Kategorie: Nordamerika

66. Lyrik im eBuch

In den letzten beiden Jahren wurde eine der größten Lücken im eBuch-Angebot geschlossen: Lyrik. Die Dichter Adrienne Rich, Allen Ginsberg, Langston Hughes und Wallace Stevens gehören zu denen, die in jüngster Zeit elektronisch zugänglich wurden. Random House Inc., W.W. Norton und andere Verlage veröffentlichen bereits routinemäßig Bücher zugleich auf Papier und digital – darunter die jüngste Pulitzerpreisträgerin Sharon Olds mit “Stag’s Leap”.

Das schwierigste Problem dabei ist der Zeilenumbruch.

Zum Beispiel sehen die ersten zwei Zeilen von Olds’ Gedicht “Love” im gedruckten Buch so aus:

I had thought it was something we were in. I had thought we were
in it that day, in the capital

Und so sehen sie auf dem iPad 3 aus:

I had thought it was something we were in. I had
thought we were
in it that day, in the capital

Zwar sind eBücher nur ein kleines Segment des ohnehin kleinen Lyrikmarkts, aber Verlagen und Autoren geht es um Zugänglichkeit. Olds sagte, sie interessiere sich nicht sehr für eBücher und habe die elektronische Ausgabe von ”Stag’s Leap” selbst noch nicht gesehen, aber sie respektiere die Tatsache, daß die Leser verschiedene Lesegewohnheiten haben.

Auch der Dichter Philip Levine erlaubte elektronische Ausgaben zB von dem mit dem Pulitzer ausgezeichneten Band “The Simple Truth”, obwohl er persönlich wenig Interesse an eBüchern hat.

Manche Bücher sind besonders schwierig umzusetzen, etwa  Anne Carsons Band “Red Doc”, bei denen die Gedichte auf unterschiedlichen  Stellen einer Seite beginnen. Random House entschied sich für ein fixiertes Format, das nur mit Mühe und Zoom lesbar ist.

/ Deccan Chronicle

Sharon Olds’  ”Stag’s Leap”  kostet im Paperback $16.95, Hardcover $26.95 und als eBuch $12.99.

(Recherchen bei Suhrkamp und S. Fischer verliefen erfolglos)

 

45. poesiefestival berlin

Das 14. poesiefestival berlin fragt nach den Orten der Dichtkunst, nach der „Heimat Poesie“. Vom 7.-15. Juni 2013 präsentiert die Literaturwerkstatt Berlin in der Akademie der Künste am Hanseatenweg die Bandbreite und Vielseitigkeit internationaler zeitgenössischer Dichtkunst.
Zu Gast sind u.a. Christian Bök (Kanada), Breyten Breytenbach (Südafrika), TJ Dema (Botswana), Oswald Egger (Südtirol), Kosal Khiev (USA/Kambodscha), Ursula Krechel (Deutschland), Ise Lyfe (USA), Nikola Madzirov (Mazedonien), Luis García Montero (Spanien), Don Paterson (UK), Tomaž Šalamun (Slowenien), Ana Tijoux (Chile), Natan Zach (Israel) und Adam Zagajewski (Polen).

Hier das komplette Programm.

Kartenvorverkauf
Vorverkauf in der Akademie der Künste
Tel 030. 200 57-1000/-2000
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten
Pariser Platz 4, 10117 Berlin-Mitte
Täglich 10:00–19:00
Im Internet unter: www.adk.de oder www.poesiefestival.org

Festivalpass, gültig für alle Veranstaltungen:
60 EUR/40 EUR, erhältlich in der Akademie der Künste.

Ort
(soweit nicht anders angegeben):
Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin-Tiergarten
S-Bahn Bellevue / U9 Hansaplatz/ Bus 106

Informationen
Literaturwerkstatt Berlin
Tel 030. 48 52 45 0
www.literaturwerkstatt.org

19. Kein Geheimcode

Man bringt den Studenten oft bei, in Gedichten nach einer tieferen Bedeutung zu suchen.

Mia Alvarado, Englischdozentin, sagt etwas anderes.

“Daß Lyrik eine von ihr unterschiedene Bedeutung hat, ist eine irrige Annahme. Sie ist kein Code, den man knacken müßte”, sagte sie.

Alvarado, deren Buch “Hey Folly” im Februar erschien, sagte, Gedichte “handeln” normalerweise nicht von Sachen. Es seien Gedichte, keine Essays und nichts Abstraktes.” / April Wefler, The Scribe

15. Mars-Haiku

Im Zusammenhang mit dem geplanten MAVEN-Flug zum Mars veranstaltet die NASA einen Lyrikwettbewerb. Auf Going to Mars Site kann man bis 1.7. ein Haiku eingeben. Zwischen dem 15. und 29.7. wählt das Publikum die besten 3 Haikus aus, die an Bord der MAVEN im November zum Mars aufbrechen werden. / examiner.com

Landplätze auf dem Mars. Image credit: NASA/JPL-Caltech/ESA

11. Valzhyna Mort

Valzhyna Mort wurde 1981 in Minsk geboren und wuchs in einer russisch sprechenden Familie auf. Das Weissrussische, die in der Sowjetunion unterdrückte Volkssprache, lernte sie erst in der Schule. Es sei das musikalische Moment, hat sie einmal erzählt, das sie an dieser Sprache so anziehe, die Möglichkeit, Vokale und Silben miteinander spielen zu lassen. Gleichwohl ist ihr Verhältnis zur weissrussischen Sprache nicht ungebrochen: «diese sprache hat nicht einmal ein system. / ein gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich – / sie schlägt einem sofort in die fresse». So hat sie es in ihrer zweiten Gedichtsammlung formuliert, die auf Deutsch 2009 unter dem Titel «Tränenfabrik» erschienen ist. Dort setzte sie noch ganz auf das Weissrussische. Nun kommt die englische Sprache hinzu. Seit einigen Jahren wohnt Valzhyna Mort in Washington. Und so wie sie in ihrem neuen Band Prosa und Lyrik nebeneinanderstellt, verbindet sie die Sprache ihrer Kindheit mit jener ihres gewählten Wohnorts.

Aus dieser Mischung der Sagweisen und Genres gewinnt Mort einen eigenen, einmal kindlichen, dann wieder von Reflexion durchsträhnten Ton. «Koste keine Früchte vom Familienbaum!», heisst es an einer Stelle. / Nico Bleutge, NZZ

Valzhyna Mort: Kreuzwort. Deutsch von Katharina Narbutovic und Uljana Wolf. Edition Suhrkamp, Berlin 2013. 107 S., Fr. 19.90.

9. Da spielt Franz Kafka

“Die Küche” ist eine Variante auf eine klassische Carver-Short-Story: Ein Junge sitzt am Fluss und angelt fast den Fisch seines Lebens. Aufgeregt rennt er nach Hause, um seinem Vater davon zu erzählen – aber der ist beschäftigt:

“Mein Vater war betrunken / und saß in der Küche mit einer Frau, die nicht seine Frau war und auch / nicht / meine Mutter.”

Die Sprache der Gedichte ist von schlichter Eleganz: Man versteht diese Lyrik, die sich auf keine intellektuellen Spiele einlassen muss, die oftmals wunderbar leicht und von bitterer Komik ist: Während einer Zugfahrt sitzt ein Mann im Speisewagen. Plötzlich weist der Schaffner auf einen Tennisplatz vor dem Fenster hin. Da spielt Franz Kafka gerade, sagt er. Die Leute sehen hinaus, und der Reisende bemerkt:

“Kafka selbst war Vegetarier und Abstinenzler, / aber das braucht keinen zu kratzen.”

Das Außergewöhnliche an diesem Band: Raymond Carver hat seinen eigenen Gedichten thematisch passende Texte von ihm verehrter Autoren zur Seite gestellt. Von Tomas Tranströmer oder von Anton Tschechow beispielsweise. So entsteht ein reizvoller Dialog. Hinzu kommt die herausragende Übersetzung von Helmut Frielinghaus. Und die bringt eine weitere traurige Geschichte mit sich: Auch für Frielinghaus waren Carvers Gedichte das letzte Projekt; nach der Übersetzung starb er. Immer wieder ist man zu Tränen gerührt von diesem einmaligen Buch – erst recht beim letzten Gedicht, das den einfachen Titel “Spätes Fragment” trägt:

“Und – hast du bekommen, was / du haben wolltest von diesem Leben, trotz allem? / Ja, hab ich. / Und was wolltest du? / Sagen können, dass ich geliebt werde, mich geliebt / fühlen auf dieser Erde.”

/ Martin Becker, DLR

Raymond Carver: Ein neuer Pfad zum Wasserfall. Gedichte
Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013
160 Seiten, 18,99 Euro

6. American Life in Poetry: Column 419

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

It pains an old booklover like me to think of somebody burning a book, but if you’ve gotten one for a quarter and it’s falling apart, well, maybe it’s OK as long as you might be planning to pick up a better copy. Here Ron Koertge, who lives in Pasadena, has some fun with the ashes of love poems.

Burning the Book

The anthology of love poems I bought
for a quarter is brittle, anyway, and comes
apart when I read it.

One at a time, I throw pages on the fire
and watch smoke make its way up
and out.

I’m almost to the index when I hear
a murmuring in the street. My neighbors
are watching it snow.

I put on my blue jacket and join them.
The children stand with their mouths
open.

I can see nouns—longing, rapture, bliss—
land on every tongue, then disappear.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Ron Koertge, whose most recent book of poems is Fever, Red Hen Press, 2006. Poem reprinted by permission of Ron Koertge. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

106. Lieblingsstellen

Der April ist National Poetry Month in den USA. NBC Latino fragte in den USA lebende Latino-Dichter, welche anderen “Latino”-Dichter sie am meisten inspirieren. Die Nuyorican*-Spoken-Word-Künstlerin Giannina Braschi wählte eine Stelle aus einem Gedicht von César Vallejo:

I want to live always, even on my belly,
because, as I was saying and I say it again,
so much life and never! And so many years,
and always, lots of always, always, always!

(Translation by Tess O’Dwyer)

Mir wird es immer gefallen, zu leben, sogar auf dem Bauch,
denn, wie ich soeben sagte und es wiederhole,
so viele Leben und nie! Und so viele Jahre,
und immer, oftmals immer, immer, immer!

(Deutsch von Erich Arendt, aus: César Vallejo, Funken wie Weizenkörner. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1971, S. 79)

Me gustará vivir siempre, así fuese de barriga,
porque, como iba diciendo y lo repito,
¡Tanta vida y jamás! ¡Y tantos años,
y siempre, mucho siempre, siempre, siempre!

Lupe Méndez nannte Martin Espadas “Sing Zapatista”

Sing the word zapateado, tap and stamp of women dancing in the plaza
to the hummingbird rhythms of Veracruz, guitarist in fedora
watching his fingers skitter like scarabs across the wood,
shawled dancer lost in the percussion of her feet.

Andere nannten Gedichte von Demetria Martinez, Pablo Neruda, Tato Laviera, Louis Reyes Rivera, Gioconda Belli und Pedro Pietri.

/ Kristina Puga, NBC Latino

*) Zusammenziehung von New York und Puertorican

Giannina Braschi (* 5. Februar 1953 in San Juan) ist eine puertoricanische Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, führende Vertreterin der Nuyoricanbewegung. Wikipedia schreibt:

Obwohl ihre Bücher als Romane eingestuft werden, sind ihre späteren Werke Experimente sowohl in Stil und Format und zeigen viele fremdländische Einflüsse.

Friederike C. Raderer sagte im österreichischen ORF in einem Beitrag zu Puerto Rico: Mit ihrem Roman “Yo-Yo Boing!” dem Sprachenmischmasch, das unter den Hispanos in New York üblich ist, (hat sie ) dem “Spanglish” ein Denkmal gesetzt.”

 Lupe Méndez, zweisprachiger Dichter, Texas