Kategorie: Australien
22. Lyrik auf die Straßen
Beim diesjährigen Sydney Writers’ Festival vom 18.-26. Mai werden die Müllautos zu Poesieträgern. Auf 11 Fahrzeuge werden Verse berühmter Dichter aufgesprüht, darunter W.B. Yeats, Judith Wright und Rainer Maria Rilke.
Hier die Liste der Titel:
- Rainer Maria Rilke (from “Archaic Torso of Apollo”) (tr: Stephen Mitchell)
- Gig Ryan (from “When I Consider”)
- Peter Porter (from “The Unicorn in Love”)
- Jessy Randall (“Why I had Children”)
- Martin Harrison (from “Walking Back from the Dam”)
- David Campbell (“Mothers and Daughters”)
- John Berryman (from “Eleven Addresses to the Lord”)
- W. B. Yeats (from “Vacillation”)
- Kevin Hart (from “Dark Bird”)
- Judith Wright (from “Sonnet”)
- Kay Ryan (“Fool’s Errands”)
- John Berryman (from “Op. posth. no. 13”)
- Laurie Duggan (from “Letter to John Forbes”)
- joanne burns (“revisionism”)
- John Berryman (from “Overseas Prayer”)
- Marilyn Hacker (“Villanelle for D.G.B.”)
- L. K. Holt (from “From Inside the MRI Scanner”)
- Judith Wright (from “Woman to Child”)
- S. K. Kelen (from “Reality Check”)
38. Selbstinspektion
Bei seiner Selbstinspektion muss sich Les Murray auch der eigenen Vergangenheit stellen, dem Gefühl, schuld zu sein am Tod der Mutter, den erduldeten Demütigungen und schulischen Schikanen, den selbstzerstörerischen Impulsen, den Unzulänglichkeiten als Erzieher und Ehemann.
Neben familiärem Zuspruch war die Poesie das Instrumentarium, den Ursachen der Depression auf den Grund zu gehen. Murray gesteht, es seien einige «verkrampfte, unklare Gedichte» gewesen, die dabei entstanden, und erst die «Übersetzungen aus der Natur» von 1992, in denen er den Tieren und Pflanzen eine Stimme verleiht, hätten ihm geholfen, Abstand vom eigenen Selbst zu gewinnen. In diese Zeit fällt auch der Beginn des ungeheuren Versromans «Fredy Neptune», doch anders als dessen mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Protagonist muss Murray sein nicht früh genug diagnostiziertes Asperger-Syndrom, den daraus resultierenden Mangel an sozialer Kompetenz und die sexuelle Frustration ganz allein mit den Mitteln der Dichtung verarbeiten. Murray spart an diesen Stellen nicht mit bissigen Seitenhieben auf die ungesunde Prüderie seiner Jugendtage und das gehässige Verhalten seiner Umwelt. (…)
Bei aller persönlichen Betroffenheit bleibt Les Murray auch hier stets ein Seismograf gesellschaftlicher Phänomene. / Jürgen Brôcan, Neue Zürcher Zeitung 29.1.
Les Murray: Der Schwarze Hund. Eine Denkschrift über die Depression. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Berlin u. Hörby/Schweden 2012. 92 S., Fr. 28.90.
27. Murray in Lana
Im kleinen Lana las am 15. Mai ein ganz Großer aus seinem neuen Buch: Les Murray. Der Lyriker, der 1937 in New South Wales geboren wurde, wird immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Seine deutsche Verlegerin Margitt Lehbert übersetzte „Killing the Black Dog“, das in Australien, der Heimatstadt des Poeten zum Bestseller wurde, behutsam ins Deutsche. Im Rahmen der Veröffentlichung der deutschen Neuerscheinung unternahm Murray mit seiner Verlegerin eine Lesereise – und der Verein der Bücherwürmer holte den Dichter, der vor allem mit seiner Naturlyrik beeindruckt, nach Lana.
(…)
Die deutsche Presse, beispielsweise “Die Zeit”, lobt Ihren Sprachfuror und Ihre Originalität bei jedem neuen Buch das erscheint, immer wieder in höchsten Tönen. Sie schreiben in „Der schwarze Hund“, dass Sie von den Intellektuellenkreisen in Australien regelrecht gehasst wurden. Der Chefredakteur der einzigen überregionalen Tageszeitung ließ von den eigenen Mitarbeitern Leserbriefe gegen Sie schreiben. Warum?
Les Murray: Ja, praktisch, nicht? Wenn man das gleich selbst macht. In Australien wollte man meine Gedichte dem großen marxistischen Epos unterordnen. Die Eitelkeiten einer neuen Elite wollten befriedigt werden. Die linke, weiße Aristokratie sah sich als legitime Nachfolger der weißen Siedler und nahmen für sich das alleinige Wort in Anspruch. Mir gefiel das nicht.
/ Christine Kofler, Franz
109. Verfilmt
Das bekannteste Gedicht bzw. Volkslied Australiens – und inoffizielle Nationalhymne – wird auf die große Kinoleinwand gebracht.
Für alle, die den Song von Banjo Paterson noch nicht kennen, hier ein Auszug:
Oh there once was a swagman camped in the billabong,
Under the shade of a Coolobah tree,
And he sang as looked at the old billy boiling,
Who´ll come a-waltzing Matilda with me.
Man muss längere Zeit in Australien gewesen sein, um zu verstehen, von was Paterson hier eigentlich singt. Ein kurzer Crash-Kurs: “Waltzing Matilda” ist das Herumwandern im Busch, ein “billy” ist eine Blechbüchse und ein “billabong” ist nichts weiter als ein Wasserloch. Der Text wurde unzählige Male gecovert und abgeändert. / reisebine.de
Wiki mit dem Text
77. Shortlist der Forwardpreise
Der mit £10,000 dotierte Forward-Preis für den besten Gedichtband des Jahres ist einer der wichtigsten Lyrikpreise des UK. Unter den bisherigen Preisträgern waren Don Paterson, Seamus Heaney, Carol Ann Duffy und Ted Hughes. Jetzt wurde die shortlist veröffentlicht. Die Jury, zu der die Lyriker Leonie Rushforth (Vorsitzende), Ian McMillan und Alice Oswald und die Kritiker Emma Hogan und Megan Walsh gehören, wählte aus über 150 Gedichtbänden aus (wie die die wohl alle gelesen haben!). Gleichzeitig wurden auch die shortlists für den Debütpreis (£5,000) und den Preis für das beste Einzelgedicht veröffentlicht.
Die Namen der Gewinner werden am 3. Oktober bekanntgegeben.
/ Alison Flood, Guardian
The Forward prize for Best Collection
- White Sheets by Beverley Bie Brahic (CB Editions)
- Place by Jorie Graham (Carcanet Press)
- Naked Clay: Drawing from Lucian Freud by Barry Hill (Shearsman Books)
- Odi Barbare by Geoffrey Hill (Clutag Press)
- People Who Like Meatballs by Selima Hill (Bloodaxe Books)
The Felix Dennis prize for Best First Collection
- The Twelve-Foot Neon Woman by Loretta Collins Klobah (Peepal Tree Press)
- Clueless Dogs by Rhian Edwards (Seren)
- Stalker by Lucy Hamilton (Shearsman Books)
- 81 Austerities by Sam Riviere (Faber and Faber)
- Breaking Silence by Jacob Sam-La Rose (Bloodaxe Books)
The Forward prize for Best Single Poem in memory of Michael Donaghy
- Deep Sea Diver by Greta Stoddart (Magma Poetry)
- A Part Song by Denise Riley (London Review of Books)
- Marigolds, 1960 by Michael Longley (London Review of Books)
- Mea Culpa: Cleaning the Gutters by John Kinsella (The Warwick Review)
- Fugue on a line of Amr bin M’ad Yakrib by Marilyn Hacker (The Wolf Magazine)
97. Lyrikbegeistert
Medellín feierte die „Inauguración“ vor viertausend lauschenden, ja begeisterten Zuhörern. Bei dreißig Grad und beständiger lauwarmer Brise saßen fünfzig Dichter aus beinahe ebenso vielen Ländern ihrem Publikum im Carlos Vieco Stadion gegenüber, und einer nach dem andern trat ans Mikrofon und sang, sprach artikuliert in den Zungen dieser Welt – bisweilen begleitet von Muschelhorn, Djembe, Tröte und Bravo-Rufen aus dem Publikum und jeweils tosendem Applaus. …
In diesem Jahr steht das größte Poesiefestival der Welt, das 2006 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, im Zeichen des Geistes der indigenen Völker. So sind die ersten fünf Dichter des Abends allesamt Repräsentanten nationaler Minderheiten. Eine Inuit schwingt die Trommel und beschwört die Götter ihrer Vorfahren, der lautstarke Maori Apirana Taylor, der bei der vorausgegangenen Pressekonferenz angab, dass er das Festival auch besuche, um Gemeinschaft in der großen Familie der Dichter zu finden, bläst ins Horn und überzieht seine Bühnenzeit gründlich. Vertreter anderer Volksgruppen Kolumbiens und ganz Südamerikas, gewandet in traditionelles Tuch, treten auf. / Nora Gomringer, FAZ
Zu den Teilnehmern gehören: Rachid Boudjedra (Algerien), Saba Kidane (Eritrea), Atala Uriana (Venezuela), Jane King (St. Lucia), Karenne Wood (USA), Hugo Jamioy Juagibioy (Kolumbien), Esdauletov Ulugbek (Kasachstan), Dunya Mikhail (Irak/ USA), Ion Deaconescu (Rumänien), Andreas Neeser (Schweiz), Andriy Bondar (Ukraine), Philip Hammial (Australien). Mehr
7. Lesereise mit Les Murray
Edition Rugerup stellt einen neuen Band des australischen Dichters Les Murray vor: Der Schwarze Hund.
Der Schwarze Hund ist ein mutiger und schonungsloser Essay über Les Murrays Kampf gegen die Depression, mit Gedichten, die der Autor aus dieser Krise heraus schrieb und seinem Essay beigegeben hat, um das Zusammenspiel von Reflexion und schöpferischem Ausdruck zu erhellen. Seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1997 wurde das Buch um ein Nachwort und mehrere Gedichte erweitert. Auch für die deutsche Ausgabe hat Les Murray die Auswahl leicht verändert. Der Autor beschreibt, wie seine Familiengeschichte, seine Erfahrungen mit Mobbing und sein Asperger-Syndrom in einem Zusammenbruch mündeten, und wie er die Kraft fand, aus diesem inneren Dunkel heraus Gedichte zu schreiben und zugleich mit Medikamenten und Gedanken gegen es anzukämpfen. Mit der Zeit überfiel der Schwarze Hund ihn immer seltener und weniger heftig. Kein Buch des Australiers hat mehr Leser gefunden, vielleicht, weil selten ein Mensch offener zeigte, wie zerstörerisch dieses Leiden sein kann und welche Wege aus ihm herausführen.
Die Termine sind:
8.5.12 Literaturwerkstatt Berlin
9.5.12 DAI Heidelberg
10.05.12 Hölderlinturm Tübingen
12.05.12 Buchhandlung Müller, Neumarkt (Oberpfalz)
14.5.12 Literaturbüro Freiburg
15.5.12 Lana, Südtirol – Verein der Bücherwürmer
110. Australische Lyrik seit 1788
Dieser delphinblaue Band ist ein Meilenstein und ein wunderbarer Türstopper (? “doorstop”) mit seinen 1090 Seiten. Eine australische Anthologie von unerwarteter Reichweite und Dichte – es ist ein Wunder für eine so junge und bis vor kurzem so bevölkerungsarme Nation. Sie reicht bis zur Zeit der ersten Flotte zurück. (…)
Manchen Gedichten sollte man sich wie meditativen Erfahrungen nähern, wie oft bei Judith Wright. Ihre stillen und doch manchmal eindringlichen Rhythmen vermitteln ein Gefühl für das australische Land, das zugleich persönlich und tiefvertraut wirkt. Dann Seiten von “Banjo” Paterson mit seinen eher körperlichen Rhythmen… Es gibt auch Lieder der Aboriginals (einige mit Übersetzung, einige nicht) und anonyme Kolonialgedichte.
Es gibt auch “konkrete” oder visuelle Gedichte, bei denen die Muster der getippten Wörter genau so wichtig oder wichtiger sein können als die Wörter selber. Merkwürdigerweise fehlen diese Gedichte in dem sonst ausgezeichneten Penguin Book of Modern Australian Poetry. / John Clare, Sydney Morning Herald 27.1.
AUSTRALIAN POETRY SINCE 1788
Edited by Geoffrey Lehmann and Robert Gray
UNSW Press, $69.95
87. $ 50.000 für ein Gedicht
“Per Vers bekomm ich 1000 Eier”, prahlte einst Robert Gernhardt. Ein australischer Dichter hat es wirklich geschafft. Mark Tredennick gewann den erstmals ausgeschriebenen Internationalen Lyrikpreis von Montreal, mit 50.000 Dollar (37.000 Euro) wohl der höchstdotierte Preis für ein Einzelgedicht. 3200 Gedichte wurden von Lyrikern aus 59 Ländern eingesandt. Der frühere britische Poet laureate Andrew Motion wählte den Gewinner aus einer Shortlist von 44 Gedichten aus. Die Gedichte der shortlist waren anonymisiert. Der Preis wird durch Spenden finanziert und von Freiwilligen organisiert.
Tredennick schrieb das Gedicht kurz nach dem Tsunami in Japan bei einem Spaziergang am Columbiafluß in den Vereinigten Staaten.
Mit dem Preisgeld werde er Schulden begleichen (“Dichter leben mit Schulden”), sich Ruhe zum Schreiben erkaufen und vielleicht einen Füllhalter, ein Jackett, einen Laptop für die Tochter, eine Reise zu einem japanischen Tempel zum 50. Geburtstag und die Rückkehr nach Columbia.
Der Text des Gedichts kann auf der Website des Preises nachgelesen werden.
/ nach Susan Wyndham, Sydney Morning Herald
92. Murrays Verse
Der australische Dichter Les Murray gilt seit Jahren als Literaturnobelpreisanwärter. In seinen Versen überträgt er die Sprache der Natur in geschmeidige Rhythmen, versetzt sich in Fauna und Flora hinein, beobachtet “grasende Tiere / an den Steilhängen der Erde”. Mit Pferden, Fischen, Spinnen, Katzen und Vögeln belebt er die weiten Landstriche seiner melodiösen Verse. Zwischen lichtdurchfluteten Eukalyptuswäldern, Prärie und Ozean hört er das Wollhaargras wachsen. Der Einklang dissonanter Sinneseindrücke macht die Verse dicht und zugleich offen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Les Murray: Größer im Liegen. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Berlin. 160 S., 19,90 Euro.