Lyrikzeitung & Poetry News

22. Mai 2012

77. Verstörend

Einsortiert unter: Deutsch, Rumänien — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 09:43

Die schönste Entdeckung war für mich Hoprichs wundersame Fähigkeit, uns mit Brüchen in seinen Gedichten aus einer gerade eingenommenen bequemen Lesehaltung wieder aufzuschrecken. Immer wieder lockt er mit Geläufigem: “Nimmst du mich, so wie ich bin”, ja sogar “Der Mond ist aufgegangen” und “Komm, lieber Mai, und mache”; manche Gedichte (wie “Ende”) schlagen einen ganz Eichendorffsch-volksliedhaften Ton an. Aber dann zieht uns der Dichter den Boden unter den Füßen weg. Immer wieder tauchen im vermeintlich Glatten (denn Hoprich beherrscht die Form und belesen ist er auch) verstörende Bilder auf: “Komm, lieber Mai, und mache / Dich aus dem Staub!”, “Alles ist müd und fern / Mich unterschlägt mein Stern”, “Es wuchern die Läuse / Im Sonnenschein”, “Im Garten der Apfelbaum / … / Verborgen im Wahnsinn des Eden-Ödem”, “Stille Nacht, heilige Nacht! / Bangende vor den Innenräumen / … / Es könnte sein, dass man nicht mehr erwacht”. Das liest man nicht bequem in den Sessel gefläzt. Hoprichs Verse liest man mit gespannter Aufmerksamkeit. / Dirk Uwe Hansen, fixpoetry

Georg Hoprich: Bäuchlings legt sich der Himmel, Gedichte//ca. 100 Seiten, ca. 10 Euro, ISBN 978-3-942901-00-0//Reinecke und Voß, Leipzig 2011

72. Volksfeindliche Musik

Die sowjetischen Kulturfunktionäre in Moskau, der Doktrin des „Sozialistischen Realismus“ folgend, verschmähten seine Musik und bezeichneten sie als „westlichen Formalismus“ und „volksfeindlich“. Aus dem sowjetischen Komponistenverband ausgeschlossen, musste der gescheiterte Komponist fortan vom Instrumentieren von Filmmusiken und privater Unterrichtstätigkeit leben. Herschkowitz lehrte in seiner Moskauer Wohnung namhafte sowjetische Komponisten wie Alfred Schnittke, Boris Tischtschenko und Sofia Gubaidulina die Zwölftontechnik Schönbergs und trug dabei entscheidend zur Verbreitung dieser, in der Sowjetunion verbotenen Musik bei.

Die einzige Aufführung seiner Kompositionen im Moskauer Exil fand 1960 statt und präsentierte zwei Liederzyklen nach Gedichten von Paul Celan und Ion Barbu. Stark an dem Gehalt der Gedichte orientiert, ist die Klavierbegleitung in diesen Liedern kein gewohnt fließendes Akkordband, sondern es ertönen punktuelle Klangereignisse, die auf Augenhöhe mit dem Ausdruck des Gesangs stehen.

Die Bandbreite der angewandten vokalen Techniken erstreckt sich vom Flüstern über den Schönbergschen Sprechgesang bis zu nahezu ariosen Passagen. Zu den expressionistischen Gedichten Paul Celans passt die Ästhetik Herschkowitz’ glänzend. Vielleicht weil sich ihre Biografien in vielem ähneln.

Doch bei der Liedvertonung des romantischen Liebesgedichts von Heinrich Heine „Wie des Mondes Abbild zittert“ wirken die Klänge im Gegensatz zur verliebt-schwärmerischen Poesie erschreckend kalt. Kaum eine Konsonanz ist in dem Zusammenspiel von Klavier und Gesang zu hören. Sind es nur unsere ungeübten Ohren, die sich nach ein paar Wohlklängen sehnen, oder hat der Komponist bewusst auf die Ästhetik des Schönen verzichtet? Ganz im Sinne Adornos, der meinte: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Auf die Musik bezogen, hätte Adorno auch gut sagen können: „Nach Auschwitz noch eine Konsonanz zu komponieren, ist barbarisch.“ Vielleicht war der tragischen Figur des Herschkowitz nicht nach Melodien zum Mitpfeifen und Harmonien zum wohligen Einschlummern. …

Seine Frau kümmerte sich nach seinem Ableben um die Herausgabe seiner musiktheoretischen Schriften. Die Musik Herschkowitz´ aber ist bis heute nicht verlegt worden. / Margarete Buch, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien 19.5.

Vgl. auch hier: Dmitri Schostakowitsch und die sowjetische Musik der 1920er Jahre, NZZ 19.5.

18. Mai 2012

56. Matrix

2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als übergreifendes Motto für alle Literatur und Kunst lesen kann. Im Mai 2012 erscheint Matrix, die Zeitschrift für Literatur und Kunst, zum 27. Mal, diesmal, nach Schwerpunktausgaben zu, beispielsweise, Herta Müller in Matrix 18, sorbischer Literatur in Matrix 24 (ediert von Róža Domašcyna) oder Thomas Bernhard in Matrix 25, mit einem Schwerpunkt zu Wjatscheslaw Kuprijanow. …

Friede­rike Mayröckers dieses Jäck­­chen (nämlich) des Vo­gel Greif überragt alle von mir gelesenen Lyriktitel des guten Jahr­gangs 2009 dermaßen, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für die­ses große, lebendige Buch. Ich gehe in diesem Augenblick des Schreibens noch einen Schritt weiter und benenne dieses Jäckchen (näm­lich) des Vogel Greif als das mich am meisten begeisternde unter den von mir zur Kenntnis genommenen Gedicht­büchern im deutschen Sprachraum nach 2000. Bei jeder Ge­legen­heit wiederhole ich gern: Friederike Mayrö­cker (Man müszte wenigs­tens zwei­hundert Jahre alt werden): spätes­tens seit 1999 ein lyri­scher Liebling …

Matrix 28 erscheint Ende Juni 2012. Der Preis der rund 280 Seiten umfassenden Ausgabe (davon sind 255 Seiten dem rund um mehr als ein Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker angelegten atmenden Alphabet, in dem kein Buchstabe ausgelassen wird,  gewidmet) beträgt, man reibe sich ruhig die Augen, es ist kein Druckfehler: 10,00 EUR. Ab sofort freut sich Traian Pop, der Verleger des POP Verlags in Ludwigsburg, auf Vorbestellungen bzw. Interesse an einem Matrix-Abonnement: pop-verlag@gmx.de/ Theo Breuer, Edition Das Labor

29. März 2012

128. Schattenjahre

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Ende 1948 wurde er wegen versuchter „Republikflucht“ verhaftet. Er blieb bis 1951 im Gefängnis und wurde anschließend in ein Arbeitslager interniert. Aichelburg erinnerte sich, dass sehr viele seiner Gedichte in der Verbannung „un-literarisch“ entstanden sind, „durch reine Gedankenarbeit“, und dass sie „sich durch tägliches Memorieren erhalten“ haben (DLS, S. 267). Zudem stammen aus dieser Zeit noch viele Essays und Erzählungen. 1959 wurde er erneut verhaftet, diesmal zusammen mit vier anderen deutschsprachigen Dichtern, und im „Gruppenprozess deutscher Schriftsteller zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Anklage lautete auf „verbrecherische Unterwühlung der sozialistischen Gesellschaftsordnung und Agitation“ (s. Peter Motzan/Stefan Sienerth: „Worte als Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht“, Südostdeutsches Kulturwerk, München 1993.) Das Corpus Delicti, die Tiergeschichten „Die Ratten von Hameln“ wurden eingestampft. Nach einer Generalamnestie für politische Häftlinge kam Aichelburg 1964 wieder frei und begann seine Tätigkeit als Literatur- und Musikkritiker. Nun konnten seine Bücher publiziert und seine musikalischen Werke aufgeführt werden. Nach erneuten Verhören und Repressalien stellte er 1976 den Ausreiseantrag und konnte 1980 durch die Unterstützung eines internationalen „Wolf von Aichelburg-Komitees“ ausreisen. (…)

Trotz der insgesamt zwölf Jahren, die er in Gefängnissen, Arbeitslager und in der Verbannung verbringen musste, findet an keiner Stelle seines literarischen Werkes eine Abrechnung mit dem ihm widerfahrenen Unrecht statt. Zuweilen sind schmerzhafte Erinnerungen darin auszumachen, die jedoch frei von Ressentiments oder Verbitterung sind. Aichelburgs Gesamtwerk stellt einen geistigen Brückenschlag zwischen Tradition und Gegenwart dar. Aus seinen literarischen Schriften ebenso wie aus seinen Kompositionen und Bildern spricht der ungebrochene Lebenswille eines künstlerisch hochbegabten und vielseitig gebildeten Humanisten.

Die Werke Aichelburgs – denen, zum Ausdruck ihrer Tiefe und Ausgeglichenheit, als Motto die Gedichtzeile „Über ruhigem Grund durchsichtig Leben“ („Tao“, Werke, 29) vorangestellt werden könnte – bleiben in ihrer Größe und ihrer Relevanz noch zu entdecken. Wolf von Aichelburg ist am 24. August 1994 infolge eines tragischen Unfalls ums Leben gekommen. / Herbert-Werner Mühlroth, Siebenbürgische Zeitung 24.3. in einem Artikel zum 100. Geburtstag des Dichters, Malers und Komponisten Wolf von Aichelburg

21. März 2012

85. Ich, ihr Sohn

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Das Stück „X mm din Y km“ von Gianina Cărbunariu und „Colectiv A“ handelt vom Leben des rumänischen Schriftstellers Dorin Tudoran, über den der Geheimdienst Securitate  eine 10.000 Blatt umfassende Akte zusammentrug.  Eine Auswahl veröffentlichte Tudoran 2010 unter dem Titel „Eu fiul lor. Dosar de securitate“ („Ich, ihr Sohn. Securitate-Akte“).

Hannelore Baier berichtet in der AdZ:

Das „Gespräch“, zu dem Tudoran „zur Partei“ zitiert worden war, umfasst die Bemühen der beiden Aktivisten, den Schriftsteller von seinem Vorhaben das Land zu verlassen, abzubringen. Der vormalige Redakteur der Kulturzeitschriften „Flacăra“ und „Luceafărul“ hatte die Ausreise aus Rumänien 1984 beantragt, woraufhin er seinen Arbeitsplatz verlor und auch andere Schikanen ertragen musste. Wegen der Weigerung der Behörden, auf den Ausreiseantrag zu antworten, richtete er sich in Denkschriften an Suzana Gâdea, die Vorsitzende des Rats für sozialistische Kultur und Erziehung, und an Nicolae Ceauşescu. Darin schilderte er unter anderem die tiefe Kluft zwischen dem, was die Propaganda vorgaukelt und der Wirklichkeit. Diese Schizophrenie könne er nicht mehr ertragen, schrieb er. Die beiden Funktionäre versuchten diese Kluft zu minimalisieren und zogen im „Dialog“ alle Register: sie appellierten an seinen Patriotismus, führten fadenscheinige Argumente ins Feld, bis zu unverhohlenen Drohungen mit einem Strafprozess und Ohrfeigen.

15. März 2012

70. Die Blandiana

Einsortiert unter: Rumänien, Rumänisch — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 12:07

Der Name der Dichterin Ana Blandiana ist in allen Schichten des Volkes, dem sie angehört, bekannter als der Name jedes deutschen Schriftstellers der Gegenwart bei den Deutschen. Das hängt nicht nur mit der öffentlichen Präsenz von Ana Blandiana seit über einem halben Jahrhundert zusammen, sondern mehr noch damit, dass ihre Gefühle der Ablehnung des Sozialismus der Jahre 1945-1989/90 von der überwiegenden Mehrheit der Rumänen geteilt wurden. Als 1959 ihr Gedicht „Originalitate“ erschien und den massiven Unwillen der KPR erregte, wurde sie mit landesweit diskutiertem Schreibverbot belegt und so, wie sie später notierte, „als verbotene Dichterin bekannt, noch ehe ich es als Dichterin war“. Zwischen den Zeilen hatte sie mitten im Terror der stalinistischen Gheorghiu-Dej-Ära nicht Regimekritik geübt, sondern, weitaus gewagter, ihrem Widerwillen gegen das System Ausdruck verliehen – ein Akt der Courage, dessen Ausmaß sich heute keiner mehr vorstellen kann. …

In ihren Lyrik- und Prosatexten taucht immer wieder die Metpaher der Ablehnung auf, von einem Volk mit Spürsinn für die literarische Nuance und für das Raffinement der getarnten Attacke sehr wohl verstanden – und goutiert. Wenn „die Blandiana“ im Gedicht „Dies irae, dies illa“ („Dies ist der Tag des Zorns“) den Vers schreibt: „… zweifelt nicht,/ der Tag wird kommen/ gleißend wie eine Degenklinge,/ die im Licht erzittert“, oder das Gedicht „Namenlos“ mit den Zeilen beginnt: „Ununterbrochen reden wir von ihm,/ so wie du unentwegt/ mit der Zunge den schmerzenden Zahn berührst“, und dann fortfährt: „Ein Festtag, wenn wir ihn vergessen,/ ein Fluch das Leiden seiner Nennung“, dann verstand jeder in dem mit Kerkern übersäten Land, was und wer gemeint war – und was Blandiana dabei riskierte. / Hans Bergel, Siebenbürgische Zeitung

  • Kopie eines Alptraums, Erzählungen. Volk und Welt, Spektrum, Berlin, 1988
  • Presentation/ Vorwort/ Prezentare, editie trilingva, DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst/ Office Allemand d’échanges universitaires), Paris, 1993 (deutsch, französisch, rumänisch)
  • Die Applausmaschine, Steidl Verlag, Göttingen, 1993
  • Engelernte, Ammann Verlag, Zürich, 1994
  • Kopie eines Alptraums, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1996
  • Sternenherbst, Dionysos, Aus dem Rumänischen von Christian W. Schenk, 1999 (rumänisch-deutsch)
  • Die Versteigerung der Ideen. Gedichte von Ana Blandiana. Auswahl, Übersetzung aus dem Rumänischen und Nachwort von Hans Bergel; 138 Seiten. Johannis Reeg Verlag, Bamberg 2009. ISBN 978-3-937320-16-8.

27. Februar 2012

120. Spiegelungen 4/2011

Die Spiegelungen wird Peter Motzan als Mitherausgeber und in der redaktionellen Tätigkeit weiterhin unterstützen, so u. a. in der Rubrik „Literarische Texte“, für die er diesmal von Anke Pfeifer übersetzte Prosa des Rumänen Constantin Abăluţă, Gedichte des Banaters Horst Samson und der jungen Ungarndeutschen Angela Korb ausgewählt hat. Aus dem im IKGS in Vorbereitung befindlichen Lexikon deutschsprachiger Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa werden vom Literaturhistoriker Klaus Werner drei aus der Bukowina stammende Autoren vorgestellt, neben dem Lyriker, am Wiener Deutschen Volkstheater aufgeführten Stückeschreiber und Publizisten Victor Wittner (1896–1949) der in Czernowitz geborene Essayist und Lyriker Jonas Lesser (1895–1968), von dem u. a. das Buch „Thomas Mann in der Epoche seiner Vollendung“ erschien (1952), und sein Landsmann, der Romancier Jacob Klein-Haparash (1897–1970), schlagartig bekannt geworden mit dem im S. Fischer Verlag veröffentlichten Roman „… der vor dem Löwen flieht“ (1961). Wittner starb in Wien, Lesser in London und Klein-Haparash in Israel. Passend zur Beschäftigung mit diesen Vertretern einer ungewöhnlichen literarischen Landschaft Südosteuropas plädiert ein Essay von Martin A. Hainz für ein neues Nachdenken über Czernowitz als Stadt gelebter bzw. intendierter Multikulturalität. …

Im Rezensionsteil des Heftes wird eine Reihe beachtenswerter Neuerscheinungen zur Literatur und Geschichte Südosteuropas besprochen – Lyrik von Dieter Schlesak und Edith Ottschofski, Prosa von Hans Bergel, Bettina Schuller, Marica Bodroić und Dan Lungu, ein Studienband über Immanuel Weißglas, Erinnerungen Edith-Silbermanns an Paul Celan, eine Hans-Bergel-Monografie Renate Windisch-Middendorfs, Anton-Joseph Ilks Dissertation über die mythische Erzählwelt der Zipser im Wassertal sowie Bücher zur Geschichte der Donauschwaben (1918–1945), zur Rolle des serbischen Staatsmodells (1918–1929) und über Osteuropa nach der politischen Wende 1989. / Siebenbürgische Zeitung

Heft 4/2011 der IKGS-Zeitschrift Spiegelungen
Auslieferung, Vertrieb und Abonnementbetreuung erfolgen über: Intime Services GmbH, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon: (0 89) 85 70 91 12. Preis: Einzelheft 6,15 Euro (zuzüglich Porto und Versand, Abonnement 22,50 Euro (einschließlich Porto und Versand).

21. Februar 2012

94. “La vie en rose!“

Einsortiert unter: Rumänien, Rumänisch — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 15:02

Klaus F. Schneider schickt eine ad-hoc-Übersetzung eines Gedichts von Dorin Tudoran, der mit dem Lyrikpreis Petre Stoica ausgezeichnet wurde (L&Poe #85. Lyrikpreis „Petre Stoica”). Er schreibt:

Was war das für ein ereignis, als ca. 1980, zwischen all den parteikongreßlosungen und führerparolen und offiziellen schlagzeilen in einer studentenzeitschrift dieses gedicht erschien! LA VIE EN ROSE!

du brauchst nichts
zu tun, absolut nichts.
einfach nur zuhören:
“La vie en rose!“

wie kommt es dir vor?
warum nicht? sicher, lösch
das deckenlicht und schalt
das nachtlämpchen ein.
so ist es viel besser, nicht!
und jetzt hör zu:
“La vie en rose!“

wie? du meinst
es geht nicht? ja, wenn
du so unruhig bist! und dann
ist es noch viel zu hell hier.
mach auch das nachtlicht aus. so.
entspann dich. atme langsam und ruhig.
genau. so! und jetzt zuhören:
“La vie en rose!“

das gibt’s doch nicht!
ich verstehe nicht, was mit dir los ist.
ja, wenn du die augen offen hältst!
schließe sie!
so!
fester! noch mehr! so!
und wenn, was ist schon dabei,
dass dir die tränen kommen. zudrücken,
so wie es sich gehört. so!
auch die zähne. sehr gut! ganz fest zusammenbeißen.
so stark wie du nur kannst! und vergiß ja nicht
die zähne! so! hör zu:
“La vie en rose!“

zusammenkneifen. alles.
“La vie en rose!“

auch die zähne!
La vie en rose!

bravo!
“La vie en rose!“

wisch sie nicht weg. keine scham.
so! was ist schon dabei,
wenn du weinst! was macht das schon,
dass es dich schüttelt, vor weinen?
“La vie en rose!“

hervorragend!
“La vie en rose!“

lauter!
“La vie en rose!“

noch lauter!
“La vie en rose!“

pressen!
“La!“

fester!
“Lla!“

so!
“La!“

so, genau, so!
„La-la, La-la!“

hervorragend, ja!
“La-la, La-la-la-la!”

jetzt …
“Tra!”

nein:
“La!”

nicht so:
“Tra La”

so:
“Tra! La! Tra! La!”

So!
“So!“

Genau so!
“Genau so!“

La!
“La!“
Tra!
“Tra!“

Tra, La-la!
“Tra, La-la!“

So!
“So!”

Tra!
“Tri!”

Tri?
“Tri!”

Tra, La-la! Tra, La-la!
“Tri, Lu-li! Tri, Lu-li!“

Tra-la-la-la! Tra-la-la-la!
“Tri-li-lu-li! Tri-li-lu-la!”

19. Februar 2012

85. Lyrikpreis „Petre Stoica”

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Der Lyrikpreis „Petre Stoica”, der seit 2011 alljährlich von der Kulturstiftung Pax 21 und der Temeswarer Zweigstelle des Rumänischen Schriftstellerverbands an einen repräsentativen Banater Lyriker für sein Wirken und Gesamtwerk vergeben wird, geht heuer an den Schriftsteller Dorin Tudoran. …

Dieser wertvollste Banater Literaturpreis soll nicht nur das Gesamtwerk eines Lyrikers ehren, sondern auch das Gedenken an den Dichter Petre Stoica (geb. 1931 in Neupetsch/Peciu Nou, KreisTemesch), einen der ganz Großen der Banater und rumänischen Literatur, wachhalten. / Balthasar Waitz, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

84. Hoprichs Methode des literarischen „Risses“

Einsortiert unter: Deutsch, Rumänien — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 15:41

Reinecke setzt die verdienstvolle Arbeit Stefan Sienerths fort, der schon 1983 mit großem persönlichem Risiko in Bukarest den ersten Gedichtband Georg Hoprichs „Gedichte“ herausgebracht hat.

Sienerth gelang es trotz schwieriger Umstände ein erstaunlich komplexes Bild des Dichters entstehen zu lassen.

Hier knüpft Reinecke an und versucht mit Hilfe der Analyse einzelner Gedichtpassagen in seinem Nachwortessay dies zu vertiefen. Vor allem erklärt Reinecke die von Georg Hoprich öfter angewendete Methode des literarischen „Risses“.

Damit meint Reinecke gewissermaßen die Schnittstelle, die bewusst einen Schiefklang heraufbeschwört, um nicht in einer gängigen, auch nicht persönlich-poetischen Aussage zu verharren, sondern auch über seine eigene Sprechweise hinauszugehen.

Im Gedicht „Die Schlafenden“ zeigt dies Reinecke an der ersten Strophe: „Sie wollten weinen oder lachen, / doch da kam der Schlaf herbei. / In seiner Bodenlosigkeit, / im unfruchtbaren Ei des Daseins. /“

Die beiden letzten Zeilen „In seiner Bodenlosigkeit / im unfruchtbaren Ei des Daseins /“ bilden den formal-melodischen Schiefklang zu den ersten beiden liedhaften melodischen Zeilen „Sie wollten weinen oder lachen, / doch da kam der Schlaf herbei. /“

Für diesen Interpretationsansatz sprechen auch die beiden in siebenbürgisch-sächsischer Mundart (das ist das überwiegend von den aus der Rhein-Maas-Mosel-Gegend vor fast 900 Jahren eingewanderten Siebenbürger-Sachsen gesprochene Moselfränkisch. Erstaunlich ähnlich dem heutigen Letzelburgischen aus Luxemburg.) geschriebenen Gedicht „Des  Nochts“ (Des Nachts) und „De Wegd äs olt“ (Die Weide ist alt) beide von Klaus F. Schneider im Anhang ins Hochdeutsche übersetzt.

Selbst in der heimelig vertrauten Mundart bleibt Hoprich abgründig.
Diese auch heute noch durchaus modernen Gestaltungsmittel machen die von Reinecke hier ausgewählten Gedichte Hoprichs für alle deutschsprachigen Leser zu einem künstlerischen Erlebnis.

Es ist Reinecke gelungen, einen Zugang in die auf den zweiten Blick viel komplexere Dimension des Hoprich’-schen Sprachkosmos zu ermöglichen.
Dadurch, dass es Reinecke gelingt, viele „Chiffren“ Hoprichs in ihrer Entwicklung darzubringen, trägt er dazu bei, dass der Leser Hoprichs Schicksalsweg bei dieser Lektüre vor allem poetisch nachvollziehen kann. / Ingmar Brantsch, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

Georg Hoprich „Bäuchlings legt sich der Himmel“, Reinecke & Voß Verlag Leipzig, 2011, 108 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-942901-00-0

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