Lyrikzeitung & Poetry News

27. März 2012

120. Ady-Sound

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Den Ady-Sound kennt in Ungarn jedes Schulkind: diese unverwechselbare Mischung aus Klage und Anklage, Sehnsucht und Provokation, Lied und Leid, gebannt in suggestive, melodiöse Verse, deren Magie sich insistenten Wiederholungen und einem zugleich eingängigen und eigenwilligen Wortschatz verdankt. Ob Ady über Liebe oder Einsamkeit, über Heimat oder Tod, über Gottsuche oder Armut dichtet, immer geschieht es aus einer Dringlichkeit, die sich dem Leser fast physisch mitteilt. Das lyrische Ich lässt keinen Zweifel an seiner (meist prekären) Befindlichkeit, an seinem Anliegen (das politische und andere Kritik mit einschliesst), vor allem aber sind es Ton und Ausdruck, die in ihrer Intensität sofort gefangen nehmen. Ady analysiert nicht, er beschwört, und zwar in einer Weise, dass man sich dem Zauber seiner Träume und Albträume nicht entziehen kann. …

Mit dem (zweisprachigen) Band «Gib mir deine Augen» offeriert er nicht nur einen repräsentativen Querschnitt durch Adys Werk, sondern bringt die Gedichte so zum Schwingen und Klingen, dass sich das Phänomen Ady erschliesst. Reime, Wortwiederholungen, volksliedhafte Anklänge werden bewahrt, ohne dass daraus Enge und Schwülstigkeit entstehen; die komplexe Direktheit des Modernisten spricht unmittelbar an. / Ilma Rakusa, NZZ 17.3.

Endre Ady: Gib mir deine Augen. Gedichte Ungarisch/Deutsch. Übertragen und herausgegeben von Wilhelm Droste. Arco-Verlag, Wuppertal 2011. 286 S., Fr. 39.–.

26. März 2012

116. Niech żyje*

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Entgegen des angestammten Images verstaubter Lyrik von Petöfi, Ady, Márai und Co hat es sich eine junge Generation von Poetry Slamern zur Aufgabe gemacht, die Kunst des Dichtens dem jungen Publikum wieder schmackhaft zu machen und jenseits von sturem rezitieren, der Poesie Leben einzuhauchen. / Pester Lloyd

Auch die Ungarn also…

*) Niech żyje ist nicht Ungarisch, sondern Polnisch und heißt: Es lebe! Der Slam soll leben, und die Lyrik irgendwo daneben!

17. März 2012

75. Platz für Lyrik

Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker,  war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.

Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik “Kleine Sprachen – Große Literaturen” lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!

Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das “Café Europa”. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die “Störung” dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt “Tranzyt” und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.

Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.

Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel “UV – die Lesung der unabhängigen Verlage” genießen, zu Beginn lasen unten im “Café” Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im “Saal” DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte “Industriebier” ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.

22. Januar 2012

86. „Worte haben Muskeln“

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Ungarn — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 14:25

Gahse verließ Ungarn mit ihren Eltern 1956. Zehn Jahre war sie damals alt. Sie liebt die ungarische Sprache, die ungarische Lyrik und bedauert die mangelnde Sprachforschung in Ungarn. Ihr eigenes Denken aber geschieht in deutscher Sprache, ihre plastischen, kraftvollen Bilder entstehen in deutschen Worten. „Worte haben Muskeln“, empfindet Gahse. Und die Donau? „Sie ist das gute Rückgrat Europas.“ / Augsburger Allgemeine

11. Januar 2012

46. “Politische Lyrik = nicht borniert”*

Einsortiert unter: Ungarn — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 15:02

Da ich leider nicht Ungarisch kann, kupfer ich beim lieben Perlentaucher ab:

In literarischen Zeitschriften Ungarns findet seit einigen Monaten eine Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft des politischen Gedichts statt. Die meisten ungarischen Autoren hatten sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten von politischen Themen abgewendet. Dennoch sieht der Kritiker Sandor Bazsanyi einen Ausgangspunkt für die politische Dichtung: “Nach meiner für den persönlichen Gebrauch formulierten Auffassung von politischen Gedichten sprechen diese gegenüber der jeweiligen Gemeinschaft die im ‘hier und jetzt’ gegebene Situation an, und dabei sollten sie, wovon sie sprechen, mit möglichst direkten Mitteln, also so genau wie möglich, gar leidenschaftlich beim Namen nennen. [...] Und so sollte nach meiner Ansicht die ungarische politische Dichtung von heute sein: Bildhaft,aber nicht kosmologisch; direkt, aber nicht propagandistisch; gewichtig, aber nicht ideologisch; und vor allem: leidenschaftlich, aber nicht borniert.”

Elet es Irodalom (Ungarn), 06.01.2012

Lyrikrelevant dort auch The Economist (Großbritannien), Guernica (USA) und Poetry Foundation (USA).

*) Irgendwie muß sie sich ja von der Politik absetzen.

26. September 2011

122. Gestorben

Einsortiert unter: Ungarn — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 13:01

Der ungarische Dichter János Csokits, der im Alter von 83 Jahren starb, wird für immer eher als Ko-Übersetzer der ungarischen Dichters János Pilinszky zusammen mit Ted Hughes bekannt sein. [schreibt der Guardian und meint Britain]. Darin ähnelt er Edward Fitzgerald, dessen Verse weithin vergessen sind, während seine kongeniale Übersetzung des Rubaiyat von Omar Khayyam im literarischen Gedächtnis lebt. [Auch der Vergleich mit Fitzgerald wirft die Frage auf, ob es im Ungarischen ebenso ist und: ob man jemanden "vergessen" kann, den man noch gar nicht zur Kenntnis genommen hat].

Csokits wurde in Budapest geboren und begann 1946 ein Jurastudium in Budapest, das er nicht beenden konnte, weil er das Land im Frühjahr 1949 nach der kommunistischen Machtübernahme verließ. Ab 1950 lebte er in Paris, später arbeitete er bei Radio Free Europe in München und bei der BBC in London. 1986 ging er nach Andorra und kehrte kurz nach der Wende von 1989 nach Ungarn zurück. / George Gomori, Guardian 22.9.

16. September 2011

78. Banatsko

Einsortiert unter: Deutsch, Ungarn — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 10:40

Erst anderthalb Jahre zuvor war sie aus London nicht etwa nach Polen oder Russland gezogen, in Länder, deren Sprachen sie beherrscht, wie ihre mehrfach ausgezeichneten Übersetzungen, unter anderem von Olga Tokarczuk, Hanna Krall und Svetlana Vasilenko, zeigen. Nein, Kinsky zog nach Budapest, ohne Ungarisch zu sprechen. Anderthalb Jahre lebte sie mit dem Gefühl, kein Wort in der schwierigen Sprache sagen zu können. Dann zog sie nach Battonya, legte vor dem «alten, mariatheresiengelben Serbenhaus» einen Garten an, vermietete den Rest des Feldes, erkundete die Gegend und schrieb. «Meine Texte sind aus der Sprachlosigkeit im Alltag entstanden. Die Namen der Dinge bekommen auf einmal einen ganz anderen Wert, wenn man alles neu benennen lernen muss.» «ich nenne die welt / wie ich will», heisst es in «die ungerührte schrift des jahrs»: «mein / abend- und morgenland und / schweige dabei, in der / mundart der dinge / zuhaus.»

Im Banat, das sowohl in Ungarn wie in Rumänien und Serbien liegt, wuchs die Schriftstellerin Esther Kinsky heran. In den achtziger Jahren hatte die Übersetzerin schon zwei Kinderbücher und Gedichte auf Englisch veröffentlicht. Nun erschrieb sie sich unter dem Eindruck der Sprachlosigkeit einen Zugang zur Tiefebene. / Jörg Plath, NZZ 14.9.

29. Juli 2011

117. Agota Kristof gestorben

Einsortiert unter: Französisch, Schweiz, Ungarn — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 15:42

Geschrieben hat die 1935 in Csikvánd, Ungarn, Geborene schon als Mädchen, gegen die Enge und Langeweile im Internat, in dem sie war, einem Ort «zwischen Kaserne und Kloster», wie sie später erzählte. Die Theaterstücke und Gedichte musste sie bei ihrer Flucht in Ungarn zurücklassen. Einige Gedichte hat sie Jahre später aus der Erinnerung rekonstruiert und dann aus dem Ungarischen ins Französische übersetzt, andere, neue Gedichte hat sie in einer ungarischen Exilzeitschrift in Paris publiziert. / Martin Zingg, NZZ

12. Juli 2011

48. Mechanik und Esprit

Auf eine andere Art exotisch wirkt in einer nach dem Authentischen, Eigentlichen, Unmittelbaren gierenden Leserwelt jene Gruppe der französischen Schriftsteller, die sich «Oulipo» abkürzt (auf Deutsch: «Werkstatt für potenzielle Literatur») und die der Pariser Romanist Jürgen Ritte einem begeisterten Publikum in einer Hotelbar vorstellte. Die Mitglieder der Gruppe schreiben nach selbst verordneten, teilweise sehr komplizierten Regeln – von denen der Leser möglichst nichts bemerkt. Das Verfahren ist noch nicht die Kunst: Aber es ermöglicht sie, bringt sie im besten Fall gerade durch Beschränkung hervor. Die von Ritte übersetzten Beispiele zeigten wunderbar, wie auch Komik aus purer Mechanik entstehen kann – wenn sie vom Öl des Esprits angetrieben wird.

O-Töne: Das ist ein weiterer Trumpf des Leukerbader Festivals. Die Veranstalter legen Wert darauf, dass viel in Originalsprachen gelesen wird. So konnte man Isländisch (Sjón) und Weissrussisch hören (Valzhyna Mort), ungarische Verse (Istvan Kemeny) und englische Prosa (…) / Martin Ebel, Tages-Anzeiger

14. Mai 2011

61. Flussi Diversi

Die Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria lädt zum vierten Dichter-Symposium nach Caorle bei Venedig. Schirmherr der diesjährigen Veranstaltung ist der ungarische Dichter Géza Szöcs.

Flussi Diversi – Poesie in alpen-adriatischer Vielfalt
27-29 Mai 2011
http://flussidiversi.jimdo.com/

Liste der teilnehmenden Dichter:

Antonio Cassuti (Italia)
Augusto Debernardi (Italia)
Conny Stockhausen (Italia)
Diana Rosandić (Croazia)
Egon Günther (Germania)
Enrico Grandesso (Italia)
Eros Olivotto (Italia)
Fabio Franzin (Italia)
Flavio Ermini (Italia)
Gábor Nagy (Ungheria)
Gerhard Altmann (Austria)
Géza Szöcs (Ungheria)
Giacomo Scotti (Italia)
Gianluca Chierici (Italia)
Ida Travi (Italia)
Isabella Panfilo (Italia)
Iztok Osojnik (Slovenia)
Linda Mavian (Italia)
Luciano Cecchinel (Italia)
Marina Moretti (Italia)
Mario Rossetti (Italia)
Marko Kravos (Italia)
Maurizio Mattiuzza (Italia)
Mila Haugová (Slovacchia)
Nikola Kraljic (Croazia)
Patrizia Valduga (Italia)
Renata Visintini Lambertini (Italia)
Roberto Nassi (Italia)
Tiziano Brogliato (Italia)
Tomaso Kemeny (Italia)

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