Kategorie: Spanien

66. Lyrikfan

In der ersten Medien-Erregung wird Pep Guardiola, von Mitte des Jahres an neuer Trainer des FC Bayern München, bereits als Heilsbringer des Fußballs gefeiert. Dabei liebt er vor allem die Poesie. (…)

Denn gerade ist in der Edition Delta in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt ein Buch erschienen, das Guardiola und seiner Frau Cristina gewidmet ist. Es heißt „Buch der Einsamkeiten“ und besteht aus 49 Gedichten des beliebten katalanischen Lyrikers Miquel Martí i Pol (1929 bis 2003).

(…)

Er hat die Gedichte Martí i Pols sogar mehrmals öffentlich vorgetragen, begleitet von dem Liedermacher Lluis Llach, letzten Sommer noch, vor mehreren tausend Zuschauern in Barcelona. Was immer sie sich in der Vorstandsetage von Bayern München also von ihm erwarten, sie sollten wissen, dass nicht nur ein Trainer nach München kommt, sondern auch ein Denker. / Paul Ingendaay, FAZ

85. Abschied mit Portela

Mittwoch, 19. Dezember 2012, 19:30 Uhr
Der Seemann mit den Morgenpferden unter dem Gewand
Es lesen Elías Portela und Denis Abrahams
Eintritt 5,-/4,-€

Liebe Abonnent/inn/en des Lettrétage-Newsletters,

unsere vorläufige Abschiedslesung ist dem galicisch-isländischen Dichter Elías Portela gewidmet, der derzeit in Berlin zu Gast ist. Elías Portela wurde 1981 im galicischen Cangas do Morrazo in Spanien geboren. Neben Gedichtbänden Imaxes na Pel (2009) und Cos Peitos Desenchufados (2010) auf Galicisch veröffentlichte er zuletzt unter dem Pseudonym Elías Knörr in isländischer Sprache den Band Sjóarinn með Morgunhestana undir Kjólnum. Die englische Poetry Society ernannte den Inkognito-Galicier daraufhin zu einem der drei wichtigsten aktuellen isländischen Dichter. Unter anderem übersetzte er zudem Texte der preisgekrönten isländischen Autoren Auður Ava Ólafsdóttir, Sjón und Einar Már Gudmundsson ins Spanische bzw. Galicische und experimentiert mit einer selbst entwickelten Kunstsprache namens Lwyma. 2010 wurde er mit dem Literaturpreis “Xohán de Cangas” ausgezeichnet.

Sie sprechen kein Galicisch und erst recht kein Isländisch? Kommmen Sie bitte trotzdem! Zu unser aller großem Glück liest Denis Abrahams ein weiteres Mal die deutschen Übersetzungen der vorgestellten Texte.

Wir würden uns freuen, Sie noch einmal in der Lettrétage begrüßen zu dürfen! Dies ist wie gesagt die vorläufig letzte Gelegenheit dazu. Im September 2013 eröffnet die Lettrétage in alter und sogar noch etwas zusätzlicher neuer Frische.

Für den Fall, dass wir uns nicht mehr sehen: Wir wünschen Ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest, erholsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Herzliche Grüße im Namen des Lettrétage-Teams
Ihr Moritz Malsch

Lettrétage / Methfesselstr. 23-25 /10965 Berlin / Tel. 030 – 692 45 38
www.lettretage.de / info@lettretage.de

84. Dichter

Hölderlin schrieb in den letzten Jahren an seine Mutter
in sehr respektvollem Ton, mit den als Kind gelernten Formulierungen,
und bat nur um Unterhosen, um ein Paar schlecht geflickter Socken, um kleine und offensichtliche Dinge
wie diejenigen Rimbauds in Abessinien oder im Krankenhaus – Que je suis doncs devenu malheureux!
und so enden die Dichter; verletzt, für nichtig erklärt, Lebend-Tote, und deshalb nennen wir sie Dichter

Pere Gimferrer: Die Spiegel. Der öde Raum. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. München: Hanser 2007 (Edition Lyrik Kabinett Bd. 7), S. 7/9.

Die Dichter wohnen in den Jahrhunderten

Die Dichter wohnen in den Jahrhunderten, 
Dieser in jenem, jener in diesem, einer lappt über, 
Der andere mittendrin wie der andere, der auch mittendrin wohnt.
Schön und gut. Endler erstreckt sich von 30 bis 90 in seinem. 
Sonst wohnen auch die Dichter in Wohnungen wie dieser, 
Die z. B. der Endler besitzt, Quartierchen fünfter Stock, 
Badlos, Hinterhaus, Außenklo, aber mit Sonne. 
Wenn der Dichter Endler seinen Kopf zum Fenster rausstreckt, 
Sieht er nach, ob die Müllkübel leer sind. 

Elke Erb: Einer schreit: Nicht! Geschichten und Gedichte. Berlin: Wagenbach 1976 (Wagenbach Quartheft), S. 20.

169. Aufklärung

Bitte klären Sie uns auf, Herr Ingendaay: Wer ist José Manuel Caballero Bonald, der Cervantes-Preisträger des Jahres 2012? Und womit hat er das spanische Literaturerbe so preiswürdig bereichert?

Paul Ingendaay: Guten Tag, Frau Hondl. – Wenn Sie ihn erlebten, wenn Sie ihn auch mal im Fernsehen sähen, würden Sie ihn sofort mögen: 86 Jahre alt, ein Schamane seiner selbst, wie er genannt wurde, ein guter Dichter, der aus der Generation der 50er-Jahre ist. Die sind in Deutschland wenig bekannt geworden, weil sie in der dunklen Nach-Bürgerkriegszeit gelebt haben, geschrieben haben und unter Franco sich ducken mussten und ihre Lyrik irgendwie voran brachten zwischen Melancholie und leisem Protest. Das ist er auch, ein sehr anständiger Mann, ein Flamencologe, also Andalusier, aus dem Süden, und ein Mann, der 60 Jahre lang Lyrik geschrieben hat, die schön ist, melancholisch, präzise und wirklich noch nie ins Deutsche übersetzt wurde. / DLR

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

165. Kaum übersetzt

Ein schon etwas älterer Artikel zum Thema, in dem auch der vorige Cervantespreisträger vorkommt:

In Lateinamerika wurde und wird exzellente Lyrik geschrieben. Übersetzungen ins Deutsche gibt es heute allerdings kaum noch. Die grossen Literaturverlage und ihre Qualitätsreihen – etwa die Bibliothek Suhrkamp oder die Edition Lyrik-Kabinett bei Hanser – üben Verzicht. Mit der Edition Delta (Stuttgart) und dem Teamart-Verlag (Zürich) sind es zwei Kleinstverlage, die regelmässig Übersetzungen herausbringen, pro Jahr etwa ein bis zwei Bände. Andere wie der Rimbaud-Verlag oder Luxbooks bieten immerhin sporadisch etwas. Alles mit grossem Elan und oft in ansprechender Qualität, aber mit marginaler Resonanz in den Medien und Buchgeschäften, sodass es bei niedrigen Auflagen bleibt.

Das war nicht immer so. Bis vor wenigen Jahren noch gehörte es hierzulande wie selbstverständlich dazu, Gedichte des Chilenen Pablo Neruda (1904–1973) oder des Nicaraguaners Ernesto Cardenal (geboren 1925) zu lesen. Auch Gabriela Mistral und Octavio Paz konnten einmal als bekannt gelten. Schon etwas weniger Licht fiel auf Nicolás Guillén, César Vallejo oder Alejandra Pizarnik, auf Jorge Luis Borges und Roque Dalton. Aber immerhin, das war schon etwas.

Dennoch wurden viele wichtige Autor­Innen bestenfalls in Anthologien aufgenommen oder gar nicht übersetzt. Ramón López Velarde, Leopoldo Lugones, Rosario Castellanos, Efraín Huerta oder Gilberto Owen gehören dazu, alles grosse Namen des 20. Jahrhunderts – ganz zu schweigen von zeitgenössischen LyrikerInnen. Als Nicanor Parra, Nerudas Gegenpol in der chilenischen Lyrik, im April 2012 den Premio Cervantes erhielt, die höchste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, war sein Werk auf Deutsch nicht erhältlich.

Der Artikel von Valentin Schönherr, WOZ 19/ 2012, geht ausführlich und mit Beispielen von Mauricio Rosencof (Uruguay), Tamara Kamenszain und Alfonsina Storni (Argentinien), auf Übersetzungsprinzipien und den Unterschied spanischer und deutscher Dichtung ein.

 

 

164. Cervantes-Preis an (bei uns) Unbekannten

Der spanische Schriftsteller José Manuel Caballero Bonald erhält den diesjährigen Cervantes-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt,  gab Spaniens Kulturminister Jose Ignacio Wert am Donnerstag bekannt.

Der aus Jerez de la Frontera stammende Andalusier, geboren 1926 (…), hatte vor 60 Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlicht. Er wurde zusammen mit anderen Schriftstellern der “Generation der 50er Jahre” zugeordnet. Von dieser Kategorisierung hielt der Autor jedoch nichts. “Solche Schubladen sind Krücken für die Historiker, die Literaturhandbücher verfassen”, sagte Caballero Bonald. “Das Einzige, was dieser Gruppe gemeinsam war, sind der Widerstand gegen die Franco-Diktatur und ein gehöriger Alkoholkonsum.”

Anfang dieses Jahres erschien sein Buch “Entreguerras” (“Zwischenkriegszeiten”), das nach Worten des Schriftstellers sein bestes und voraussichtlich sein letztes literarisches Werk ist. “Dort habe ich alles zusammengefasst, was ich geschrieben und erlebt habe”, sagte er. Das ungewöhnliche Werk ist ein autobiografisches Gedicht, das aus fast 3.000 Versen besteht. / Der Standard

Nachzutragen 1. die Preissumme beträgt 125.000 Euro, 2. der höchstdotierte Preis geht auffallend oft an Lyriker (so gleich zum Start 1976 Jorge Guillen, so im Vorjahr Nicanor Parra), 3. von dem hochbetagten Autor wurde offenbar nie etwas ins Deutsche übersetzt. (Oder fahndet noch jemand?)

37. Wo Lyrik noch etwas relevanter zu sein scheint

Die katalanische Tageszeitung ARA gibt zusammen mit dem Verlag Edicions 62 in diesem Herbst eine 42-bändige Buchreihe »Els millors poetes catalans del segle XX« [›Die besten katalanisch(sprachig)en Dichter des 20. Jahrhunderts‹] heraus. Begleitend dazu wurde für die Ausgabe vom 11. 9. eine 44-seitige Lyrik-Sonderbeilage mit Beiträgen renommierter Journalisten, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler gedruckt.

Jede Woche erscheint ein Band zum Preis von 9,90 Euro (wer die ganze Reihe bestellt, erhält 20% Rabatt, Abonnenten der Zeitung sogar 30%). Zum Auftakt wurde die sehr bekannte Antologia general von Josep Maria Castellet und Joaquim Molas neu aufgelegt. Es folgen 41 Bücher von 33 Autor/inn/en (bei besonders bedeutenden sind es auch mal zwei Bände).

Eine bemerkenswerte Marketing-Idee: Beim Erwerb der gesamten Reihe kann die/der Käufer/in ohne jegliche Zusatzkosten einer Schule ihrer/seiner Wahl eine komplette Sammlung schenken.

Ob dadurch wirklich mehr Lyrik gelesen werden wird? Ein wenig auf jeden Fall, glaube ich, denn wer sich – und sei es aus Prestige- oder Allgemeinbildungsgründen – ein paar Bände sagen wir mal Maragall, Riba, Espriu, Ferrater oder Maria-Mercè Marçal  ins Regal stellt (und erst recht, wenn es die ganze Reihe ist), die/der wird dann doch vielleicht eher mal hineinschauen, vielleicht einfach ein Gedicht, das ihr/ihm noch in Gedächtnis ist, nachschlagen oder suchen usw.

Schön finde ich aber darüber hinaus den kultur- und literatursoziologischen Aspekt. Lyrik wird hier offensichtlich weder als marginale Erscheinung gehandelt (obwohl de facto auf zeitgenössischen Poesie-Lesungen in Barcelona oder Lleida im Schnitt kaum mehr Zuhörer anzutreffen sind als in Berlin oder Regensburg) noch als Goldschnitt-Paraphernalium des Bildungsbürgertums oder als Schulpflichtlektüre.

[Natürlich kann man auch Einwände formulieren. Zum Beispiel, dass hier wohl letztlich ein politischer Wille dahintersteckt. Das stimmt, aber dazu kann ich sagen, dass im Koordinatensystem der katalanischen Identität die Lyrik von jeher eine große Rolle gespielt hat (wie natürlich die Sprache überhaupt). Außerdem finde ich es immer noch besser, sich über Gedichte zu definieren als über gewonnene Schlachten. Oder dass die Sammlung nur Autoren umfasst, die bereits gestorben sind. Da denke ich, dass die Herausgeber bewusst die Rangelei vermeiden wollten, die dort (nicht anders als hierzulande) losgegangen wäre.]

Alles in allem eine tröstliche Angelegenheit im Vergleich zu dem, was in #113 vom September vermeldet wird. Und vielleicht kontert die SZ-Bibliothek nun mit den besten oder bekanntesten deutschsprachigen Dichter/inne/n des 20. Jahrhunderts?

13. Nizza Thobi

Die Liedermacherin und Gitarristin Nizza Thobi Knüpft einen globalen Faden jüdischer Lebenskultur und präsentiert neben traditionellem Liedgut in Jiddisch, Hebräisch, Ladino / Español, Griechisch und Deutsch auch vertonte Gedichte der Opfer des Nationalsozialismus u.a. Ilse Weber, Petr Ginz, Selma Meerbaum-Eisinger, Jehuda Amichai sowie Lyrik aus dem Mauthausen Kantate mit Texten von Iakovos Kambanellis und Kompositionen von Mikis Theodorakis. Der Albumtitel „Ein Koffer spricht“ ist eine Lyrik der Kinderbuchautorin Ilse Weber (1903-1944), geschrieben in Theresienstadt und von Nizza Thobi vertont. Bilder der Malerin Malva Schalek (1882-1944) bereichern das Booklet. / Der neue Wiesentbote

124. La Luna Luna

Margarete Biereye erzählt mehrere solcher kleinen Begebenheiten, die sich wie Puzzleteile fast zwingend zu dem Stück „La Luna Luna“ fügen und ihr immer wieder aufs Neue gezeigt haben, dass die Zeit für Lorca und das Wandertheater Ton und Kirschen endlich gekommen war. Sie spricht von der Entdeckungsreise, die diese tiefe Auseinandersetzung mit dem spanischen Dichter gewesen ist. Im März waren sie dann mit „La Luna Luna“ beim Teatro Libre de Chapinero in Kolumbien. Dort, wo Federico García Lorca noch heute ein hoch geschätzter Dichter ist. Sie haben vor 6000 Leuten gespielt. Ihre Befürchtung, dass die Leute vielleicht schon während des Stückes gehen würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Leute kamen zu den anderen Vorstellungen sogar wieder.

„La Luna Luna“ sei im Grunde weniger ein Theaterstück, sondern ein großes Gedicht. So wie die Gedichte Lorcas kleine Theaterstücke sind, sagt Margarete Biereye. Und manchmal braucht es Zeit, bis sich deren Zauber öffnet. / Dirk Becker, Potsdamer Neueste Nachrichten

37. Greguerías

Das Pfeifen des Zuges dient nur dazu auf den Feldern Melancholie zu verbreiten. – Wie reagieren wir? Wir lächeln zustimmend, sind ›amüsiert‹, verstehen, was der Autor humorvoll (nicht humoristisch) ausdrücken wollte. Und das, weil wir Erinnerung besitzen an Pfeifen des Zuges, Felder und Melancholie. Der Aufbau des Satzes ist grammatisch und logisch vollkommen korrekt, klingt vertraut. Was verblüfft, ist das Neuartige (schon sind wir im Begriff das ›Phantasievolle‹ zu sagen), das Unerwartete, Überraschende der Wortverknüpfung und damit die Aussage des Satzes. Offenbar handelt es sich um Poesie.

Der zitierte Satz ist ein Beispiel für die literarische Kleinform, die ihr Erfinder, der spanische Dichter Ramón Gómez de la Serna (1888–1963) GREGUERÌAS – Kauderwelsch – genannt hat. Die erste Sammlung von Greguerías erschien 1917, weitere Ausgaben folgten, bis zur letzten im Jahre 1962, die 13 000 Einträge enthält. Die formalen Merkmale der Greguería sind Prosaform, extreme Kürze, kontextuelle Unabhängigkeit sowie nichtdiskursive Aussage. Die beabsichtigte Wirkung einer Greguería besteht in der Vermittlung einer neuen, überraschenden Perspektive mit oft humorvoller Pointierung. Die Greguería changiert zwischen Aphorismus und Lyrik. Die Kurzformel, die Gómez de la Serna selbst zur Charakterisierung seiner Erfindung gewählt hat, lautet: Greguería = Humor + Metapher. – Man hat festgestellt, daß die Frauen, die im Bus stricken, dessen Geschwindigkeit herabsetzen. / Maximilian Zander, KuNo