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Archiv der Kategorie: Russisch

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Schönheit und Mut

Протестовать против ввода войск в Чехословакию в 1968 году вышло семь человек. Протестовать против приговора Сенцову в Москве вышла одна женщина – и КАКАЯ женщина! Красота и мужество женщины спасет если не мир и не Россию, то репутацию российской интеллигенции. Аминь. Танечка, мы гордимся тобою и любим тебя!

Gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 protestierten sieben Menschen. Gegen die Verurteilung [des ukrainischen Filmregisseurs Oleg / Oleh] Senzow [vor einem russischen Gericht in Rostow zu 20 Jahren Lagerhaft wegen Terrorismus] protestierte eine Frau. Und was für eine Frau! Schönheit und Mut einer Frau retten nicht die Welt und nicht Rußland, aber den Ruf der russischen Intelligenz. Amen. Tatotschka, wir sind stolz auf dich und lieben dich!

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Der russischsprachige ukrainische Schriftsteller Boris Chersonskij auf seiner Facebookseite zu einem von Gennadiy Panchenko geteilten Bild von Tatjana Konkowa (Татьяна Конькова). Sie steht vor dem Obersten Gericht der russischen Föderation. Auf dem Schild steht: Je suis Senzow. *)

*) Jetzt zu den üblich gewordenen hämischen Anti-je suis-Kommentaren im so freien Westen freigegeben! 

Über die Verurteilung von Oleg Senzow hier.

H.C. Artmann-Stipendium (Salzburger Stadtschreiber)

In Erinnerung an den Poeten und Sprachkünstler H.C. Artmann vergibt die Stadt Salzburg gemeinsam mit dem Literaturhaus Salzburg seit 2008 jährlich das H.C. Artmann-Literaturstipendium für einen zwei- bis dreimonatigen Aufenthalt als Stadtschreiber in Salzburg. Bisherige Preisträger sind: 2008 Stefan Weidner (Deutschland), 2009 Armin Senser (Schweiz), 2010 Sigitas Parulskis (Litauen) und 2011 Ruth-Johanna Benrath (Deutschland). Im Sommer 2012 war die mazedonische Autorin und Übersetzerin Lidija Dimkovska als Writer in residence in Salzburg und hat einen Roman fertig gestellt. 2013 fiel die Wahl auf den jungen Südtiroler Autor Gerd Sulzenbacher, 2014 war der ukrainische Schriftsteller Ljubko Deresch in der Traklstadt. Von Mitte September bis Ende Oktober 2015 ist Boris Chersonskij aus Odessa diesjähriger H.C. Artmann-Stipendiat. Er liest am 17. September im Literaturhaus. / Literaturhaus Salzburg

Mythos Russland?

Aus einem Gespräch, das Adelbert Reif mit dem Slawisten Fritz Mierau führte:

Mierau: Mich Russland vollkommen zu ergeben, habe ich mich immer gescheut. Ich bin genügend Deutscher und damit eben Mitteleuropäer, um eine gute Distanz wahren zu können gegenüber dem, was man in den Begriff “Mythos Russland” fassen könnte. Und zwar deshalb, weil es in meinem Leben nie eine Zeit gab, die von einer Ablehnung Deutschlands und deutscher Geistigkeit geprägt gewesen wäre. Auf eine solche Ablehnung trifft man gerade in meiner Generation sehr häufig und sie scheint mir in unserer Zeit der Vereinigung Europas wieder modisch zu sein. Ich aber werde mich immer zu Goethe bekennen: Sein Deutsch, etwa in “Dichtung und Wahrheit”, gibt eine nicht zu übertreffende Höhe vor.

So bedeutend die Literatur, die Poesie, der Geist Russlands auch sind, ich würde dennoch das Deutsche nicht aufgeben wollen. Das bezieht sich gleichermaßen auf die Moderne. So eruptiv sie sich in Russland mit Blok, Chlebnikow, Jessenin, Mandelstam, Majakowski, Achmatowa, Zwetajewa und unzähligen anderen Bahn brach, Deutschland steht dieser Entwicklung in keiner Weise nach, wenn wir an Benn, Brecht, George, Trakl oder Jünger denken. Die Größe der russischen Poesie vermochte ich gerade deshalb sehr früh so hoch einzuschätzen, weil ich mir des hohen Wertes der deutschen Poesie bewusst war. Und wenn ich auf Frankreich blicke: auf Verlaine, Mallarmé, Rimbaud, Baudelaire… Da konnte ich Russland nicht “verfallen”, zumal ich weiß, in welch starkem Maße die Russen selbst diese Traditionen in sich aufgesogen haben. Ich erinnere nur an die geistige Begegnung von Pasternak und Zwetajewa mit Rilke. Es gehört zu den großen Leistungen der Russen, dass sie fremdes Neues aufnahmen und es in ihrem eigenen Schaffen umformten, erweiterten und steigerten.

Reif: Gerade von dieser Steigerung aber muss eine eigentümliche Sogwirkung ausgehen…

Mierau: Gewiss, sobald man etwas genauer in die Geschichte, in die Literatur und Poesie Russlands hineinsieht – was bei mir freilich erst viel später geschah – kommt zur eigenen deutschen oder mitteleuropäischen Erfahrung ein eigentümliches Element hinzu, nämlich die Erkenntnis der ungeheuren geistigen Ausdehnung Russlands.

Jeder, der ein Gedicht von Puschkin, Jessenin oder Majakowski liest, und dann noch, wie ich, in erhaltenen Tondokumenten sehr früh die Stimmen der großen Dichter vom Anfang des 20. Jahrhunderts hört, wird von dem Gefühl bewegt: Es gibt nichts Vergleichbares. Da tönt etwas aus einem Raum, der nicht nur der Brustraum ist, sondern ein unermesslich weiter geografischer und geistiger Raum. Von dem Augenblick an, da mich dieses Gefühl ergriff, war es mir vor allem darum zu tun, Russland zu sehen, Russen in ihrer eigenen Umgebung zu erleben – wo auch immer in diesem Riesenreich. Denn wer Russland nur von außen betrachtet, kennt es nicht, mag er sich auch noch so leidenschaftlich mit seiner Literatur und Geschichte beschäftigen.

Reif: Worin unterscheidet sich das russische Denken vom westeuropäischen?

Mierau: Mein Empfinden war immer, dass das geistige Russland gewaltsamer ist als die gesamte europäische Geistigkeit. Gewaltsamer etwa in dem Sinne, wie Hannah Arendt den Unterschied zwischen Macht und Gewalt formuliert hat, und nicht nur mächtiger. Die Art, wie sich selbst die von ihrer Moraltheorie her sanftesten Repräsentanten des geistigen Lebens Russlands äußern, ganz zu schweigen von denen, die wie Tolstoi und Dostojewski von härterer Struktur sind oder gar den Dichtern des 20. Jahrhunderts, Majakowski und Zwetajewa beispielsweise, offenbart ein unerhörtes Maß an Gewaltsamkeit. Als ein durch das Lateinische gegangener Mitteleuropäer ist es für mich immer ein Problem geblieben, wie dieser in der orthodoxen Tradition gewachsenen Gewaltsamkeit zu begegnen sei, vor allem, wie man sie in Westeuropa plausibel machen und in unsere Zusammenhänge hineindenken könne.

(…)

Mierau: Ich würde das “religiöse Element” sogar als den Ausgangspunkt der russischen Poesie des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Alexander Bloks Revolutionsdichtung “Die Zwölf” zeigt es unübersehbar. Eine Zwölfer-Patrouille von Rotgardisten im Petrograder Schneesturm von 1918, zwölf verwegene Kerle mit ihren titanischen Leidenschaften im Zorn gegen die “schreckliche Welt”, einer der Mörder seiner untreuen Geliebten. Doch vor ihnen die Fahne – “blutig, wehend”, und unter ihr Einer “unsichtbar”, “Einer noch, der ist gefeit” – “Rosenweiß sein Kränzlein ist / Vorne schreitet Jesus Christ.” Block war von einer Vision tief erschüttert. Er hat sich von diesem Erlebnis nicht wieder erholt und es wird ein Rätsel bleiben, wer ihm da in Wirklichkeit erschienen ist.

Diese religiöse Bindung gilt auch für die Avantgarde mit Majakowski und Tretjakow. Bei einem scheinbar so orthodoxen Marxisten wie Sergej Tretjakow kommt noch eine Besonderheit hinzu: Seine Mutter entstammte einer deutsch-holländischen lutherischen Familie. Sie hatte zwar den russisch-orthodoxen Glauben ihres Mannes angenommen. Doch etwas war von ihrem alten Glauben übriggeblieben: In der Wohnung der Tretjakows hingen an vielen Stellen die aus Deutschland wohlbekannten, für den Pietismus charakteristischen kleinen Sprüche, die sogenannten “Losungen”, die die Bewohner durch den Tag geleiteten. Die von Tretjakow ersonnenen sowjetischen Agitationssprüche, für die er berühmt war, gelangen ihm eben deshalb so gut, weil er auf diesem Gebiet eine christlich-pietistische “Lehre” durchlaufen hatte. Sogar bis in diese Sphäre hinein wirkte das “religiöse Element”. Alexander Blok wiederum war vom orthodoxen Kirchengesang beherrscht, der in seiner erfüllenden Macht auch in der frühen Dichtung Majakowskis eine bedeutende Rolle spielte. Darauf wies erst kürzlich der Dichter Gennadi Aigi hin.

 

Gedicht mit Folgen

Wer die Kreml-Politik gegenüber der Ukraine auch nur in Frage stellt, muss in Russland mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Für Alexander Bywschew heißt das: ein zweijähriges Berufsverbot, 300 Stunden sogenannter Besserungsarbeit und ein konfiszierter Laptop. Ein Gericht im Städtchen Kromsk in Orjol-Gebiet hat den 43-jährigen Deutschlehrer in der vergangenen Woche schuldig gesprochen. Mit seinem Gedicht gegen die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim habe er Hass gesät und menschliche Würde verletzt, so das Urteil.

Bywschew schrieb sein Gedicht am 1. März 2014. An diesem Tag erteilte der Föderationsrat – das Oberhaus des russischen Parlaments – dem Präsidenten die Erlaubnis für den Armeeeinsatz in der Ukraine. Der russische Hobbydichter appellierte im Internet an “die ukrainischen Patrioten”, Widerstand zu leisten.

Er habe früher kein Geheimnis aus seinen oppositionellen Ansichten gemacht, sagte Bywschew der DW: “Mit Kollegen in der Schule hatte ich trotzdem gute Beziehungen”. Das habe sich nach einem Zeitungsartikel geändert.

“Für solche ‘Patrioten’ gibt es keinen Platz in Russland” – ein Artikel mit dieser Überschrift erschien Ende März 2014 in einer Lokalzeitung. / Julia Wischnewezkaja/Roman Goncharenko, Deutsche Welle

Erika

Alexander Galitsch singt “Erika”, eine Aufnahme aus den 80er-Jahren, auf Vinyl gepresst in den USA. In Galitschs sowjetischer Heimat waren seine Werke verboten. Ihm blieb – wie so vielen anderen Dissidenten – nur der Selbstverlag, der sogenannte “Samisdat”. Die in der DDR hergestellte Schreibmaschine “Erika” war dabei ein wichtiges Instrument. Denn wer publizieren wollte, vorbei an den öffentlichen Staatsverlagen, musste selber tippen und vervielfältigen. Dafür war die “Erika” mit ihrem harten Anschlag besonders beliebt.

Susanne Schattenberg steht vor einer dieser “Erikas”. Die Historikerin leitet die Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen, zu der auch das umfangreiche Samisdat-Archiv gehört.

“Das war der Hit, weil man dort bis zu sieben Blätter noch einspannen konnte, immer mit Kohlepapier dazwischen und auch die hintersten Durchschläge noch so halbwegs lesbar waren, was also bei der sowjetischen Produktion kaum mehr möglich war.” / Franziska Rattei, DLR

Nikolai Kljujew (1884-1937)

Klujev, altgläubiger dichter in schaftstiefeln und schafspelz, der von einem irdischen bauernparadies träumte und der wiederkehr Pugatschows, als kulak verteufelt, verhaftet, verbannt, ohne Kieferngeläut verscharrt wie ein räudiger köter im lager narym in jenen jahren…

Wulf Kirsten

 

Der russische Dichter des silbernen Jahrzehnts Nikolai Aleksejevitsch Klujev [Kljujew, Клюев], Vertreter der sogenannten “neubäuerlichen” Richtung in der russischen Lyrik des XX. Jahrhunderts, ist am 10. (22) Oktober 1884 im abgelegenen nördlichen Dorf Koschtugi bei Wytegra des Olonetski Gouvernements (heutzutage Gebiet Wologda) in einer altgläubigen Bauernfamilie geboren. (…)

In den Jahren der ersten russischen Revolution (1905-1907) nahm Klujev aktiv an der revolutionären Bauernbewegung teil. Anfang 1906 wurde er wegen Agitation verhaftet, sechs Monate lang ins Gefängnis gesperrt und danach einige Zeit von der Geheimpolizei überwacht.

Vor der Oktoberrevolution erschienen weitere Gedichtbände von Klujev: „Die brüderlichen Lieder“ (1912), „Waldsagen“ (1913) und „Weltrauch“ (1916).

Nicht nur Block und Brüssov, sondern auch Gumiljow, Achmatowa, Gorodetsky, Mandelstam etc. haben diesen eigenartigen, großen Dichter bemerkt. 1915 lernte Klujev Sergej Jessenin kennen, der ihn in der Folge seinen Lehrer nannte. Um sie scharten sich Dichter der sogenannten neubäuerlichen (volkstümlichen) Richtung wie A. Belyj, S. Klychkov, Iwanow-Razumnik, P. Oreschin, A. Schirjajevez usw., die alle der Gruppe „Skythen“ angehörten.

(…)

Wegen seiner christlichen Anschauungen wurde Klujev 1920 aus der Partei der Bolschewiki ausgeschlossen. Statt Zeilen wie “Lenin hat den Wind und Sturm zum Engel gemacht”, schrieb er jetzt: “Wir glauben an vieläugige Brüder, Lenin dagegen an Eisen und den roten Geist”.

Nach dem Selbstmord von Jessenin hat Klujev das Gedicht „Ein Wehklagen über Sergej Jessenin“ (1926) verfasst, das aber kurz darauf verboten wurde.

Klujew trauert um ihn wie eine Mutter:

 

Du, mein Uhu klein, mein liebstes Vögelein!

Der Dichter sieht in Jessenin “ein Kind”, einen reinen Knaben vom Lande”, der als Opfer der Stadt fallen sollte, einer fremden und feindlichen Welt. Er ist sich im Klaren, dass die Machthaber die Volkspoesie nicht nötig haben: “Überall, wo der Hirt klopft – hört er nur das Bauchbrummen”.

(…)

Eine verhängnisvolle Rolle im Leben Klujevs hat der kritische Artikel von Leo Trotski gespielt, der 1922 in der Presse erschien. Jahrzehnte lang musste nun der Dichter mit dem Makel eines Kulakendichters weiterleben.

(…)

Am 5. Juni 1937 wurde Klujev in Tomsk verhaftet, angeblich – so führte die sibirische NKWD aus – wegen konterrevolutionärer Tätigkeit und Vorbereitung eines Aufstands gegen die sowjetische Macht, in dem man dem Dichter eine führende Rolle zuschrieb. Nach seinem Tod schenkte man viele Jahre der Darstellung Glauben, Klujev sei an der Station Taiga nach dem Verlust seines Koffers mit den Manuskripten an einem Herzanfall gestorben. In Wirklichkeit aber wurde der Dichter im Oktober 1937 (am 23. oder 25.) auf dem Kaschtatschberg in Tomsk erschossen.

Zwanzig Jahre lang bis zur Rehabilitierung 1957 wurde sein Name in der UdSSR nicht erwähnt, und erst 1982 erschien das erste posthume Buch. Während der Glasnostzeit wurden einige Werke von Klujev veröffentlicht, die man lange für verschollen gehalten hatte, vor allem das Poem «Pogorelschina», das der Dichter einst dem italienischen Slawisten Lo Gatto übergeben hatte. 1950 wurde es im Ausland publiziert. Ironie des Schicksals ist, dass Klujevs unvollendetes und verloren geglaubtes Hauptpoem «Das Lied von der großen Mutter» ausgerechnet in den Archiven der KGB erhalten blieb.

«Das Lied von der großen Mutter» spricht von der Herkunft des Dichters und seinen Vorfahren. Diese lebten im Lande der Vepsen, Saamen, Loparen und Karelen – finnougrische Völker des russischen Nordens.

(…)

Dem Rat von W. Kirsten folgend haben wir dem Biberacher Hartmut Löffel vorgeschlagen eine Klujev-Auswahl auf Deutsch zu präsentieren. Leider war der Übersetzter  zu eifrig an die Tat gegangen. 2009 erschienen 28 von ihm übersetzte Gedichte in einer Buchform gedruckt (Kljuev N. «O Russland – das bist du!». Ausgewählte Gedichte, Russisch und Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Hartmut Löffel. Wiesenburg-Verlag, Schweinfurt). Der Nachdichter, ein Verehrer von Heine und seiner modernen Schreibweise, hat die deutsche  Tradition zu stark in die russische prosodische und äußerst individuell geprägte poetische Welt von Kljuev eingemeißelt. So dass dabei die unwiederholbare stilistische, inhaltliche und sprachliche Einzigartigkeit der Originaltexte verloren gegangen war und dem Leser ein moderner Dichter aller Völker und aller Zeiten präsentiert wurde (so der Eindruck eines deutschen Lesers). Man kann so eine Interpretation durch das Phänomen der sogenannten ästhetischen Interferenz erklären, wenn der nationale Kode einer heimischen Dichtung auf das fremdsprachige (-kulturelle) Literaturmodell übertragen wird und auf diese weise die   sinntragende Integrität des fremden Stoffes verletzt wird. Leider waren wenige, doch positive Rezensionen auf dieses Buch, in erster Linie von der Wichtigkeit des unternommenen Projektes  inspiriert, auf der Kühnheit des Übersetzers konzentriert, der Kopf über Hals das äußerst schwierige Material herangewagt hat, ohne über eine genügende sprachliche Kompetenz zu verfügen (Sieh. dazu: Данилевский Ю. Первый сборник стихотворений Н.А. Клюева в переводе на немецкий язык // Русская литература. № 4. 2011. С. 201–202; Rakusa I. Begnadeter russischer Sonderling // Neue Zürcher Zeitung. 18. März 2010. S. 50; Kasper K. Klopf ich beim Kerl, der Särge macht … // Neues Deutschland. 7. Juni. 2010. S. 15 // Osteuropa. N. 12. 2010. S. 143–144).

/ Auszüge aus einem Aufsatz von Tamara Kudryavtseva (Kudrjawzewa) bei Kuno

Lyrikmarkt

Lesungen auf dem diesjährigen Lyrikmarkt des poesiefestivals berlin

Nikolai Bucharin

Bereits 1936 äusserte er gegenüber André Malraux den Verdacht, Stalin wolle ihn vernichten. Wenig später verfasste Bucharin ein speichelleckerisches «Poem über Stalin», weil er keine Zeitungsartikel mehr schreiben durfte. Im März 1937 wurde er verhaftet.

Im Gefängnis brachte er eine phantastische Selbstanklage, eine Kritik seiner eigenen «antileninistischen theoretischen Anschauungen», zu Papier. Ausserdem entstand eine theoretische Schrift über den «Sozialismus und seine Kultur». Der Druck, der auf Bucharin während seiner Haftzeit lastete, war enorm. Zwischen Juli und September 1937 wurde er jede Nacht verhört. Trotzdem schaffte er es, seine – selbstverständlich atheistischen – Gedanken zum Anfang und Ende des Ichs in verschiedener Form aufzuzeichnen: in 187 Gedichten, in seinen «Philosophischen Arabesken» sowie im autobiografischen Romanfragment «Zeiten». In höchster Verzweiflung schlug Bucharin Stalin in einem bizarren Brief vom Dezember 1937 vor, ihn nach Amerika auszuweisen, um dort Trotzki bekämpfen zu dürfen. Zuletzt bat er seinen Peiniger um fünfundzwanzig Jahre Lagerhaft im eisigen Norden, wo er eine Universität, mehrere Museen und eine Zeitschrift gründen wolle . . .

Tragisch endete Bucharin in der Tat. Im dritten der Moskauer Schauprozesse (gegen den «Block der Rechten und Trotzkisten») wurde er zum Tode verurteilt und am 15. März 1938 auf einer der Moskauer Hinrichtungsstätten erschossen – Stalin erfüllte ihm nicht einmal die letzte Bitte, er möge ihn durch eine Giftpille Selbstmord begehen lassen. / Ulrich M. Schmid, NZZ

Schöner Augenblick. Puschkin-Dilemma

Der Schriftsteller und Direktor des Archangelsker Literaturmuseums Boris Jegorow publizierte Anfang des Monats ein Buch, das einem einzigen Liebesgedicht Alexander Puschkins gewidmet ist. „Ein Augenblick, ein wunderschöner“ existiert nun in 210 Sprachen. In 140 von kleinen Volksgruppen gesprochen Sprachen erscheint das Gedicht zum ersten Mal.

Zuerst sammelten wir einfach alle bereits existierenden Übersetzungen von Puschkin-Werken in anderen Sprachen“, erzählt Jegorow. Die Pakete seien aus der ganzen Welt gekommen. Dann konzentrierte sich Jegorow auf „Ein Augenblick, ein wunderschöner“, eines der berühmtesten Liebesgedichte Puschkins, das 1825 geschrieben und kurz nach dem Tod des Dichters vom russischen Komponisten Michail Glinka mit Musik unterlegt wurde. (…) Zu den exotischsten Übersetzungen im Buch gehören die Sprachen Guarani, Kachuya, Maya, Maori, Pushtu, Sango, Fang, Hindi* und Cheluba.

Das Buch erscheint in einer Auflage von 4 000 Exemplaren. / russjahr.de

Hier die erste Strophe im Original und verschiedenen Übersetzungen:
Я помню чудное мгновенье:
Передо мной явилась ты,
Как мимолетное виденье,
Как гений чистой красоты.

Ja pomnju tschudnoje mgnowen’je:
Peredo mnoi jawilas’ ty,
Kak mimoletnoje widen’je,
Kak genij tschistoi krasoty.

Ein Augenblick, ein wunderschöner:
Vor meine Augen tratest du,
Erscheinung im Vorüberschweben,
Der reinen Schönheit Genius.

(Eric Boerner)

Welch eine glückliche Sekunde,
Als ich dich sah zum ersten Mal!
Doch, kaum gesehn, warst du entschwunden,
Du, aller Schönheit Ideal!

(Martin Remané)

O Stunde seliger Vereinung,
Wo du erschienst mit holdem Gruß,
Gleich einer flüchtigen Erscheinung,
Der reinsten Schönheit Genius!

(Friedrich Fiedler)

Ich erinnere mich des wunderbaren Augenblicks: / Du erschienst vor mir / wie eine flüchtige Vision, / wie der Genius der reinen Schönheit.

(Rudolf Pollach) Prosaübersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe

Ich erinnere mich an einen wundervollen Moment:
Vor mir war sie,
Wie eine flüchtige Vision,
Wie Genie der reinen Schönheit.

(Google Direktübersetzung)

Ich erinnere mich, ich wäre echt gut Ära:
Ich habe einen vor Ihnen
Wie ein kurzer Sicht,
Wie genial.

(Google, durch mehrere europäische und asiatische Sprachen gehetzt)

I still remember that amazing moment
You have appeared before my sight
As though a brief and fleeting omen,
Pure phantom in enchanting light.

(Mikhail Kneller)

I just recall this wondrous instant:
You have arrived before my face —
A vision, fleeting in a distance,
A spirit of the pure grace.

(Yevgeny Bonver / Dmitry Karshtedt)

A magic moment I remember:
I raised my eyes and you were there,
A fleeting vision, the quintessence
Of all that’s beautiful and rare

(unknown)

Das Puschkin-Dilemma: auf Deutsch will er einfach nicht gelingen. Nur die Prosaübersetzung und die Google-Spielchen klingen poetisch. Dagegen sind alle englischen Versionen stärker. Wir bräuchten ein Puschkin-Projekt.

*) Die “exotische” Sprache Hindi übrigens ist nach Chinesisch und Englisch die meistgesprochene Sprache der Welt mit über 600 Millionen Sprechern.

Gib Gott, dass mich nicht Wahnsinn packt

Der hitzig freiheitsliebende Puschkin wusste, dass er hochgefährdet war. Im Alter von zwanzig Jahren war er wegen Spottversen auf hohe Regierungsbeamte, die die gebildete Jugend auswendig kannte, fast nach Sibirien verbannt und schließlich „nur“ nach Südrussland strafversetzt worden. Mit 25 Jahren wurde er von Zar Alexander I. aus dem Staatsdienst gefeuert und auf seinem Familiengut bei Pskow festgesetzt, weil der Staatsmacht zu Ohren gekommen war, dass er die Existenz Gottes anzweifelte und das Ende der Tyrannei herbeisehnte. Wenige Jahre später rettete ihn nur die Begnadigung durch Zar Nikolai I. vor einer Verurteilung wegen seiner erotischen Travestie auf die unbefleckte Empfängnis, „Gawriliada“, deren Autorschaft er wohlweislich leugnete. Und er sah mit an, wie sein Freund Pjotr Tschaadajew, einer der glänzendsten Intellektuellen seiner Zeit und der Begründer der russischen Philosophie, seiner Schriften wegen für wahnsinnig erklärt wurde. Es war der erste Fall einer Diagnose geistiger Umnachtung aus politischen Gründen. / Kerstin Holm, FAZ (Frankfurter Anthologie)

Das Gedicht beginnt (in der Übersetzung von Michael Engelhard) so:

Gib Gott, dass mich nicht Wahnsinn packt.
Nein, lieber alt und arm und nackt;
Nein, lieber Müh und Leid.
Nicht, weil ich, auf mein Denken stolz,
Von ihm nicht lassen könnt; ich wollt‘s,
Ich wär dazu bereit.

Ließ man mich frei, ging alsobald
Ich froh in einen finstern Wald
Zu einem Schattenbaum.
Ich sänge Fieberphantasien,
Ich würde flammentrunken glühn
In wirrem Wundertraum.

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