Kategorie: Slowakei

32. Korrespondenzen

Hinter der Idee zum Verlagsnamen stecke nicht nur ein literarischer Bezug (das Sonett „Correspondances“ von Charles Baudelaire), sondern auch eine ganz praktische Begegnung. Ich solle mal an die Pariser Metro denken, da stehe überall „correspondance“ für die Verbindungen/Umsteigemöglichkeiten in den einzelnen Metro-Stationen, die die Fahrgäste durch das dichte Liniennetz lenken. Für Ziegler entfaltet sich aus dem Begriff Verbindung und seinen inhaltlichen Ableitungen daraus wie Netz/Geflecht, sich kreuzende Linien sein Ursprungsprojekt: Das Verlegen einer Literatur aus dem deutschen Sprachraum und ihrer Erweiterung auf die angrenzenden Nachbarländer in Richtung Osten, den Sprung wagen über Sprach- und Nationalitätsgrenzen hinaus und dabei renommierte Autoren mit internationalem Format miteinander verknüpfen. (…)

Der Verlag selbst verpasst sich das ästhetische Signet „sprach- und formbewusster“ Literatur aus den Ländern Mitteleuropas. Die Hälfte seien deutschsprachige Titel wie etwa die von Ilse Aichinger: Die ist einfach bekannt, sagt Ziegler. Sie zählt neben dem deutschen Schriftsteller Kurt Drawert, dem tschechischen Dichter Petr Borkovec, der in Berlin lebenden slowenischen Lyrikern Maruša Krese und der slowakischen Dichterin Mila Haugová zu den Autoren und Autorinnen der ersten Stunde – dem Beginn eines „mitteleuropäischen Lyrikdialogs“. Nahezu unbekannte Dichter bekamen durch Übersetzungen auch andernorts eine Stimme. Später kamen Autoren hinzu wie Zsuzsanna Gahse, Oswald Egger, Anja Utler. / hotlist-online

86. Schlaflied wilder Tiere

Aus ihren jüngsten Gedichtbüchern hat die 1942 geborene ungarisch-slowakische Dichterin Mila Haugová eine grosszügige Auswahl kompiliert, die nun, von ihr und der Slawistin Anja Utler gemeinsam übersetzt, in einer zweisprachigen Edition vorliegt. Unter dem ebenso schlichten wie enigmatischen Titel «Schlaflied wilder Tiere» – Wildtiere, die singen? die besungen werden? – gibt der Band eine Reihe lyrischer Texte zu lesen, die sich thematisch vorzugsweise zur Natur hin öffnen, frühkindliche Wahrnehmungen vergegenwärtigen, die Leiblichkeit der Liebe feiern, aber auch deren Schwund und Verrat beklagen. / NZZ 7.2.

Mila Haugová: Schlaflied wilder Tiere. Gedichte. Aus dem Slowakischen von der Autorin und von Anja Utler. Edition Korrespondenzen, Wien 2011. 136 S., € 19.–.

61. Flussi Diversi

Die Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria lädt zum vierten Dichter-Symposium nach Caorle bei Venedig. Schirmherr der diesjährigen Veranstaltung ist der ungarische Dichter Géza Szöcs.

Flussi Diversi – Poesie in alpen-adriatischer Vielfalt
27-29 Mai 2011

http://flussidiversi.jimdo.com/

Liste der teilnehmenden Dichter:

Antonio Cassuti (Italia)
Augusto Debernardi (Italia)
Conny Stockhausen (Italia)
Diana Rosandić (Croazia)
Egon Günther (Germania)
Enrico Grandesso (Italia)
Eros Olivotto (Italia)
Fabio Franzin (Italia)
Flavio Ermini (Italia)
Gábor Nagy (Ungheria)
Gerhard Altmann (Austria)
Géza Szöcs (Ungheria)
Giacomo Scotti (Italia)
Gianluca Chierici (Italia)
Ida Travi (Italia)
Isabella Panfilo (Italia)
Iztok Osojnik (Slovenia)
Linda Mavian (Italia)
Luciano Cecchinel (Italia)
Marina Moretti (Italia)
Mario Rossetti (Italia)
Marko Kravos (Italia)
Maurizio Mattiuzza (Italia)
Mila Haugová (Slovacchia)
Nikola Kraljic (Croazia)
Patrizia Valduga (Italia)
Renata Visintini Lambertini (Italia)
Roberto Nassi (Italia)
Tiziano Brogliato (Italia)
Tomaso Kemeny (Italia)

47. Rückblende April 2001: Bartträger

Der letzte Dreck kam im April aus Österreich:

Alltag in Österreich: “Kronenzeitung” feiert Hitler.

Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: “Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.” Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den “Endreim” nennen könnte. Der lautet nämlich: “Taxi Orange, der zweite Teil!”

Dieses “Gedicht” erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der “Kronenzeitung”, verfaßt von ihrem berüchtigten “Hausdichter” namens “Wolf Martin”. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von “Taxi Orange”, der österreichischen Version von “Big Brother”? Jene Kritiker der “Krone”, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01

Aber es gibt auch ein anderes Österreich. Franz Josef Czernin stellte Christine Lavant in der Reihe Dichter erklären Dichtung vor. Der “Rimbaud-Preis” für junge Literaten ging an Christian Filips – Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder.

Gott dem Ohnmächtigen ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». schreibt Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.

Ein neuer Wiener Verlag bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammerbachers “Edition Korrespondenzen”. Im Programm u.a. Ilse Aichinger und Kurt Drawert, die slowakische Lyrikerin Mila Haugová, der Österreicher Franz Weinzettl und der Tscheche Petr Borkovec.

Aus Frankreich dies:

Arthur Rimbaud, Dichter des Symbolismus, Schöpfer der “Erleuchtungen” und des “Aufenthalts in der Hölle”, Freund und zeitweise Lebensgefährte Paul Verlaines, Abenteurer, ging 1880 nach Zypern. In Limasol beaufsichtigte er Arbeiter, welche die Sommerresidenz für den britischen Gouverneur bauten. Doch der Verdienst war ihm zu gering. Also suchte er anderswo Arbeit, etwa in der (heute saudischen) Hafenstadt Dschidda. Vergeblich. Schließlich tauchte Rimbaud, fieberkrank und “wie Strandgut auf den glühenden Wüstensand geworfen”, auf dem “kahlen und sengenden Felsen von Aden auf”, wie Enid Starkie in seiner Rimbaud-Biografie schreibt. / Heiko Flottau, Süddeutsche 21.4.01

Einen Kriminalroman aus lauter Gedichten hat die australische Lyrikerin Dorothy Porter mit “Die Affenmaske” geschrieben, und der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff führt einen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne. Ihn nerven die “Metadiskurse der Bartträger”, die Verlogenheit der machtbewussten “Priesterliteraten” und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. (Vielleicht ist er auch nur neidisch? fragt ein – machtloser – Bartträger).

 

34. Rückblende Februar 2001

L&Poe berichtete im Februar 2001 über die Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises an Dieter Wellershoff und des Preises für Europäischer Lyrik der Stadt Münster an Hugo Claus. Der spanische Dichter Jose Garcia Nieto, Träger des Cervantes-Literaturpreises, starb im Alter von 87 Jahren. Die “Zeit” wird wieder kritisiert, aber es gibt auch Lesenswertes:  Jens Jessen schreibt über Richard Wagner:

Unter den Großen, die uns die rumäniendeutsche Literatur im Moment ihres Verschwindens geschenkt hat, neben Herta Müller, Franz Hodjak, Werner Söllner, ist Richard Wagner der Bademeister. Er führt mit Abstand den weichesten Schwamm, aber in die Wanne wirft er dann den Föhn. In seinen Versen zischt und sprüht es, doch sanft, sanft und mitten in unserm Alltag, den er sauber schamponiert.

Mehrmals werden Elke Erb, Joseph Brodsky, Ossip Mandelstam und Rose Ausländer Gegenstand von Nachrichten. Es geht um den “polnischen Rimbaud” Rafael Wojaczek und den deutschen Rolf Dieter Brinkmann ebenso wie um den slowakischen poèt maudit Ján Ondruš. Die slowakische Lyrik ist auch mit Peter Repka vertreten – beide erschienen deutsch in der Edition Thanhäuser. Just how good is he? Die Frage bezieht sich auf Eminem.

Und Walter Jens verteidigt Marie Luise Kaschnitz gegen Angela Merkel, die noch nicht Bundeskanzlerin war:

 

Frau von Kaschnitz und die 68er.  Von Walter Jens

“Vor-den-Kopf-stoßen als erzdemokratische Tugend” fordert der Tübinger Zeitkritiker Walter Jens im SPIEGEL-ONLINE-Essay. Dabei verknüpft er das gegenwärtige Gezeter über die 68er mit einer fast vergessenen Frankfurter Schriftstellerin.
Frau Merkel, mit ihren von keiner Kenntnis getrübten Attacken gegen die 68er, möge nachlesen, was Marie Luise Kaschnitz , die Demonstrantin auf der Bockenheimer Straße, gegen brutale Polizeieinsätze aufbegehrend, in jener Zeit schrieb… / Der Spiegel 2.2.01

 

11. Barbara Köhler bei Europe … a poem

Lange Zeit haben sie es geheim gehalten, doch nun ist die Katze aus dem Sack: Der deutsche Beitrag für die Ausstellung “Europe … a poem” stammt von der im Ruhrgebiet ansässigen, vielfach ausgezeichneten Dichterin Barbara Köhler. “Ihre Poesie, ihr experimentelles Spiel mit der Sprache und ihre bildhafte Ausdrucksstärke haben uns bewogen sie zu dem Projekt einzuladen,” erläutert Initiator Roy Kift die Wahl. Europas Schönheit einfangen, seine kulturelle Vielfalt nachzeichnen, die Länder zum Sprechen bringen, das wollen die Macher der Ausstellung erreichen. …

Die Ausstellung ist ein Teil des Projektes “Castrop-Rauxel … ein Gedicht”, das anlässlich des Kulturhauptstadtjahres von Juni bis August insgesamt 2010 Gedichte an öffentlichen Plätzen und ungewöhnlichen Orten in ganz Castrop-Rauxel präsentiert. Auf der Webseite www.gedichte2010.de können Bürgerinnen und Bürger ihr Lieblingsgedicht vorschlagen oder ein eigenes Gedicht einreichen. Ab 3. Juli sind dort auch die Gedichte der 27 europäischen Dichterinnen und Dichter nachzulesen. / fair-news

Die übrigen Teilnehmer:

Sir Andrew Motion (Großbritannien. Hofdichter 1999-2009), Seamus Heaney (Nobelpreis, Irland), Wislawa Szymborska (Nobelpreis, Polen.), Ana Blandiana (Rumänien), Elisa Biagini (Italien), Olli Heikkonen (Finnland), Kostas Koutsourelis (Griechenland), Göran Sonnevi (Schweden), Knuts Skujenieks (Lettland), Eugenijus Ališanka (Litauen), Jaan Kaplinski (Estland), Miriam Van hee (Belgien), Petr Borkovec (Tschechische Republik), Zsuzsa Rakovszky (Ungarn), Oliver Friggieri (Malta), Barbara Korun (Slowenien), Joan Margarit (Spanien), Menno Wigman (Niederlande), Anise Koltz (Luxembourg), Niki Marangou (Zypern), Pia Tafdrup (Dänemark), Mirela Ivanova (Bulgarien), André Velter (Frankreich), Marián Hatala (Slowakische Republik), Friederike Mayröcker (Österreich) und Ana Luísa Amaral (Portugal).

97. Fest der sorbischen Poesie

Mit einem Konzert zum 100. Geburtstag des Komponisten Jurij Winar (1909-1991) hat am Donnerstag in Bautzen das 31. Fest der sorbischen Poesie begonnen. Nach Angaben von Benedikt Dyrlich vom Sorbischen Künstlerbund stehen neben Winars Werken auch die des Dichters Jan Skala (1889-1945) im Mittelpunkt des diesjährigen Festes. Nachdem die 30. Auflage vor einem Jahr wegen ausbleibender Gelder auf der Kippe stand, hat der Künstlerbund in diesem Jahr mit einem kleineren Budget geplant. Dyrlich zufolge stehen 6.000 Euro aus öffentlichen Kassen und 3.000 Euro von der Sorbischen Stiftung zur Verfügung. Die Organisatoren haben nach eigenen Angaben überwiegend ehrenamtlich gearbeitet. …

Höhepunkt sei die Premiere einer neuen Anthologie sorbischer Poesie in slowakischer Sprache, sagte Dyrlich. Diese enthalte rund 100 Texte sorbischer Autoren und sei mit Unterstützung des Künstlerbundes erschienen. / MDR