Lyrikzeitung & Poetry News

22. Mai 2012

78. Fünf in Venedig

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Englisch, Frankreich, Französisch, Kanada, USA — Schlagworte: , , , , , — lyrikzeitung @ 12:00

Jack Hirschman (USA), John Unrau (Kanada), John Akpata (Kanada), Jacques Roubaud (Frankreich) und Thomas Kunst (Deutschland) bei einer Veranstaltung in Venedig am 5.3. 2011

11. Mai 2012

34. Oktosyllabischer Roman

Einsortiert unter: Frankreich, Französisch — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 17:28

Die französische Lyrik nach 1945 verdankt Georges Perros ihre Alltagstauglichkeit. Nun liegt sein großer Gedichtroman endlich auf Deutsch vor. …

Der „octosyllabe“ ist ein kurzes Versmaß, das nicht den lockeren Atem des in der Renaissance beliebten Zehnsilbers oder die dramatische Fülle des klassischen Alexandriners bietet. Perros ist ein existentieller Purist, er beschränkt sich, ringt um Luft, um Worte, so, wie er seinen Lebenskreis auf die Elementarlandschaft des bretonischen Douarnenez reduziert – in dieser Begrenzung findet er Freiheit, und Weber hat das begriffen. / Niklas Bender, FAZ

Georges Perros: „Luftschnappen war sein Beruf“. Gedichtroman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Anne Weber. Matthes & Seitz, Berlin 2012. 162 S., geb., 22,90 €.

29. April 2012

106. Kaspar Hauser singt

Einsortiert unter: Österreich, Deutsch, Frankreich, Französisch — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 02:10

Das klassische, auch im deutschsprachigen Raum traditionsstiftende Modell für diese Anverwandlung der geschichtslosen und gleichwohl (oder gerade darum unwiderstehlich) bildmächtigen Figur hatte Paul Verlaines Gedicht «Gaspard Hauser chante» von 1873 geschaffen. Er schrieb das Gedicht, als er nach dem misslungenen Mordanschlag auf seinen Geliebten Rimbaud im Brüsseler Gefängnis eine zweijährige Haftstrafe verbüsste. «Je» am Anfang und «Gaspard» am Ende des Gedichts bilden eine bedeutungsvolle Klammer, die überdies das Ich mit der Kaspar-Figur in eins setzt. «Je suis venu, calme orphelin, / [. . .] / Vers les hommes des grandes villes: / Ils ne m’ont pas trouvé malin.» Sprachlos und verwaist, zurückgewiesen und verstossen von den Frauen, ja selbst vom Tod («La mort n’a pas voulu de moi»), hat sich dieses Ich ganz dem angeblichen Schicksal Kaspar Hausers anverwandelt: «Priez pour le pauvre Gaspard!», so endet Verlaines Gedicht.

1913, im Jahr vor seinem Tod, schrieb Georg Trakl sein Gedicht «Kaspar Hauser Lied», das sich nun einerseits eng an Verlaine anlehnt und doch anderseits Hausers Geschichte weniger egozentrisch und näher an der Überlieferung lyrisch nacherzählt. / Roman Bucheli, NZZ 28.4.

25. April 2012

91. Schluß mit dem Schwindel

Einsortiert unter: Frankreich, Französisch — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 12:58

“Poesie ist nichts als Schwindel”, schimpft Arthur Rimbaud. Im September 1886 bricht der Dichter von Somalia nach Äthiopien auf, um Waffen zu verkaufen. Für die Lyrik, den Pariser Literaturbetrieb, seinen spießigen Geburtsort Charleville hat er nur mehr Verachtung übrig. “Bei jedem Gespräch über Literatur geriet Rimbaud in Rage”, wundert sich Jean Roch Folelli. Der Korse, Mörder und Kommunarde von 1871, schließt sich Rimbauds Karawane an. / Jürgen Schickinger, Badische Zeitung 25.4.

In der Besprechung gehts um diese Comics:

– Christian Straboni, Laurence Maurel: Chapeau, Herr Rimbaud. Aus dem Französischen von Marie Luise Knott. Verlag Matthes & Seitz, 80 Seiten, 19,90 Euro.
– Michel Onfray; Maximilen Le Roy: Nietzsche. Aus dem Französischen von Stephanie Singh, Knaus Verlag, 128 Seiten, 19,99 Euro.
– Will Bingley, Anthony Hope-Smith: Gonzo Die grafische Biographie von Hunter S. Thompson. Aus dem amerikanischen Englischen von Jan-Frederik Bandel. Tolkemitt Verlag, 180 Seiten, 14,95 Euro.

23. April 2012

85. Sprachdenker

Edmond Jabès war buchstabengläubig: ein Sprachdenker, der auf der Wortoberfläche – im Klangraum der Poesie – spekulative Erkenntnis suchte und fand. Eine Erinnerung an den vor hundert Jahren geborenen Dichter und Philosophen von Felix Philipp Ingold, NZZ 14.4.

Mit seinem Sprachdenken ist Jabès für zahlreiche jüngere Dichter – unter ihnen Anne-Marie Albiach, Joseph Guglielmi, Rosmarie Waldrop, auch Paul Auster – schulbildend geworden. Namhafte Zeitgenossen wie Levinas, Derrida, Chillida, Nono oder Zanzotto haben an diesem ebenso schwierigen wie produktiven Denken partnerschaftlichen Anteil genommen und ihm zu bemerkenswerter Resonanz verholfen.

Lesetipp:

Zwischen den Zeilen Heft 26, Dezember 2006: Jean Daive, Edmond Jabès

5. April 2012

17. Gestorben

Einsortiert unter: Frankreich, Französisch — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 08:42

Raymond Jean, “Dichter, Romancier, Essayist, Kritiker und militant communiste” (L’Humanité), starb im Alter von 87 Jahren.

12. März 2012

50. Lyrik soll überraschen

André Velter : « Die wichtigste Aufgabe der Lyrik: dahin gehen, wo man sie nicht erwartet »

 

Der Frühling der Dichter geht in seine 14. Ausgabe. André Velter gehört zu den Gründervätern mit Jack Lang und Emmanuel Hoog. Corse Matin vom 11.3. befragte ihn:

Wie geht es der französischen Lyrik?

Sie ist äußerst lebendig! Es gibt eine Wiederbelebung der Mündlichkeit mit dem Auftreten interessanter und sehr unterschiedlicher Autoren. …

Wohin geht die Lyrik?

Nach einer Periode des Formalismus schwingt das Pendel in Richtung eines neuen Lyrismus. …

Wenn Sie zwei große Dichter der Gegenwart nennen sollten?

Adonis, der arabische Dichter syrischer Herkunft, der in Paris lebt. Ein wahrhaft universeller Dichter, der überall übersetzt und gelesen wird. Und Juan Gelman, der aus Argentinien stammt und in Mexiko lebt. Nicht so oft übersetzt, aber ein bedeutender Dichter.

Ihre drei wichtigsten neuen Bücher in Frankreich?

Je Est un Juif (Ich ist ein Jude) von Charles Dobzynski, bei Orizons, ein aufwühlendes Buch, C’est-à-dire (Will sagen) von Franck Venaille im Mercure de France und Vrouz* von Valérie Rouzeau, 100 wunderbare Sonette an der Table ronde.

 

* Ni vrac ni vroum, voilà le vrouz qui arrive, déboule et roule comme un dé sur la table, avec sa couverture bleue sage pas ciel plutôt bleu gris froid, peut-être un peu terne mais quelle vie ne l’est pas ? Vrouz donc, et une note finale nous informe qu’il s’agit d’un bon mot forgé par Jacques Bonnaffé, titre préféré à celui initialement prévu, « autoportraits sonnés avec ou sans moi ».  hier

26. Februar 2012

113. Alle zitieren Gedichte

Alle zitieren sie Gedichte.

Der heutige Ehrenvorsitzende der Front National Jean-Marie Le Pen will beweisen, schreibt Le Monde, daß er noch in Form ist und seine Lust an der Provokation nicht eingebüßt hat. Am 18.2. zitierte er in einer Rede über Ehre in der Politik im Zuge des Wahlkampfs zur Präsidentenwahl ein Gedicht des Kollaborateurs und Antisemiten Robert Brasillach. Von ihm stammt der Satz: “Man muß sich von den Juden im ganzen trennen und die Kinder nicht auslassen.”

Im Gespräch mit Journalisten sagte Monsieur Le Pen: “Ich habe ja auch mehrmals den Martiniquaner Aimé Césaire zitiert.”

Auch Putin liebt die Dichtung. Ulrich Heyden schreibt in Telepolis:

Auf einer martialischen Wahlkampfveranstaltung beschwor Putin den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 4. März

Von der Wortwahl hätte man denken können, in Russland tobten Bürgerkrieg und ausländische Intervention. Doch es war nur ein Wahlkampfauftritt von Wladimir Putin. Auf einer Großveranstaltung im Moskauer Sport-Stadion Luschniki zitierte Putin gestern vor etwa 100.000 Menschen den russischen Schriftsteller Michail Lermontow, der in einem Gedicht [hier englisch] beschreibt, wie die russischen Soldaten 1812 vor der Schlacht von Borodino den Eid auf das Vaterland leisteten und “davon träumten, für die Heimat zu sterben”. Damals ging es gegen die Armee Napoleons. Heute geht es gegen diejenigen, so Putin, die sich “in unsere Angelegenheiten einmischen”.

Und auch unser Gauck, den ich mit keinem dieser beiden vergleichen will, zitiert in Bayern vor seinen erschreckten Zuhörern ein Gedicht auf Stalin, das er in den 50er Jahren auswendiglernen mußte und immer noch kann. (Hat er ihnen auch gesagt, daß der Autor aus Bayern stammte?). Hier zwei der Strophen eines Gedichts von Johannes R. Becher:

Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
Der Apfelbäume an dem Bodensee,
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
Und winkt zu sich heran ein scheues Reh.

Mit Marx und Engels geht er durch Stralsund,
Bei Rostock überprüft er die Traktoren,
Und über einen dunklen Wiesengrund
Blickt in die Weite er, wie traumverloren.


19. Februar 2012

81. Valérys Zirkelbewegung

Einsortiert unter: Frankreich, Französisch — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 01:42

Valéry schreibt in seltsamen Zirkelbewegungen, immer wieder werden, gerade in der Frühphase, bereits veröffentlichte Bücher umformuliert, erweitert und neu herausgegeben, auch die Gedichte erfahren eine Art ständige Revision, über Jahre. Entsprechend bleibt das Werk in seinem Umfang zunächst überschaubar. Den Startschuss für die genuin literarische und damit gesellschaftliche Karriere erspäht Bertholet mit dem Jahr 1917, dem Erscheinen des symbolistischen Gedichts «La jeune parque»; da tragen endlich auch seinerzeit namhafte Kritiker wie Paul Souday mit ihren Artikeln zur breiteren Rezeption Valérys bei. / Thomas Laux, NZZ 18.2.

Denis Bertholet: Paul Valéry. Die Biografie. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Mit einem Vorwort von Jürgen Schmidt-Radefeldt. Mit zahlreichen Abbildungen. Insel-Verlag, Frankfurt a. M. 2011. 660 S., Fr. 49.90.

18. Februar 2012

78. Europäische Poesie­zeit­schrift

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Frankreich, Französisch, Italien, Italienisch — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 15:54

Zum Schluss sei noch auf die erste Ausgabe der neuen europäischen Poesie­zeit­schrift „Limen“ verwiesen, die wohl hoff­nungs­vollste Zeit­schriften-Neu­gründung dieser Tage. Das erste Heft versammelt jeweils zweisprachig Gedichte und poeto­logische Noti­zen von Dichtern aus Deutsch­land, Frankreich und Italien. „sist zappen­duster in diesem gedicht, welche sprache es wohl spricht?“ Die Verszeile Uljana Wolfs präludiert eine Reihe von sprachskeptischen Texten, die sich in „Limen“ zu einem beein­druckenden Gruppen­bild avancierter Poesie zusammen­finden. / Michael Braun, Poetenladen

Limen, Heft 1(2011)
Postfach 2923, 49019 Osnabrück. 144 S. 14,80 Euro.

Ältere Artikel »

Theme: Silver is the New Black. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 242 other followers