Kategorie: Böhmen
69. Böhmen am Meer
Das annähernd sechs Meter breite Ölgemälde “Böhmen liegt am Meer” von 1995 (…) ist seit der Eröffnung des Museums das Entreebild zu Sammlungspräsentationen wie zu monografischen und Themenschauen. Wie des Öfteren bei Kiefer ist der Bildtitel ein Zitat aus einem Gedicht von Ingeborg Bachmann. Die dunklen, rätselhaften Verse, Frucht eines Prag-Aufenthalts der Dichterin, sprechen von Verlust und Finden, von Prüfung, Hoffnung und Gnade. Die Symbolik des ans Meer versetzten Landes erscheint als Chiffre einer sowohl individuellen wie kollektiven, geschichtlichen Utopie: der Rettung aus abgründiger Verlorenheit. “Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.” Bei Kiefer deutet sich dieser utopische Gehalt in Wagenspuren an, die über ein kriegsversehrtes, aschfarbenes Feld zum Horizont führen. Wie eine Verheißung erhebt sich über der Horizontlinie in weicher Schreibschrift ein Schriftzug mit den vier Worten des Titels. Das Bild liest sich darin als Aufforderung zum Aufbruch. Böhmen liegt nicht dort, wo wir es vermuten. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 17.10.
139. “Böhmen am Meer”
gilt seit Ingeborg Bachmanns Gedicht als zumeist literarische Projektion eines utopischen Idealzustands, aber in der Realität grenzte Böhmen bereits unter Ottokar II. Premysl an die Adria und das Böhmen Karls IV. an die Ostsee. / Ö1
(Shakespeare nicht zu vergessen. In dessen “Wintermärchen” gibt es ein Land “Bohemia. A desert country near the sea.” 3. Akt, Szene 3. Die Briten waren schon immer fern von Europa.)
„Böhmen am Meer“ heißt auch ein Stück von Volker Braun, uraufgeführt 1992 am Schiller-Theater Berlin, Regie Thomas Langhoff
(Und schon 1974 steht in seinem Gedicht “Prag”, bezogen auf die Niederschlagung des “Prager Frühlings” von 1968: “Böhmen/ Am Meer/ Von Blut?”, Volker Braun: Gegen die symmetrische Welt. Halle 1974)