Kategorie: Russisch

52. Majakowskis Metro

Manche plazieren Gedichte in den Wald oder Park, andere auf die Straßen, Busse, Bodies oder Müllautos.  Splitter oder ganze Texte, Vertrautes oder Bestürzendes. In Moskau fährt seit einigen Wochen noch bis Ende Juli ein Metrozug, dessen Wände mit Gedichten und Plakaten Majakowskis aus den 1910er Jahren ausgestattet sind. Seit 1938 (dem Todesjahr der Stalinopfer Ossip Mandelstam und Bruno Jasieński, neben tausend anderen) gibt es in Moskau eine U-Bahn-Station mit Majakowskis Namen.

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86. Zwei Symbolisten

Wer kennt sie heutzutage, die Dichter Wjatscheslaw Iwanow (1866–1949) und Konstantin Balmont (1867–1942), zwei wichtige Exponenten des Symbolismus, des sogenannten silbernen Zeitalters der russischen Literatur? Ihre Lyrik war auf Deutsch bisher nur in Anthologien vertreten, doch seit kurzem liegen zwei schmale, schön gestaltete Einzelausgaben vor; Auswahl und Übertragung besorgte mit sensiblem Geschick Christoph Ferber. (…)

Als Lyriker ist Iwanow ein exemplarischer poeta doctus, der seine mythischen und (religions)philosophischen Themen in einem hohen Stil formuliert, bei dem Pathos und «orakelhafte Dunkelheit» (J. Holthusen) mitunter eine schwierige Liaison eingehen. Doch nicht alle Gedichte Iwanows ersticken am hieratischen Ton. Unmittelbar einleuchtend sind seine während des Bürgerkriegs entstandenen «Wintersonette» und seine Römer Zyklen («Römische Sonette», «Römisches Tagebuch des Jahres 1944»), die die Sinnlichkeit des Augenblicks feiern. Auch in einigen frühen Gedichten finden sich überraschend starke Bilder, so in «Die Liebe»: «Wir sind zwei Formeln einer Zauberei, / Der einen Sphinx sind wir geteilte Habe, / Des einen Kreuzes Arme sind wir zwei.»

Während Wjatscheslaw Iwanow in seiner Poesie den Gedanken über die Lautlichkeit der Sprache stellt, ist es bei Konstantin Balmont genau umgekehrt. Balmont ist der liedhafteste Dichter des russischen Symbolismus, der magische Klangzauberer, der auch eine Marina Zwetajewa mit seiner Wortmusik zu betören vermochte. / Ilma Rakusa, NZZ 20.4.

Wjatscheslaw Iwanow: Des einen Kreuzes Arme sind wir zwei. Gedichte. Auswahl, Übersetzung aus dem Russischen und Vorwort von Christoph Ferber. Zeichnungen von Matthias Jakisch. Edition Raute, Dresden 2012. 76 S., ohne Preisangabe. Konstantin Balmont: Unterwasserpflanzen. Gedichte. Auswahl, Übersetzung und Vorwort von Christoph Ferber. Edition Raute, Dresden 2012. 63 S., ohne Preisangabe.

16. Man sagt

[Verständlichkeit (Chlebnikow)]

Man sagt, Gedichte müßten verständlich sein. So … [ein Aushängeschild auf der Straße], auf dem in klarer und einfacher Sprache geschrieben steht: “hier wird das und das verkauft…”

… aber ein Aushängeschild [ist noch kein Gedicht. Aber es ist verständlich. Auf der anderen Seite, warum sind die Zaubersprüche und Beschwörungsformeln der magischen Sprache, die heilige Sprache des Heidentums, diese “schagadam, magadam, wygadam, pitz, patz, patzu” – warum sind dies Reihen gesetzter Silben, in denen der Verstand sich nicht klarwerden kann und die in der Volkssprache als gleichsam Zaum-Sprache* erscheinen. Dennoch – diesen unverständlichen Wörtern wird die größte Macht über den Menschen zugeschrieben, der Zauber der Wahrsagerei, der direkte Einfluß auf das Schicksal des Menschen. Ihnen wird die Macht zugeschrieben, in gut und böse zu lenken und das Herz der Zarten zu leiten. Die Gebete vieler Völker sind in einer Sprache geschrieben, die den Betenden unverständlich ist. Versteht denn der Inder die Veden? Die kirchenslavische Sprache ist dem Russen unverständlich. Die lateinische – dem Polen und Čechen. Aber ein lateinisch geschriebenes Gebet wirkt nicht minder stark als ein Aushängeschild.

Welimir Chlebnikov (1919). In: Ders.:  Werke. Hrsg. Peter Urban. Reinbek: Rowohlt, 1985, Bd. 2, S. 316. (Erstdruck 1933)

* Zaum-Sprache (Saum, Sa-um, russ. заумь): Eine in der Dichtung des russischen Futurismus zuherst von Alexej Krutschonych entwickelte Ausdrucksform, eine künstliche, transrationale Sprache, “eine transrationale Literatur unverbrauchter Wörter und Laute” (Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Berlin: Matthes & Seitz, 2011, S. 162).

4. Alexej Krutschonych

Neu bei Lyrikwiki (wird ausgebaut):

Alexej Jelissejewitsch Krutschonych

Biographie

(russisch Алексе́й Елисе́евич Кручёных; * 9. Februar jul./ 21. Februar 1886 greg. im Dorf Olewka, Gouvernement Cherson, Ukraine, als Sohn einer Bauernfamilie – der Vater stammte aus Sibirien, die Mutter war Polin; † 17. Juni 1968 in Moskau) war ein russischer Dichter des “Silbernen Zeitalters”, Vertreter des russischen Futurismus und Mitglied der Hyläa-Gruppe. Von 1902 bis 1906 besuchte er die Kunstschule in Odessa (Diplomlehrer für grafische Künste). “Während des Studiums lernte er (1905?) David Burljuk kennen, zu dem er später (1912) futuristische Kontakte in Moskau aufnahm.” [1] Seit 1907 lebte er in Moskau.

Zusammen mit Wladimir Majakowski, David Burljuk und Welimir Chlebnikow veröffentlichte er 1912 das Manifest “Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack” (Пощечина общественному вкусу).

1913 begann er die Kunstsprache Zaum (заумь) zu entwickeln (erstes Zaum-Gedicht Dyr bul stschyl, дыр бул щыл), die auch Chlebnikow und andere Futuristen übernahmen.

Krutschonych war von 1912 bis zu ihrem frühen Tod 1918 mit der Malerin und Lyrikerin Olga Rosanowa verheiratet.

Von 1912 bis Anfang der 30er Jahre gab er über 100 originalgrafische Künstlerbücher heraus. Er veröffentlichte auch zahlreiche Werke Chlebnikows und Majakowskis. Nach dem Selbstmord Majakowskis (1930) trat er nur noch als Sammler und Herausgeber in Erscheinung.

Andere Namensformen

Einige Veröffentlichungen erschienen unter dem Namen Aleksandr Krutschonych.

Kručenych, Aleksej E.; Kroutchenykh, Alexi͏̈; Kroutchonykh, Aleksei; Kroutchenykh, Alexeï (frz.); Aleksei Kruchenykh; Kručënych, Aleksej; Kručenych, Aleksej Eliseevič; Kruchenych, Aleksei; Kruchenykh, Aleksei; Kruchenykh, Aleksei Eliseevich; Kruchenykh, Aleksej; Kruchonykh, Aleksei Eliseevich; Kruchonykh, Aleksey Eliseevich; Krutchonykh, Alexis; Krutschonych, Alexei J.; Kručenych, Aleksej; Kručenych, A. E.; Krutschonych, Alexei J.; Kručënych, Aleksej Eliseevič; Kručenych, Aleksej; Kruchenykh, Alexei; Krutčënych, Aleksej;

Anmerkungen

  • [1] Valeri Scherstjanoi: Tango mit Kühen. Anthologie der russischen Lautpoesie zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Scherstjanoi 1998), S. 66

Bibliographie

Werke

  • Кручёных А. Кукиш прошлякам. — Москва—Таллин: Гилея, 1992. (Репринтное издание. Вступительная статья Г. Н. Айги).
  • Крученых А. Зудесник. — М.: Журавль, 1997. — 22 с.
  • Кручёных А. Лакированное трико. (Репринт). — Спб.: Хармсиздат, 1998.
  • Кручёных А. Стихотворения. Поэмы. Романы. Опера / Сост., подг. текста, вст. ст. и примеч. С. Р. Красицкого. — Спб.: Академический проект, 2001. — 480 с. Новая библиотека поэта

Werke auf Deutsch

Buchausgaben
  • Höllenspiel: ein Poem von Viktor (= Welimir) Chlebnikov u. Aleksej Kručenych. Nachgedichtet von Ludwig Harig. Russ.-dt. Übers. u. Nachbemerkung von Beate Rausch. Mit 15 Ill. von Natalija Gončarova. Berlin: Friedenauer Presse, 1986.
  • Phonetik des Theaters [Aus dem Russ. von Valeri Scherstjanoj. Mit einem Nachw. von Valeri Scherstjanoj, einer bibliogr. Angabe sowie zehn Orig.-Arbeiten zum "Theater der Phonetik" von Hartmut Andryczuk & Valeri Scherstjanoi]. (Künstlerbuch) Berlin: Hybriden, 2010. Ca. 60 S. – € 650,00
  • Phonetik des Theaters [Tonträger] Vorgetragen von Valeri Scherstjanoi. Berlin: Hybriden, 2010. (CD)
  • Phonetik des Theaters. Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß, 2011. ISBN 978-3-9813470-5-0. 82 S. – 11,00
Sammelbände
  • Valeri Scherstjanoi (Hrsg.): „Zaoum – Schriften“ experimentelle texte hrsg. von k. riha und s.j. schmidt siegen Gesamthochschule Siegen (1985)
Enthalten in Anthologien
  • Valeri Scherstjanoi (Hrsg.) „Tango mit Kühen“ Anthologie der russischen Lautpoesie zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Wien: edition selene, 1998
  • Erstens, Zweitens. Erstens: Dichtungen russischer Maler Zweitens: Zeichnungen russischer Dichter. Hrsg: Jutta Hercher / Peter Urban. Hamburg: material-Verlag, 1998. ISBN 978-3-932395-03-1
  • Nitzberg, Alexander (Hrsg.): Dampfbetriebene Liebesanstalt. Gedichte des russischen Futurismus. Düsseldorf: Grupello, 1999
  • Selbstmörder-Zirkus. Russische Gedichte der Moderne. Herausgegeben und übersetzt von Alexander Nitzberg. Leipzig: Reclam Verlag, 2003,191 S., 3-379-20081-6
  • Alexander Nitzberg: Sprechende Stimmen. Russische Dichter lesen. Originalaufnahmen. 1 CD. DuMont Verlag, Köln 2003. ISBN 9783832178437
  • Felix Philipp Ingold (Hrsg.): ‘Als Gruß zu lesen’. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch – Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich 2012. ISBN 9783908777656

Sekundärliteratur

  • Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Berlin: Matthes & Seitz, 2011. ISBN 978-3-88221-618-9

Weblinks

40. Zuviel Reime

Anna Achmatowa

Mein Gott, wie’s hier von Versen wimmelt,
Von Reimen ist die Welt verstellt.
Die Stille komme über uns – als Himmel,
Und jeder nehme sich ein Lied als Zelt.
Das Schweigen gelte als Erkennungszeichen,
Das insgeheim uns eint als Gleiche
Unter Gleichen …

Aus dem Notizheft Nr. 11, Moskau 1962.

In: Felix Philipp Ingold (Hrsg.): ’Als Gruß zu lesen’. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch – Deutsch
Dörlemann Verlag, Zürich 2012
. ISBN 9783908777656
. Gebunden, 352 Seiten, 33,00 EUR
S. 6.

Das Gedicht steht als Mottogedicht in Ingolds Anthologie (und deshalb als einziges Gedicht der Anthologie nicht zweisprachig). Der Herausgeber stellte mir freundlicherweise den Originaltext zur Verfügung.

Aus: Anna Achmatowa, Zapisnye knizhki (1958-1966), Torino 1996.

Анна Ахматова

Все в Москве затрогано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с песней поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком,
По которому мы узнаем
Тех, кто с нами …

1962. Москва.

Es ist offenbar eine Vorstufe des folgenden Gedichts von 1963, das sich auf russischen Seiten wie dieser findet. Diese Russen, früher haben sie dicke verbotene Wälzer abgeschrieben und heute veröffentlichen sie die Werke ihrer Dichter im WWW, auch wenn sie noch keine 70 Jahre tot sind.

Все в Москве пропитано стихами…

Все в Москве пропитано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с рифмой поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком
Тех, кто с вами, а казался мной,
Вы ж соединитесь тайным браком
С девственной горчайшей тишиной,
Что во тьме гранит подземный точит
И волшебный замыкает круг,
А в ночи над ухом смерть пророчит,
Заглушая самый громкий звук.

1963. Москва.

99. Erfinder

Im November 1950 wurden in Leningrad, dem heutigen Sankt-Petersburg, zwei Männer Anfang zwanzig zu jeweils fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Sie wurden in westsibirische Wälder abtransportiert, Holz fällen. Boris Pawlinow und Ruslan Bogoslowski hatten laut Anklage versucht, ‘die sowjetische Jugend moralisch zu verderben’. Sie hatten verpönte Musik aus dem Westen unters Volk gebracht. ‘Boogie Woogie Bugle Boy’ von Andrews Sisters, ‘It Ain’t Good For Me’ von Asa Harris, ‘When It’s Sleepy Time Down South’ von Louis Armstrong.

Die beiden betrieben ein geheimes Tonstudio für verbotene Musik, und mangels geeigneter Tonträger erfanden sie einen Weg, ihre Musik auf ausgedienten Röntgenbildern zu verbreiten.

Die weichen, nicht immer ganz runden Scheiben, auf denen meistens noch lädierte Schädel, Rippen, Handgelenke oder Kniescheiben zu erkennen waren, ließen sich leicht zusammenrollen und im Ärmel verstecken. ‘Musik auf den Knochen’, wie der Schwarzmarkt bald hieß, wurde zum Tonträger einer Generation…

Nach Stalins Tod kamen die beiden vorzeitig frei. Pawlinow wurde unter dem Namen Taigin ein Samisdat-Autor, -Erfinder und -Verleger:

Taigin, geboren 1928, starb vor fünf Jahren in Sankt Petersburg und ließ seine Asche über der Newa zerstreuen. Seine jüngeren Freunde erinnern sich vor allem an den Dichter und Verleger Taigin, denn ab den sechziger Jahren widmete er sich mehr der verbotenen Literatur als der Musik. Mit seinem Hausverlag ‘Be-Ta’ begründete er die Samisdat-Tradition in der Sowjetunion. Doch wer Ende der vierziger Jahre jung war, erinnert sich an Taigin als einen Pionier der Knochen-Musik.

/ Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung 19.1.

52. Liste

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012

Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.

Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.

Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.

Unter den 9 von den 11 Juroren genannten Titeln (Derek Walcotts Buch wurde dreimal nominiert) sind 3 deutsche, darunter 2 von Autoren der Gegenwart: Bertram Reinecke und Kerstin Preiwuß.

Empfehlungen

Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012

(Begründungen der Juroren in der angehängten Pdf)

Michael Braun:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Heinrich Detering:

  • Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.

Maria Gazzetti:

  • Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.

Ursula Haeusgen:

  • István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.

Harald Hartung:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Florian Kessler:

  • Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.

Michael Krüger:

  • Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.

Kristina Maidt-Zinke:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Monika Rinck:

  • Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.

Daniela Strigl:

  • Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.

Jan Wagner:

  • Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.

Lyrik-Empfehlungen_Neuerscheinungen_2012 (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und Stiftung Lyrik Kabinett)

10. Gespräch

Es wispert, flüstert, scherzt, erörtert und schwatzt in ihren Versen, als wollte sie Seite für Seite das Wort Leonid Lipawskis, eines ihrer Gewährsmänner aus der Petersburger Moderne, einlösen. Sie zitiert es gern: «Wie schön ist ein uneigennütziges Gespräch. Zwei Göttinnen stehen hinter den Redenden: die Göttin der Freiheit und die Göttin der Ernsthaftigkeit . . . sie hören interessiert zu.» Martynova redet so mit Rilke, Dickinson, Goethe, Novalis, Properz oder Dante, vor allem aber mit den zur Stalinzeit totgeschwiegenen, dann zumeist ermordeten Schriftstellern, welche versteckt und in Armut die russische Moderne des 20. Jahrhunderts fortführten, neben Lipawski: Daniil Charms, Nikolai Olejnikow, Nikolai Sabolozki, Alexander Wwedenski. / Beatrice von Matt, NZZ 3.1.

Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 96 S., Fr. 24.90.

75. Jugend und Alter

Die ganze Dichtung Majakowskis – ein Balancieren zwischen Großem und Großgeschriebenem. Majakowskis Weg ist kein literarischer Weg. Die auf seinen Wegen Gehenden beweisen das tagtäglich. Kraft läßt sich nicht nachahmen, doch ein Majakowski ohne Kraft ist Nonsens. Gemeinplatz, zu Größe gesteigert – so, meistenteils, die Formel für Majakowski. Darin (ein anderes Zeitalter, eine andere Redeweise) gleicht er Hugo, den er, ich erinnere, schätzte:

In jedem Jungen – Marinettis Pulver,
In jedem Alten die Weisheit Hugos.

В каждом юноше порох Маринетти,
в каждом старце мудрость Гюго.*

Nicht von ungefähr Hugo, und nicht Goethe, mit dem er nichts Gemeinsames hat.

Marina Zwetajewa: Epos und Lyrik des zeitgenössischen Rußland, in: Ausgewählte Werke, Band 2 – Prosa. Berlin: Volk und Welt 1989, S. 287.

*) Wladimir Majakowski: Война и мир (Krieg und Frieden), Poem (1917)

63. Verse vom Freitod?

Am 27.12. 1925 nahm sich der russische Dichter Sergej Jessenin das Leben. Im Hotel “Angleterre” im damaligen Leningrad schnitt er sich eine Vene auf und erhängte sich dann. Und hinterließ ein Abschiedsgedicht – kolportiert wird, er habe es in Ermangelung von Schreibmaterial mit seinem Blut geschrieben.

До свиданья, друг мой, до свиданья.
Милый мой, ты у меня в груди.
Предназначенное расставанье
Обещает встречу впереди.

До свиданья, друг мой, без руки, без слова,
Не грусти и не печаль бровей,
В этой жизни умирать не ново,
Но и жить, конечно, не новей.

In der Übersetzung Paul Celans:

Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.
Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Da’s so war: ein Wiedersehn versprichts.

Hand und Wort? Nein, laß – wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.

Aus: Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und deutsch. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam 1981 (4., veränd. u erw. Aufl.), S. 226f.

Das Gedicht wurde unmittelbar darauf veröffentlicht. Jessenin war bei einem breiten Publikum beliebt. Wladimir Majakowski empfand das als sozialen Auftrag:

Jessenins Ende erweckte Trauer, ganz gewöhnliche, menschliche Trauer. (…) Aber am Morgen brachten die Zeitungen seine Abschiedsverse (…)

Mit diesen Zeilen war der Tod Jessenins eine literarische Tatsache geworden.

Es war sofort klar, daß dieses starke Gedicht eben als Gedicht eine große Zahl Schwankender zu Strick und Revolver greifen lasssen würde.

Und keine, aber auch gar keine Zeitungskommentare und -artikel waren in der Lage, dieses Gedicht auszulöschen.

Gegen dieses Gedicht konnte und mußte man mit einem Gedicht,  und nur mit einem Gedicht, kämpfen.

Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? Deutsch von Siegfried Behrsing. Berlin: Volk und Welt 1949, S. 66f. (Später in der Übersetzung von Hugo Huppert in der fünfbändigen Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt und als Suhrkamptaschenbuch unter dem gleichen Titel.)

Majakowski beschreibt in diesem auch heute noch lesenswerten Aufsatz seine Arbeitsweise.

AN SERGEJ JESSENIN

Sie sind weg,
aaaaaaaaaaa wie’s heißt:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa in eine andere Welt.
Leerer Raum…
aaaaaaaaaaaaa Flugs – zu den Sternenlichtern!
Keinen Vorschuß,
aaaaaaaaaaaaaaa Bier und Bar entfällt.
Nüchtern…
Nein, Jessenin,
aaaaaaaaaaaa mir gelingt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa kein Lächeln, −
Schmerz,
aaaaaaa nicht Spott,
aaaaaaaaaaaaaaaaa hält mich beim Hals gepackt.
Und ich seh:
aaaaaaaaaaa Blut strömt von Ihren Knöcheln,
und Sie schwingen
aaaaaaaaaaaaaaaa Ihren Knochensack.
Schluß,
aaaaaa jetzt hörn Sie auf!
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sind Sie nicht bei Verstande?
Wünschen Sie
aaaaaaaaaaaa die eigenen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Wangen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa totenbleich?
Der Sie
aaaaaa sonst
aaaaaaaaaaa den kühnsten Spaß verstanden −
wer
aaa auf Erden
aaaaaaaaaaa tat es Ihnen gleich?!
Ach warum?
aaaaaaaaaa wozu!
aaaaaaaaaaaaaaa Vergeblich mein Gegrübel.
Krittler nörgeln:
aaaaaaaaaaaaaa schuld an dem Kollaps
wäre dies und das,
aaaaaaaaaaaaaaaa vor allem
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ein Hauptübel:
wenig Massenfühlung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa folglich Bier und Schnaps.−
Sehn Sie,
aaaaaaaa hätt auf Sie
aaaaaaaaaaaaaaaaa statt der Boheme
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa die Klasse
eingewirkt,
aaaaaaaaaa man brauchte keinen Nekrolog.
Leider
aaaaa trinkt die Klasse
aaaaaaaaaaaaaaaaaa auch nicht Kwaß und Wasser,
sondern kippt
aaaaaaaaaaaa im Durstfall
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa einen steifen Grog.
Hätt man Ihnen
aaaaaaaaaaaaa einen der „Wachtposten“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa beigestellt,
hätten Sie
aaaaaaaa inhaltlich
aaaaaaaaaaaaaaaa viel gewonnen:
hätten
aaaaa täglich
aaaaaaaaaaa hundert Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hergestellt,
lang
aaa und langweilig
aaaaaaaaaaaaaaa wie von Doronin.
Doch ein solcher Wahnwitz,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa scheint mir,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hätte wohl
nur beschleunigt
aaaaaaaaaaaaaa die selbstmörderische Eile.
Besser noch
aaaaaaaaaa ein Tod im Alkohol
als vor Langeweile!
Weder Strick
aaaaaaaaaaa noch Federmesser
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa lösen
uns das Rätsel
aaaaaaaaaaaa des Verlusts,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den wir erlitten.
Vielleicht,
aaaaaaaa wär im „Angleterre“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Schreibzeug gewesen,
hätten Sie sich nicht
aaaaaaaaaaaaaaaa die Adern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgeschnitten.
Gleich sind da Nachahmer,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa rufen: „noch einmal!“
Kompanieweis
aaaaaaaaaaaa suchen sie den Freitod.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Ist das schön:
daß die Selbstmordziffer
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa steigt?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sinnlose Zahl!
Besser wärs,
aaaaaaaaaa die Produktion von Schreibzeug
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zu erhöhn!
Ihre Zunge
aaaaaaaaa schweigt,
aaaaaaaaaaaaaaaaa verbissen und entgeistert.
Für Mysterien
aaaaaaaaaaaa ist hier nicht die Stimmung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa nicht die Stelle.
Dem Genie des Volks,
aaaaaaaaaaaaaaaaaa dem weisen Mundwerksmeister,
starb
aaaa ein klangfroh
aaaaaaaaaaaaaaaa trunkener Lehrbursch und Geselle.
Leichenbitter-Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaa bringt man,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa abgequält
und kaum umgemodelt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa von den Feiern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa früherer Toten:
Reime werden
aaaaaaaaaaaa stumpf
aaaaaaaaaaaaaaaaaa ins frische Grab gepfählt.
Wird dem Dichter
aaaaaaaaaaaaaaa so
aaaaaaaaaaaaaaaaa der letzte Gruß entboten?
Ihnen
aaaaa ist kein Denkmal noch gegossen,
keine Bronze
aaaaaaaaaaa klingt
aaaaaaaaaaaaaaaa und kein Granitschliff
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa glitscht.
Doch an das Gedächtnisgitter
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa klatscht schon
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa unverdrossen
Widmungskitt
aaaaaaaaaaaa und Memoirenkitsch.
Schon ins Schnupftuch geschneuzt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ist Ihr Namen,
Ihr Lied
aaaaaaa plärrt Sobinow
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa empfindsamen Damen,
greint
aaaaa im jämmerlichen Birkengrün:
„Kein Wort, o Freund, kein Seufzer.“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Den Tenor,
oh,
aaa den knöpften Sie sich anders vor,
diesen saubern
aaaaaaaaaaaaa Leonid von Lohengrin!
Ja, Sie führen drein
aaaaaaaaaaaaaaaa mit Flüchen, Püffen:
„Ich verbiete,
aaaaaaaaaaa Poesie zu speicheln
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa und zu kaun!“
Mit betäubenden
aaaaaaaaaaaaaa Dreifinger-Pfiffen
täten Sie
aaaaaaa den Drei-Etagen-Fluch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufbaun!
daß er dies untüchtige
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa Gezüchte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa züchtige,
bis die Rockschöße
aaaaaaaaaaaaaaaa an ihm
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wie Segel wehn;
daß ein Kogan
aaaaaaaaaaaa krach,
aaaaaaaaaaaaaaaaa in alle Winde sich verflüchtige,
mit dem Schnurrbart
aaaaaaaaaaaaaaaaa unterwegs
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgabelnd irgendwen.
Noch ist
aaaaaaa diese Welt
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Lumpenpack verschandelt.
Viel gibts noch zu tun −
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa man fahre drein!
Unser Leben
aaaaaaaaaa sei erst
aaaaaaaaaaaaaaaa ganz verwandelt,
dann, hernach,
aaaaaaaaaaaa soll es besungen sein.
Diese Zeit
aaaaaaaa ist für die Schreibkunst schwierig;
aber sagt,
aaaaaaaaa ihr Krüppel,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa wann und wo ihr saht,
daß ein großer Geist.
aaaaaaaaaaaaaaaaa auf leichtes Spiel
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa begierig,
den breit ausgetretnen
aaaaaaaaaaaaaaaaaa Weg
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa betrat!
Wort -
aaaaa Heerführer
aaaaaaaaaaaaaa aller Menschenkraft.
Marsch!
aaaaaaa daß hinten
aaaaaaaaaaaaaaaa Zeit
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa in Schweifraketen berste.
Ins Vergangene sei
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Wind
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zurückgerafft
nur des Haares wirre Schwärze.
Unser Erdplanet erweist
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den Lustbarkeiten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wenig Gunst.
Jede Freude
aaaaaaaaaa muß
aaaaaaaaaaaaaa dem Kommenden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa entrissen werden.
Sterben
aaaaaa ist hienieden
aaaaaaaaaaaaaaaaa keine Kunst.
Schwerer ists:
aaaaaaaaaaaa das Leben baun auf Erden.

Mein Freund Michael Gawenda aus Stralsund hat es nicht mehr ausgehalten mit sich, mit uns. Vor wenigen Tagen nahm er sich das Leben. Ich kannte ihn länger als ein Vierteljahrhundert. Er war Student in Greifswald, schrieb Gedichte, rimbaldesk. Wenn ich ihn viel später traf, zitierte er manchmal Verse, die er zuerst von mir gehört hatte. Vielleicht Karl Mickel, Georg Trakl, Inge Müller, Hölderlin, Rimbaud, Cummings. Es könnten auch diese von Majakowski gewesen sein. Bei einem frühen Selbstmordversuch verbrannte er ein langes Manuskript und wollte hinterher, aber wurde gerettet. Jetzt hat er es geschafft, für ihn wohl eine Erlösung. Aber den Seinen fehlt er. Ach, es ist nicht richtig, daß die Alten den Jüngeren nachrufen.

Gedichte helfen nicht (auch Majakowski war nicht zu helfen). Sie machen das Leben nicht besser, aber für manche erträglich. Wer von uns könnte leben ohne den Trost der Gedichte? Aber er wirkt nur für die Dauer des Gedichts, während wir es lesen oder anderen vortragen.