Kategorie: Ungarn
97. Mit Lyrik gegen die Krise in Ungarn
Wider die rhetorische Verwilderung – mit Lyrik gegen die Krise in Ungarn
Es war ein Gedicht, das die Ungarn aufrüttelte: István Keménys „Abschiedsbrief“ aus dem Jahr 2011 bewegte Bevölkerung und literarische Szene gleichermaßen. Das Gedicht veränderte das Verhältnis von Dichtung und Politik: der politische Diskurs in Ungarn findet jetzt über und mit Poesie statt – ein in Europa wohl einzigartiges Phänomen. Am 9.6.2013 widmet sich das poesiefestival berlin in Lesung, Gespräch und Konzert der Krise in Ungarn und der Rolle der Poesie in ihr. Mit dabei in der Akademie der Künste sind u.a. die Autoren Szilárd Borbély, István Kemény, Petra Szőcs und Péter Závada, der Performance-Künstler Tibor Szemző und der Singer-Songwriter Zoltán Beck.
Die politische Rhetorik in Ungarn ist verhärtet, die Lyrik bietet einen Freiraum zur Debatte. Poesie-Lesungen sind politischer und radikaler geworden, bei Demonstrationen werden Gedichte auf Handzetteln verteilt, bissige Aphorismen und prägnante Couplets werden getwittert und gepostet.
In dem Gedicht „Abschiedsbrief“ nahm Kemény Abschied von einem Land, das nach dem Ende des Staatssozialismus keine demokratische Stabilität gefunden hat und stattdessen zunehmend autoritäre Züge annimmt. Immer wieder hinterfragt er die Rolle des Dichters in diesen Zeiten. Szilárd Borbély trauert in seiner Lyrik über die ermordeten Roma. Ein Politikum, denn die Pogrome der Neo-Nazis werden nach wie vor nicht öffentlich diskutiert. Der Singer-Songwriter Zoltán Beck verbindet Musik und Dichtkunst und eröffnet ihr so weitere Verbreitungskanäle – in Ungarn wird wieder erlebt, was das gedichtete Wort vermag.
Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.
7.- 15. Juni 2013
14. poesiefestival berlin
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
So 9.6.2013, 18.00 Uhr
Warum und wie ist die zeitgenössische Lyrik politisch?
Poesiegespräch mit Szilárd Borbély (Autor, Debrecen), Orsolya Kalász (Autorin, Berlin), Dóra Péczely (Lektorin, Budapest)
Moderation: Wilhelm Droste (Literaturwissenschaftler, Ungarn)
So 9.6.2013, 20.00 Uhr
„Die Ruinen sind genauso wie die Rose“
Zweisprachige Lyriklesung mit Szilárd Borbély, István Kemény, Petra Szőcs, Péter Závada und Singer-Songwriter Zoltán Beck
Moderation: Can Togay, Leiter des Collegium Hungaricum Berlin
So 9.6.2013, 22.00 Uhr
Multimedia-Performance: „Tractatus“
Eine Kammerkomposition zu Ludwig Wittgensteins „Tractatus Logico-Philosophicus“ von Tibor Szemző
So 9.6.2013, 23.00 Uhr
Konzert: Presszó Tangó Libidó
Die Literaturwerkstatt Berlin führt eine Kampagne zur Gründung eines Deutschen Zentrums für Poesie. Dieses Poesiezentrum wird Informations-, Arbeits-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Dichterinnen und Dichter sein, für die interessierte Öffentlichkeit aller Altersstufen, für Verleger, für Lernende und Lehrende, für Medien und Multiplikatoren aus dem In- und Ausland. Weitere Informationen unter www.poesiezentrum.de
Für Rückfragen und Informationen:
Boris Nitzsche & Jutta Büchter Presse/ÖA,
Literaturwerkstatt Berlin, Tel: 030. 48 52 45 25
www.literaturwerkstatt.org
52. Liste
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012
Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.
Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.
Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.
Unter den 9 von den 11 Juroren genannten Titeln (Derek Walcotts Buch wurde dreimal nominiert) sind 3 deutsche, darunter 2 von Autoren der Gegenwart: Bertram Reinecke und Kerstin Preiwuß.
Empfehlungen
Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012
(Begründungen der Juroren in der angehängten Pdf)
Michael Braun:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Heinrich Detering:
- Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.
Maria Gazzetti:
- Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.
Ursula Haeusgen:
- István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.
Harald Hartung:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Florian Kessler:
- Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.
Michael Krüger:
- Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.
Kristina Maidt-Zinke:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Monika Rinck:
- Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.
Daniela Strigl:
- Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.
Jan Wagner:
- Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.
57. Abgelehnt
Das ehrgeizige Projekt des ehemaligen ungarischen Staatssekretärs für Kultur Géza Szőcs, als Vorsitzender des ungarischen P.E.N.-Clubs “eine Art Nobelpreis für Lyrik” zu schaffen (mno/mti), hat jetzt mit einem Fiasko begonnen.
Géza Szőcs, Schriftsteller und Mai 2010-Juni 2012 Staatssekretär für “Kultur und nationales Kulturerbe” der Orbán-Regierung, wurde im Dezember 2011 zum Vorsitzenden des ungarischen P.E.N.-Clubs gewählt; der von diesem im Februar 2012 auf Szőcs’ Initiative ausgeschriebene und mit ca. 50 000 EUR dotierte Internationale Janus Pannonius-Preis für Lyrik (Janus Pannonius International Poetry Prize) wurde nun zum ersten Mal verliehen. Die Wahl der Jury fiel auf den amerikanischen Schriftsteller und Dichter der Beat-Generation Lawrence Ferlinghetti (*1919).
Doch Ferlinghetti hat den Preis jetzt zurückgewiesen. Dies begründete er in einem Schreiben an Szőcs mit der Beschneidung der freien Meinungsäußerung und bürgerlicher Freiheitsrechte durch die Orbán-Regierung (…)
Mit deutschen und englischen Passagen aus dem Brief Ferlinghettis und einem Kommentar von György Dalos bei Pusztaranger
3. Ungarns Freigeist
Ungarns Ministerpräsident spräche (könnten sie lesen) auch deutschen Rechten aus der Seele: “Wir sind von Geburt an stolz darauf, zur Gemeinschaft der Ungarn zu gehören.” (Hier)*
Auch Ungarn hat seine Probleme mit Freigeistern und nationalistischen [also offenbar schlechten, M.G.] Lyrikern:
Der für “Kultur und nationales Kulturerbe” zuständige Staatssekretär, de facto Kulturminister, Géza Szőcs, ist am Mittwoch “auf eigenen Wunsch” zurückgetreten, Premier Orbán “akzeptierte das Rücktrittsgesuch”, so die offizielle Verlautbarung, und bat Szőcs zukünftig als kultureller Chefberater des Regierungschefs tätig zu bleiben, womit Orbán sein informelles Schattenkabinett weiter vergrößert. Szőcs zog selbstredend eine positive Bilanz seiner zweijährigen Tätigkeit, “viel wurde erreicht”, vor allem die kulturelle Präsentation seines Landes während der EU-Ratspräsidentschaft und in “der Phase der brutalen Angriffe” gegen Ungarn, hätten positiven Effekt (Trianon-Teppich, Pálinka-Automat für EU-Parlamentarier?) für das Land gemacht, so Szőcs in seiner Rücktrittserklärung.
Szőcs spielt sich in seiner vor Selbstzufriedenheit geradezu triefenden Abtrittserklärung zum Freiheitskämpfer für die Bedrängten auf. Er hätte sich für den Erhalt der vom Abriss bedrohten Attila József Statue eingesetzt ebenso wie er “beschuldigte Philosophen” in Schutz genommen habe (siehe Budais Philosophenhatz). Er habe dargestellt, dass die literarische Tätigkeit des István Csurka (ein kürzlich verstorbener Naziführer) von seiner dramatischen [sic] zu trennen sei, wie er auch würdigt, dass Siebenbürgen (Szőcs` Heimat) einmal eine namhafte Rolle im Werk von Tamás Gáspár Miklós (kommunistischer Philosoph und Autor) gespielt hat. Er habe nicht den Direktor des Nationaltheaters ausgetauscht (ein schwuler Linker, heftigst befehdet von der Rechten), als dies gefordert wurde, er sehe aber auch im Werk von József Nyirö (antisemitischer Politiker der 40er aus Siebenbürgen, Blut-und-Boden-Schriftsteller, dessen neulich geplante Urnenüberführung zu heftigem Streit mit Rumänien führte) nicht die Spur von “hasserfüllten oder inhumanen Worten”. In diesem Sinne sei er ein Freidenker gewesen und geblieben. / Pester Lloyd
Die Zeitung erklärt:
Szőcs` Ablösung stand mit dem Antritt von Zoltán Balog als neuem Minister für “Human Ressources” (Bildung, Gesundheit, Soziales, Kultur, Sport, Jugend) eigentlich fest. Dieser will sich nach und nach eine eigene Mannschaft bilden, nächste auf der Streichliste ist Bildungsstaatssekretärin Hoffmann (vermutlich geht sie im Herbst, wenn das Bildungspaket durchgepeitscht wurde). Szőcs, ein Lyriker aus Siebenbürgen, der sich als Radio Free Europe- Aktivist und Dissident in Rumänien einen Namen machte, dessen Führungsstil wir aber aus erster Hand als nachtragend, rechthaberisch und kleingeistig erleben durften, war zwar auf Linie, aber vor allem administrativ vollkommen überfordert. Bereits im Januar 2011 schmiss sein Stellvertreter, Márton Kálnoki-Gyöngyössy, entnervt hin. Szőcs ist mit der Orbán-Familie, besonders Frau Orbán, gut befreundet, was die Berufung zum “Cheberater” erklären hilft.
*) Hinweis für Deutsche: bevor Sie das Zitat gebrauchen, sollten Sie das zu Ändernde ändern, sonst wirds leicht komisch
!
Die österreichische Presse fragte den Ministerpräsidenten zur Affäre um den ungarischen Dichter und Nazi-Politiker József Nyirö, der im Exil in Franco-Spanien starb und dessen “sterbliche Überreste”, wie man so sagt, jüngst in ungaro-rumänischer Erde bestattet werden sollten:
Unlängst wurden die sterblichen Überreste des ungarischen Dichters Jozsef Nyirö in einer sehr umstrittenen Aktion nach Rumänien gebracht, um dort bestattet zu werden. Er war ein Mitglied des nationalsozialistischen Pfeilkreuzler-Parlaments in der Szalasi-Ära. Und Ihr Parteifreund, Parlamentspräsident Laszlo Köver machte sich auf die Reise, um Nyirö umzubetten. Rumäniens Premier erwägt, Köver deshalb zur persona non grata zu erklären. Warum diese Provokationen?
Warum müssen Pietätsfragen mit politischen Fragen verwechselt werden? Wenn man jemanden beerdigen möchte, dann wird er beerdigt. Es ist für mich verwunderlich, dass das in Rumänien eine politische Frage ist.
Natürlich ist das ein hochsymbolischer politischer Akt, wenn Ungarns Parlamentspräsident eine solche Umbettung unterstützt.
Da widerspreche ich heftig. Vor Kurzem fand eine kleine Gedächtnisfeier für den kommunistischen Diktator Janos Kadar statt. Ich war natürlich nicht dort, aber es war ein Akt der Pietät, die Feier nicht zu untersagen. Die Argumentation bringt uns in Richtung homo sovieticus. Ich lehne jeden Diskurs ab, der das Privatleben von Menschen überpolitisieren will.
120. Ady-Sound
Den Ady-Sound kennt in Ungarn jedes Schulkind: diese unverwechselbare Mischung aus Klage und Anklage, Sehnsucht und Provokation, Lied und Leid, gebannt in suggestive, melodiöse Verse, deren Magie sich insistenten Wiederholungen und einem zugleich eingängigen und eigenwilligen Wortschatz verdankt. Ob Ady über Liebe oder Einsamkeit, über Heimat oder Tod, über Gottsuche oder Armut dichtet, immer geschieht es aus einer Dringlichkeit, die sich dem Leser fast physisch mitteilt. Das lyrische Ich lässt keinen Zweifel an seiner (meist prekären) Befindlichkeit, an seinem Anliegen (das politische und andere Kritik mit einschliesst), vor allem aber sind es Ton und Ausdruck, die in ihrer Intensität sofort gefangen nehmen. Ady analysiert nicht, er beschwört, und zwar in einer Weise, dass man sich dem Zauber seiner Träume und Albträume nicht entziehen kann. …
Mit dem (zweisprachigen) Band «Gib mir deine Augen» offeriert er nicht nur einen repräsentativen Querschnitt durch Adys Werk, sondern bringt die Gedichte so zum Schwingen und Klingen, dass sich das Phänomen Ady erschliesst. Reime, Wortwiederholungen, volksliedhafte Anklänge werden bewahrt, ohne dass daraus Enge und Schwülstigkeit entstehen; die komplexe Direktheit des Modernisten spricht unmittelbar an. / Ilma Rakusa, NZZ 17.3.
Endre Ady: Gib mir deine Augen. Gedichte Ungarisch/Deutsch. Übertragen und herausgegeben von Wilhelm Droste. Arco-Verlag, Wuppertal 2011. 286 S., Fr. 39.–.
116. Niech żyje*
Entgegen des angestammten Images verstaubter Lyrik von Petöfi, Ady, Márai und Co hat es sich eine junge Generation von Poetry Slamern zur Aufgabe gemacht, die Kunst des Dichtens dem jungen Publikum wieder schmackhaft zu machen und jenseits von sturem rezitieren, der Poesie Leben einzuhauchen. / Pester Lloyd
Auch die Ungarn also…
*) Niech żyje ist nicht Ungarisch, sondern Polnisch und heißt: Es lebe! Der Slam soll leben, und die Lyrik irgendwo daneben!
75. Platz für Lyrik
Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker, war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.
Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik “Kleine Sprachen – Große Literaturen” lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!
Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das “Café Europa”. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die “Störung” dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt “Tranzyt” und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.
Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.
Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel “UV – die Lesung der unabhängigen Verlage” genießen, zu Beginn lasen unten im “Café” Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im “Saal” DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte “Industriebier” ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.
86. „Worte haben Muskeln“
Gahse verließ Ungarn mit ihren Eltern 1956. Zehn Jahre war sie damals alt. Sie liebt die ungarische Sprache, die ungarische Lyrik und bedauert die mangelnde Sprachforschung in Ungarn. Ihr eigenes Denken aber geschieht in deutscher Sprache, ihre plastischen, kraftvollen Bilder entstehen in deutschen Worten. „Worte haben Muskeln“, empfindet Gahse. Und die Donau? „Sie ist das gute Rückgrat Europas.“ / Augsburger Allgemeine
46. “Politische Lyrik = nicht borniert”*
Da ich leider nicht Ungarisch kann, kupfer ich beim lieben Perlentaucher ab:
In literarischen Zeitschriften Ungarns findet seit einigen Monaten eine Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft des politischen Gedichts statt. Die meisten ungarischen Autoren hatten sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten von politischen Themen abgewendet. Dennoch sieht der Kritiker Sandor Bazsanyi einen Ausgangspunkt für die politische Dichtung: “Nach meiner für den persönlichen Gebrauch formulierten Auffassung von politischen Gedichten sprechen diese gegenüber der jeweiligen Gemeinschaft die im ‘hier und jetzt’ gegebene Situation an, und dabei sollten sie, wovon sie sprechen, mit möglichst direkten Mitteln, also so genau wie möglich, gar leidenschaftlich beim Namen nennen. [...] Und so sollte nach meiner Ansicht die ungarische politische Dichtung von heute sein: Bildhaft,aber nicht kosmologisch; direkt, aber nicht propagandistisch; gewichtig, aber nicht ideologisch; und vor allem: leidenschaftlich, aber nicht borniert.”
Elet es Irodalom (Ungarn), 06.01.2012
Lyrikrelevant dort auch The Economist (Großbritannien), Guernica (USA) und Poetry Foundation (USA).
*) Irgendwie muß sie sich ja von der Politik absetzen.
122. Gestorben
Der ungarische Dichter János Csokits, der im Alter von 83 Jahren starb, wird für immer eher als Ko-Übersetzer der ungarischen Dichters János Pilinszky zusammen mit Ted Hughes bekannt sein. [schreibt der Guardian und meint Britain]. Darin ähnelt er Edward Fitzgerald, dessen Verse weithin vergessen sind, während seine kongeniale Übersetzung des Rubaiyat von Omar Khayyam im literarischen Gedächtnis lebt. [Auch der Vergleich mit Fitzgerald wirft die Frage auf, ob es im Ungarischen ebenso ist und: ob man jemanden "vergessen" kann, den man noch gar nicht zur Kenntnis genommen hat].
Csokits wurde in Budapest geboren und begann 1946 ein Jurastudium in Budapest, das er nicht beenden konnte, weil er das Land im Frühjahr 1949 nach der kommunistischen Machtübernahme verließ. Ab 1950 lebte er in Paris, später arbeitete er bei Radio Free Europe in München und bei der BBC in London. 1986 ging er nach Andorra und kehrte kurz nach der Wende von 1989 nach Ungarn zurück. / George Gomori, Guardian 22.9.