Lyrikzeitung & Poetry News

26. Februar 2012

117. Die Gottheit Internet

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Paul Bogaert

Die Gottheit Internet

Du arbeitest jetzt selbständig und aus eigenem Antrieb
an deinen Angaben und wirst auf Lebenszeit derart
mit der Database intim,
vom Input berauscht, von Scores geküsst.
Du verbesserst / bestätigst, was abweicht,
wenn verlangt.
Wer an nichts glaubt oder
länger nichts einsingt,
sackt weg.
Du profitierst indes davon, sehr viel zu bestellen.
Bei dir selbst kannst du unmöglich tot ankreuzen.
Da ist ein persönliches Textfeld für Zweifel.

aus dem Niederländischen von Christian Filips

Als Verfechter des open source-Gedankens geht Bogaert übrigens mit gutem Beispiel voran und hat alle Gedichte seiner bisherigen vier Bände sowie weiteres Material auf seiner Website frei zugänglich gemacht. Das eine oder andere gibt es auch in deutscher, englischer und französischer Übersetzung.  Zudem findet sich auch im Schreibheft 62 und in Zwischen den Zeilen 28 jeweils eine kleine Auswahl von Übersetzungen. Auf lyrikline kann man sich eine handvoll Gedichte aus den ersten beiden Bänden anhören.

Vielleicht gibt roughbooks (mit Bogaert-Übersetzer Filips als Mitherausgeber) ja mal eine kleine Auswahl heraus, dann hätte der deutsche Leser auch was in der Hand – und könnte mal wieder der Gottheit Buch huldigen…

, de buurkamer (“zwerftochten door de Nederlandse literatuur en cultuur / Streifzüge durch die niederländische Literatur und Kultur”, u.a. mit einem “Gedicht der Woche” jeweils Flämisch und Deutsch)

27. Januar 2012

103. Annes Kastanie

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Jene Kastanie, die bis zu einem Sturm im Jahr 2010 im Hinterhof der Prinzengracht in Amsterdam stand und dem jüdischen Mädchen in ihrem Versteck vor den Nazi-Schergen ein Lichtblick war. Der niederländische Dichter Jos Versteegen hat in drei Gedichten die Zwiesprache von Anne mit der Kastanie ausgedrückt, ein viertes Gedicht ist dem Sturz des Baumes gewidmet. Der Markdorfer Komponist Johannes Eckmann hat diese Gedichte vertont. / Stefanie Lorenz, Schwäbische Post 26.1.

15. Dezember 2011

58. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (6)

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Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Wird morgen fortgesetzt und abgeschlossen. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  Bedenken Sie bitte, daß weder Theo Breuer noch ich 1. alles kaufen, 2. alles lesen und 3. wie Computer alles unter dem richtigen Buchstaben abspeichern können. Bei Googleabfragen können Sie testen, daß die von Theo initiierte und uns zur Verfügung gestellte Liste schon jetzt das Auffinden präziser Information sehr verbessert.

(Ergänzungen bitte unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Isaac Schreyer · Der Tag des Einsamen. Gedichte und Nachdichtungen. Nachwort von Armin Eidherr (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 60). 1 Abb., 172 Seiten, gebunden, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  2. Saza Schröder · Ach Kindheit du schreckliche Süße, 32 Seiten, handfadengeheftet, kartoniert, Künstler­buch, Bleisatz, edition footura black, Itzehoe 2011.
  3. Franz Schuh: Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod. Verlag Paul Zsolnay, Wien 2011. 255 S.
  4. Katharina Schultens, gierstabil, 80 S., Klappbroschur, luxbooks, Wiesbaden 2011.
  5. Iris Schürmann-Mock [Hrsg.]: O schöner, grüner Wald. Ein Lesespaziergang. Hildesheim: Gerstenberg 2011. 159 S. : Ill. ; 24 cm.
  6. Ursula Schütt: Gehen muß ich auf dem Faden Zeit. Taschenbuch: 100 Seiten. Verlag: d/m/z Druckmedienzentrum Gotha 2011.
  7. Friederike Schwab: schwebeblätter. Gedichte. 110 Seiten. edition art science, St. Wolfgang. Reihe: Lyrik der Gegenwart, Band 13.
  8. Daniela Seel: ich kann diese stelle nicht wiederfinden. kookbooks, Berlin 2011. 64 S.
  9. Giorgos Seferis · LOGBUCH III, zweisprachige Ausgabe, aus dem Neugriechischen von Evti­chios Vam­vas, 117 Seiten, Broschur mit handgedrucktem Typo-Umschlag, Waldgut Verlag, CH-Frauenfeld 2011.
  10. Faruk Šehić · Abzeichen aus Fleisch. Bosnisch / Deutsch, übersetzt von Hana Stojić. 160 Seiten, Broschur, fadengeheftet, Wien, Edition Korrespondenzen 2011.
  11. Shin Dal Ja ∙ Morgendämmerung. Gedichte (mit einigen koreanischen Originaltexten). Werkauswahl (1989–2007). Aus dem Koreanischen und mit einem Nachwort von Sophia Tjonghi Seo. Herausgegeben und Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. 169 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  12. Volker Sielaff · Selbstporträt mit Zwerg, 101 Seiten, Klappenbroschur, luxbooks, Wiesbaden 2011.
  13. Rajvinder Singh: WÖRTERWEHEN. Trierer Gedichte – Rajvinder Singh – Gedichte, Liz Crossley – Zeichnungen. Broschur im Format 21 x14,5 cm, 80 Seiten, 16 Abb., Berlin: Aphaia Januar 2011. Aus der Reihe Texte und Bilder.
  14. Gerd Sonntag ∙ Giovanni Santi malt eine Fliege, Nachwort von Ulrich Koch, 38 Seiten, ge­heftete Bro­schur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2011.
  15. Thomas Spaniel · die irren kurse einer sterbenden fliege. Gedichte. 96 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  16. Michael Speier (Hg.): Berlin, du bist die Stadt. Gedichte. Reclam. 170 Seiten.
  17. Alberto Spunzberg ∙ Die Piatock-Akademie – La Academia de Piatock. Gedichte, zweisprachig. Aus dem argentinischen Spanisch von Juana und Tobias Burghardt. Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt. 187 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  18. Christel und Armin Steigenberger (Hg.) · außer.dem, 18. Ausgabe, mit Gedichten von Ann-Andreas Alt­mann, Kathrin Ast, Ernesto Castillo, Caroline Hartge, Birgit Kreipe, Lars Reyer u.a., 51 Seiten, geheftete Broschur, München 2011.
  19. Lutz Steinbrück: Blickdicht. Gedichte. Verlagshaus J.Frank, Berlin 2011. 76 S.
  20. Mile Stojić: Cherubs Schwert: Gedichte und Essays. Aus dem Kroatischen von Cornelia Marks. Leipziger Literaturverlag. 230 Seiten.
  21. Dieter Straub – Gedichte, Peter M. Gotthardt – Kompositionen: Delphische Paiane – Fünf Lieder nach Gedichten von Dieter Straub für Bariton und Klavier. 
Notenband im Format 29 x 21 cm, 28 Seiten, Berlin: Aphaia 2011. Aus der Reihe: Sonderausgaben.
  22. Brigitte Struzyk ∙ alles offen, mit einem Vorwort von Peter Wawerzinek und Bildern von Elke Ehninger, 117 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  23. Jesper Svenbro · Echo an Sappho, zweisprachige Ausgabe, aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler, mit Beiträgen von Conrad Steinmann und Beat Brechbühl, CD mit musikalischen Nachschöpfungen von Conrad Steinmann zu Texten von Sappho und Alkaios, 83 Seiten, Bro­schur mit handgedrucktem Typo-Umschlag, Waldgut Verlag, CH-Frauenfeld 2011.
  24. Tammen, Johann P. (Hg.): die horen. Bei betagten Schiffen. Islands “Atomdichter”.  56. Jg., Nr. 242, 2011. 424 S. Gedichte von Stefán Hörður Grímsson, Jón Óskar, Einar Bragi, Hannes Sigfússon, Sigfús Daðasson, Steinn Steinarr, Jón úr Vör, Jóhannes úr Kötlum, Arnfriður Jónatansdottir, Elías Mar, Jónas E. Svafár, Thor Vilhjálmsson, Vilborg Dagbjartsdóttir, Matthías Johannessen, Baldur Óskarsson, Þorsteinn frá Hamri, Jóhann Hjálmarsson, Nína Björg Árnadóttir, Sigurður Pálsson, Steinunn Sigurðardóttir. Der Kampf um die Moderne. Stimmen – Gegenstimmen – Positionen. Gespräche mit Steinn Steinarr, Hannes Sigfússon. Zeitgenössische isländische Rezensionen. Nachrufe. Erinnerungen von heute. Glossar.
  25. Veno Taufer: Wasserlinge. Gedichte. Übersetzung: Daniela Kocmut, Herausgeber: Michael Braun. 48 Seiten, Format: 14 x 22 cm, Das Wunderhorn 2011.
  26. Hans Thill (Hrsg.) ∙ Meine schlichten Reisen. Gedichte aus Belgien. Dreisprachige Ausgabe: niederländisch–französisch–deutsch. Dirk van Bastelaere, Eric Brogniet, Karel Logist, Els Moors, Erik Spinoy, Liliane Wouters übersetzt von Gerhard Falkner, Zsuzsanna Gahse, Norbert Lange, Michael Speier, Ulrike Almut Sandig, Hans Thill nach Interlinearversionen von Beate Thill und Stefan Wieczorek. Gebunden, bibliophile Ausgabe mit Lesebändchen. Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn 2011.
  27. Walter Thümler: Ist jemand da. Gedichte. Leipziger Literaturverlag. 144 Seiten.
  28. Su Tiqqun: Im Geröll des Auges. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  29. Toegye ∙ Als der Hahn im Dorf am Fluß krähte, hing der Mond noch im Dachgesims. Gedichte 1515–1570. Herausgegeben und mit einer Zeichnung von Juana Burghardt. Deutsche Fassungen von Tobias und Juana Burghardt auf der Grundlage der Vorarbeit von Doo-Hwan und Regine Choi. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt. 125 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  30. Boško Tomašević: Früchte der Heimsuchung. Gedichte. Aus dem Serbischen von Helmut Weinberger. Leipziger Literaturverlag. 180 Seiten.
  31. Boško Tomašević:  Mitlesebuch 103 – Boško Tomašević, Berlin-Gedichte. Michael Blümel – Zeichnungen. Broschur im Format: 24 x 15 cm, 24 Seiten, fadengeheftet. 1. Auflage: 50 Exemplare, im Druckvermerk vom Autor signiert, Berlin: Aphaia, März 2011.
  32. Boško Tomašević • Allerneueste Vergeblichkeit, aus dem Serbischen übertragen von Helmut Weinberger, Nachwort von Walter Methlagl, 171 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2011.
  33. Þorsteinn frá Hamri: Jarðarteikn – Erdzeichen. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Isländischen übersetzt von Gert Kreutzer. (Fäkätä 14). 36 S. Germersheim: Queich Verlag 2011.
  34. Tomas Tranströmer: Poesiealbum 298.  Hg. u. ausgew. von Richard Pietraß, Grafik Isaac Grünewald, Nachdichtung Hanns Grössel und Richard Pietraß. 32 S. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011.
  35. Matthias Traxler: You’re welcome. kookbooks, Berlin 2011.
  36. Verica Tričković: Als rettete mich das Wort. Gedichte teils deutsch, teils serbisch. Leipziger Literaturverlag. 120 Seiten.
  37. Charlotte Ueckert ∙ Dein Haar ist mein Nest, Vorwort von Peter Engel, 34 Seiten, Broschur, fix­poetry.Verlag, Ham­burg 2011.
  38. Nepumuk Ullmann: Von der Überwindung der Eiszeit in den Gefühlen. fhl Verlag Leipzig 2011, 170 Seiten.
  39. Sandra Uschtrin (Hg.) ∙ Federwelt. Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, 91. Ausgabe, Lyrik-Re­daktion And­reas Noga, Gedichte von Friedrich von Hagedorn ∙ Katharina Lanfranconi ∙ Ingrid Miller ∙ Irmhild Oberthür ∙ Klaus Roth ∙ Walle Sayer u.a., 58 Seiten, geheftete Broschur, Uschtrin Verlag, München 2011.
  40. Günter Vallaster (Hg.) · Paragramme. Ein Sammelband, 156 Seiten, Broschur, Gedichte von Thomas Hav­lik · Christine Huber · Peter Huckauf · Gerhard Jascke · Ilse Kilic · Richard Kostela­netz · Axel Kutsch · Gerhard Rühm · Fritz Widhalm u.v.a., edition ch, Wien 2011.
  41. Verein Literaturgruppe Perspektive (Hg.) · perspektive. Hefte für zeitgenössische Literatur, Ausgabe 67/68: Aufstandsbeschreibungen, Gedichte von Dominic Angeloch · Ralf G. Landmesser · Rebekka Olbrich · Kai Pohl · Clemens Schittko u.a., 238 Seiten, Broschur, Graz 2011.
  42. Mikael Vogel: Massenhaft Tiere. Gedichte. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 100 S.
  43. Florian Voß: Datenströme. Datenschatten. Staub. Gedichte. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 80 S.
  44. Achim Wagner ∙ Flugschau, 67 Seiten, Hardcover, [SIC] – Literaturverlag, Aachen ∙ Zürich 2011.
  45. Friedrich Wilhelm Wagner: Jungfraun platzen männertoll. hochroth Verlag 2011.
  46. Friedrich Wilhelm Wagner: Irrenhaus. hochroth Verlag 2011.
  47. Friedrich Wilhelm Wagner · Jungfraun platzen männertoll / Irrenhaus (edition grillenfänger 18). 38 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  48. Jan Wagner · Die Sandale des Propheten. Beiläufige Prosa, 240 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Ber­lin Verlag, Berlin 2011.
  49. Jan Wagner: Poesiealbum 295. Hg. u. ausgewählt von Richard Pietraß, Grafik Werner Friedrichs. 32 S. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011.
  50. Immanuel Weißglas · Der Nobiskrug. Gedichte. Nachwort von Bernhard Albers (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 55; Lyrik-Taschenbuch Nr. 72). 80 Seiten, broschiert, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  51. Ralf S. Werder: Bruchland. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  52. Walt Whitman · Liebesgedichte / Love Poems. Englisch / deutsch. Ausgewählt und übertragen von Frank Schablewski. Vorwort von Johannes Urzidil. Nachwort von Jürgen Brôcan. 128 Seiten, fadengeh. Klappenbroschur, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  53. Ron Winkler (Hg.): Schneegedichte. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2011.

14. Februar 2011

65. Rückblende Juli 2001: Journalistischer Sumpf

Gestorben ist der deutsche Schriftsteller Arno Reinfrank in London im Alter von 66 Jahren. Reinfrank verließ die Bundesrepublik 1955 aus Protest gegen die Adenauer-Politik. Seit 1989 gehörte Reinfrank dem deutschen Schriftstellerverband PEN (Ost) an.

Zwei weitere Lyriker starben durch Selbstmord.

Der holländische Rockmusiker, Maler und Lyriker Herman Brood sprang im Alter von 54 Jahren vom Dach des Amsterdamer Hilton Hotels in den Tod. Er trug einen Abschiedsbrief bei sich, in dem stand, dass er keine Lust mehr habe.

Der Italiener Mario Stefani nahm sich schon im März das Leben. Die FAZ zitiert eine große Zeile:

“Wenn Venedig die Brücke nicht hätte, wäre Europa eine Insel.”

Dante: das Persönliche war politisch, schreibt der amerikanische Dichter Robert Pinsky in einer Besprechung des Dante-Buches von R.W.B. Lewis / The New York Times *) 29.7.01 . Pinsky veröffentlichte vor kurzem (2001!) eine Übersetzung des Inferno.

Dass Federico Hindermann zu den besten Schweizer Lyrikern der Gegenwart gehört, ist kaum bekannt (schrieb die NZZ):

Das liegt nicht nur an der modischen Zerstreutheit der Literaturkritiker, sondern auch an der diskreten Eleganz, mit der dieser Autor sich während seines ganzen Lebens der Publizität entzog und Einordnungen widersetzte. Einem Kritiker schrieb er einmal: «Es gibt doch, wenigstens für mein Empfinden, kaum etwas Überflüssigeres als die üblichen Anzeigen von Lyrik mit drei oder vier herausgerissenen Versen und dem Vermerk über die Richtung des Verfassers.»

Unzufriedenheit mit der Kritik auch andernorts:

T. S. Eliot durchbrach den Nebel über dem journalistischen Sumpf seiner Zeit mit der Gründung der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Criterion»; der britische Lyriker und Literaturwissenschafter Craig Raine versucht mit «Areté» neuerdings das Gleiche.

Wer auf dem Kopf gehe, sagte Paul Celan in seiner “Meridian”-Rede im Oktober 1960, interpretiere die Welt anders, weil er den Himmel als Abgrund unter sich habe. Dieses Bild hat seitdem eine eigentümliche Karriere gemacht: Celans Interpreten proben den Kopfstand, weil sie glauben, nur so mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Doch stehen ihnen die Kommentatoren gegenüber. Sie müssen mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, wenn sie die Gedichte in Lemmata teilen, um sie danach dem Leser als Gedichte wieder zurückzugeben. / Süddeutsche 27.7.01

Liest man Bashos Gedichte in einer westlichen Übersetzung, kann leicht der Eindruck entstehen, die Einfachheit dieser immerhin vierhundert Jahre alten Gedichte impliziere poetische Anspruchslosigkeit. Aber gerade das Gegenteil ist wahr, denn wie stets ist poetische Unmittelbarkeit Ergebnis einer komplexen Rhetorik. /Hans Jürgen Balmes NZZ 26.7.

Thema im Juli war das Forum der 13 (hier) und Marcel Beyers west-östliche Erfahrungen mit Meldestellen, heißen sie nun Hausbuch (Dresden) oder Einwohnermeldeamt (Köln).

Die taz veröffentlicht Gedichte vor 10 Jahren wie heute fast nur noch in der wahrheit. So am 26.7. “sechs Grünbein-Anekdoten” von Thomas Gsella (mit Gastreimen von Klaus Cäsar Zehrer). Der Anfang geht so:

Durs Grünbein saß zuhaus und schrieb
an seine Frau: “Ich hab dich lieb.”
Die Olle fands nach Tagen:
“Mir kannste det doch sagen!”

Ansonsten war über die taz als lyrikfreie Zone zu berichten:

Vorbei die Zeiten, als sie Ernst Jandls auf originelle Weise auf der Titelseite gedachten und als sie, noch Anfang der neunziger Jahre, serienweise internationale Poesie vorstellten. Die heutigen taz-Macher scheinen zu glauben, daß der heutige taz-Leser anderes erwartet. Ein Viertel des mageren zweiseitigen (hinter einer selbstreferentiellen “taz muß sein”-Seite versteckten) Kulturteils nimmt ein Lara-Croft-Foto ein. Milosz: Fehlanzeige.

Sonst aber sehr viel über den polnischen Dichter. Die Süddeutsche schrieb:

Er ist amerikanischer Staatsbürger, einer der bedeutendsten polnischen Dichter des 20. Jahrhunderts und in Litauen aufgewachsen – so viel zu den Wurzeln seines Schaffens. Als er 1980 überraschend den Literaturnobelpreis erhielt, wusste sein deutscher Verlag nicht, dass er die Rechte an einigen seiner Werke besaß – so viel zu seinem damaligen Bekanntheitsgrad.

Lesenlernen mit Stein & Draesner (Gertrude und Ulrike) war angesagt:

Ein weiteres wesentliches Element für das Lesenlernen ist die Wiederholung. Und da die Wiederholung als Variation, Modulation, Reihung, angedeutete Endlosschlaufe zu Steins bevorzugten Stilmitteln gehört, wurde “The First Reader” ein wunderbares Gertrude-Stein-Buch, ein Dokument ihrer immer noch frischen literarischen Minimal-Art, verwandt beispielsweise den Prosapoemen aus “Zarte Knöpfe” oder den Gedichten aus “Spinnwebzeit”. Mit Gertrude Stein lesen zu lernen ist eine herzerweiternde Übung. Ulrike Draesners Übersetzung vertieft den Lesegenuss. Mit ihrem sprachschöpferischen Ansatz der “Radikalübersetzung”, den sie bereits bei ihrer Übertragung von Shakespeare-Sonetten praktizierte, wird sie Gertrude Steins Sprachexperiment gerecht, wenn sie sich, wie die Stein, oft weniger am Wortsinn als an der Sprache selbst orientiert.

Gertrude Stein: “The First Reader”. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner . Zweisprachige Ausgabe. Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 2001, 125 Seiten, 39 DM /Florian Vetsch, taz 24.7.01

Thomas Kling war 2001 in jedem Monat präsent.  ”Der surfende Hermes”, schrieb Cornelia Jentzsch:

Kling räumt mit Missverständnissen auf, indem er historisch weit ausholt. Seine Kritiker werfen ihm oft vor, hermetisch zu schreiben, meinen wohl aber eigentlich unverständlich. Der Dichter rückt den Begriff ins rechte Licht, in die unmittelbare Nähe zur mythologischen Hermesfigur. Der Götterbote funktioniert in seiner steten Reise- und Übersetzungstätigkeit zwischen Oben und Unten und zwischen Licht- und Schattenreich als “Teilchenbeschleuniger, als Beschleuniger von Sprachteilchen”, als Vermittler der Sphären. /  Berliner Zeitung 21.7.01

Ob die US-amerikanische Lyrik von Professoren gekapert wurde, diskutierte man in Übersee. “Kaum jemand in den USA schreibt Gedichte, nur Professoren, und kaum jemand liest sie, nur die Professoren, die sie schreiben”.

Die Welt fragte Friederike Mayröcker:

Frau Mayröcker, was empfanden Sie, als Sie erfuhren, dass Sie den Büchnerpreis bekommen?

Friederike Mayröcker: Ich habe geheult. Stundenlang habe ich geweint. Es war Freude, aber auch furchtbare Traurigkeit, weil die Menschen, die ich so geliebt habe, es nicht mehr erleben konnten – Ernst Jandl und meine Mutter.

Sie sind nach Ernst Jandl (1984) und H.C. Artmann (1997) die dritte Büchnerpreisträgerin aus der Wiener Gruppe von Dichtern, die mit experimenteller Poesie Aufsehen erregten. Was war so avantgardistisch an Ihrer Wortkunst?

Mayröcker: Wir trauten der herkömmlichen Sprache nicht mehr und haben damals nach dem Kriege versucht, etwas Neues zu machen. Wir haben aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften Texte montiert Sprachcollagen als Sprachverfremdung. / Welt am Sonntag 15.7.01

Zum Schluß zwei Blicke ins fremdsprachige Ausland. Tschechien (das nicht 2001, aber dunnemals Tschechoslowakei hieß):

Jan Zahradnicek (1905 bis 1960) war … mit dem surrealistischen Spieler Vitezslav Nezval und dem Tragiker Frantisek Halas einer der bedeutendsten Poeten der Epoche. Ihm blieb nichts an privaten und politischen Drangsalen erspart. Der Bauernsohn … stürzte als Junge so unglücklich vom Getreideboden, daß er zeitlebens verwachsen blieb. … Als die Kommunisten zur alleinigen Macht gelangten, verhängten sie über ihn und seine Freunde ein absolutes Publikationsverbot; im Jahre 1951 konstruierte der Staatsanwalt eine Verschwörergruppe katholischer Intellektueller, und man verurteilte Zahradnicek zu dreizehn Jahren Kerker. … (Er) wurde 1960 aus der Haft entlassen. Er starb noch im gleichen Jahr an den Folgen der Haft, und die Gedichte, die er als Häftling geschrieben hatte, zirkulierten wieder in geheimen Abschriften. / Peter Demetz, FAZ 14.7.01

Zahradnicek, Jan
“Vogelbeeren / Jeraby.” Gedichte. Tschechisch-Deutsch
Bibliotheca Bohemica, Band 39, Vitalis Verlag, Furth – Prag 2001, ISBN 3934774709 Broschiert, 80 Seiten, 24,80 DM

Und Arabien (damals wie heute nicht ein Land, sondern viele):

Ein besonderer Genuss ist das Vorwort, das ungewohnt deutlich Kritik übt – am Hang arabischer Lyriker zum «rhetorischen Wortgeklingel» und am Opportunismus als einem «Grundübel» arabischer Kultur. Dass al-Maaly ausgerechnet Verse des Erzmodernisten Adonis als Beispiel zitiert, ist mehr als pikant. Wohl schätzt er sein literarisches Urteil – aber das ekstatische Loblied auf die iranische Revolution von 1979 («Das Volk des Iran schreibt an den Westen: / Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen / Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben») ist tatsächlich eine Geschmacklosigkeit. Mit anderen Worten: Der Wanderer zwischen den Kulturen hat das Allzu-Arabische fortgelassen, der Leser weiss es ihm zu danken, wie er ihm dankt für das viele Schöne, das er glücklich ins Deutsche zu retten wusste. / Ludwig Ammann NZZ 3. Juli 2001

Khalid al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Aus dem Arabischen von Khalid al-Maaly, Heribert Becker und Suleman Taufiq. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000. 493 S., Fr. 49.80.

21. Januar 2011

89. Sibylla-Schwarz-Handschrift aufgetaucht

Wie die Ostsee-Zeitung mitteilt, ist eine Handschrift, die einzige erhaltene Originalhandschrift, der Greifswalder Barockdichterin gefunden und bestimmt worden:

Das Leben der Poetin liest man (allzu verkürzt) aus ihren Gedichten. Diese wiederum sind ebenfalls nur indirekt zugänglich, nämlich aus der Hand des schwäbischen Theologen Samuel Gerlach (1609-1683). Er besaß die Handschriften, aus denen er zwölf Jahre nach dem Tod seiner „Schülerin“ in Danzig die Gedichtausgabe zusammenstellte. Über den Verbleib dieser Handschriften ist bis heute nichts bekannt.

Aber Gerlach besaß noch ein weiteres handschriftliches Zeugnis, einen Eintrag der Dichterin in seinem Stammbuch. Auf der Suche nach einer Anstellung war der ehemalige Feldprediger 1636 nach Greifswald gekommen, wo er mehrere Monate für Sibylla Schwarz eine Art Mentor wurde. Später führte ihn sein Weg nach Danzig und 1652 zurück in seine schwäbische Heimat. Und dort liegt das Stammbuch noch heute.

Dank der großzügigen Unterstützung des jetzigen Besitzers, Johannes Autenrieth aus Kernen im Remstal, sowie mit kollegialer Hilfe ist es gelungen, den Stammbucheintrag von Sibylla Schwarz zu identifizieren. Das Ergebnis ist aus mehr als einem Grunde bemerkenswert — ja für die Fachwelt sensationell. Was könnte die junge Dichterin in ein Stammbuch geschrieben haben, in dem sich nur Männer, und diese überwiegend in lateinischer Sprache, verewigt haben?

Immerhin ist es der siebenundsechzigste Eintrag, davor stehen Namen wie Bartholdus Krakevitz aus Greifswald, die Stettiner Daniel Cramerius und Jacobus Fabricius, Nicolaus Hunnius aus Lübeck — bedeutende, allseits bekannte Namen in der gelehrten Welt um 1630. Sicher möchte die damals fünfzehnjährige Poetin ihre Gelehrsamkeit, in dieser Zeit gleichbedeutend mit dichterischem Können, ebenso zeigen. Also wäre zu erwarten, dass sie dichtet, dass sie, die den Reformator der deutschen Poesie, Martin Opitz, poetisch preist, deutsche Verse schreibt.

Weit gefehlt! Sibylla Schwarz schreibt einen holländischen Vers auf das Stammbuchblatt! Damit überholt sie Martin Opitz selbst. Denn dieser hatte den entscheidenden Anstoß für sein „nationales kulturpolitisches Konzept“, in deutscher Sprache zu dichten, aus Holland erhalten. Und sie verwendet den neuen Ton, den Martin Opitz, ebenfalls auf die holländischen Dichter verweisend, für die deutsche Dichtung forderte. …

Nicht nur die Tatsache, sich mit einem holländischen statt deutschem oder gar lateinischen Vers als zur dichterischen Avantgarde gehörend zu „outen“, überrascht. Auch das, wovon der gereimte Zweizeiler spricht: „Man sollte sich zuerst um seine Seele Gedanken machen, und dann erst um den schwachen Leib; und ohne diese zwei ist Geld nur eine Bürde.“ Leib und Seele — davon sprechen viele, aber von Geld, und dann in dieser Reihung?

Was sagt das über die zeitgenössische Kultur aus, wenn Schwarz diese Verse aus einer eher didaktischen Dichtung wählt? Deren Verfasser „Vater“ (Jacob) Cats (1577-1660) gehörte zu den beliebtesten holländischen Gegenwarts- Dichtern, sein Werk „Houwelick“ (Hochzeit) fand sich neben der Bibel in jedem bürgerlichen Haushalt. Verwundert es, dass damit Schwarz in der Cats-Rezeption vor den „Großen“ wie Harsdörffer und Titz steht?

/ Monika Schneikart, OZ 21.1.

Die Autorin ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie im Institut für Deutsche Philologie.

4. August 2010

25. Poetry International Festival 2010

Einsortiert unter: Belgien, Englisch, Frankreich, Französisch, Indien, Irland, Niederlande, Niederländisch, Peru, Spanisch, USA — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 20:06

Auf der Website des Poetry International Web neu: Aufnahmen von Autorenlesungen des diesjährigen Poesiefestivals: Carlos López Degregori (Peru), Erik Spinoy (Belgien),  Thomas McCarthy (Irland), Marc Kregting ( Niederlande) und Valérie Rouzeau (Frankreich) sowie Gespräche und Diskussionen von Herausgebern und Dichtern der US-amerikanischen und japanischen Sektion des PIW. Neu in der ersten Augustausgabe Gedichte aus Indien und Irland.

www.poetryinternationalweb.org

45 poetry clips filmed on location at Atlanta Hotel in Rotterdam.

POETRY CLIPS – Poetry International Festival 2010

22. Juni 2010

118. Füllhorn

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Eine bisher an mir vorbeigegangene Seite fliegt mir in einer Anmerkung von Ron Winkler zu, danke! Die literaturwerkstatt Berlin stellt ihre Reihe “Gespräch des Monats” zum Nachhören ins Netz. Ich höre gerade Sherwin Bitsui, klingt gut! Hier können Sie stundenlang zuhören. Es sprechen: Oskar Pastior, Karl Mickel, Peter Rühmkorf, Adolf Endler, Mayröcker und Erb und…

Ihr nennt es Sprache: Rolf Dieter Brinkmann

Zum Todestag von Rolf Dieter Brinkmann lasen am 22.4.2010 Hans Christoph Buch, Matthias Göritz, Günter Herburger, Stephan Turowski in der Literaturwerkstatt Berlin. Die Moderation hatte Jan Röhnert.

Michael Lentz: Offene Unruh

In seinem aktuellen Buch kehrt Michael Lentz zu Liebesgedichten zurück. In der Literaturwerkstatt Berlin stellte er am 31.3.2010 “Offene Unruh – 100 Liebesgedichte” vor.

(weiterlesen…)

12. Juni 2010

66. Flamen und Wallonen in Edenkoben

Kein Sprachenstreit ist zu erwarten, wenn am 23. Juni die Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn: Belgien“ im Künstlerhaus Edenkoben ihre Arbeit beginnt. Philologisch begleitet von Beate Thill (Französisch) und Stefan Wieczorek (Niederländisch) werden bis zum 28. Juni deutschsprachige Lyriker ihre flämischen und wallonischen Kollegen ins Deutsche übersetzen. Die Erfahrung zeigt, dass neben den 3 Schriftsprachen noch viele weitere Idiome ihren Einsatz finden werden, ein schönes Babylon im gemeinsamen Bemühen zur Erstellung von Nachdichtungen herausragender Autoren Belgiens: Dirk van Bastelaere, Eric Brogniet, Karel Logist, Els Moors, Erik Spinoy, Liliane Wouters werden übersetzt von Gerhard Falkner, Zsuzsanna Gahse, Norbert Lange, Michael Speier, Ulrike Almut Sandig, Hans Thill (der auch die Leitung innehat). Das Projekt „Poesie der Nachbarn“ geht nunmehr ins 23. Jahr, es wurde von Gregor Laschen begründet und wird von Ingo Wilhelm organisatorisch betreut. Erste Ergebnisse der Werkstatt werden bei einer dreisprachigen Lesung am Sonntag in Edenkoben (Künstlerhaus 11 Uhr) und am Montag in Mainz (Villa Musica 19 Uhr) präsentiert. Im März 2011 wird eine Anthologie im Verlag Das Wunderhorn erscheinen.

Interviews sind bereits ab 21. Juni möglich, Anreise der belgischen Gäste 23. Juni.

Bitte wenden Sie sich an 0049 (0)6323.2325 (Künstlerhaus Edenkoben)

buero@kuenstlerhaus-edenkoben.de

www.kuenstlerhaus-edenkoben.de

www.villamusica.de

www.poesie-der-nachbarn.de/

www.wunderhorn.de/wunderhorn/content/buecher/literarische_reihen/poesie_der_nachbarn/index_ger.html

http://poets-translated-by-poets.com/aut_frameset.htm

28. März 2009

99. “Verständliche” Lyrik

Ein Hörbericht von Bertram Reinecke

Dieser Text soll einige Lyriker würdigen, die auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu hören waren. Teilweise weniger bekannt, können sie vielleicht dem Bild, was Lyrik ist oder sein kann, einige Bausteine hinzufügen. Eine Rezension nur vom Höreindruck zu schreiben, ist ein Experiment. Da ich selber mit diesem Verfahren (schriftlich) wenig Erfahrung habe, verzeihe man mir, wenn ich hier vornehmlich zugänglichere Lyrik behandele.

Tim Turnbull

Lesebühnenliteratur (spoken word poetry) muss man mögen. Ich mag sie tendenziell weniger. Tim Turnbull ist da eine Ausnahme. Der Eindruck, dass er die Klischees vermeidet, die sich in den Texten solcher deutschen Veranstaltungen oft zu einem honigartigen Brei jugendlicher Befindlichkeit verdichten, mag noch von meiner Unkenntnis ihrer Gegenstücke in britischen Gefilden rühren. Sein Mut zu stilsicherem Rollensprechen, das nie bloß theatral wird, sondern immer von Understatement im Zaum gehalten bleibt (er tritt in schwarzem Anzug auf), machen seine balladesken Formen vital. Zwar leben auch seine Texte von interessanten oder randständigen Typen, zwar nutzt auch er scharfe Zeichnung und Übertreibung, doch ohne in bukowskihafte Übertreibung abzugleiten. So wirken seine Texte burlesk, sinnlich und frisch. Trocken und unprätentiös trug Norbert Lange dazu deutsche Übersetzungen vor, was diesen positiven Eindruck unterstrich.

Paul Bogaert

Während sich Tim Turnbull somit weit auf das gesprochene Wort einlässt, wählt der Flame Paul Bogaert einen anderen Weg: Er zeigt alle Texte zeitgleich auf Leinwand. Das tut den Texten gut, denn unmittelbar einleuchtend sind die nicht immer. Von der vokabulatorischen Streubreite allgemein und von dem Flow der Wortfolge erinnerten sie mich (dies ins Unreine gesprochen; Stichprobe: BELLA 17) an Daniel Falb. (Auch dessen Wortfolgen wirken auf mich von der Trockenheit der Setzung auf der einen Seite und und der anspruchsvollen Vermeidung des „Zwingenden“ auf der andern immer etwas wie Nachdichtungen. Freilich sind Bogaerts deutsche Gedichte ja tatsächlich Übertragungen.) Anders als Falb verzichtet Bogaert auf grammatische Lyrismen (z.B Genitivmetaphern aus Substantiv plus Adjektiv und Abstraktum usw.), spricht privater (mehr „ich“ und „du“ statt „wir“) und ein situativer Rahmen oder Mikroplot scheint deutlich durch. Diesen letztgenannten Zug mag mancher als konventionelle Rücksicht kritisch beäugen.

Radikal anders wird die Wahrnehmung, wenn Paul Bogaert einen Text als Powerpointpräsentation darbietet. Was schon als Jokus glänzend funktioniert, dringt gleichzeitig in tiefere poetologische Schichten vor. Der Klingsche Hinweis, dass jedes Gedicht eine Liste sei, bleibt insofern an manchem Gedicht abstrakt, als dass die Kriterien, warum die einzelnen Wörter des Textes genau auf diese Liste gekommen sind, oft verborgen bleiben. Eine hierarchische Gliederung dieser Liste (und nichts anderes tut ja eine solche Präsentation) lässt dagegen tiefere Einblicke in das Programm des Dichters zu. Die Spracharbeit wird gegenüber der bildgebenden Arbeit dominant. Eine ähnlich deutliche Verschiebung erreicht der Autor in einem Poetryfilm. Einem Loop einer Filmszene, die zeigt, wie Sekretärinnen einem Diktat folgen, wird ein eigener Text unterlegt. Dies radikal ökonomische Mittel multimedialer Verfremdung bewirkt dennoch, dass alle Spielzüge des Textes sich umwerten.

Hier lassen sich also Konvergenzprozesse zwischen eher traditionellen und eher experimentellen Verfahren beobachten. Diese in Stolterfohts umstrittenem Aufsatz in der BELLA triste ausgerufene Tendenz verfolgen andere, wie die Zeitschrift lauter niemand, allerdings schon seit Jahren. Sie widmen zudem nun dem problematischen Thema politische Lyrik einen Wettbewerb. Ob das politische Gedicht, seit Jahren lautstark gefordert, mit der Krise und dem auf seltsame Weise dazu passenden Gedenken an die friedliche Revolution scheinbar noch aktueller geworden, dadurch in größerer Breite auftreten wird, bleibt ebenso abzuwarten wie etwa Axel Kutschs Deutschlandbuch oder die Sammlung politischer Gedichte von Rotbuch.

Els Moors

Souverän und sympathisch trug die in den Niederlanden bei ihrem Debut gefeierte Dichterin ihre Texte vor, die deutschen dabei mit einer Sprachfärbung, die auch ständig wiederkehrende weiße fickende Kaninchen weniger wie einen knalligen Effekt, als eher wie etwas ausgesprochen Possierliches wirken ließ. Würden die Texte in perfektem Hochdeutsch weniger anmutig sein? Wäre das ein Einwand? Diese Eigenart ist letztlich ja nicht unwillkürlich. (Man hätte die deutschen Fassungen wie bei Tim Turnbull einem Muttersprachler übergeben können.) Insofern profitierten die Texte von ähnlichen Stilmitteln wie die der Wiener Mundartdichtung auf ihre Weise. Und dass der schriftliche Text dem mündlichen notorisch unterlegen scheint, damit muss ein Michael Lentz ebenso leben wie ein Czernin. Auch hier unterscheiden sich also „konventionelle“ Texte nicht unbedingt von experimentellen. Und eine Rezension über mündliches Material wird mehr als eine Spielerei, sondern hinterfragt die medialen Gewohnheiten. Es wäre zu mutmaßen, ob das Aussterben metrisch geordneter gereimter Formen jenseits aller poetologischen Debatten nicht vor allem mit dem Aussterben unseres mündlichen Umgangs mit Poesie zu tun hat. Ebenso wäre vielleicht das Überhandnehmen von Alliteration und Binnenreim, das von Daniel Graf in Neubuch und Lyrik von Jetzt Zwei (lesend) konstatiert wurde, vor allem Effekt der neuen Lesungskultur.

(Teil 2 folgt)

 

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