Kategorie: Russisch

43. Andrej Kurkow

Der Erfolgsautor Andrej Kurkow lebt im Stadtzentrum von Kiew; der Euromaidan hat sich praktisch vor seiner Haustür abgespielt. Kurkow verfügt über eine komplexe kulturelle Identität, die sich einfachen Zuordnungen verweigert: Er versteht sich als ukrainischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt und zum russischsprachigen Kulturraum gehört. Kurkow führt seit dreissig Jahren ein Tagebuch – nun veröffentlicht er zum ersten Mal seine Aufzeichnungen für den Zeitraum zwischen dem 21. November 2013 und dem 24. April 2014. Er ist ein hellwacher Beobachter der politischen Ereignisse. Wie eng Ausnahmezustand und Alltag ineinandergreifen, zeigt etwa der Eintrag vom 27. Januar: «Montag. Minus 16 Grad. Sonne, Stille. Ich habe die Kinder zur Schule gebracht und bin zur Revolution gegangen.»

Kurkow macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Janukowitsch ist für ihn kurzerhand ein «Arschloch», aber auch für Julia Timoschenko und Viktor Juschtschenko findet er keine freundlichen Worte. Die ehemalige Ministerpräsidentin ist für Kurkow eine machtgierige Selbstdarstellerin, der ehemalige Präsident eine Witzfigur – Juschtschenko habe durch seinen starrsinnigen Flügelkampf mit Timoschenko den Aufstieg Janukowitschs erst ermöglicht. Der Anschluss der Krim an Russland trifft Kurkow persönlich: Mit seiner Familie verbrachte er jeweils die Winterferien auf der Halbinsel. Durch die russische «Entweihung» und «Schändung» der Krim haben die verschlafenen Städte an der Schwarzmeerküste für ihn ihren nostalgischen Reiz für immer verloren. / Ulrich M. Schmid: Ukrainische Autoren über den «Euromaidan». Am Ende der Unmündigkeit. NZZ 9.7.

Juri Andruchowytsch (Hg.): Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Suhrkamp, Berlin 2014. 208 S., Fr. 22.90. Andrej Kurkow: Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests. Aus dem Russischen von Steffen Beilich. Haymon-Verlag, Innsbruck 2014. 280 S., Fr. 26.90. Claudia Dathe, Andreas Rostek (Hg.): Majdan! Ukraine, Europa. Edition Fototapeta, Berlin, 2014. 158 S., Fr. 14.90. Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.): Zerreissprobe. Ukraine: Konflikt, Krise, Krieg. (Osteuropa 5-6/2014). Berlin 2014. 352 S., € 24.–. Simon Geissbühler (Hg.): Kiew – Revolution 3.0. Der Euromaidan 2013/14 und die Zukunftsperspektiven der Ukraine. Ibidem, Stuttgart 2014. 160 S., € 24.90.

33. Zuviel für einen Vergessenen

Perlentaucher-Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2014

Luisa Schulz kann kaum glauben, dass dieser Klassiker des 20. Jahrhunderts bei uns noch immer nahezu unbekannt ist, selbst nach Nabokovs Einsatz für Vladislav Chodasevic. Die nun in einer Auswahl erstmals auf Deutsch zu lesenden Gedichten des russischstämmigen Dichters bieten Schulz bittere Exilgedichte, herbstlich-düstere Russland-Impressionen, Symbolistisches, eine Chronik der Oktoberrevolution, “Elegien der Unsicherheit” und ein für die Rezensentin erstaunlich aktuelles Porträt Berlins, in dem sie die “Ästhetik des Missklangs” ausmacht. Dass der Band mit gutem Papier, Anmerkungsteil, Nachwort (von Nabokov) und Bildern recht hochwertig daherkommt, erscheint ihr fast zu viel für einen Vergessenen.

Vladislav Chodasevic

Europäische Nacht
Ausgewählte Gedichte 1907 bis 1927. Russisch/deutsch
Arco Verlag, Wuppertal 2013
ISBN 9783938375549
Gebunden, 222 Seiten, 24,00 EUR

76. Anna Achmatowa

Heute vor 125 Jahren wurde die russische Dichterin Anna Achmátowa geboren. Vielen gilt sie als die größte Dichterin Russlands. Auf der einen Seite verehrt und bewundert, auf der anderen verleumdet und gedemütigt, verlief ihr Leben tragisch. Als Dichterin wurde sie die Stimme jener Generation, die zwei Weltkriege und die Schrecken der Stalin-Herrschaft erleiden musste.

Einundzwanzigster. Montag. Nacht.
Im Nebel die Stadtsilhouette.
Da hat irgendein Nichtstuer ausgedacht,
dass es Liebe auf Erden gäbe.

Eine Strophe aus einem Liebesgedicht (…) Ihre Bewunderer priesen die russische Dichterin in Metaphern wie “Herrin der Poesie”, “Dante des 20. Jahrhunderts” oder “andächtige Priesterin der Liebe”. / DLF

70. «Schwäne, Drosseln und Kraniche»

Als der russische Lyriker Alexander Blok im ersten Kriegsmonat 1914 eingezogen wurde – es drohte die sofortige Verschickung an die Front –, empörte sich ein Dichterkollege: «Das ist doch, als ob man Nachtigallen brät.» Die Berufung auf die emblematischen Vögel der Poesie war unter Russlands Schriftstellern offenbar verbreitet. Der Futurist Wladimir Chlebnikow wandte sich in einem wunderbar selbstironischen Gedicht direkt an die ätherischen «Schwäne, Drosseln und Kraniche», um gegen seine Einberufung zu protestieren: «Wie das? Auch ich, Inbegriff der Zärtlichkeit, / Ich, beleidigt ob der Menschen, wie sie sind, / Ich, von den besten Morgenröten Russlands genährt, / Ich, in die Windeln der besten Vogelpfiffe gewickelt, / Ihr seid meine Zeugen: Schwäne, Drosseln und Kraniche! / Der ich meine Tage im Schlaf fristete, / Auch ich soll ein Gewehr nehmen (ein grosses, dummes, / Schwerer als eine Handschrift)»?

Blok und Chlebnikow waren keineswegs Pazifisten. Beide hatten vor 1914 eingestimmt in den grossen, misstönenden Chor europäischer Intellektueller, die dem Kontinent einen reinigenden Krieg wünschten: Blok mit apokalyptischen Brandreden, Chlebnikow mit Beschwörungen des panslawischen Zusammenhalts. Der wirkliche Krieg belehrte sie eines Besseren. «Das Herz, erhoben einst zu frohlocken, / Ist uns von Leere so verhangen», schrieb Blok nach der Schlacht von Grodek im September 1914. Seine Armee hatte gesiegt, nach Jubel war ihm angesichts der gewaltigen Verluste aber nicht zumute. Auf der Gegenseite erlitt der österreichische Sanitätssoldat Georg Trakl, konfrontiert mit der unmöglichen Aufgabe, annähernd hundert Schwerverletzte zu versorgen, einen Nervenzusammenbruch. / Manfred Koch, NZZ

Geert Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014. 458 S., Fr. 41.90.

61. Vor 125 Jahren wurde Anna Achmatowa geboren

In den schrecklichen Jahren des Justizterrors, so Anna Achmatowa zu Beginn ihres »Requiems«, wurden Freunde wie der Dichter Ossip Mandelstam umgebracht, ihr Sohn und ihr damaliger Lebensgefährte verhaftet und ins Lager deportiert. Es war die Zeit der Willkür und Entbehrung, die Zeit eines nicht enden wollenden Alptraums. Protokolliert hat sie diese düstere Phase ihres Lebens sowohl im »Requiem-Poem« als auch im »Totenkranz«-Zyklus: »Ich kannte viele früh gewelkte Frauen,/ Von Schrecken, Furcht, Entsetzen ausgeglüht./ Des Leidens Keilschrift sah ich eingehauen/ Auf Stirn und Wangen, die noch kaum geblüht.«

Während der faschistischen Blockade Leningrads wurde sie nach Taschkent evakuiert, wo sie, selbst gesundheitlich angeschlagen, verwundeten Soldaten Gedichte vorlas. In dieser Zeit der Bedrohung von außen verfaßte sie patriotische Gedichte, die in der Prawda, der Zeitung der Kommunistischen Partei, veröffentlicht wurden, und begann ihre aus Erinnerungs- und Traumfragmenten und vielen literarischen Reminiszenzen zusammengesetzte Versdichtung »Poem ohne Held«, die erst 1976, zehn Jahre nach ihrem Tod, vollständig erscheinen konnte. Im Mittelpunkt stehen der Mythos von St. Petersburg, die Epoche des »Silbernen Zeitalters« und die Künstlerbewegungen des Symbolismus und Akmeismus. Sie verstand ihre im Ton »beherrschten Entsetzens« verfaßte Lyrik als Antwort auf die repressive Politik der Stalin-Herrschaft, insbesondere auf das rigide Vorgehen von Andrej Shdanow, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs Kulturkommissar wurde und »bürgerlichen« Schriftstellern, Komponisten wie Alexander Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch, aber auch dem Regisseur Sergej Eisenstein das Leben schwer machte.

Achmatowas Werke wurden in der Sowjetunion erst nach Stalins Tod 1956 wieder publiziert. 1964 erhielt sie den Ätna-Taormina-Preis und 1965 die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford. Zwei Jahre vor ihrem Tod wurde sie Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, aus dem sie 1946 ausgeschlossen worden war. / Christiana Puschak, junge Welt

45. Arsenij Tarkowski

Ein elegischer Ton durchzieht alle Gedichte Arseni Tarkowskis, ob sie über den Lauf der Dinge sinnieren oder Biografisches heraufbeschwören («Der Wald von Ignatjewo», «Feldlazarett»), ob sie Natureindrücke wiedergeben («Regen», «Olivenhain») oder verstorbene Kollegen betrauern («Dem Andenken Anna Achmatowas»). Selbst die Liebesgedichte – dazu gehört auch ein eindrückliches Widmungsgedicht für Marina Zwetajewa, deren Freitod, 1941, das Verhältnis jäh beendete – wissen um Vergänglichkeit und Wehmut, denn in kosmischen Relationen gedacht ist jedes menschliche Schicksal eine winzige Passage und das Gewesene oft nur eine «Gedächtnislüge». Was nicht hindert, dass Tarkowski dem Dichterwort einiges zutraut: «Das Wort ist eine Membran, / eine Hülle, ein sinnloser Laut. / Ein Punkt, ein Kern – irgendwann / pulst er als ein fernes Feuer auf. (. . .) Das Wort ist blosse Verstellung, / ein unfertig menschlich Fohlen, / jede Zeile in ihrer Verschwörung / wetzt das Messer im Verborgenen» («Das Wort»).

Tarkowski musste sich endlos gedulden, bis seine Poesie aus dem Verborgenen an die Öffentlichkeit gelangen konnte. In den dreissiger Jahren als «Mystizist» gebrandmarkt, schrieb er in die Schublade und übersetzte. Erst 1962, mit 55 Jahren, erschien seine erste Gedichtsammlung, «Vor dem Schnee» – und machte ihn schlagartig berühmt. (Zufall oder nicht: Zeitgleich brachte Sohn Andrei seinen ersten Film, «Iwans Kindheit», heraus.) / Ilma Rakusa, NZZ

Arsenij Tarkowskij: Reglose Hirsche. Ausgewählte Gedichte. Russisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Martina Jakobson. Edition Rugerup, Berlin/Hörby 2013. 156 S., € 19.90.

44. Dostojewskis Verse

Dass – und mit welchem Ergebnis – Dostojewski seinerseits als Gelegenheitsdichter sich betätigt hat, wird von der einschlägigen Forschung nach wie vor ignoriert. Man scheint die kleinen Gedichte übersehen zu haben, die sich da und dort in seine Prosawerke eingestreut finden und als deren Autoren diverse fiktive Gestalten ausgewiesen werden. Die angestrengt gereimten Verse wurden, wie die umfangreichen Arbeitsjournale es belegen, eigens von ihm abgefasst und nicht etwa aus dem aktuellen Feuilleton übernommen. Hier liegt also der interessante Fall einer doppelten Autorschaft vor – als realer Autor verfertigt Dostojewski seine Gedichte, um sie unter fremdem Namen einem jeweils irrealen Autor zuzuschreiben. – Der produktivste unter Dostojewskis erfundenen Dichtern ist Ignat Lebjadkin aus dem Roman «Dämonen» (1872), eine mindere Charge im Umkreis des düsteren Fürsten Nikolaj Stawrogin. (…)

Bei einem unangenehmen Gespräch mit einer «gnädigen Frau» über seine Schuldenlast trägt Lebjadkin in plötzlicher Aufwallung eine versifizierte Fabel vor, die nicht nur sein «dichterisches Talent», sondern auch seine Kreditwürdigkeit beglaubigen soll: «Ich bin Dichter und könnte regelmässig tausend Rubel von einem Verleger beziehen . . .» – Das Gedicht lautet wie folgt:

Es war mal eine Kakerlake,
‘ne Kakerlake seit klein auf,
Und dann an einem schönen Tage
Fiel ihr ein Glas voll Fliegen auf.
Die Kakerlake kroch ins Fliegenglas,
Die Fliegen hoben an zu murren:
«Schon viel zu voll ist unser Glas»,
So riefen sie zu Zeus und knurrten.
Noch während sich ihr Zorn ergoss,
Erschien Nikífor auf der Szene,
Ein edler Greis, von Würde gross . . .

An dieser Stelle bricht die Fabel ab, und Lebjadkin macht sich daran, sie zu erläutern, ihr einen tieferen Sinn zu verleihen. Auch gibt er zu, dass eine Kakerlake weder murrt noch knurrt, und wenn sie’s dennoch tut, dann – so muss man wohl schliessen – tut sie’s einzig um des Reimes willen. (…)

Gestatten Sie, das ist mein liebender Erguss,
Geruhn Sie meinen Antrag zu erhören,
Auf dass rechtschaffenen Genuss
Ein andres Glied mir wird bescheren.

Verse dieser und ähnlicher Art sind in Dostojewskis Arbeitsjournalen keine Seltenheit, doch kaum etwas davon ist in sein publiziertes Werk eingegangen. Interpreten und Kritiker scheinen sie bis heute für peinlich oder schlicht für überflüssig zu halten. Man darf aber vermuten, dass der Autor solch triviale Versatzstücke eigens angefertigt und in petto gehalten hat, um sie dort als Kontrastelemente einzusetzen, wo die tragische Düsternis des Romangeschehens überhandzunehmen drohte. In diesem Verständnis fungiert auch Hauptmann Lebjadkin als närrische Kontrastfigur zu den Finsterlingen in seiner Umgebung. (…)

Dass Dostojewskis Lebjadkin in der frühen Stalinzeit von den sogenannten Oberiuten um Daniil Charms und Nikolai Olejnikow als Kulturheld entdeckt und als russischer Urvater der absurden Dichtung gefeiert wurde, macht deutlich, wie eminent politisch das Absurde im donquijotesken Kampf gegen Despotie und Totalitarismus werden und wirken kann. Noch im Jahr 1974 hat der Komponist Dmitri Schostakowitsch dem Hauptmann Lebjadkin durch die Vertonung von dessen Gedichten (als deren eigentlicher Autor Fjodor Dostojewski firmiert) in seinem Opus 146 Reverenz erwiesen.

/ Felix Philipp Ingold, NZZ

14. Russisch – jüdisch – ukrainisch

Das friedliche Leben in Odessa ist vorbei. Im ehemaligen Parteigebäude der KP sind mindestens vierzig Menschen umgekommen. Erschossen, erstickt, oder verbrannt.“ Für den Schriftsteller und Psychiater Boris Chersonskij ist der 2. Mai 2014 der düsterste Tag in der Geschichte Odessas seit dem Zweiten Weltkrieg. „Dabei dachten wir immer, Odessa sei anders – weltoffen und europäisch.“ Das Gemetzel zwischen Majdan-Aktivisten und Russland-Befürwortern, mit dem alles begann, spielte sich direkt vor seiner Wohnung auf dem Preobraschenkij-Platz im Zentrum von Odessa ab.

Chersonskij bezweifelt, dass der Tod der Demonstranten je aufgeklärt werde, mit Blick auf seine im Vorjahr erschienenenAufzeichnungen eines Psychiaters fügt er hinzu: „Ich habe in 40 Jahren psychiatrischer Praxis nichts erlebt, was der Hysterie seit Beginn des ukrainisch-russischen Konflikts gleichkäme!“ (…)

Die soeben noch bildungsbürgerlichen Interieurs in Odessa werden vom Bürgerkrieg hinweggefegt, auf den Terror der Kommunisten folgt jener der Nazis. Chersonskij bleibt in der Schilderung düsterster Tragödien wie absurder Zufälle gleichermaßen lakonisch, wenn es heißt: „Einmal rettete Jakow die Familie / weil er sich 1941 nicht / an die amtliche Verordnung hielt, / der zufolge Radioempfänger / abgegeben werden mussten (…) Sie erwarteten die Deutschen / als Befreier vom Bolschewismus. / Die Sendung des deutschen Radios / über das Weltjudentum / änderte ihre Pläne. / Die Flucht war überstürzt / und deshalb erfolgreich.“ (…)

Fragen der Identität, die bekanntlich nie einen Abschluss finden, haben für den russisch-jüdisch-ukrainischen Schriftsteller durch die jüngsten Ereignisse in der Ukraine auf unangenehme Weise an Aktualität gewonnen. Als das russische PEN-Zentrum Chersonskij kürzlich die Mitgliedschaft anbot, reagierten Moskauer „Patrioten“ empört und beschimpften diesen wegen dessen dezidierter Pro-Majdan-Haltung als „jüdischen Faschisten“. Der reagiert gelassen: „Ich denke, spreche und schreibe Russisch, aber ich bin weder Leibeigener der russischen Sprache noch deren Sklave. Und was soll ich zum jüdischen Faschisten sagen?“ / Erich Klein, Der Standard

11. Vera Lourié

360.000 Russen lebten damals in der Stadt, darunter die Crème de la Crème der russischen Kultur. In den Cafés konnte man Gorki, Belyj, Jessenin oder Marina Zwetajewa treffen. Genauso wie die Maler Chagall, Lissitzky oder Kandinsky. Es gab Blini und Bortsch, serviert von Großfürsten. Alle waren sie vor der Revolution und dem Hunger in den frühen Jahren der Sowjetunion geflohen.

Wegen der Inflation war Deutschland ein beliebtes Emigrationsland. “Die deutsche Mark galt damals nichts”, erinnert sich etwa Majakowskis große Liebe Lilja Brik, “sodass wir in unerwartetem Reichtum schwelgten”. 1923, mit der Währungsreform, war es damit vorbei. Nach und nach verließen die Emigranten Berlin. Die deutschen Gesetze hatten sie ohnehin dazu gezwungen, auf gepackten Koffern in möblierten Zimmern, Hotels und Pensionen zu leben. Ein Teil der Flüchtlinge zog weiter nach Frankreich und in die USA, ein anderer Teil ging zurück und passte sich dem Sowjetregime an.

Eine, die mit ihrer Familie in Berlin blieb, war die Dichterin Vera Lourié. Während viele andere Autoren, die sich Anfang der zwanziger Jahre in Berlin versammelt hatten, in die russische Literaturgeschichte eingingen, blieb Lourié jedoch unbekannt. Zwar waren viele ihrer Gedichte, Erzählungen und Feuilletons in russischen Exilzeitschriften erschienen, aber bereits in den dreißiger Jahren verstummte sie und schlug sich in Berlin mehr schlecht als recht durch, indem sie Russischstunden gab.  / Fokke Joel, Die Zeit