Kategorie: Jemen

64. Türkische Früchte 4: Tode

Dichter wurden allerorten verfolgt und gemordet. Unübertroffen Hitler und Stalin. In diesem einen Punkt war Stalin vorn, seinen Repressionen fiel eine mindestens dreistellige Zahl von Schriftstellern zum Opfer. In einer einzigen Nacht, der “Nacht der ermodeten Dichter”, ließ der Diktator 13 jüdische Intellektuelle hinrichten, darunter diese Schriftsteller:

  • Peretz Markish (1895–1952)
  • David Hofstein (1889–1952)
  • Itzik Fefer (1900–1952)
  • Leib Kvitko (1890–1952)
  • David Bergelson (1884–1952)

Diese beiden sind also konkurrenzlos. Sieht man an ihnen vorbei, stößt man auf die Tatsache, daß islamische Ländern seit dem Mittelalter besonders viele ihrer Dichter zu Tode brachten, namentlich auch spätere Klassiker. Eine kleine Liste von hingerichteten Autoren:

  • der Dichter Waddah al-Yaman, jetzt Nationaldichter in Jemen, wurde 708 wegen seiner Verse, vielleicht aber auch wegen zu enger Beziehung zur Frau des Kalifen, von diesem hingerichtet
  • der arabische Dichter Salih ibn ‘Abd al-Quddus wurde 784 wegen Ketzerei hingerichtet
  • Der Dichter Abu Nuwas starb 815 wegen eines Spottgedichts auf eine vornehme Perserfamilie – sie ließ ihn derart misshandeln, dass er an den Folgen starb
  • Huseyn ibn Mansur al-Halladsch wurde 922 in Bagdad hingerichtet
  • Abu at-Tayyib Ahmad ibn al-Husayn al-Mutanabbi, den man oft den größten arabischen Dichter nennt, wurde 965 ermordet
  • der türkische Dichter Nesimi (Nasimi) wurde 1405 hingerichtet, weil er einer der Ketzerei beschuldigten Sekte angehörte. Er starb in Aleppo durch Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe
  • Pir Sultan Abdal wurde um 1560 hingerichtet, weil er mit den Persern gegen die Herrscher von Siwas konspirierte
  • der türkische Dichter Nefi wurde 1635 hingerichtet, weil er Spottverse gegen einen Mächtigen schrieb
  • 1981 richtete die Islamische Republik Iran den Dichter  und Dramatiker Saeed Soltanpour hin

Nachtrag 2012: Zehntausende fordern in einer Facebook-Gruppe die Bestrafung des saudi-arabischen Journalisten Hamsa Kaschgari, weil er den Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Sie wollen ein Exempel statuieren und verlangen die Hinrichtung des 23-Jährigen.

8. Sokotrisch

Saad bin Hammed bin Maged gewann den Lyrikwettbewerb auf der zu Jemen gehörigen Insel Sokotra, der in der letzten Dezemberwoche unter der Schirmherrschaft des Ministers für Wasser und Umwelt stattfand. Neun lokale Dichter trugen ihre Verse in der traditionellen Sokotri-Sprache vor. Der Wettbewerb hat das Ziel, die bedrohten sokotrischen Traditionen zu bewahren. / Yemen Post

34. Dichter, Propheten und Wahnsinnige

Warum denn jede Diktatur so viel Angst vor Dichtern habe, fragte Matthias Göritz, Lyriker und Moderator des Abends, gegen Ende des Gesprächs in die Runde. Weil, so antwortete der Kubaner Carlos A. Aguilera, die Literatur einen Raum der Reflexion schaffe, der unkontrollierbar sei. Weil Poesie grundsätzlich ein Praktizieren von Freiheit sei, antwortete der im Nord-Jemen geborene Mansur Rajih. Die originellste Replik kam vom Syrer Faraj Bayrakadar: Alle Systeme hätten Angst vor Dichtern, Propheten und Wahnsinnigen, weil die sich nicht scheuten, die Wahrheit zu sagen.

/ CHRISTOPH SCHRÖDER, FR 7.6.

20. „DIE GANZE WELT IM GEDICHT“

FREITAG, 04.06., 20 UHR

LESUNG UND GESPRÄCH MIT MUSIK: „DIE GANZE WELT IM GEDICHT“

LITERATURHAUS FRANKFURT
Schöne Aussicht 2
D-60311 Frankfurt am Main

MIT DEN AUTOREN FARAJ BAYRAKDAR (SYRIEN/SCHWEDEN), MANSUR RAJIH (JEMEN/NORWEGEN), PEGAH AHMADI (IRAN/DEUTSCHLAND) UND CARLOS A. AGUILERA (KUBA/DEUTSCHLAND)

MODERATION: MATTHIAS GÖRITZ

LESUNG DER DEUTSCHEN TEXTE: THOMAS BRÜCKNER

MUSIKALISCHER RAHMEN: SHAHRAM MOGHADDAM

Immer wieder ist es gerade das Gedicht, das Erfahrung verdichtet. Dies scheint besonders zu gelten für existenzielle Situationen wie Gefängnishaft, Bedrohung, Exil. Die Poeten dieses Abends setzen sich damit auseinander. Denn sind verdichtete Worte nicht auch das Einzige, was den Bedrängten als Verteidigung gegen diejenigen bleibt, die sie bedrängen? In vielen politischen Systemen der Welt sind es gerade die Autorinnen und Autoren – und allen voran die Poeten – vor denen sich die Diktatoren fürchten. In Gedichten derart bedrängter Lyriker findet sich nicht nur traumatische Erfahrung, in ihnen scheint auch die Hoffnung immer wieder auf, dass Worte etwas bewegen, ja verändern können.

litprom beteiligt sich an diesem Abend an der weltweiten Lesung, auf der Texte des chinesischen Autors Liao Yiwu gelesen werden, ein Autor, der in China nicht publizieren kann und an Reisen ins Ausland gehindert wird. Mit der Lesung, zu der viele namhafte Autorinnen und Autoren und das internationale literaturfestival berlin aufgerufen haben, soll zugleich an das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989 erinnert werden. Das in China verbotene Gedicht „Massaker“ von Liao Yiwu wird eigens für diesen Anlass von Karin Betz übersetzt.

Eintritt frei

144. Zuflucht:Literatur!

“Neue Heimat – neue Sprache – neue Literatur?”, fragt die Runde am 3. Juni ab 20 Uhr im Literaturhaus, mit der Rumänin Carmen-Francesca Banciu und dem Iraker Abbas Khider, seit 2000 in Deutschland. “Die ganze Welt im Gedicht” am 4. Juni ab 20 Uhr im Literaturhaus versammelt den syrischen Poeten Fataj Bayrakdar, den jemenitischen Dichter Mansur Rajih, die iranische Poetin Pegah Ahmadi und den Exil-Kubaner Carlos Aguilera. Ahmadi ist derzeit in Frankfurt Stipendiatin des Netzwerks, Aguilera war zuvor hier Gastautor.

Zuflucht:Literatur!, 1.-4.6., mehr unter www.litprom.de