Lyrikzeitung & Poetry News

23. Mai 2012

82. Modern und radikal

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SPIEGEL ONLINE: Herr Greenblatt, Ihr Buch beschreibt die radikale Weltsicht des antiken römischen Dichters Lukrez, der im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung viele moderne Gedanken formulierte: Die Welt besteht aus Atomen, es gibt kein Leben nach dem Tod, falls es Götter gibt, wären ihnen die Menschen egal. Gab es so etwas wie eine antike Aufklärung?

Greenblatt: Lukrez ist einerseits sehr modern, aber sein Gedicht “Über die Natur” hat vor allem eine unglaubliche Kraft und Schönheit, deshalb ist es noch heute aktuell. In den ersten Versen besingt er zum Beispiel trotz seines atheistischen Weltbilds die Göttin Venus. Aber das ist wohl eher eine Metapher für das Erotische, für die Triebe, die der Mensch mit den anderen Tieren teilt, für die Fortpflanzung und das Leben an sich. / Spiegel

16. Dezember 2011

62. Büchlein ohne Schwanz

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Einer der grössten literarischen Küsser, die die Sprache je hervorgebracht hat, scheint jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Als Dichter, Maler und Bildhauer verkörperte er das Renaissance-Ideal eines uomo universale und sorgte mit einem Gedichtzyklus für einen Klassiker der erotischen Literatur des 16. Jahrhunderts: Johannes Secundus. In diesem Jahr wird sein 500. Geburtstag gefeiert. …

Jede Erschütterung des Ichs zeichnet er auf, wechselt gemäss der Anzahl der Gedichte neunzehn Mal kunstvoll das Metrum. Dadurch lädt er seine Verse mit ungeheurer Lebendigkeit auf, die modern anmutet – und unverhofft für Aktualität sorgt. In einem der Gedichte erklärt Secundus seine «Basia» kurzerhand zu Keuschgebieten: Nur ums Küssen gehe es ihm, also verschwindet, ihr Unanständigen, ruft er seinem Publikum zu und preist einen Atemzug weiter die Sittsamkeit seiner Geliebten, «die ganz sicher ein Büchlein ohne Schwanz lieber will als einen Dichter ohne Schwanz». So leicht ist der Voyeurismus des Publikums enttarnt. Darauf verstand sich schon Catull, Secundus steht dem Römer in nichts nach. / Christoph W. Bauer, NZZ

24. September 2011

117. Mystische Irritationen

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Man findet eine Lyrik von Gottesliebe und von Gottes Liebe nicht nur bei Johannes Klimakos, sondern auch beim heiligen Bernhard von Clairvaux (1090 bis 1153), der ein wahres Liebesleben der bräutlichen Menschenseele mit dem Bräutigam Christus besang («O Liebe, unaufhaltsam, heftig, flammend, ungestüm . . .»). Zudem war Bernhard Ordensgründer, Kirchenpolitiker und Prediger für den Zweiten Kreuzzug, Letzteres flammend und heftig – es sind im Museum Rietberg eben auch ein paar mystische Irritationen auszuhalten. / Christoph Schneider, Tages-Anzeiger

20. September 2011

101. Klassischer Rimbaud

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Eine neue zweisprachige Ausgabe der Gedichte Arthur Rimbauds enthält fünf Lateinische Gedichte, die in früheren Ausgaben als Juvenilia weggelassen wurden. Der Band “Rimbaud: The Poems” wird herausgegeben von Oliver Bernard, dessen Übersetzung von 1962 zum Klassiker wurde. Die Neuausgabe enthält 5 Gedichte, die Rimbaud mit 14 Jahren schrieb, 3 auf Latein geschriebene und 2 aus dem Französischen ins Latein übersetzte. Unter letzteren ist “L’ange et l’enfant” (Der Engel und das Kind), eine frühe Fassung des Gedichts “Les Etrennes Des Orphelins” (Die Neujahrsgeschenke der Waisen).*)

Bernard kehrt nach fast 5 Jahrzehnten zu Rimbaud zurück. Die Ausgabe von 1962 war bei Penguin erschienen, die neue kommt bei Anvil Poetry Press. Bernard glaubt, daß die frühen Texte für Rimbauds Leser von Interesse sind, weil sie seine frühesten Erfahrungen mit Form und Grammatik darstellen. “Es scheint mir eine für die europäische Lyrik interessante Frage, wie viele Dichter in der Schule Latein gelernt haben, von Chaucer und Rabelais bis Auden, Housman und Baudelaire, und wie das ihre Syntax beeinflußte, Klarheit und Dichte ihres Stils.”

Peter Jay, Gründer von Anvil, meint, daß es immer noch einen Markt für zweisprachige Ausgaben gebe. “Penguin scheint sich für Übersetzungen entschieden zu haben”, sagte er. “Als Lyrikverleger und Übersetzer finde ich das in Ordnung, aber diese Art zweisprachiger Ausgaben mit einer Prosaübersetzung unten auf der Seite haben auch ihren Platz.”

Anvil bereitet eine Baudelaireausgabe im gleichen Format vor. “So kann man mit Grundkenntnissen einer Fremdsprache das Original lesen, ohne ständig zu Wörterbüchern greifen zu müssen.” / Matthew Bell, The Independent 18.9.

* mit dem die üblichen Ausgaben seiner “sämtlichen” Werke beginnen.

 

 

9. September 2011

42. “eyn lustlich walt”

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Alle Texte und Melodien sollen neu ediert, übersetzt, kommentiert und in die Überlieferungsgeschichte der Lyrik des deutschsprachigen Spätmittelalters eingeordnet werden. Das ist eine Lebensaufgabe.

Das Rostocker Liederbuch sei das wichtigste norddeutsche Dokument der anonymen Liederbuchlyrik des 15. Jahrhunderts, sagt Holznagel. Das unscheinbar wirkende handschriftlich verfasste Heftchen enthält 60 Liedtexte in niederdeutscher, hochdeutscher und lateinischer Sprache. Gerade Lyrik im Niederdeutschen wurde lange Zeit nur mündlich überliefert. Die Eliten fingen im 15. Jahrhundert an Hochdeutsch zu sprechen, so dass das Niederdeutsche zunehmend ins Hintertreffen geriet, wie der Germanist erklärt.

Das Liederbuch sei einer der wichtigsten Schätze der Rostocker Universitätsbibliothek, sagt Holznagel. …

‘Es ist einfach großartig’, schwärmt Holznagel, ‘damit haben wir unmittelbaren Zugriff auf eigene Geschichte und Kultur’. Das Liederbuch sei ein buntes Sammelsurium. Es reiche von lateinischen Liedern, die die Gottesmutter verehren, bis hin zu Zoten, von politischen Texten zu studentischen Trinkliedern. Witz- und Necklieder sowie Klagelieder wechseln sich ab.

Auch das älteste niederdeutsche Weihnachtslied findet sich in dem Kompendium. Das hat den Titel ’Eyn hillich dach und eyn hilch nacht’ (‘Ein heiliger Tag und eine heilige Nacht’). Ein klassisches Liebeslied heißt zum Beispiel ‘Amor ist eyn lustlich walt‘ (‘Die Liebe ist eine lustbringende Gewalt’)… / ad-hoc.news

16. August 2011

73. 2 Arten von Dichtern

(Lyikwiki Labor)

Nach der Begabung unterscheidet Scaliger 2 Arten von Dichtern. “Daß sie sich durch ihre Begabung unterscheiden, sagen sowohl Platon als auch Aristoteles. Die einen würden nämlich als solche geboren, die anderen dagegen, von Geburt unempfindlich oder gar roh und ungeeignet, würden von Raserei erfaßt und so von der gemeinen Sinnenwelt abgezogen; dies sei Götterwerk, und die Götter bedienten sich ihrer als Diener.” [1]

Deshalb nenne Platon sie im “Ion” “Mittler” und Diener der Götter. [2] Scaliger betont, daß dies Platons Aussagen im “Staat” über die Dichter, die keinen Platz im Staat haben, weil sie lügen, relativiere. Wenn Platon einige Schriften der Dichter verdamme, brauche man deswegen nicht auf die übrigen zu verzichten, die Platon selbst häufig zitiert. [3] Die Dichter riefen also die Musen an, “damit sie von Raserei erfüllt vollbringen, was ihre Aufgabe ist.” A.a.O. Von diesen “Gottbegeisterten” habe er 2 Arten festgestellt. “Der ersten kommt jene göttliche Kraft vom Himmel herab von selbst und unvermutet zu Hilfe, oder einfach auf einen Anruf hin…” [4] Er erwähnt auch, daß Hesiod sich selbst zu dieser Gruppe zähle. [5] Homer aber werde allgemein ebenfalls dazugezählt.

“Die zweite Art schärfen die Ausdünstungen des Weines, die die Werkzeuge der Seele und den Geist selbst von den stofflichen Teilen des Körpers hinwegziehen. Als solchen bezeichnet Horaz Ennius [6]; als solchen bezeichnen wir Horaz. Über Alkaios und Aristophanes ist dasselbe überliefert. Auch Alkman war von dieser üblen Nachrede nicht frei, und selbst Sophokles hat es dem Aischylos vorgeworfen.” [7]: ‘Der Wein’, sagte er, ‘nicht er selbst sei der Verfasser seiner Tragödien”[8]. [9]
Quelle:

  • Iulius Caesar Scaliger: Poetices libri septem. Sieben Bücher über die Dichtkunst. Hrsg. Luc Deitz und Gregor Vogt-Spira. Band I. Bücher 1 und 2. Stuttgart-Bad Cannstatt 1994. Erstes Buch (“Historicus”), Kap. 2: Der Name “Dichter”, die Herkunft der Dichtung, sowie die Wirk-, Form- und Stoffursache. S. 73-91.

Zitate

  • [1] Scaliger, a.a.O. S. 83
  • [2] Platon, Ion 534 c-e
  • [3] Außerdem zitiere Platon auch häufig “dumme und niedrige Geschichten”: “Es wäre auf jeden Fall richtig gewesen, das ‘Symposion’ und den ‘Phaidros’ und andere solche Ungeheuerlichkeiten nie zu lesen.” A.a.O. S. 83.
  • [4] A.a.O. S. 85
  • [5] In der Theogonie, Vers 22-34, erzählt Hesiod, wie die Musen ihn persönlich unterrichten. Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer, Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 2. Aufl. 1965, S. 3f.
  • [6] Vgl. Horaz, Episteln 1, 19,7.
  • [7] Vgl. Athenaios 10, 428f-429b. “Alkman” ist ein Versehen Sc.s; gemeint ist Anakreon (429b) (Anm. der Buchausgabe)
  • [8] Scaliger, a.a.O. S. 85.

7. Juni 2011

30. Centogedichte

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Texte, die nur aus Zitaten anderer Texte bestehen, nennt man meist Plagiate. Viele Forscher lehnen auch die lateinische Centodichtung der Spätantike – Cento bedeutet Flickenteppich – als literarisch wertlos ab. Doch in den letzten Jahren nahm das Interesse an Centopoesie zu, und eine Dissertation der Universität Gothenburg in Schweden hat jüngst gezeigt, daß diese Gedichte innovativ sein und zu denken geben können.

Sara Ehrling untersuchte zwei Centos, die nur aus Zitaten Vergils zusammengesetzt sind, eines der berühmtesten Dichter der Römer, der u.a. die Äneide schrieb. Die beiden Texte sind Hochzeitsgedichte, eins stammt von Ausonius aus dem späten 4. Jahrhundert und das andere von Luxorius 100 Jahre später. Es zeigt sich, daß man im Cento eine Quelle für eigene Zwecke nutzen kann. / eurekalert.org

John Lemprières “Classical Dictionary” von 1788 (Reprint 1994 nach der revidierten Ausgabe von 1850) schreibt über Ausonius Decimus Magnus:

ein Dichter, der im 4. Jahrhundert in Bordeaux in Gallien als Sohn des Julius Ausonius geboren wurde, (…) Sein Werk besteht aus Epigrammen teilweise nach griechischen Vorlagen, aus Grabinschriften (parentalia) auf Freunde und Verwandte, Idyllen, Grabschriften auf die Helden des Trojanischen Krieges, poetischen Episteln usw. Er verfaßte auch die consular fasti (Konsullisten) Roms, ein nützliches, heute verlorenes Werk. Manche vermuten, daß er zum Christentum übertrat; aber das erscheint zweifelhaft. Sein Stil ist manchmal obszön, und seine ausschweifenden Verse, die er aus neu zusammengesetzten Textstellen Vergils komponierte, stigmatisieren sein Andenken auf ewig. (…)

Hier eine Werkausgabe Lateinisch-Englisch von 1919 (Pdf, die Volltextversion sehr fehlerhaft)

16. April 2011

74. Splitter

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Zu einem Lyriklexikon, wie es mir vorschwebt, gehören nicht nur “seriöse” lexikalische Artikel, sondern unbedingt Splitter, poetologische Gedichte oder Gedichtstellen, Aphorismen pp. Auch auf die Gefahr der Uferlosigkeit: die braucht man im Wiki nicht zu fürchten. Hunderte Aphorismen von Novalis? Na und, sie fressen kein Brot und lassen sich durch Verschlagwortung auffinden, wenn man sie braucht.

Ich experimentiere mit der Lexikonform. Habe gerade einen Splitter verfaßt (und hoffe jetzt und in Zukunft auf die Meinung und Mitarbeit der Lesenden).

Gestern (Mandelstam)

Oft bekommt man zu hören: Das ist gut, aber das ist von gestern. Ich dagegen sage: Das Gestern ist noch gar nicht geboren. Das gab es noch gar nicht richtig. Mich verlangt es wieder nach Ovid, Puschkin, Catull, und der historische Ovid, Puschkin, Catull befriedigt mich nicht. (…) Catulls silberne Trompete:
Ad claras Asiae volemus urbes*
quält und beunruhigt stärker als alle futuristischen Rätsel. Das gibt es nicht auf Russisch. Aber das müßte es doch auf Russisch geben.

Ossip Mandelstam, Über Dichtung. Essays. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer 1991, S. 11f.

  • ) Asia: Kleinasien samt den vorgelagerten Inseln. Volemus,von volare, “fliegen” im Sinne von schnell reisen

Carl Fischer: Flieg zu Asiens hochberühmten Städten! In: Catullus, Sämtliche Gedichte. lateinisch und deutsch. München: dtv 1987, S. 55.

15. April 2011

70. Bauernjunge aus Mantua

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Dieser Bauernjunge aus der Gegend von Mantua, immer ein wenig kränkelnd und sich deswegen der Rhetorik und den Wissenschaften widmend, hat zuerst wunderbare Lyrik geschrieben, die der Natur verbunden war. Er kam ja vom Land. Im 4. Gesang seiner Hirtengedichte zum Beispiel hat er die Geburt eines Kindes beschworen, was beim Lesen der Zeilen in späterer Zeit den Eindruck erwecken konnte, hier sei bereits ein christlicher Dichter am Werk. Vielfach wurde er somit falsch eingereiht und manipuliert. / Klaus Grunenberg

1. September 2010

3. Lyrikbibliothek

Eine gute Idee kommt aus Großbritannien: Die Poetry Library Collection bietet kostenlose Volltextarchive britischer Lyrikzeitschriften des 20. und 21. Jahrhunderts. Eine stetig anwachsende Liste (s. unten).

Hier aus diesem Fundus 26 brasilianische Gedichte.

Modern Poetry in  Translation bringt in Heft 3 / 2005 ein Dossier Achmatowa übersetzen sowie ‘Twenty-one glosses on poems from The Greek Anthology’ von Neil Philip  und Gedichte von Giuseppe Belli, Raymond Queneau, Friedrich Hölderlin, Ovid, Dante, Ingeborg Bachmann, Alejandra Pizarnik und vielen anderen.

“Hälfte des Lebens” heißt auf Schottisch “Hauf o Life”:

Hauf o Life

Bien wi yella pears, fu
o wild roses, the braes
fa intil the loch;
ye mensefu’ swans,
drunk wi kisses
dook yir heids
i the douce, the hailie watter.

But whaur, when winter’s wi us
will ah fin flo’ers;
whaur the shadda
an sunlicht o the yird?
Dumbfounert, the wa’s staun;
the cauld blast
claitters the wethervanes.

Translated by Kathleen Jamie

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