Kategorie: Russisch

80. Poetische Kostbarkeit

(Lyrikzeitung goes Müllhalde)

Gedichtet wird immer, erst recht in Krisenzeiten. Viel schlimme Lyrik beim pro-/neu-/groß-/altrussischen Forum “Наша Одна Родина” (Unsere Eine Heimat – gemeint ist ein mit den abgefallenen Staaten der Sowjetunion wiedervereinigtes Rußland, für die mit Krim und “Neurußland” ein Anfang gemacht ist – “Russischer Frühling” nennen sie das in einer mich pervers anmutenden Wendung). Sie reden sich ein, eine “faschistische Junta” zu bekämpfen, haben aber kein Problem damit, daß die Rechtsradikalen des Westens (auch die NPD) mit ihnen sympathisieren, daß Söldner aus rechtsradikalen Milieus wie dieser “Freiwillige aus Norwegen” (bei Falangeeurasia) sich ihnen anschließen. Auch nicht mit täglöichen antisemitischen Ausfällen. Wie bei diesem wackeren (formal nicht einmal ungeschickten) Dichterling.

Michail Aleksanjan heißt er und dichtet eine Art Zauberspruch:

für die judafaschisten wirds eng
und enger und enger
abrakadabra dummkopf obama

жидофашистом меньше стало
а будет больше их меньше
абракадабра дурака барака

zhidofashistom men’she stalo
a budet bol’she ikh men’she
abrakadabra duraka baraka

Übersetzung von Bing: Židofašistom weniger geworden und werden mehr weniger Abracadabra Narr Barack

Variiert bei Google:

zhidofashistom wurde weniger
und sie werden mehr als
Abrakadabra Narr Kaserne

Wer das für unerheblich hält möge bedenken, daß die nationalistischen Verse des ersten Weltkriegs für uns eine zeitgeschichtliche Quelle darstellen. Warum nicht gleich mitlesen?

77. Valeria Nowodworskaja †

Valeria Nowodworskaja, die rebellische russische Aktivistin und Autorin, die am 12. Juli in Moskau starb, war im Ausland praktisch unbekannt und zu Hause von skandalnudelhafter Bekanntheit. Gegner verspotteten sie, oft mit krude misogynen Tönen, als wahnsinnige russenhassende Hexe; selbst für viele Verbündete war sie peinlich, eine lächerliche alte Frau, die das Vorurteil bestärkte, die marginalisierte liberale Opposition sei verrückt. Im Tode wurde sie von ebender Opposition schnell geradezu heiliggesprochen. Viele sagten, sie verstünden erst jetzt, welche große Seele da in ihrer Mitte gelebt hatte. “Was wir nur flüsterten, sagte sie laut heraus”, schrieb der frühere Tycoon und politische Häftling Michail Chodorkowski. “Was wir bereit waren hinzunehmen lehnte sie ab.” (…)

Es liegt Symbolik darin, daß, wie der russisch-ukrainische Kommentator Vitali Portnikow sagte, Nowodworskaja in dem Augenblick starb, als das Regime Putins sich völlig als der Gangsterstaat entpuppte, von dem sie immer sprach. Einige betrauern ihren Tod als Ende einer Ära und Hinscheiden des “letzten Dissidenten”. Andere sahen in ihrem Leben die Verkörperung unbesiegter Freiheit und hofften, ihr Tod würde andere Kämpfer inspirieren. Ein weitverbreiteter Tweet (fälschlich der populären Sängerin Alla Pugatschowa zugeschrieben) lautete: “Wenn eine Million Menschen in Moskau zu ihrer Beerdigung gehen und nicht wieder weggehen, ist Putin erledigt. Kommt, Russen!” Das ist nicht geschehen; aber genug Junge und Alte kamen, um sich von dieser einzigartigen Frau zu verabschieden, standen Stunden in der drückenden Sonne und bewahrten den Glauben an ihren Geist. Als ihr Sarg das Sacharowzentrum verließ, sang die Menge: “Heroes do not die.” / Cathy Young, Real Clear Politics

74. Ode an die Frauen

Hinter jedem großen Mann steht immer eine liebende Frau, sagte einst Pablo Picasso. Nadjeschda Mandelstam, Jelena Bulgakowa und Marina Malitsch – drei Frauen dreier großer sowjetischer Schriftsteller haben das bewiesen.

Von den achtzig Jahren ihres Lebens verbrachte Nadjeschda Chasina knappe zwanzig an der Seite von Ossip Mandelstam – bis zum Jahr 1938, als der große Dichter in einem Lager bei Wladiwostok ums Leben kam. Als sie von dem Tod ihres Mannes erfuhr, ergriff sie die Flucht. Aus Furcht vor einer Verhaftung wechselte sie zwanzig Jahre lang immer wieder ihren Wohnsitz zwischen Moskau und Zentralasien. Nadjeschda Chasina unterrichtete die englische Sprache und arbeitete an ihrer Dissertation. Und die ganze Zeit bewahrte sie in ihrem Gedächtnis ihren wertvollsten Schatz – einhundert Gedichte ihres Mannes. Um sich gegen eine mögliche Beschlagnahmung ihres Besitzes zu wappnen, lernte sie alle auswendig.
(…)

Im Jahr 1961 nahm ein junger Philologe mit der 67-jährigen Witwe von Michail Bulgakow Kontakt auf. Er hatte das Werk ihres Mannes studiert. Jelena Sergejewna begegnete dem Forscher anfangs mit Misstrauen, bald aber schon ließ sie ihn ein Romanmanuskript lesen, an dem Bulgakow in seinen letzten Lebensjahren gearbeitet hatte. Auf diese Weise wurde zwanzig Jahre nach dem Tod des Dichters sein Roman „Der Meister und Margarita” neu entdeckt, der zu den Klassikern der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts werden sollte. Jelena hatte das Buch nach seinem Diktat getippt. „Margarita” übrigens ist niemand anderes als sie selbst. (…)

Mit den Kinderversen von Daniil Charms wurde die ganze Sowjetunion groß. Ihr Autor jedoch, ein Lyriker und Prosaist, einer der ersten Vertreter der russischen absurden Literatur, Exzentriker und Geck, verhungerte in einem Irrenhaus im belagerten Leningrad. Keines seiner Werke für Erwachsene erschien zu seinen Lebzeiten. Bis zu seinem letzten Tag begleitete ihn seine Frau Marina Malitsch, deren Schicksal nicht minder fantastisch als die surrealen Erzählungen ihres Mannes war. / Georgi Manajew, RBTH

43. Andrej Kurkow

Der Erfolgsautor Andrej Kurkow lebt im Stadtzentrum von Kiew; der Euromaidan hat sich praktisch vor seiner Haustür abgespielt. Kurkow verfügt über eine komplexe kulturelle Identität, die sich einfachen Zuordnungen verweigert: Er versteht sich als ukrainischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt und zum russischsprachigen Kulturraum gehört. Kurkow führt seit dreissig Jahren ein Tagebuch – nun veröffentlicht er zum ersten Mal seine Aufzeichnungen für den Zeitraum zwischen dem 21. November 2013 und dem 24. April 2014. Er ist ein hellwacher Beobachter der politischen Ereignisse. Wie eng Ausnahmezustand und Alltag ineinandergreifen, zeigt etwa der Eintrag vom 27. Januar: «Montag. Minus 16 Grad. Sonne, Stille. Ich habe die Kinder zur Schule gebracht und bin zur Revolution gegangen.»

Kurkow macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Janukowitsch ist für ihn kurzerhand ein «Arschloch», aber auch für Julia Timoschenko und Viktor Juschtschenko findet er keine freundlichen Worte. Die ehemalige Ministerpräsidentin ist für Kurkow eine machtgierige Selbstdarstellerin, der ehemalige Präsident eine Witzfigur – Juschtschenko habe durch seinen starrsinnigen Flügelkampf mit Timoschenko den Aufstieg Janukowitschs erst ermöglicht. Der Anschluss der Krim an Russland trifft Kurkow persönlich: Mit seiner Familie verbrachte er jeweils die Winterferien auf der Halbinsel. Durch die russische «Entweihung» und «Schändung» der Krim haben die verschlafenen Städte an der Schwarzmeerküste für ihn ihren nostalgischen Reiz für immer verloren. / Ulrich M. Schmid: Ukrainische Autoren über den «Euromaidan». Am Ende der Unmündigkeit. NZZ 9.7.

Juri Andruchowytsch (Hg.): Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Suhrkamp, Berlin 2014. 208 S., Fr. 22.90. Andrej Kurkow: Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests. Aus dem Russischen von Steffen Beilich. Haymon-Verlag, Innsbruck 2014. 280 S., Fr. 26.90. Claudia Dathe, Andreas Rostek (Hg.): Majdan! Ukraine, Europa. Edition Fototapeta, Berlin, 2014. 158 S., Fr. 14.90. Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.): Zerreissprobe. Ukraine: Konflikt, Krise, Krieg. (Osteuropa 5-6/2014). Berlin 2014. 352 S., € 24.–. Simon Geissbühler (Hg.): Kiew – Revolution 3.0. Der Euromaidan 2013/14 und die Zukunftsperspektiven der Ukraine. Ibidem, Stuttgart 2014. 160 S., € 24.90.

33. Zuviel für einen Vergessenen

Perlentaucher-Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2014

Luisa Schulz kann kaum glauben, dass dieser Klassiker des 20. Jahrhunderts bei uns noch immer nahezu unbekannt ist, selbst nach Nabokovs Einsatz für Vladislav Chodasevic. Die nun in einer Auswahl erstmals auf Deutsch zu lesenden Gedichten des russischstämmigen Dichters bieten Schulz bittere Exilgedichte, herbstlich-düstere Russland-Impressionen, Symbolistisches, eine Chronik der Oktoberrevolution, “Elegien der Unsicherheit” und ein für die Rezensentin erstaunlich aktuelles Porträt Berlins, in dem sie die “Ästhetik des Missklangs” ausmacht. Dass der Band mit gutem Papier, Anmerkungsteil, Nachwort (von Nabokov) und Bildern recht hochwertig daherkommt, erscheint ihr fast zu viel für einen Vergessenen.

Vladislav Chodasevic

Europäische Nacht
Ausgewählte Gedichte 1907 bis 1927. Russisch/deutsch
Arco Verlag, Wuppertal 2013
ISBN 9783938375549
Gebunden, 222 Seiten, 24,00 EUR

76. Anna Achmatowa

Heute vor 125 Jahren wurde die russische Dichterin Anna Achmátowa geboren. Vielen gilt sie als die größte Dichterin Russlands. Auf der einen Seite verehrt und bewundert, auf der anderen verleumdet und gedemütigt, verlief ihr Leben tragisch. Als Dichterin wurde sie die Stimme jener Generation, die zwei Weltkriege und die Schrecken der Stalin-Herrschaft erleiden musste.

Einundzwanzigster. Montag. Nacht.
Im Nebel die Stadtsilhouette.
Da hat irgendein Nichtstuer ausgedacht,
dass es Liebe auf Erden gäbe.

Eine Strophe aus einem Liebesgedicht (…) Ihre Bewunderer priesen die russische Dichterin in Metaphern wie “Herrin der Poesie”, “Dante des 20. Jahrhunderts” oder “andächtige Priesterin der Liebe”. / DLF

70. «Schwäne, Drosseln und Kraniche»

Als der russische Lyriker Alexander Blok im ersten Kriegsmonat 1914 eingezogen wurde – es drohte die sofortige Verschickung an die Front –, empörte sich ein Dichterkollege: «Das ist doch, als ob man Nachtigallen brät.» Die Berufung auf die emblematischen Vögel der Poesie war unter Russlands Schriftstellern offenbar verbreitet. Der Futurist Wladimir Chlebnikow wandte sich in einem wunderbar selbstironischen Gedicht direkt an die ätherischen «Schwäne, Drosseln und Kraniche», um gegen seine Einberufung zu protestieren: «Wie das? Auch ich, Inbegriff der Zärtlichkeit, / Ich, beleidigt ob der Menschen, wie sie sind, / Ich, von den besten Morgenröten Russlands genährt, / Ich, in die Windeln der besten Vogelpfiffe gewickelt, / Ihr seid meine Zeugen: Schwäne, Drosseln und Kraniche! / Der ich meine Tage im Schlaf fristete, / Auch ich soll ein Gewehr nehmen (ein grosses, dummes, / Schwerer als eine Handschrift)»?

Blok und Chlebnikow waren keineswegs Pazifisten. Beide hatten vor 1914 eingestimmt in den grossen, misstönenden Chor europäischer Intellektueller, die dem Kontinent einen reinigenden Krieg wünschten: Blok mit apokalyptischen Brandreden, Chlebnikow mit Beschwörungen des panslawischen Zusammenhalts. Der wirkliche Krieg belehrte sie eines Besseren. «Das Herz, erhoben einst zu frohlocken, / Ist uns von Leere so verhangen», schrieb Blok nach der Schlacht von Grodek im September 1914. Seine Armee hatte gesiegt, nach Jubel war ihm angesichts der gewaltigen Verluste aber nicht zumute. Auf der Gegenseite erlitt der österreichische Sanitätssoldat Georg Trakl, konfrontiert mit der unmöglichen Aufgabe, annähernd hundert Schwerverletzte zu versorgen, einen Nervenzusammenbruch. / Manfred Koch, NZZ

Geert Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014. 458 S., Fr. 41.90.

61. Vor 125 Jahren wurde Anna Achmatowa geboren

In den schrecklichen Jahren des Justizterrors, so Anna Achmatowa zu Beginn ihres »Requiems«, wurden Freunde wie der Dichter Ossip Mandelstam umgebracht, ihr Sohn und ihr damaliger Lebensgefährte verhaftet und ins Lager deportiert. Es war die Zeit der Willkür und Entbehrung, die Zeit eines nicht enden wollenden Alptraums. Protokolliert hat sie diese düstere Phase ihres Lebens sowohl im »Requiem-Poem« als auch im »Totenkranz«-Zyklus: »Ich kannte viele früh gewelkte Frauen,/ Von Schrecken, Furcht, Entsetzen ausgeglüht./ Des Leidens Keilschrift sah ich eingehauen/ Auf Stirn und Wangen, die noch kaum geblüht.«

Während der faschistischen Blockade Leningrads wurde sie nach Taschkent evakuiert, wo sie, selbst gesundheitlich angeschlagen, verwundeten Soldaten Gedichte vorlas. In dieser Zeit der Bedrohung von außen verfaßte sie patriotische Gedichte, die in der Prawda, der Zeitung der Kommunistischen Partei, veröffentlicht wurden, und begann ihre aus Erinnerungs- und Traumfragmenten und vielen literarischen Reminiszenzen zusammengesetzte Versdichtung »Poem ohne Held«, die erst 1976, zehn Jahre nach ihrem Tod, vollständig erscheinen konnte. Im Mittelpunkt stehen der Mythos von St. Petersburg, die Epoche des »Silbernen Zeitalters« und die Künstlerbewegungen des Symbolismus und Akmeismus. Sie verstand ihre im Ton »beherrschten Entsetzens« verfaßte Lyrik als Antwort auf die repressive Politik der Stalin-Herrschaft, insbesondere auf das rigide Vorgehen von Andrej Shdanow, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs Kulturkommissar wurde und »bürgerlichen« Schriftstellern, Komponisten wie Alexander Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch, aber auch dem Regisseur Sergej Eisenstein das Leben schwer machte.

Achmatowas Werke wurden in der Sowjetunion erst nach Stalins Tod 1956 wieder publiziert. 1964 erhielt sie den Ätna-Taormina-Preis und 1965 die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford. Zwei Jahre vor ihrem Tod wurde sie Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, aus dem sie 1946 ausgeschlossen worden war. / Christiana Puschak, junge Welt

45. Arsenij Tarkowski

Ein elegischer Ton durchzieht alle Gedichte Arseni Tarkowskis, ob sie über den Lauf der Dinge sinnieren oder Biografisches heraufbeschwören («Der Wald von Ignatjewo», «Feldlazarett»), ob sie Natureindrücke wiedergeben («Regen», «Olivenhain») oder verstorbene Kollegen betrauern («Dem Andenken Anna Achmatowas»). Selbst die Liebesgedichte – dazu gehört auch ein eindrückliches Widmungsgedicht für Marina Zwetajewa, deren Freitod, 1941, das Verhältnis jäh beendete – wissen um Vergänglichkeit und Wehmut, denn in kosmischen Relationen gedacht ist jedes menschliche Schicksal eine winzige Passage und das Gewesene oft nur eine «Gedächtnislüge». Was nicht hindert, dass Tarkowski dem Dichterwort einiges zutraut: «Das Wort ist eine Membran, / eine Hülle, ein sinnloser Laut. / Ein Punkt, ein Kern – irgendwann / pulst er als ein fernes Feuer auf. (. . .) Das Wort ist blosse Verstellung, / ein unfertig menschlich Fohlen, / jede Zeile in ihrer Verschwörung / wetzt das Messer im Verborgenen» («Das Wort»).

Tarkowski musste sich endlos gedulden, bis seine Poesie aus dem Verborgenen an die Öffentlichkeit gelangen konnte. In den dreissiger Jahren als «Mystizist» gebrandmarkt, schrieb er in die Schublade und übersetzte. Erst 1962, mit 55 Jahren, erschien seine erste Gedichtsammlung, «Vor dem Schnee» – und machte ihn schlagartig berühmt. (Zufall oder nicht: Zeitgleich brachte Sohn Andrei seinen ersten Film, «Iwans Kindheit», heraus.) / Ilma Rakusa, NZZ

Arsenij Tarkowskij: Reglose Hirsche. Ausgewählte Gedichte. Russisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Martina Jakobson. Edition Rugerup, Berlin/Hörby 2013. 156 S., € 19.90.