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Archiv der Kategorie: Russisch

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32. Wien: Literatur im Herbst

Es ist eine illustre Schar, die sich da in Wien versammelt: vom großen russischen Romancier Vladimir Sorokin über den Drehbuchautor Denis Osokin, der das Buch zu dem preisgekrönten Film “Stille Seelen” schrieb, bis zu Jelena Fanajlowa. Sie ist nicht nur eine der prominentesten Lyrikerinnen Russlands, sondern auch eine engagierte regimekritische Journalistin. Aus dem russischen Norden schickt sie ein “Sendschreiben in den Süden” – so der Titel eines Gedichtes über die Ukraine.

“Früher sagte man immer, die Ereignisse kommen in Kiew mit drei bis sechsjähriger Verspätung an, man hatte das Gefühl, dass die Ukraine in fast allen Bereichen hinter Russland war, heute ist das genau umgekehrt”, sagt Fanajlowa. “Jahrzehntelang hat Russland auf eine Modernisierung hingearbeitet und es jetzt ist es die Ukraine, die einen Sprung nach vorne macht. Das Blutvergießen im Osten der Ukraine ist ein Konflikt zwischen der Moderne und dem Archaischen.”

“Wir sind vom selben Stamm, eine Familie, Bruder gegen Bruder, Schwester gegen Schwester”, schreibt Jelena Fanajlowa in ihrem “Sendschreiben in den Süden”. Es sind Texte von großer poetischer Kraft, die sie der Ukraine gewidmet hat und ihren Kollegen dort, wie Serhij Zhadan, den sie ins Russische übersetzt hat. Serhij Zhadan, der im März bei den Demonstrationen in Charkiw schwer verletzt wurde. Daraus eine Gedichtzeile: “Dich bringt dieses Land um – meines.”

“In Russland gibt es wieder vermehrt politische Lyrik und diese Gedichte leuchten das ganze politische Spektrum aus – vom Putin-begeisterten Patrioten bis zum Regimegegner”, erklärt Fanajlowa. “Lyrik hat eine große Aufmerksamkeit, vor allem bei den Jungen. Der Dichter ist wieder eine moralische Autorität.” / Kristina Pfoser, ORF

90. Arseni Tarkowski

ARSENIJ TARKOWSKIJ: “REGLOSE HIRSCHE”

5 Nov 2014 – 20:00

Buchpräsentation: Martina Jakobson (als Herausgeberin und Übersetzerin des Buches) liest aus “Reglose Hirsche”, einer zweisprachigen (Dt. / Russ.) Auswahlsammlung aus dem lyrischen Werk von Arsenij Tarkowskij (ersch. Edition Rugerup, 2013) und stellt das Buch im Gespräch mit dem Lyriker und Übersetzer Alexander Filyuta vor.

Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn um 20:30 Uhr 

Der Name des russischen Lyrikers Arsenij Tarkowskij gehört in eine Reihe mit Zeitgenossen wie Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. Weltweite Bekanntheit erlangte er aber durch die Filmkunst seines Sohnes, des Regisseurs Andrei Tarkowskij, der in seinen Filmen (Stalker, Der Spiegel, Nostalghia, u.a.) Gedichte seines Vaters zitiert.

Bisher lag das poetische Werk Arsenij Tarkowskijs in der “Weißen Reihe” des Verlages Volk & Welt (1990) vor.  Die Übersetzerin Martina Jakobson hat nun eine vielbeachtete Neuübersetzung Tarkowskijs vorgelegt, so dass dessen bedeutendes dichterisches Werk in einer neuen Auswahl  in deutscher Sprache zugänglich ist. Zudem enthält “Reglose Hirsche” auch alle russischen Originale der von Jakobson übersetzten Gedichte.

Arsenij Tarkowskijs Gedichte sind „luftige Schwergewichte“ – Martina Jakobson stellt im Gespräch mit Alexander Filyuta dessen Lyrik und die Übersetzung vor.

Jan Kuhlbrodt über “Reglose Hirsche im Signaturen-Magazin, Auszug:

In einem Gedicht, das er seiner Freundin und Kollegin Marina Zwetajewa widmete, taucht meiner Ansicht nach etwas von dem auf, was auch seine eigene Poetologie beschreibt:

Was wandelbar schien, gewinnt an Sinn und Gestalt
die Lüfte, die dich bis zu den Sternen trugen,
der Gürtel um deine Taille, dein ungelenker Gang
und der Klang deiner scharfkantigen Gedichte.

Gerade im ersten Vers ist ein Zugang zu erkennen zu dem, was Dichtung sein kann, eine Transformation des zunächst Unbegreiflichen in Form. Und eben in lyrische Form. Es wird dadurch nicht im diskursiven Sinn erkennbar, nicht analytisch zerlegt, aber empfängt einen existentiellen Sinn in Rhythmus und Klang. Man könnte das eine Art mystische Aneignung nennen.

Über “Reglose Hirsche” beim Verlag

27. I alone in Russia

Ilya Bernstein’s introduction to his translation of Ossip Mandelstam (free download here)

A Note on Mandelstam’s Poems

When Mandelstam wrote, “I never write. I alone in Russia work from the voice,” he was being literal. Here is how Viktor Shklovsky, Mandelstam’s neighbor for a time in the early 1920s, described him: “With his head thrown back, Osip Mandelstam walks around the house. He recites line after line for days on end. The poems are born heavy. Each line separately.” And here is how Sergey Rudakov, a young philologist and poet who visited Mandelstam in exile in Voronezh, described him in 1935: “Mandelstam has a wild way of working… I am standing in front of a working mechanism (or maybe organism, that is more precise) of poetry… The man no longer exists; what exists is – Michelangelo. He sees and remembers nothing. He walks around mumbling: ‘Like a black fern on a green night.’ For four lines, four hundred are uttered, literally… He does not remember his own poems. He repeats himself and, separating out the repetitions, writes what is new.”

2. Olga Martynova mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet

Die Stiftung Preußische Seehandlung hat auf Beschluss ihrer Preisjury die Schriftstellerin Olga Martynova mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Die Autorin nimmt die mit dem Preis verbundene Berufung der Freien Universität Berlin auf die „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ im Sommersemester 2015 an. Seit 2005 bietet der Preis mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin den Preisträgern jeweils im Sommersemester ein Forum für Textarbeit mit Studierenden der Universitäten und Hochschulen in Berlin und Brandenburg. Bisherige Preisträger und Dozenten waren Herta Müller, Durs Grünbein, Ilija Trojanow, Ulrich Peltzer, Dea Loher, Sibylle Lewitscharoff, Thomas Lehr, Rainald Goetz, Lukas Bärfuss und Hans Joachim Schädlich. Der Jury des Berliner Literaturpreises 2015 gehören Peter-André Alt, Sonja Anders, Jens Bisky, Kristin Schulz und Thomas Wohlfahrt an.

In der Begründung für die Preisvergabe heißt es:

„Die Spirale der Geschichte ruiniert die Zentren, indem sie sich durch die Randzonen mahlt. (Heiner Müller) Olga Martynova (geboren 1962 bei Krasnojarsk, aufgewachsen in Leningrad, seit 1991 in Deutschland lebend) schreibt aus diesem Mahlstrom von Geschichte heraus, den die nach-sozialistische Ära ausmacht. Mit überbordender Phantasie und traumwandlerischer Leichtigkeit gelingt es ihr in ihren Romanen Sogar Papageien überleben uns (2010) und Mörikes Schlüsselbein (2013), gängige Themen wie Herkunft, Liebe oder Familie in ein trans-historisches Universum zwischen St. Petersburg, Berlin, Frankfurt, Chicago und Sibirien zu übersetzen, in das sich die Protagonisten fügen und finden und das dem Leser den eindimensionalen Plot verweigert. Wir begegnen Schneemenschen und Schamanen, Untergrunddichtern und Kagus, Philemon und Baucis. Sie alle erwehren sich poetisch der Funktionsschemata und Gegebenheiten des Kalten Kriegs, um wie nebenbei beispielsweise in einer Spionage-Science-Fiction zu landen. Besonders in ihrer Lyrik Brief an die Zypressen (2001), In der Zugluft Europas (2009) und Von Tschwirik bis Tschwirka (2012) offenbart sich Martynovas verschroben anarchischer Witz und ihr erfrischend respektvoll-respektloser Umgang mit literarischen Traditionen, weil wendig mit Welt-Geschichte als wechselnder Gesellschafts- bzw. mythologischer Formiertheit hantiert und geschichtete Vermächtnisse anders begründet werden – u. a. um den unter Stalin umgekommenen Avantgardekünstlern Daniil Charms oder Alexander Wwedenski gerecht zu werden. Martynovas Handhabung von Sprache ist höchstsensibel und genau, gerade weil sie ihre Suchbewegungen in der Nicht-Muttersprache – deutsch – bekennt und Instrument von Spracherkundung werden lässt. Aus dieser poetischen Weltanschauung und -aneignung blitzt die vergangene als nicht vergehende Zeit auf, deren rätselhaft magische Vexierbilder den Leser dauerhaft in den Bann ziehen und bleiben, indem auch sie sich verändern.“

Der Berliner Literaturpreis wird am 18. Februar 2015 in Berlin im Roten Rathaus verliehen. Der Präsident der Freien Universität wird die Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur vornehmen. Die Laudatio auf die Preisträgerin hält Elke Erb. / FU

40. Neue Reihe Edition ReVers

Verlagshaus J. Frank | Berlin startet neue Lyrikreihe – ausgewählte Gedichte von Wladimir Majakowski, Konstantínos Kaváfis und Wilfred Owen in deutscher Erstübersetzung

Am 1. Oktober erscheinen die ersten drei Bände der neuen, hochwertig gestalteten Lyrikreihe Edition ReVers. In zweisprachigen und in zwei Farben (Gold/Schwarz) illustrierten Ausgaben mit offener Fadenheftung stellt der Berliner Verlag ausgewählte Gedichte von Wladimir Majakowski, Konstantínos Kaváfis und Wilfred Owen in deutscher Erstübersetzung vor. Für 2015 kündigt das Verlagshaus J. Frank | Berlin Gedichte der brasilianischen Lyrikerin Hilda Hilst (1930-2004) und des englischen Schriftstellers Siegfried Sassoon (1886-1967) an.

„Mit der Edition ReVers wenden wir uns internationalen Dichter_innen der Vergangenheit zu, die ein ganz besonderes poetisches Potential für die Gegenwart haben. Wir freuen uns sehr, mit Majakowskis Langgedicht ‚Der fliegende Proletarier‘ eine echte Entdeckung gemacht zu haben und diesen eindrucksvollen Text erstmals auf Deutsch veröffentlichen zu können. Auch die Hidden Poems von Kaváfis und zahlreiche Gedichte von Owen legen wir in unserer Reihe in deutscher Erstübersetzung vor. Für die Übertragungen haben wir die Gegenwartsautoren und -lyriker Jan Kuhlbrodt und Boris Preckwitz gewinnen können, die eine ganz eigene literarische Stimme haben. Ein wesentlicher Aspekt der Reihe sind zudem die Illustrationen: Die Illustrator_innen stellen sich den Texten, entwickeln künstlerische Positionen zu ihnen und entwerfen eine kontemporäre Bildsprache, die Leser_innen erste Zugänge eröffnen“, so Johannes CS Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller, die Verleger_innen vom Verlagshaus J. Frank | Berlin.

Eröffnet wird die Edition ReVers mit Wladimir Majakowskis „Der fliegende Proletarier“. Das Lang­gedicht ist in der russischen Gesamtausgabe enthalten, fand aber keine Aufnahme in die beiden deutschen Gesamtausgaben. Das Gedicht ist über weite Strecken in einem atemlosen Telegrammstil abgefasst. Majakowski (1893-1930) setzt Verfahren ein, die er aus sozialistischer Werbesprache, dem Agitprop der Plakatkunst und den Szenenbeschreibungen seiner Film-Scripts entwickelte. Boris Preckwitz hat Majakowski aus dem Russischen ins Deutsche übertragen, Jakob Hinrichs die Ausgabe illustriert, das Nachwort ist von Jan Kuhlbrodt.

Konstantínos Kaváfis Gedichte „Im Verborgenen“, die u. a. die Homosexualität des griechischen Dichters thematisieren, versteckte Kaváfis (1863-1933) bei Freunden und Liebhabern. Die Hidden Poems wurden in Griechenland erst Anfang der 1990er Jahre veröffentlicht. Für das deutschsprachige Publikum werden sie jetzt zum ersten Mal zu lesen sein. Jorgos Kartarkis und Jan Kuhlbrodt haben die Texte übersetzt, Anja Nolte hat sie zeichnerisch kommentiert und interpretiert. Das Nachwort ist vom brasilianisch-Berliner Autor Ricardo Domeneck.

Wilfred Owen gilt als der wichtigste War Poet, seine Gedichte zählen zum kulturellen Gedächtnis Großbritanniens. Im deutschsprachigen Raum ist Owen hingegen kaum bekannt. In seinen Gedichten gibt der vier Tage vor Ende des Ersten Weltkrieges getötete Dichter Einblicke in das Grauen des Krieges und zeigt, wie Krieg Individuum und Gesellschaft prägt und verändert. Mit „Die Erbärmlichkeit des Krieges“ erscheinen die gesammelten Gedichte von Wilfred Owen (1893-1918) erstmals auf Deutsch. Erweitert wird die Ausgabe durch ausgewählte Briefe Owens. Johannes CS Frank hat die Texte übersetzt und ein Nachwort beigesteuert. Andrea Schmidt ist die Illustratorin des Bandes.

„poetisiert euch“ – lautet das Motto des Verlagshaus J. Frank | Berlin. 2015 wird der Independent-Verlag aus Prenzlauer Berg seinen 10. Geburtstag feiern. Schwerpunkte des Verlages liegen auf Gegenwartslyrik, Kurzprosa und dem Zusammenspiel von Illustration und Text.

97. Gulaglieder

Oleg Jurjew und Olga Martynova: Versuch über die kasachische Steppe – Lieder aus Stalinlagern

Sonntag, 31. August 2014, 14:05 Uhr Hessischer Rundfunk

Ein Gulag-Häftling hat in seinem Notizbuch die verbüßten Tage ausgestrichen.
Es ist mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert her, doch die Erinnerungen des verstorbenen Großvaters zeugen noch von den Schrecken der stalinistischen Gulags. In der Lektüre des Enkels erwachen sie zu neuem Leben.

Endlich glaubt er zu verstehen, wie es war: als Intellektueller unter Kriminellen, am Ende der Nahrungskette der Baracke. Doch der Fluch der Bildung war gleichzeitig der Segen, der den Großvater am Leben erhielt. Solange er die Mitgefangenen mit Nacherzählungen von Puschkin und Dostojewski unterhielt, war er sicher. Alles, was ihm nach dem Tod Stalins und der Entlassung aus der willkürlichen Lagerhaft blieb, waren die Lieder der Gauner: die Blat-Songs. Gleichzeitig angezogen und abgestoßen von ihnen, muss es für ihn keine leichte Erfahrung gewesen sein, als plötzlich der Enkel zur Gitarre griff und die Lieder von der schönen Bandenchefin Murka oder vom Marsch ins Lager so im Nebenzimmer erklangen, wie dereinst in der Baracke.

Oleg Jurjew und Olga Martynova: Versuch über die kasachische Steppe – Lieder aus Stalinlagern

Hörspiel von Oleg Jurjew und Olga Martynova

Mitwirkende:
Oleg Jurjew
u. a.

Regie: Andrea Getto
(hr 2014)
– Ursendung –

70. Blaues Land und geheime Revolution

In einer faszinierenden Reise­erzäh­lung führt uns die Schrift­stel­lerin Esther Kinsky auf jenes mythische Terrain, auf dem einst Goethe sein Drama um Iphigenie, die Tochter des antiken Heer­führers Aga­memnon, ange­siedelt hat: auf die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer, die mit der antiken Land­schaft „Tauris“ iden­tisch ist. Kinsky trat ihre Reise im Oktober 2013 an, kurz vor dem Aus­bruch des russisch-ukraini­schen Konflikts, der zur fakti­schen Annek­tierung der Krim durch Russland führte. Das von der rus­sischen Poesie um­schwärmte „blaue Land“, in dem auch Ossip Mandel­stam und Marina Zwetajewa längere Zeit zu Gast waren, erscheint in Kinskys Erzäh­lung als eine Reste­land­schaft voller Beton­trümmer, ein graues Beton-Eldo­rado, das mehr von streu­nenden Katzen und Hun­den bewohnt wird als von Menschen. In der Nach­saison sind Bade­orte wie Kur­ortne, Feodosia oder Koktebel menschen­leer. Das als „blaue Stadt am blauen Meer“ besun­gene Koktebel ent­puppt sich als ausge­storbene Land­schaft von karger Felsig­keit in unm­ittel­barer Nach­bar­schaft zur Steppe. Der ukraini­sche Dichter und Musi­ker Sherjij Zhadan liefert im „Schreib­heft“ zu dieser Beschrei­bung die pas­sende fatalis­ti­sche Be­gleit­musik. In seinem Lang­gedicht „Big Gangsta Party“ von 2007 spricht er schon von einer „ange­spannten / krimi­nogenen Situation“ in der ost­ukraini­schen Indu­strie­stadt Charkiw, einer trost­losen Ge­menge­lage aus Kor­ruption und Banden­krimi­na­lität, die vom perma­nenten Bürger­krieg nicht weit ent­fernt ist.

Eine offene Landschaft der russischen Poesie und Ästhetik, bevöl­kert von nonkon­formis­ti­schen Geistern, zeigen uns dagegen Oleg Jurjew und Olga Marty­nova, die in Frank­furt lebenden Dichter und Vermittler zwischen der russi­schen und der deut­schen Literatur. Sie haben ein lehrreiches Dossier über die „geheime Revo­lution“ der „inof­fiziellen Lite­ratur“ in Lenin­grad zwischen 1960 und 1980 zu­sammen­ge­stellt. Dieses lite­ra­rische „Paral­lel­uni­versum“, das sich wie in anderen ost­euro­päischen Ländern zunächst in Privat­wohnungen konsti­tuierte, hatte seinen eigent­lichen Grün­dungs­akt im Jahr 1975, bei einer Konfe­renz zum fünften Todestag von Leonid Aronson, des – wie Oleg Jurjew schreibt – „ge­heimnis­vollen Dichters der Stille“ und großen Rivalen von Joseph Brodsky. / Michael Braun, Poetenladen

Sinn und Form, H. 4/2014
Redaktion, Postfach 21 02 50, 10502 Berlin. 130 Seiten, 9 Euro.

Schreibheft 83 (2014)
Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 184 Seiten, 13 Euro.

5. Ukrainische Avantgarde

In einer bemerkenswerten Kabinettausstellung (Kunstmuseum Basel) und einer grossangelegten Gesamtschau (Kunsthalle Bonn) ist unlängst Kasimir Malewitsch ein weiteres Mal als herausragender Protagonist der revolutionären Avantgardekunst Russlands gewürdigt worden. Und ein weiteres Mal unterliess man es, da wie dort, auf die prägende Herkunft des Künstlers aus der Ukraine hinzuweisen – darauf, dass nicht nur seine «gegenstandslose» suprematistische Formensprache, sondern auch sein monumentales figuratives Spätwerk wesentlich von der ukrainischen Folklore (ornamentale Textilien, Puppen, Trachten) inspiriert war, mithin also, trotz hochgradiger Abstraktion, auf erkennbare nationale Traditionen zurückzuführen ist. Für Malewitsch, der in Kiew geboren wurde und viele Jahre in der ländlichen Ukraine verbrachte, ist das Russische stets eine Fremdsprache geblieben, und fremd blieb ihm auch das zentralistische russische Imperium mit Sankt Petersburg als «europäischem» Schaufenster und Moskau als repressivem Hort des alten Reichs.

Wenn man Kasimir Malewitsch – und mit ihm viele seiner Künstlerkollegen – nach wie vor bedenkenlos dem Russentum beziehungsweise der grossrussischen Kultur zuordnet, wird dies weder den biografischen noch den historischen Fakten gerecht. Denn tatsächlich war die «russische» Avantgarde, vorab in der Bild- und Theaterkunst, ein mehrheitlich ukrainisches Aufgebot – ethnische Ukrainer waren ausser Malewitsch die Maler Wladimir Tatlin, Wassily Kandinsky, Antoine Pevsner, Alexandra Ekster, Wladimir Burljuk, Alexander Archipenko, Alexander Schewtschenko, Pjotr Kontschalowski, Alexander Bogomasow, Sonia Delaunay (geb. Stern) und viele andere mehr. Dazu kommen manche Kunstschaffende aus Weissrussland, Polen oder den baltischen Staaten – unter ihnen Marc Chagall, El Lissitzky, Serge Eisenstein –, die ebenfalls als «Russen» beansprucht werden. Wohl sind sie alle als Staatsbürger des Russländischen Imperiums geboren, doch gehören sie einer ausgedehnten, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichenden multiethnischen Region an, die erst im späten 18. Jahrhundert unter russische Herrschaft gelangte. (…)

Das eigentliche Gründungsereignis der revolutionären Moderne und damit des «grossen Bruchs» mit der kulturellen Vergangenheit des Zarenreichs fand in der taurischen Provinz (Gouvernement Cherson) nördlich der Halbinsel Krim statt, einem ehemals skythischen Siedlungsgebiet, das in Herodots Geschichtswerk (5. Jh. v. Chr.) unter dem Namen Hylaea erwähnt ist. Eben diesen Namen – er bedeutet so viel wie Urwald – wählten die avantgardistischen Jungkünstler, die sich seit 1911 mit den Brüdern Dawid, Nikolai und Wladimir Burljuk auf deren Landgut in Tschernjanka zusammenfanden, als Gruppenbezeichnung. Wortführer der «Hylaeaner» war Dawid Burljuk, der sich schon früher, unterstützt von der nachmals international bekannten Kiewer Malerin Alexandra Exter, als «zukünftlerischer» Allround-Künstler mit provokanten Aktionen hervorgetan hatte. Zu seiner Gruppe gehörten unter andern die ukrainischen (russischsprachigen) Dichter Benedikt Liwschiz und Alexei Krutschonych sowie Welimir Chlebnikow (der aus Kalmückien stammte) und Wladimir Majakowski (geboren und aufgewachsen im Kaukasus) – insgesamt also, in geografischer wie in künstlerischer Hinsicht, lauter Randfiguren, die sich nun anschickten, mit ihren Ideen und Forderungen dem grossrussischen akademischen Kunstdiktat entgegenzutreten. / Felix Philipp Ingold, NZZ

88. Schluß mit Lyrik

Ein historisches Beispiel:

Puschkin – noch ganz Romantiker – begründete seinen Ruhm noch mit Poemen, Gedichten, mit Lyrik, und begann erst am Schluss seines Lebens, in Prosa zu schreiben. Lermontow feierte seine Erfolge ebenfalls noch mit Lyrik, ging aber sehr bald zu einer Prosa über, die schon Züge des Realismus trägt. Und Gogol feierte seinen einzigen, dafür aber großen Misserfolg mit seiner ersten Veröffentlichung, der Versidylle Hans Küchelgarten (1829). Er verbrannte die Reste der Auflage und „flüchtete“ nach Lübeck, Travemünde und Hamburg. Nie wieder versuchte er sich an der Lyrik; er wurde zum Begründer eines „fantastischen“, eines grotesken Realismus, der bis in unsere heutigen Tage zu einem Spezifikum der russischen Literatur geblieben ist.

Dieser Weg zum Realismus und zur Prosa ist – in dieser russischen Erzählung – aber auch der Weg zum “russischen Volkscharakter“:

Der religiös geprägte Gogol war maßgeblich an dieser „Selbstfindung“ beteiligt, wenn nicht gar ihr Protagonist. Er sah in Sankt Petersburg mit seinem Hofstaat das verkörpert, was er aus tiefster Seele verabscheute: den westlichen Individualismus mit seiner Oberflächlichkeit, die Gier nach Geld und Macht, Korruption, den Geiz, Gottlosigkeit, schlicht das Fehlen jeder gottverbundenen Menschlichkeit. Dieser Welt stellte er den Glauben an die tief im russischen Menschen (und darunter ist der russische Bauer zu verstehen, denn abgesehen von Moskau und eben St. Petersburg gab es in Russland fast nur Landbevölkerung) verwurzelte Frömmigkeit und Gottergebenheit und an dessen Liebe zu „Mütterchen Russland“ gegenüber. (…) Diese Überzeugung brachte in Verbindung mit der offensichtlichen Liebe des Bauern zu seinem „Mütterchen“ den Begriff der „Russischen Seele“ hervor, eine Art Nationalgeist, wie ihn schon der in Russland sehr verehrte deutsche Romantiker Friedrich Schelling für eine Nation entwickelt hatte. Von dieser Vorstellung war es nur noch ein kleiner Schritt zum Empfinden, dass das russische Volk einen eigenen Weg gehen müsse, unabhängig von den Regeln und Überzeugungen des Westens. Der Grundgedanke der Slawophilen war geboren und in den vierziger Jahren fanden sie sich auch als Gruppe zusammen. (…) Zwangsläufig wurde und blieb er bis heute auch Streitobjekt zwischen Westlern und Slawophilen; so ist unter anderem die Renaissance zu erklären, die er im heutigen Russland erlebt.

Zur Herkunft:

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol entstammt einer ukrainisch-polnischen Gutsbesitzersfamilie, die eigentlich Janowskij hieß, und kam am 20. März jul / 1. April greg 1809 im ukrainischen Gouvernement Poltawa zur Welt; den Namen Gogol (dt. Schellente) legte sich die Familie 1792 zu, um ihren (etwas fragwürdigen) Adelsstatus nach russischem Recht bestätigt zu bekommen. Sein Vater war ein „Heimatdichter“ und so wuchs Nikolaj mit ukrainischen Geschichten und Märchen, vor allem aber auch in einer sehr religiösen Familie auf; diese Religiosität hat sein ganzes Leben geprägt.

Quelle: russland.RU

80. Poetische Kostbarkeit

(Lyrikzeitung goes Müllhalde)

Gedichtet wird immer, erst recht in Krisenzeiten. Viel schlimme Lyrik beim pro-/neu-/groß-/altrussischen Forum “Наша Одна Родина” (Unsere Eine Heimat – gemeint ist ein mit den abgefallenen Staaten der Sowjetunion wiedervereinigtes Rußland, für die mit Krim und “Neurußland” ein Anfang gemacht ist – “Russischer Frühling” nennen sie das in einer mich pervers anmutenden Wendung). Sie reden sich ein, eine “faschistische Junta” zu bekämpfen, haben aber kein Problem damit, daß die Rechtsradikalen des Westens (auch die NPD) mit ihnen sympathisieren, daß Söldner aus rechtsradikalen Milieus wie dieser “Freiwillige aus Norwegen” (bei Falangeeurasia) sich ihnen anschließen. Auch nicht mit täglöichen antisemitischen Ausfällen. Wie bei diesem wackeren (formal nicht einmal ungeschickten) Dichterling.

Michail Aleksanjan heißt er und dichtet eine Art Zauberspruch:

für die judafaschisten wirds eng
und enger und enger
abrakadabra dummkopf obama

жидофашистом меньше стало
а будет больше их меньше
абракадабра дурака барака

zhidofashistom men’she stalo
a budet bol’she ikh men’she
abrakadabra duraka baraka

Übersetzung von Bing: Židofašistom weniger geworden und werden mehr weniger Abracadabra Narr Barack

Variiert bei Google:

zhidofashistom wurde weniger
und sie werden mehr als
Abrakadabra Narr Kaserne

Wer das für unerheblich hält möge bedenken, daß die nationalistischen Verse des ersten Weltkriegs für uns eine zeitgeschichtliche Quelle darstellen. Warum nicht gleich mitlesen?

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