Kategorie: Schweden

97. Alter Schwede!

Das interdisziplinäre Festival “Alter Schwede!” päsentiert vom 26.-28. April 2013 Lesungen, Konzerte und Text-Sound-Performances von 16 Autoren und Musikerinnen aus Schweden und Berlin, die unterschiedliche ästhetische Konzepte, Szenen und Generationen vertreten. Die Programmabende sind im Spannungsfeld von Improvisation und Montage, language poetry und Sozialrealismus, Neuer Musik und Noise, Konkreter Poesie und fragmentarischer Prosa angelegt. Die Künstler entwickeln für das Festival etliche neue Arbeiten, die meisten der Duokonstellationen haben Premierencharakter. Mit Ida Börjel, Johan Jönson, Pär Thörn und Andrzej Tichý bringt “Alter Schwede!” einige der bekanntesten und originellsten schwedischen Autorinnen ihrer Generation nach Berlin und macht ihre Literatur – zum großen Teil erstmals – einem deutschsprachigen Publikum zugänglich. Werkauszüge von ihnen werden eigens für das Festival ins Deutsche übersetzt und zusammen mit den deutsch- und mehrsprachigen literarischen Beiträgen von Sven-Åke Johansson, Cia Rinne und Uljana Wolf  in einem kostenlosen Festivalreader abgedruckt.

Mit: Burkhard Beins, Ida Börjel, Axel Dörner, Andrea Ermke, Hanna Hartman, Sven-Åke Johansson, Johan Jönson, Helena Jureén, Martin Küchen, Anders Lindsjö, Mats Lindström, Tisha Mukarji, Cia Rinne, Pär Thörn, Andrzej Tichý und Uljana Wolf.

/ Ausland

50. Kolibris

Ein Sprechen über etwas, worüber man eigentlich nicht spricht, weil sich die Gedanken meist außerhalb des eigenen Körpers zu bewegen scheinen, so sieht Ann Jäderlund ihre Situation, in der sie Antworten auf ihre Fragen sucht. Bei Petr Borkovec hingegen können schon mal Kolibris durch seine Zeilen schwirren, ein silberner Arm eine Rolle spielen oder das Leben im Zirkuszelt stattfinden. Zwei ganz unterschiedliche Herangehensweisen, jede auf ihre Art mühelos in der Lage, die Zuhörer mitzunehmen.

Viel Beifall für einen vielversprechenden Auftakt der diesjährigen Mühlberger-Tage. / Südwest Presse

37. Kunst ohne Geld

Das Spannende an der Lyrik sei, dass diese fast keinen Marktwert hätte, hat der Psychoanalytiker und Essayist Adam Phillips kürzlich gesagt. Künstlern kann man “unlautere” Motive in Form einer erwarteten finanziellen Belohnung unterstellen. Lyriker schreiben Gedichte aus dem einzigen Grund, dass sie es wollen. Der schwedische Künstler Karl Holmqvist hat sich nun in die Grauzone zwischen bildender Kunst und Lyrik gewagt: In seiner ersten Ausstellung in der Galerie Neu zeigt er einen Film, in dem poetische Sprache sowohl an die Wand projiziert als auch im Raum über Tonband abgespielt wird. Der Film thematisiert, wie die Kunstwelt Statusnetzwerke erzeugt, die sich im Marktwert niederschlagen. / Mark Prince, Die Welt

18. Tod eines Dichters

Jan Y. Nilsson ist ein Dichter. Er schreibt Gedichte, um die Welt sichtbar zu machen. “Wörter finden, die Liebe und Hass, Freude und Leid spüren lassen, das Banale und das Unsichtbare, und ihre Präsenz anschaulich, wahrnehmbar und zwingend machen.” Aber seine Gedichte bringen nicht genug ein. “Er war nicht reich, aber es reichte, um seinen Spinat zu buttern und Gästen ein oder zwei Gläser Wein anzubieten.” Immerhin ist er ein anerkannter Autor und “geborener Schriftsteller,” nach seinem Verleger Karl Petersén.

Um die Aktionäre des Verlages zufriedenzustellen, überzeugt Petersén Nilsson, einen Kriminalroman zu schreiben, der kein Thriller werden soll, sondern echte Literatur. Als er kurz davor steht, den Roman zu beenden und in dem Moment, als sich Petersén anschickt, einen für Nilsson lukrativen Vertrag mit ausländischen Verlagen zu unterzeichnen, wird Letzterer tot aufgefunden, erhängt in seinem Boot. Selbstmord oder Mord?

Kommissar Barck, der mit der Untersuchung beauftragt ist und der selbst bei Gelegenheit dichtet, ist schnell davon überzeugt, daß der Dichter ermordet wurde. Liegt es am Thema des Romans (der Anprangerung einer arroganten, skrupellosen und korrupten Finanzwelt)? / Actualitte über die französische Übersetzung von Björn Larssons Roman “Tote Dichter schreiben keine Kriminalromane”.

46. Nobel-Zoff

Streit gibts immer wieder um den Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan, der als stellvertretender Vorsitzender der Allchinesischen Schriftstellervereinigung ein Stück weit das offizielle China repräsentiert. Dazu paßt, daß er die Zensurpraxis in China verteidigt, indem er sagt, die Behörden müßten eben prüfen, ob etwas der Wahrheit entspreche oder nicht. (Offenbar haben die chinesischen Beamten das Problem der Wahrheit in der Kunst gelöst). Der Künstler Ai Weiwei kritisierte ihn scharf als “Wächter des Systems und zugleich Nutznießer”.

Chinesisch-schwedischen Zoff auf Bierkutscherebene – nein, das ist eine Beleidigung des Standes der Bierkutscher – auf akademischer Ebene gibt es zwischen dem in Schweden lebenden Autor und Übersetzer Li Li und dem Akademiemitglied Göran Malmqvist. Li Li hatte ein chinesisches  Gedicht veröffentlicht, in dem es um reiche alte Männer mit jungen Frauen geht. Malmqvist (88) und desssen Ehefrau (43) bezogen das auf sich und waren empört. Er werde ihn “wie eine Laus mit dem Daumennagel zerquetschen”, schrieb Malmqvist an seinen Akademiekollegen Per Wästberg. Nicht nur das. In einem durchgesickerten Mailwechsel der beiden Akademiemitglieder verabreden die sich, dafür zu sorgen, daß Li Li “keine Stipendien von irgendwoher” mehr bekommen werde. Akademiemitglieder können das auch unabhängig von ihrer Daumennagelstärke.

Zum Nachlesen: taz 8.12., S. 2 und 12.

8. Vertont

Mando Diao sind mit den Songtexten ihres neuen Albums “Infruset” aufgewachsen. Die Musiker kannten die Lyrics schon zu Schulzeiten, lange bevor es die Band gab, und als der Dichter Gustav Fröding (1860-1911) noch für Unterrichtsstoff und nicht für eine Platte stand.

(…) “Fröding ist ein Nationalheld”, sagt Sänger Björn Dixgard. In Schweden kennt den Lyriker, der viele Jahre seines Lebens in Nervenheilanstalten verbrachte, jeder: “Bei seiner Beerdigung waren 200.000 Menschen.” “Eingefroren” heißt der Titel des Albums auf Deutsch. / Die Welt

88. Jugendwerk

Das Gesamtwerk von Tomas Tranströmer, dem wortkargen Nobelpreisträger von 2011, umfasst rund 300 Seiten, mehr nicht. Seit seinem – im Tennis würde man sagen – trockenen und präzisen Aufschlag von 1954 unter dem Titel «17 Gedichte» baut er ein Werk, bei dem Lakonie und emotionale Intensität Hand in Hand gehen. Seine skeptische Maxime «Reduziere» scheint immer die perfekte Balance zu finden zu seiner Hingabe an das Rauschen des Sehens und Hörens. Zwischen den beiden zu kalibrieren – das ist sein Lied: ein federnder Rhythmus, eine in Grau geschlagene Kantilene, aus der plötzlich Farben sprühen, wie wenn hinter dem Laub ein Specht aufblitzt.

Wie er zu dieser Kunst kam, kann man nun an seinen von Jonas Ellerström herausgegebenen Jugendgedichten ablesen, ein Lokaltermin, der uns einen genauen Einblick in die Entstehung seiner Lyrik gewährt. (…)

Bis dahin hatte Tranströmer Wissenschafter werden wollen und eine erstaunlich lückenlose Sammlung der Insekten von Runmarö angelegt. Dieser Insel, auf der er sich oft mit seinem Grossvater aufhielt, widmete er das epische Langgedicht «Ostseen» und machte sie so zum Mittelpunkt seines Werkes./ Hans Jürgen Balmes, NZZ

Tomas Tranströmer: Ungdomsdikter / Jugendgedichte. Mit einem Aufsatz von Jonas Ellerström und Arbeiten auf Papier von Peter Frie. Übersetzt von Hanns Grössel. – Fredrik Sjöberg: Tomas Tranströmers Insektensammlung von der Insel Runmarö. Mit Arbeiten auf Papier von Peter Frie. Übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. Beides: Kleinheinrich, Münster 2011. Nur gemeinsam erhältlich: € 50.–.

47. Gedichte vertont

Im November veröffentlicht die schwedische Rock-Band Mando Diao ihr erstes Album seit 2009. Doch wer den klassischen Sound der Jungs erwartet, der wird überrascht sein. Mando Diao haben sich für ein Album auf schwedisch entschieden, das noch dazu auf berühmten schwedischen Gedichten basiert.

(…)

Die Idee für “Infruset” kam Gustaf, als er Gedichte des Poeten Gustaf Fröding vertonen musste – die ganze Band war von der Poesie des Dichters fasziniert. Zusammen mit dem Produzenten Björn Olsson nahmen die Jungs ein Album mit den gefühlvollsten Balladen Schwedens auf. / WAZ

100. Tranströmer auf der lit.cologne

Im Wechsel tragen Krüger und Grössel seine Gedichte und lyrischen Texte vor. Ehefrau Monica liest auf schwedisch. Das Werk Tranströmers ist mit insgesamt rund 500 Seiten überschaubar. Der Hanser-Verlag hat mit “Sämtliche Gedichte”, seinen Memoiren “Die Erinnerungen sehen mich” und “Das große Rätsel” drei Bücher herausgegeben, inzwischen in der achten bis zehnten Auflage. / Der Westen

62. Dichter des Schweigens

Seit der Preisvergabe an Eyvind Johnson und Harry Martinson 1974, die auf viel Kritik gestoßen war, sind die Schweden traumatisiert, wenn es um Preisträger aus ihrem Land geht.

Nun ist es ausgerechnet einem Dichter gelungen, diese Wunde zu schließen. Doch verwunderlich ist das nicht, denn Tranströmer widerlegt alle Vorurteile, die mit Lyrik häufig in Verbindung gebracht werden. Seine Gedichte sind nicht abgehoben oder weltfremd. Seine Sprache ist nicht selbstverliebt. Tranströmer hat jedes Wort in jedem Gedicht mit Bedacht gewählt. Sein ganzes Leben lang hat er gerungen mit der Sprache. („Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen.“) Es erscheint wie ein böser Scherz, den ihm das Leben gespielt hat, dass seine Erkrankung ihn, den Dichter des Schweigens, zwingt, nun auch körperlich um jedes Wort zu ringen. / Anne Burgmer, FR 14.3.