Lyrikzeitung & Poetry News

16. April 2012

58. Lyrik ist gut für die Massen

Einsortiert unter: Arabisch, Syrien — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 22:17

Lyrik ist gut für die Massen, während Prosa den schädlichen Individualismus unterstützt. Der „Große Kommandant“ will die Subjektivität eliminieren. Denn Denken bedeutet Widerstand und ist somit Verrat am Führer. Ebenso wird übrigens die traditionelle arabische Musik zugunsten von martialischer Blechmusik abgeschafft. Liebeslieder könnten schließlich zu Melancholie führen, zu Genuss und Meditation, was individualistisch und somit antipatriotisch ist.Wegen Landes-, genauer, Führerverrat wird Fathi denn auch seine Literatursendung im Fernsehen weggenommen und auch sein Schöpfer, der Autor Nihad Siris, durfte seit 2001 nicht mehr fürs Fernsehen arbeiten (wofür er zuvor die erfolgreiche, 25-teilige Serie „Seidenmarkt“ schrieb). / Sabine Vogel, FR 12.4.

Nihad Siris: Ali Hassans Intrige. Aus dem Arabischen von Regina Karachouli. Lenos Pocket, Basel 2012. 174 S., 12,90 Euro.

Vgl.: Nur Hirtenvölker bevorzugen die Poesie / 30. Das arabische Gedicht

17. Januar 2012

65. Kein Land für alte Dichter

Einsortiert unter: Arabisch, Syrien — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 13:02

Der Autor und Musiker Piko Be (Kamerakino/Das Weiße Pferd u.a.) präsentiert zum ersten Mal “Kein Land für alte Dichter” in Berlin. Zum Eröffnungs-abend hören wir junge syrische Lyrik mit Fares Albahra (Damaskus/Berlin) und Sandra Hetzl (Napoli/Berlin).

Eine deutsch-syrische Lesung mit Gespräch samt revolutionären Drehungen und Wendungen.

Lyrikwache diesmal: Hank Schmidt in der Beek.

Details

  • Datum: Dienstag, 17 Januar 2012
  • Zeit: 21:00
  • Stadt: Berlin
  • Location: Südblock
  • Adresse: Admiralstr. 1-2

20. November 2011

93. Poetische Begegung der Kulturen in Bonn

Renommierte Dichter zu Gast im “deutsch-arabischen lyrik-salon”

Vor mehr als 6 Jahren gründete der aus Syrien stammende deutschsprachige Dichter, Übersetzer, Herausgeber und Publizist Fouad El-Auwad den „deutsch-arabischen lyrik-salon“.  Zur illustren Gästeschar seiner bisherigen Festivals zählten u.a. Reiner Kunze, Raoul Schrott, Evelyn Schlag und Fuad Rifka. Nunmehr findet der „lyrik-salon“ zum vierten Mal statt. Zu Gast sind diesmal bei der poetischen Begegnung der Kulturen neben Fouad El-Auwad auf deutschsprachiger Seite Ulrike Draesner, Eva Förster, Ludwig Steinherr, Suleman Taufiq und Christoph Leisten. Auf arabischsprachiger Seite werden  Naim Talhouk (Libanon) , Maram Massri (Syrien), Hanane Aad (Libanon),  Aisha Bassry (Marokko), Rim Najmi ( Marokko) und  Sarjoun Karam (Libanon) zu hören sein. Zum „4. lyrik-salon“ erscheint unter dem Titel „dOrt“ eine von Fuad El-Auwad herausgegebene deutsch-arabische Lyrik-Anthologie beim Shaker Verlag. Die zweisprachige Lesung aller Gedichte wird musikalisch begleitet durch den Oud-Virtuosen Raed Khoshaba. Sie findet statt am Samstag, dem 26. November 2011, 19 Uhr, im Festsaal der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn (Am Hof 1, 1. Obergeschoss). Der Eintritt beträgt 10,- Euro (ermäßigt 6,- Euro). – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de

29. September 2011

135. Widersprüchliche Berichte

Einsortiert unter: Arabisch, Ägypten, Syrien, Tunesien — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 09:14

„Wir haben schon gewonnen.  Es fragt sich nur, wie viel,“ sagt der tunesische Internetaktivist Slim Amamou, der nach dem Sturz des alten Regimes für 5 Monate Staatssekretär in der Übergangsregierung war.

„Heute ist die Zensur weitestgehend aufgehoben“, sagte er. Das Agence Tunisienne d’Internet (ATI), die oberste Zensurbehörde, habe Berufung gegen alle Zensurbestrebungen eingelegt und einen Wandel zu einer Behörde vollzogen, die nun die Freiheit des Internets verteidige.

Nun ehrte ihn die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin mit dem Menschenrechtspreis.

Schlechtere Nachrichten aus Ägypten:

„Im Moment geht es wieder abwärts. Es gibt Verbote, Zensuren, die Talkshows im Fernsehen scheinen gesteuert und Journalisten werden verhaftet und gefoltert.“ Im September 2011 wurde etwa die Redaktion des Fernsehsenders Al Dschasira in Kairo durchsucht und danach geschlossen. Die Repressionen der Militärjunta werden als Rückkehr in die Ära Mubaraks gewertet.

(…) „Der Protest ist noch im Gange. Die Menschen werden nicht mehr ihren Mund halten“, sagte Kassem.

/ Tagesspiegel 27.9.

Skeptisch ist dagegen der kürzlich mit dem Goethepreis geehrte Dichter Adonis. “Es gab keine arabische Revolution”, sagt er. Köpfe seien ausgetauscht worden, aber die Strukturen blieben. Der Nouvel Observateur sprach mit ihm.

Lang ist die Liste seiner auf Französisch vorliegenden Bücher:

Le regard d’Orphée
Adonis
Editions Fayard, 20,90 €

Mémoire du vent
Adonis
Gallimard, 8,46 €

Le livre
Adonis
Seuil, 23,75 €

La priere et l’epee
Adonis
Mercure de france, 18,83 €

Le temps des villes
Adonis
Mercure de france, 18,83 €

La forêt de l’amour en nous
Adonis
Mercure de france, 15,96 €

Introduction à la poétique arabe
Adonis
Sindbad-Actes Sud, 12,32 €

Identité inachevée et ouverte
Adonis
Rocher Eds Du, 10,93 €

Commencement des corps, fin de la mer
Adonis
Mercure de france, 13,30 €

Chronique des branches
Adonis
La Difference, 5,08 €

Chants de Mihyar le Damascène
Adonis
Gallimard, 9,98 €

Celebrations
Adonis
La Difference, 14,25 €

Tombeau pour New York Prologue à l’histoire des tâ’ifa Ceci est mon nom
Adonis
Sindbad-Actes Sud, 10,00 €

16. September 2011

83. Revolution gegen Moderne

Einsortiert unter: Arabisch, Ägypten, Syrien — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 15:27

Ein Glück, dass die ägyptische Revolution auch die Literatur der Moderne hinweggefegt hat. Die neuen Autoren wollen vor allem leicht und geerdet sein

meint Hamdy Abou Golayyel im Freitag:

Tatsächlich äußerte sich die oppositionelle Haltung der Moderne gegenüber den totalitären Regimes nie als Widerspruch, sondern allenfalls als Einspruch von Anhängern derselben Ideologie. Adonis, der große syrische, im Exil lebende Dichter der Moderne, schrieb: „Es kam ein schöner Sturm, aber die schöne Verwüstung blieb aus.“ Im Klartext – die Dichtung der Moderne muss ja immer erklärt werden – bezieht sich der „schöne Sturm“ auf die Befreiungsbewegung, die wiederum die Diktatur brachte, während die „schöne Verwüstung“, die alles auslöscht, auf sich warten lässt. Vergleicht man nun die Äußerungen von Adonis als berühmter Persönlichkeit der Moderne und die Äußerungen von Gamal Abdel Nasser als berühmter Persönlichkeit der Befreiungsbewegung, so lässt sich in den Ansichten über Modernisierung, Entwicklung und „Ausradieren“ der alten Zeiten, eine Ähnlichkeit, ja beinahe sogar schon eine Deckungsgleichheit feststellen.

Die Moderne war, wegen der Komplexität und Rätselhaftigkeit ihrer mit Bildern überladenen, fast schon karikaturistisch überzeichneten Sprache, ein Unglücksfall für die ägyptische und arabische Literaturgeschichte. (…)

Am schlimmsten war offenbar die ägyptische Lyrik betroffen, während der Roman weitestgehend verschont geblieben war. Zwischen den Gedichten von Osama al-Danasoury, den ich und viele andere auch für den Autor „neuer“ ägyptischer Literatur schlechthin halten, und den Gedichten gekrönter Häupter der arabischen Moderne wie Adonis, oder der ägyptischen Moderne wie Mohammed Afifi Matar, besteht ein gewaltiger Unterschied, allein schon in Bezug auf Sprache, Thematik und Haltung des Autors. Auf der einen Seite die Modernisten, leuchtendes Beispiel für den wortgewandten, gewissenhaften, gut informierten und gerechten Dichter, der sich, jederzeit gesprächsbereit, für die gesamte Nation einsetzt. Auf der anderen Seite Osama al-Danasoury, ein ganz normaler Mensch, der mit sprachlicher Schlichtheit und Leichtigkeit ausführlich Sorgen und Nöte beschreibt, die die finster dreinblickenden Herren Modernisten als banal, ja geradezu belanglos abgetan hätten.

3. September 2011

8. Falscher Zeitpunkt

Einsortiert unter: Arabisch, Ägypten, Marokko, Syrien — Schlagworte: , , , , , — lyrikzeitung @ 01:45

Ungeachtet der Proteste, die Äußerungen von Adonis zur Lage in Syrien in der arabischen Welt verursacht hatten, erhielt der 1930 in der Nähe der Küstenstadt Latakia geborene Dichter am vergangenen Sonntag den Frankfurter Goethe-Preis – einer von vielen arabischen Literaten, die mit dem demokratischen Aufbruch in ihrer Weltregion ausgezeichnet werden. Neben dem Goethe-Preis für Adonis ist im September der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis in Osnabrück für Tahar Ben Jelloun zu verzeichnen, im Oktober der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Boualem Sansal und im November der Hermann-Kesten-Preis für den ägyptischen Verleger Mohammed Hashim. Fehlt nur noch der Literaturnobelpreis. Auch dafür ist Adonis ein Kandidat.

Als Dichter und Vorreiter der literarischen Moderne in der arabischen Welt hätte er ihn zweifellos verdient – ist aber das Jahr 2011 der beste Zeitpunkt dafür? …

Der entscheidende Unterschied zwischen Adonis und den säkular und emanzipatorisch orientierten Kräften in Nordafrika ist nicht inhaltlicher Natur, sondern beruht auf einem irritierenden Timing. Adonis äußert seine Vorbehalte gegen die Protestierenden, während diese erschossen und eingeschüchtert werden, bevor sie ihre Ansichten überhaupt richtig äußern können. Und es mutet eigenartig an, die Verbesserung der Verhältnisse nicht mit der Abschaffung des ersten und offensichtlichsten Übels beginnen zu wollen, nämlich der Diktatur, sondern sie an Bedingungen zu knüpfen und den Unterdrückten zunächst einmal die rechte, und das heißt in diesem Fall die westlich-laizistische Gesinnung, vorschreiben zu wollen.

Diese herablassende Skepsis gegenüber den Revolutionen ist aber nicht nur die von Adonis und anderen abgehobenen, sich in Maximalforderungen gefallenden Intellektuellen, sondern sie ist auch in Europa weit verbreitet, ja sie bildete bis weit in den arabischen Frühling hinein die Grundlage der offiziellen westlichen Politik. / Stefan Weidner, Süddeutsche Zeitung 29.8.

29. August 2011

129. Auszeichnung

Einsortiert unter: Arabisch, Deutschland, Syrien — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 09:45

In den Tagen des arabischen Frühlings, der täglich Menschenopfer fordert, klingen diese frühen Zeilen natürlich vage und geradezu enthaltsam, weswegen Adonis’ Auszeichnung auch gelegentlich kritisiert wurde. Doch der Dichter kann auch anders. Um das zu zeigen, zitierte Sartorius einen Artikel, der vor drei Monaten in der Londoner Tageszeitung “Al-Hayat” erschien: Die Arbeit der revolutionären Bewegungen werde “erst abgeschlossen sein, wenn Rechtsprechung, Bildungswesen und Sicherheitsapparat vollständig und umfassend von der Politik entkoppelt werden, wenn die Frauen ihr vollständigen bürgerlichen Rechte erhalten, bei absoluter Gleichstellung mit ihren männlichen Mitbürgern.”

In der Lyrik erklingen solche Töne natürlich nicht, und deswegen hob Sartorius Adonis’ Hoffnung auf “einen befreiten Islam” hervor, “der die heutigen Imame entmachtet und an die unkonventionellen vorislamischen Denker des frühen Mittelalters anschließt”. / Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse zur Verleihung des Goethepreises an den Dichter Adonis

28. August 2011

125. Goethepreis für Adonis

Einsortiert unter: Arabisch, Libanon, Syrien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 15:35

Dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis ist in Frankfurt/Main der Goethe-Preis verliehen worden. Die Jury ehrte ihn dafür, “die Errungenschaften der europäischen Moderne in den arabischen Kulturkreis getragen” zu haben.

Adonis ist bekennender Laizist und überzeugt, dass nur die Säkularisierung der Gesellschaft die arabische Kultur und Politik weiterentwickeln kann. Dem Wochenblatt “Die Zeit” sagte er 2002: “Immer wenn die Religion nichts vorschreibt, ist die arabische Kultur großartig. Alles, was in der arabischen Kultur frei davon ist, ist außergewöhnlich.” Seine Poesie in seinen Büchern, Artikeln und Vorträgen versteht er als zivilisatorisches Kulturprojekt, das in der Lage ist, die arabische Geschichte neu zu schreiben und zu definieren.

Inzwischen pendelt Adonis zwischen Paris und Beirut. Ost und West, glaubt Adonis, begegnen sich vor allem durch Kunst und Poesie. Das ist ganz im Sinne Goethes, der bereits zu seiner Zeit erkannte: “Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.” Aber Adonis erkennt, dass “Ost oder West zwei Begriffe sind, die mehr ideologisch als geographisch auseinander gehen”.

/ Lina Hoffmann, Deutsche Welle

29. Juli 2011

113. Liedermacher ermordet

Einsortiert unter: Arabisch, Syrien — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 01:41

Der Feuerwehrmann, Poet und Liedermacher schrieb früher über die Liebe und wirtschaftlich schwierige Zeiten. Als im Juni in seiner Heimatstadt Hama 65 Menschen durch Bashar al-Assads Sicherheitskräfte umgekommen waren, wurde Ibrahim Quashoush zum Politaktivisten. Sein Gedicht mit dem Refrain «Bashar, es ist Zeit zu gehen» wurde mit einer eingängigen Musik unterlegt. Die Protestbewegung in Hama machte sich das Lied zu eigen. «Die Freiheit steht vor der Tür. Bashar, es ist Zeit zu gehen! Du bist ein gesuchter Mann in Hama. Deine Fehler werden nicht verziehen», ertönte es in den Strassen der Oppositionshochburg.

Der 42-jährige Quashoush wurde über Nacht zur Gefahr für die Regierung. Anfang Juli verschwand der Poet spurlos. Gemäss der «Washington Post» wurde er verschleppt. Nur wenige Tage später wurde Ibrahim Quashoushs Leiche im Orontes-Fluss von Hama gefunden. Seine Kehle war durchgeschnitten. / Basler Zeitung

22. Juni 2011

110. Ängstliche Wahl

Festzuhalten bleibt aber, dass die Friedenspreisjury es nicht einmal in diesem Jahr geschafft hat, einen Autor auszuzeichnen, der nicht in den großen Sprachen der jüdisch-christlichen Tradition schreibt. Dabei gibt es mittlerweile etliche Arabisch schreibende Autoren, die ebenso gut oder schlecht auf dem deutschen Buchmarkt vertreten sind wie Sansal und literarisch locker in derselben Liga spielen: der Ägypter Alaa al-Aswani, die Palästinenserin Sahar Khalifa, der Libanese Elias Khoury, der Libyer Ibrahim al-Koni, der Syrer Adonis.

Aber einen von diesen Autoren zu wählen, war der Jury offenbar zu riskant: Wen holt man sich da eigentlich in die Paulskirche, wenn man Adonis, Al-Koni, Khalifa, Khoury, Al-Aswany auszeichnet? Wurde Adonis und Al-Koni nicht gerade noch vorgeworfen, sie stützten irgendwie die repressiven Regime in ihrer Heimat, ja, sie seien mit denen sogar verbandelt? Wie die beiden sich wirklich zur Revolution positionierten, hat dann leider niemanden mehr interessiert, nachdem ein aus der Hüfte geschossener Denunziationsjournalismus den Verdacht erst einmal ausgesprochen hatte. Sahar Khalifa? Zu brisant, da eine vehemente Israelkritikerin. Dass Khalifa auch eine fulminante Kritikerin des Islamismus und palästinensisch-arabischen Machismo ist, interessiert dann schon gar nicht mehr. Für Elias Khoury und Alaa al-Aswani gilt dasselbe. So sehr sie die Zustände in ihrer Heimat kritisieren: Wenn sie erst einmal anfangen, auszuteilen, dann kriegt auch der Westen, dann kriegen auch wir unser Fett ab.

Was uns Boualem Sansal am 16. Oktober in der Paulskirche sagen wird, wissen wir noch nicht. Aber in seinem bisherigen Werk deutet wenig darauf hin, dass er uns unangenehme Fragen stellen wird.  / Stefan Weidner, Süddeutsche 14.6.

Ältere Artikel »

Theme: Silver is the New Black. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 242 other followers