Kategorie: Martinique

46. “Neger bin ich, Neger bleib ich”

Daß diese Farbigen einfach nicht politisch korrekt sein können. “Neger bin ich, Neger bleib ich”, sagt der französische Dichter Aimé Césaire, geboren 1913 auf der zu Frankreich gehörenden Insel Martinique. Er erfand gar ein eigenes Konzept dazu: Négritude. Schwarzsein. Negersein. Das war in den 30er Jahren zusammen mit dem Dichter und Politiker Léopold Sédar Senghor, der später erster Präsident des unabhängigen Senegal wurde. Jetzt ehrt der französische Staat den farbigen Dichter aus der Karibik durch Aufnahme ins Pantheon.

/ topmedias.org

Nègre je suis, nègre je resterai
Aimé Césaire, Françoise Vergès
Essai (broché). Erschienen 11/2005

110. Ehrung für Aimé Césaire im Pantheon

Am 6. April wird der Präsident der Französischen Republik den Dichter und homme politique Aimé Césaire (1913 – 2008) durch eine Gedenktafel im Pantheon ehren. Aimé Césaire stammt aus Martinique und studierte in Paris, wo er eine erste Zeitschrift L’étudiant noir herausgibt, in der auch Léopold Senghor veröffentlicht. 1939 setzt er das Studium in Martinique fort und gründet die Zeitschrift Tropiques, die eine wichtige Rolle für die literarische, kulturelle und politische Entwicklung der Antillen spielt. 1941 begegnet er dort dem Dichter André Breton. 1945 wird er Bürgermeister von Fort-de-France, dem Hauptort von Martinique. Er wird das Amt 56 Jahre ausüben, ebenso wie er 48 Jahre lang Abgeordneter der französischen Nationalversammlung war. 1947 beteiligt er sich zusammen mit Alioune Diop an der Gründung der Zeitschrift Présence Africaine. (Der Artikel sagt nicht, wann er eintritt, aber) 1956 tritt er aus der Kommunistischen Partei Frankreichs aus und gründet die Parti progressiste martiniquais (PPM). Sein literarisches Werk ist vom Surrealismus geprägt in Gedichtbänden wie Soleil Cou Coupé (1948), Corps perdu (1950) und Ferrements (1960).

2011 wird es im Rahmen des Année des Outre-mer (Übersee-Jahres) zahlreiche Veranstaltungen zu seinem Werk geben. / culture.gouv.fr

23. Glissants Wende

Edouard Glissant war Schüler Aimé Césaires, des Dichters und Mitbegründers der Négritude-Bewegung; doch er vollzog in seinem Œuvre eine entschiedene Abkehr von deren Diskurs, indem er nicht mehr den Bezug zu Afrika als identitätsstiftend hervorhob, sondern auf der Besonderheit der antillischen Situation insistierte, die auch von der Präsenz der indischen und libanesischen Kultur geprägt ist. Glissant plädierte letztlich mit seiner Formulierung eines discours antillais für einen Abschied von monolithischen Identitätskonzepten, an deren Stelle er den Begriff der Kreolisierung setzt: «Kreolisierung nenne ich die Begegnung, die Wechselwirkung, das Aufeinanderprallen, die Harmonien und Disharmonien zwischen Kulturen in der bewusst gewordenen Totalität unserer Welt-Erde.» …

In seinen lyrischen Texten präsentiert Glissant sowohl poetische Grossformen wie etwa das sechs Gesänge («chants») umfassende Gedicht «Les Indes» (1955) als auch minimalistische Vierzeiler, wie sie im Zyklus «Fastes» (1991) versammelt sind. Die lyrischen Texte erweisen sich als veritable Ver-Dichtungen der Prosatexte, in denen die Sprache als der utopische Ort aufscheint, an dem das «Nicht-sein, das endlich in Aktion ist», im neu geschaffenen Raum des Textes erfahrbar wird. Im «Traité du Tout-monde» (1997), der seit 1999 in deutscher Übersetzung vorliegt («Traktat über die Welt»), reflektiert Glissant über sein Selbstverständnis als Dichter in einer Situation, in der die Wörter «von der engen Gewissheit der Sprache» abgedankt haben. «Was kann das für dich bedeuten, der ohne Stütze oder Abgrund vorangeht, an die du dich halten könntest, ohne allmächtiges Erbe oder Gedenken, in diesem Funkensprühen aller neu geborenen Dinge?» / Claudia Ortner-Buchberger, NZZ 4.2.

12. Edouard Glissant gestorben

Die Agenturmeldung beginnt mit dem Satz: “Frankreichs Premierminister teilt mit, daß der berühmte martinikanische Dichter Édouard Glissant gestorben ist.”

Der PM mit dem fast poetischen Namen François Fillon* würdigte Glissants Werk, der “Generationen von Denkern und Dichtern” weit jenseits seiner heimatlichen französischen Karibikinsel prägte. Er starb heute in Paris im Alter von 83 Jahren.

/ Washington Post

Seit mehr als einem halben Jahrhundert inspiriert uns Édouard Glissant, der nie müde wurde, die unumgängliche Dialektik von Politik und Poesie zu erforschen. 1956 schrieb er in “Sonne des Bewußtseins”: “Das Gedicht bietet dem Leser einen Raum für seinen Wunsch nach Bewegung, nach Selbstüberschreitung, nach einer neuen Welt, in der er sich dennoch nicht fremd fühlt.” 2010 veröffentlichte er die Anthologie “La terre, le feu, l’eau et les vents – une anthologie de la poésie du Tout-monde” (Die Erde, das Feuer, das Wasser und die Winde – eine Anthologie der Lyrik der Welt – vielleicht eher: der Ganzwelt?) Darin leben Toussaint Louverture, Victor Hugo, Robespierre, Sokrates, Machmud Darwisch, Aimé Césaire, Georges Brassens, Patrick Chamoiseau, Hafis, Linton Kwesi Johnson, Pablo Neruda, Sappho, Sony Labou Tansi, Rutebeuf und viele andere nebeneinander. / L’Humanité

Bücher auf Deutsch (Auswahl):

  • Sturzflug – Das Lied von Martinique. München 1959.
  • Zersplitterte Welten, Der Diskurs der Antillen. Aus dem Französischen von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1986
  • Traktat über die Welt. Aus dem Französischen von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1999
  • Schwarzes Salz. Gedichte. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2002
  • Kultur und Identität, Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Aus dem Französischen von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2005

In L&Poe:

2001 Jul # Lyrikertreffen: “Landkarten der Poesie” in Berlin; 2006 Sep #39. Poetik der Beziehung gesucht; 2007 Mrz #95. Koloniale Lebenslüge Frankophonie?; 2007 Okt #119. Das archipelische Denken; 2008 Sep #134. Globales Kreolisch; 2010 Apr #117. Vielstimmigkeit

117. Vielstimmigkeit

Edouard Glissant ist Dichterphilosoph, Wissenschaftspoet und kosmopolitischer Akademiker in einem. Seit fast sechzig Jahren schreibt er Romane, Traktate, Gedichte und Essays über die Beziehungen zwischen den Kulturen. Auf Martinique, wo er 1928 als Sohn eines Plantagenverwalters geboren wurde, fand er diese Beziehungen in ihrer ganzen historischen Ambivalenz: Das gewaltsame Aufeinandertreffen weisser Kolonisatoren und der von ihnen dann ausgelöschten Kariben, die ausbeuterische Beziehung der französischen Herren zu ihren afrikanischen Sklaven und die weitere Verdichtung einer von Anfang an gemischten Kultur durch asiatische Kontraktarbeiter. Aus diesem ursprünglich gewaltgeprägten Milieu entstand das Kreolische, eine vitale Kunstsprache gemischter Herkunft. …

In Glissants Romanen führen die verschiedenen Sprachpraktiken zu komplexen, nicht immer und nicht für alle durchschaubaren Szenerien und Verständnisebenen. So entsteht eine Vielstimmigkeit mit wechselnden historischen Subjekten und Erkenntnishorizonten. Sie bildet den Kampf der Kulturen ab und vollzieht zugleich nach, wie eine weitgehend friedliche, komplexe Kultur entsteht und sich verständigt. / Martin Zähringer, NZZ 23.4.

134. Globales Kreolisch

Für Glissant, der heute neben Martinique in Paris lebt und an der City University New York lehrt, stellt die Karibik mit ihrem buntscheckigen Kulturgemisch ein Musterbeispiel für produktiv gelebte “Globalität” dar, die der westlich-hegemonialen Globalisierung entgegengesetzt wird. Inbegriff dessen soll die Kreolsprache sein, die eigenständig und kreativ auf verschiedene kulturelle Hintergründe zurückgreifen kann – das “Glück, in Anwesenheiten aller Sprachen der Welt zu schreiben”, hat Glissant das genannt. Nicht nur dieser Anspruch, auch Glissants Euphorie und Optimismus globalen Verschmelzungen gegenüber sind von ständiger Aktualität – nicht nur in der Karibik. / FLORIAN KESSLER, SZ 20.9. zum 80. Geburtstag Édouard Glissants

 

119. Das archipelische Denken

Ein Besuch bei dem Autor Édouard Glissant auf Martinique

Glissant wehrt sich gegen die Eingemeindungen des Diversen durch den westlichen Universalismus, die er als neue Form von Kolonialismus begreift. Er hat ein “Institut du tout-monde” gegründet und attackiert den Begriff der “frankophonen” Literatur. Mit Kollegen wie Tahar Ben Jelloun, Amin Maalouf und Jean Rouaud fordert er, die Bevormundung der Literatur aus der Pariser Administration als “Francophonie” zu beenden. Die jahrhundertealte Bindung zwischen französischer Sprache und französischer Nation müsse gesprengt werden.

Fünf seiner Romane sind auf Deutsch erschienen, bei dem kleinen Heidelberger Verlag Das Wunderhorn. Sie liegen wie Blei in den Regalen, Leser findet Glissant bei uns kaum. Das ist, trotz der nicht einfachen Übersetzungen, recht bizarr. Denn letztlich schafft Glissant mit der Kreolisierung erfrischende Denkanstöße, auch wenn er gelegentlich ein wenig rosarot malt. “Die Karibik ist, wenn Sie sich die Karte anschauen, eine weiße Zone auf der Karte der Massaker, der Völkermorde, die in der Welt ständig zunehmen. In der Karibik bringt kein Volk ein anderes um.” Es gebe zwar Kriminalität und politische Kämpfe, zum Beispiel auf Kuba, aber eben keine Völkermorde wie in Ruanda. “Es lohnt ja nicht, jemanden umzubringen, weil er anders ist, denn wir sind alle anders. Das hat man in der Karibik verstanden.”

Das klingt dann doch ein wenig blauäugig. Der karibische Raum ist keine rassismusfreie Zone und kein Paradies. In Havanna werden Afrokubaner rassistisch angefeindet, Haiti ist ein Desaster, bei dem die Kreolisierung versagt haben muss, was man nicht ohne weiteres dem Westen anlasten kann. Aber vielleicht ist das “archipelische Denken” einfach eine selten zuversichtliche Perspektive auf die Welt. Denn eigentlich sind wir alle Kreolen. / WERNER BLOCH, SZ 22.10.

Ein paar Gedichte von Glissant gibt es im Atlas der neuen Poesie (Rowohlt 1995) und in der Zeitschrift Lettre international.

 

95. Koloniale Lebenslüge Frankophonie?

44 französischsprachige Schriftsteller, darunter Tahar Ben Jelloun, Édouard Glissant, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Erik Orsenna und Jean Rouaud, haben in der Literaturbeilage von Le Monde am 16.3. ein Manifest gegen die französische Lebenslüge der Frankophonie veröffentlicht. Sie wollen nicht länger als Exoten am Rande gesehen werden. Titel ihres Manifests: “Für eine “Weltliteratur” auf Französisch”. Es beginnt so:

Später wird man vielleicht von einem historischen Augenblick sprechen: Der Prix Goncourt, der Grand Prix du roman (Große Romanpreis) der Académie française, der Renaudot, der Fémina und der Goncourt des lycéens (Goncourt-Preis der Gymnasiasten) gingen im letzten Herbst an Autoren, die nicht in Frankreich leben. Einfacher Zufall, der ausnahmsweise Talente aus der “Peripherie” traf, bevor der Fluß in sein Bett zurückfließt? Wir denken im Gegenteil: kopernikanische Revolution.

Die Idee einer Weltliteratur auf Französisch liege in der Luft, schreibt Radio Canada. Im letzten November sprachen der Franzose Jean Rouaud und der Franko-Kongolese Alain Mabanckou bei einer Veranstaltung in Bamako, Mali über das Thema. Jean Rouaud schrieb: “Die französische Sprache hat die Insel der Stadt verlassen, um einen Archipel zu bilden.”

JOHANNES WILLMS berichtet in der SZ vom 17.3.

Zum Vergleich verweisen sie auf die glücklichen “Kinder des einstigen britischen Imperiums”, die sich längst einen legitimen Platz in der englischsprachigen Literatur erobert hätten, eine Feststellung, die sich kaum bestreiten lässt. Fragt sich also durchaus zu recht, warum den auf Französisch schreibenden Autoren aus Afrika, aus Haiti oder von den Antillen bislang nicht das nämliche Glück beschieden ist wie jenen. Die naheliegende Antwort, die von den Autoren des Manifests gegeben wird, stellt das Konzept der “Francophonie” in Frage. Niemand, so heißt es, spreche oder schreibe “francophon”, alle bedienten sich lediglich des Französischen als Sprache, um die Erfahrungen und Farben ihres je eigenen kulturellen Seins und Erlebens auszudrücken. Die “Francophonie” aber sei der zähe Zuckerguss, der alle Unterschiede verkleistere und damit der restlichen Welt die Existenz der Kultur und Sprache eines bloß virtuellen Landes vorgaukele.

Deshalb gelte es, die Fesseln der “Francophonie”, dieses letzten kolonialen Betrugs aufzusprengen, damit endlich das Französische als eine Weltliteratursprache ins Leben treten, Künstler und Erzähler dem noch immer Unbekannten in der Welt eine Stimme und ein Gesicht geben können.

Frankophonie in L&Poe: 2005 Jun #44. Unsichtbare Literatur; Jun #101. Doppelsprache; Jul #17. Poésie congolaise; Aug #68. Über die frankophonen Literaturen; Nov #51. Kateb Yacine: ein Leben, eine Legende; 2006 Feb #82. Senghor-Jahr; Mrz #20. “Adelf” und afrikanische Spiritualität; Mrz #97. Es gibt sie immer noch; Dez #47. Senghor 1

39. Poetik der Beziehung gesucht

Der Dichter Édouard Glissant aus Martinique rettete mit seiner Eröffnungsrede den – von den Vor-Eröffnungsreden der Offiziellen arg belasteten – Beginn des Internationalen Literaturfestivals Berlin, meint die taz vom 7.9.:

Ein “Lob der Unterschiedlichkeiten und der Differenz” wollte Glissants Ansprache sein, und er trug dieses Lob der Unterschiedlichkeiten sitzend vor, mit einer Stimme, die brüchig war und die immer wieder verloren zu gehen drohte (am Tag drauf wurde bekannt, dass er nach dem Auftritt mit einem Schwächeanfall ins Krankenhaus gehen musste) -, aber die gerade dadurch eine Aufmerksamkeit forderte und auch erhielt, die nach den Grußworten vorher schon ganz unwahrscheinlich geworden war. In Édouard Glissants Rede war der vorher so heftig formulierte politische Anspruch des Literaturfestivals auf eine sehr zurückhaltende Art und Weise eingelöst – womöglich einfach dadurch, dass diese Rede so dicht war und dass sie trotz ihres poetischen Gehaltes ohne viel Worte auszukommen schien.

Einen Mangel an Schönheit in der Welt konstatierte Glissant, und er definierte die Schönheit ausgehend von der Spannung, die aus den Unterschiedlichkeiten und der Differenz resultiere. Dieses Bewusstsein für die Unterschiedlichkeiten ist nun bei Glissant ebenso politisch wie poetisch zu verstehen – und deshalb konnte er davon ausgehend auch ebenso auf die afrikanischen Einwanderer vor den Toren Spaniens und Europas zu sprechen kommen wie auf das Wesen der Kunst, die ein “Streben hin zur Realisierung der Menge an Differenzen auf der Welt” sei. Eine “Politik der Beziehung” forderte er ebenso wie eine “Poetik der Beziehung” – allerdings müsse beides erst noch erfunden werden. Der Anspruch aber, den Glissant mit seiner Parallelisierung von Politik und Poetik formuliert, überzeugte schließlich weit mehr als die vollmundigen “Links von der Mitte”-Bekundungen von Ulrich Schreiber zuvor. / Anne Kraume