalanche
gist of vodka for mortals to handle loss
mind means undermined means over and out
black square of a mustache means till death do we part
sapper and demolition pal arm-in-arm in the alley
terminating angel beholds them holds them with love
we are unfreebirds good night sweet prints turning read
shines the black sun the no one’s rose of a shell shard

(Translated from Russian by Vladislav Davidzon and Eugene Ostashevsky.)

*Ukrop ist das russische Wort für Dill und als Neologismus ein Schimpfwort für die Ukrainer, offenbar während der Kämpfe im Donbass aufgekommen. Es wurde später von den Ukrainern aufgegriffen, die es stolz auf sich anwenden. T-shirts tragen das Bild einer Dillpflanze und das Wort Ukrop.

Vladislav Davidzon,|Tablet Magazine 13.2.

34. Boris Pasternak

Am 10. Februar 1890 (nach dem damals in Rußland geltenden julianischen Kalender wars ein 29. Januar), heute vor 125 Jahren, wurde der Dichter Boris Pasternak geboren. DLR schreibt:

… der vielfältig begabte Künstler geht 1912 nach Marburg, um Philosophie zu studieren, bevor ihn die Begegnung mit moderner Lyrik zu seiner wahren Berufung führt, wie Susanne Frank, Professorin für Ostslawische Literaturen an der Berliner Humboldt-Universität, erklärt:

“Der Futurismus war eigentlich eine erste ganz wichtige Etappe, er war sehr, sehr inspiriert von Majakowski in den 10er-Jahren, und hat versucht, dann angeregt durch die futuristischen Gedichte, selbst zu schreiben. Aber so richtig futuristisch wurde das eigentlich nicht, weil es zu wenig experimentell, zu wenig krass experimentell war.”

Einen ganz eigenen Ton findet er mit dem Band “Meine Schwester, das Leben”. Die Sammlung entsteht im Sommer 1917 zwischen Februaraufstand und Oktoberrevolution, kann jedoch erst 1922 nach den Wirren des Bürgerkriegs veröffentlicht werden. Diese Gedichte voller kühner Bilder treffen bei Kritik und Publikum auf begeisterte Zustimmung:

“Eine schwüle Nacht

Es tröpfelte, doch standen stille
Die Gräser im Gewittersack,
Der Staub nur schluckte es zu Pillen,
Eisen in sachtem Pulver nackt.

Nicht hoffte da sein Heil zu finden
Das Dorf, Mohn war wie Ohnmacht tief.
Der Roggen brannte in Entzündung,
Gott schwoll im Ausschlag, fieberte.”

In den Jahren des stalinistischen Terrors lebt Pasternak von Übersetzungen fremdsprachiger Literaturen. So bemüht er sich um Dichtung aus dem Kaukasus, jener beinahe mythischen Gegend, die in der klassischen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle gespielt hat … / Florian Ehrich

Pasternaks Gedicht “Der Nobelpreis” im Original und zwei deutschen Fassungen bei Textkette

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