Kategorie: Asien
57. Superman ist Araber
Die libanesische Dichterin und Journalistin Joumana Haddad kritisiert das patriarchalische System und den Einfluß der Religion in der arabischen Welt in ihrem Essay “Superman ist Araber: Über Gott, die Ehe, Machos und andere unheilvolle Erfindungen”.
Mit der gleichen Verve wie in “Ich habe Scheherazade getötet” prangert sie in diesem Buch das patriarchalische System an, das in der arabischen Welt existiert und das in den drei monotheistischen Religionen verwurzelt ist. Durch Diskriminierung der Frauen innerhalb der Familie und in der Gesellschaft haben diese Religionen den Machismus nicht nur gefördert, sondern auch institutionalisiert und geheiligt. Machismus, der unter der Maske von Stärke, Selbstbewußtsein, individuellem oder Clanstolz eher ein tiefes Gefühl der Unsicherheit und irrationaler Ängste verbirgt. In dieser Zeit der großen politischen Umwälzungen in der Region beharrt die Autorin in einer Mischung von Bekenntnissen, Gedanken, Humor und Poesie auf der Idee, daß der in den letzten zwei Jahren geführte Kampf für die Freiheit und Würde scheitern wird ohne die progressive Bejahung einer “neuen arabischen Männlichkeit”, das heißt ohne die Errichtung einer radikal anderen Beziehung zwischen Mann und Frau – und Jedes und Jeder zum eigenen Körper. / Charles Monti, Corse Net Infos 15.5.
45. poesiefestival berlin
Das 14. poesiefestival berlin fragt nach den Orten der Dichtkunst, nach der „Heimat Poesie“. Vom 7.-15. Juni 2013 präsentiert die Literaturwerkstatt Berlin in der Akademie der Künste am Hanseatenweg die Bandbreite und Vielseitigkeit internationaler zeitgenössischer Dichtkunst.
Zu Gast sind u.a. Christian Bök (Kanada), Breyten Breytenbach (Südafrika), TJ Dema (Botswana), Oswald Egger (Südtirol), Kosal Khiev (USA/Kambodscha), Ursula Krechel (Deutschland), Ise Lyfe (USA), Nikola Madzirov (Mazedonien), Luis García Montero (Spanien), Don Paterson (UK), Tomaž Šalamun (Slowenien), Ana Tijoux (Chile), Natan Zach (Israel) und Adam Zagajewski (Polen).
Hier das komplette Programm.
Kartenvorverkauf
Vorverkauf in der Akademie der Künste
Tel 030. 200 57-1000/-2000
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten
Pariser Platz 4, 10117 Berlin-Mitte
Täglich 10:00–19:00
Im Internet unter: www.adk.de oder www.poesiefestival.org
Festivalpass, gültig für alle Veranstaltungen:
60 EUR/40 EUR, erhältlich in der Akademie der Künste.
Ort
(soweit nicht anders angegeben):
Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin-Tiergarten
S-Bahn Bellevue / U9 Hansaplatz/ Bus 106
Informationen
Literaturwerkstatt Berlin
Tel 030. 48 52 45 0
www.literaturwerkstatt.org
43. Hitomaros letzte Liebe
“Hitomaros letzte Liebe” ist kein Roman, sondern ein empfehlenswerter Aufsatz des Japanologen André Wedemeyer (1875-1958) über den Dichter Kakinomoto-no Hitomaro, der im 7. und 8. Jahrhundert lebte und als einer der „6 berühmten Dichtergenien“ verehrt wird.
Damals schrieb man in einer der kompliziertesten Schreibsprachen der Welt, die viele verschachtelte Sprachspiele erlaubte. Was für Dichter und Leser damals ein reizendes Spiel bedeutete, wäre für uns heute völlig unverständlich wenn es nicht Generationen von Erklärern gegeben hätte.
Auch deutsche Gelehrte haben sich dem Verständnis altjapanischer Dichtkunst gewidmet und Großes auf diesem Gebiet geleistet. André Wedemeyer ist einer von diesen. Völlig zuhause in den Schatzkammern zweier Kulturen, der deutschen und japanischen, sah er mehr als viele andere und konnte es auch schöner herüberbringen. / Jan Kellendonk, Lokalkompaß
(Der Aufsatz mit den Übersetzungen hier zum Download)
Auszug
Dem Langgedicht hat Hitomaro zwei Kurzgedichte beigegeben, von denen das erste in der Textüberlieferung in zwei Fassungen erscheint, so daß hier drei Gedichte vorliegen.
lhami no ya
ko-no-ma YOl’i
Takatsunu yama no
aga furu sode wo
imo mitsuramu ka?In Iwami noch
aus der Waldlichtung
vom Berg Takatsuno
den ich geschwenkt, den Ärmel,
ob die Liebste ihn wohl sah?Ihami naru
ko-no-ma yo mo
Takatsunu yama no
aga sode furu wo
imo mikemu kamo!In Iwami, hier,
aus der Lichtung selbst
vom Berge Takatsuno
das Schwenken meines Ärmels,
sie hat’s gewiß gesehn, ach!Sasa ga ha ha
midaredomo,
mi-yama mo saya ni
are ha imo omofu,
wakare kinureba.Bambusgrasblätter
flimmern zwar, aber
auf dem Berg auch hellschimmernd
ich gedachte der Liebsten,
weil ich ja vom Abschied kam.
110. Dichter auf Banknoten
Die israelische Regierung beschloß am Sonntag die Ausgabe neuer Geldscheine mit Porträts berühmter hebräischer Dichter. Ein 50-Schekel-Schein trägt das Bild von Shaul Tchernichovsky (Saul Tschernichowski) und ein 200-Schekel-Schein das von Nathan Alterman.
Im nächsten Jahr kommt ein 20-Schekel-Schein mit dem Bild von Rachel Bluwstein (bekannt als Rachel die Dichterin), und ein 100-Schekel-Schein mit Lea Goldberg.
Kritiker monierten die Auswahl – alle vier Dichter sind aschkenasische Juden. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu lobte die neuen Scheine – “Sie sind schön und rühren unser Herz mit Poesie” – und schlug vor, in die nächste Serie ein Bild des Sepharden Yehuda Halevi aufzunehmen, den er einen der größten Dichter Israels nannte.
Der Knessetabgeordnete Arieh Deri (Shas) nannte die Billigung der neuen Geldscheine symptomatisch für die Behandlung der Mizrachi-Bevölkerung, die im Obersten Gericht, in den Hochschulen und Medien, bei den Staatspreisen, in der gegenwärtigen Regierung und nun auch auf den neuen Geldscheinen ausgeschlossen sei.
Der Abgeordnete Isawi Freij (Meretz) schlug seinerseits vor, den israelpalästinensischen Autor Emile Habibi auszuwählen.
/ Haaretz
Aschkenazim (Ostjuden) sind die ursprünglich in Nordfrankreich und Deutschland lebenden und später nach Osteuropa weitergezogenen Juden, die nach “deutschem” Ritus beteten und Jiddisch sprachen. Sephardim sind die “Westjuden”, die ursprünglich in Spanien lebten.und Judenspanisch (Sephardisch, Ladino) sprachen. Mizrachim ist heute in Israel die Bezeichnung für aus Afrika und Asien stammende Juden, die meist Arabisch sprechen.
Saul Tschernichowski (Hebräisch שאול טשרניחובסקי; * 20. August 1875 in Michailowka, Russisches Reich; † 14. Oktober 1943 in Jerusalem)
Nathan Alterman ( (Hebr. נתן אלתרמן, * Juli 1910 in Warschau; † 28. März 1970 in Tel Aviv)
Leah Goldberg (Hebräisch לאה גולדברג, * 29. Mai 1911 in Königsberg; † 15. Januar 1970 in Jerusalem)
Rachel Bluwstein Sela (20. September (Julianischer Kalender) 1890 Saratow – 16. April 1931 Tel Aviv) meist Rachel (Hebr. רחל) oder Rachel die Dichterin (Hebr. רחל המשוררת) genannt
95. Petrarcapreis für Adonis und Robertson
Der 1930 in Syrien geborene, in Paris lebende Dichter und Essayist Adonis (Pseuonym für Ali Ahmad Said) und der 1955 in Schottland geborene, in London lebende Dichter Robin Robertson erhalten im Juni den Petrarca-Preis. Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert und wird auf die beiden Gewinner aufgeteilt.
Adonis, Träger des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt und Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin, ist der bekannteste arabische Dichter der Gegenwart. Seine strikte Verurteilung der Dogmatisierung der arabischen Kultur hat er in dem Satz zusammengefasst: „Ich kann nicht an einer Revolution teilnehmen, die aus den Moscheen kommt.“ Von Adonis sind zuletzt die Bücher Von der Dichtung zur Revolution (Fischer 2013) und die Liebesgedichte Der Wald der Liebe in uns (Jung und Jung 2013) erschienen.
Von Robin Robertson ist soeben eine von Jan Wagner übersetzte Sammlung von Gedichten im Lyrik Kabinett (Hanser 2013) unter dem Titel Am Robbenkap erschienen. (…)
Der Preis wurde von Hubert Burda gestiftet, der Jury gehören Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger an.
93. Weltklang
Weltklang – Nacht der Poesie
Das 14. poesiefestival berlin eröffnet mit einem Feuerwerk zeitgenössischer Poesie, von klassischer Dichtung über Soundpoesie, Videopoesie und Performance bis zu Spoken Word. Die Stars der internationalen Dichtkunst kommen am 7.6.2013 zu Weltklang – Nacht der Poesie in der Akademie der Künste, Hanseatenweg, zur poetischen Standortbestimmung. Einmal mehr zeigt Weltklang – Nacht der Poesie, die Vielfalt internationaler Gegenwartslyrik, die Unterschiedlichkeit nicht nur der Sprachen, auch der poetischen Ansätze und Themen. Mit dabei sind Christian Bök (Kanada), TJ Dema (Botswana), Oswald Egger (Österreich), Ursula Krechel (Deutschland), Iman Mersal (Ägypten), The Maw Naing (Myanmar), Luis García Montero (Spanien), Don Paterson (UK) und Natan Zach (Israel).
Weltklang ist ein Konzert aus Stimmen, in Sprachen und Versen. Die Dichter lesen in ihrer Muttersprache, ohne eingesprochene Übersetzung – eigens für diesen Abend erscheint eine Anthologie mit den deutschen Übersetzungen der Gedichte.
Das 14. poesiefestival berlin findet statt vom 7.-15.6. 2013 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin.
Weitere Informationen unter www.poesiefestival.org
Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.
91. Adonis, Ashbery, Erb
11.-15.6. Poetry International Festival Rotterdamse Schouwburg ”Be on the lookout for world-renowned poets like Adonis from Syria, John Ashbery from the United States, and German poet Elke Erb, breathtaking poetry from China, our very own Dutch Poet Laureate Anne Vegter, VSB Poetry Prize-winner Ester Naomi Perquin, and much more.”
83. Persische Dichterin aus dem 12. Jahrhundert
Susanne Baghestani macht auf die Vorbereitungen zum 900. Geburtstag der persischen Dichterin Mahsati Ganjavi in Aserbaidschan aufmerksam und schreibt:
Mahsati Ganjavi (oder Mahasti Ganje’i) gilt als größte Rubayi-Dichterin nach Omar Chayyam und als Begründerin der Shahr-Aschub-Gattung innerhalb der Rubayi-Dichtung. In der modernen persischen Literatur ist sie leider kaum präsent, und wird merkwürdigerweise auch von zeitgenössischen DichterInnen nicht rezipiert. Hauptgrund dafür sind wohl ihre unverblümten erotischen Dichtungen, die einige einflussreiche iranische Literaturkritiker als moralisch verwerflich abgetan haben.
Erstaunlicherweise wurden ihre berühmten Vierzeiler dennoch in der prüden Islamischen Republik neu aufgelegt, allerdings zu Khatamis Zeiten. Den schönen Band entdeckte ich vor einigen Jahren auf der Buchmesse, herausgegeben von Moin-eddin Mehrabi, Tus Publications, Teheran 2003, 245 S. http://www.aidabook.de/node/567
Fritz Meier hat sie bereits in den 1960er Jahren ins Deutsche übersetzt, und die Uni Zürich hat seinen Nachlass 2004 neu herausgegeben. http://www.amazon.de/mahsati-Bücher/s?ie=UTF8&keywords=Mahsati&page=1&rh=n%3A186606%2Ck%3AMahsati
Proben und Informationen auf Englisch:
900-Jahr-Feier in Baku (3.-5.Mai)
http://www.farzanehdoosti.com/translates.php?lang=en
Hier 2 Gedichte und diese Information
Mahsati Ganjavi (also written Ganja’i or Ganjevi) lived during the 12th century, born in Ganje, Azerbaijan. Her poetry was a strong voice against prejudice and hypocrisy and patriarchy, while upholding love — both human and divine.
She was celebrated at the court of Sultan Sanjar for her rubaiyat (quatrains), but later persecuted for her courageous stand against overly dogmatic religion and arbitrary male dominance.
82. Iranische Lyrik
Heute ist Lyrik generell marginalisiert. 1354 aktive Lyrikleser gebe es in Deutschland, hat Hans Magnus Enzensberger einmal überschlagen. Und angesichts durchschnittlicher Auflagen von 100 – 150 Exemplaren pro Gedichtband scheint das gar nicht so weit hergeholt. Dass die Arbeit iranischer Dichter, die in Deutschland leben, nicht weiter auffällt, ist also kein Wunder. Umso mehr lohnt es sich aber, ihre Werke zu lesen. Seit Jahrzehnten leben und arbeiten Dichter aus dem Iran hierzulande, seit den verstärkten Repressionen gegen Künstler unter Präsident Mahmud Ahmadinejad sind zahlreiche weitere hinzugekommen. Die wenigen unter ihnen, die hin und wieder mediales Gehör finden, werden leider auf den Aspekt des in einer Diktatur verfolgten Exilschriftstellers reduziert. Zwar spielen Zensur und Unterdrückung eine durchaus große Rolle in den auf Deutsch vorliegenden Büchern, doch ist das längst nicht alles – die inhaltliche und stilistische Bandbreite ist immens.
Allerdings muss sich der interessierte Leser auf eine nicht immer einfache Suche begeben. Kaum ein Dutzend Anthologien mit persischer Lyrik gibt es auf Deutsch; den Anfang machte Cyrus Atabay 1968 mit seiner Sammlung Gesänge von morgen. Neue iranische Lyrik. Der Übersetzer Kurt Scharf ist nach wie vor aktiv, aber dann wird es auch schon dünn. Der in München lebende SAID ist in literarisch interessierten Kreisen ein Begriff, ebenso Abbas Maroufi, der in Berlin seine Buchhandlung Hedayat betreibt und mit seinem Roman Symphonie der Toten (Suhrkamp 1998, Übers. Anneliese Ghahraman-Beck) einen Bestseller landete. Dass Maroufi auch Gedichte verfasst, weiß hingegen kaum jemand.
Dass mit Houshang Ebtehaj, der unter dem Pseudonym H. A. Sayeh schreibt, auch einer der ersten unter den Erneuerern der persischen Poesie (die „shere nou“, die neue Dichtung, begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Nima Yushij) in Köln lebt, ist vielleicht auch deswegen kaum bekannt, weil er wie viele seiner Kollegen nahezu nichts auf Deutsch veröffentlicht hat. Einige publizieren auf Farsi in Exilverlagen, einige schreiben aber auch auf Deutsch und sind dabei auf Kleinverlage angewiesen, die vom großen Feuilleton in der Regel ignoriert werden. Einer ist der von dem iranischen Verlegersohn Madjid Mohit betriebene Sujet Verlag in Bremen, der sich auf Exilliteratur spezialisiert hat. „Luftwurzelliteratur“ nennt Mohit sein Metier – Literatur von Autoren, die ihre eigentlichen geographischen Wurzeln verloren haben und nun fern der Heimat ihr Werk fortsetzen. Ebenso erwähnenswert ist die von Jalal Rostami in Bonn betriebene Verlagsbuchhandlung Goethe & Hafis; der Frankfurter Glaré Verlag von M. H. Allafi hat kaum Lyrik im Programm und setzt eher auf Prosa, denn die verkauft sich besser. In den etablierten Lyrikverlagen wie dem Poetenladen Verlag, dem Fixpoetry Verlag, Luxbooks, Kookbooks und Konsorten, sind keine Iraner zu finden, vielleicht weil sie zu wenig auf sich aufmerksam machen. Dabei wäre diese Aufmerksamkeit bitter nötig, um aus der Nische in der Nische herauszukommen.
In Iran selbst treibt die – dort ebenfalls auflagenschwache – Lyrikszene dieselben Fragen und Diskussionen um wie in Deutschland. Vor allem die Jüngeren stehen in der Kritik, die Ideen der „shere nou“ zu weit zu treiben. Die neue Dichtung hatte sich damals von den starren Formen verabschiedet, die seit Jahrhunderten die Dichtkunst be- herrschten, und trat für einen freieren Umgang mit der Sprache ein, in dem auch Alltagsduktus Platz hatte. Nun heißt es, die Gedichte der aktuellen Generation seien zu komplex, zu schwierig, zu beliebig. Der Vorwurf rührt vor allem von der Tatsache, dass die iranische Dichtung traditionell ein Allgemeingut ist, das im täglichen Leben Anwendung findet. Wer eine Aussage unterstreichen oder bloß seinen Standpunkt festigen will, der zitiert einen Dichter. Nur funktioniert das nicht, wenn das Gegenüber Verständnisprobleme mit dem vorgebrachten Vers hat.
Trotzdem bedienen sich auch die Jüngeren noch immer in Teilen der klassischen Symbolsprache, die auf westliche Leser mitunter blumig oder gar kitschig wirkt, weil sie hier nicht ohne Hintergrundwissen verstanden werden kann. Ganz neue Aspekte bringen jene Dichter ein, die sich die Sprache ihrer neuen Heimat zu Eigen gemacht haben. Iranische Lyriker sind passionierte Sprachspieler, die mit Klängen und Bedeutungen arbeiten und Doppelbödigkeiten herstellen, die trotz aller Komplexität in einem faszinierenden Sprachfluss aufgehen. Dass sich Vieles davon nahezu nicht übersetzen lässt und jede Übersetzung allenfalls eine Annäherung sein kann, versteht sich von selbst. Es ist aber faszinierend, wie schnell und sicher es einigen Exildichtern gelingt, sich das Deutsche anzueignen und es mit demselben Ansatz zu beharken. Als Beispiel sei Sanaz Zaresani (*1980) genannt, die seit 2009 in Deutschland lebt und hier ihren von Hossein Mansouri übersetzten Band Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben (Sujet Verlag 2010) veröffentlicht hat. Das allererste Gedicht, das sie 2011 auf Deutsch schrieb, trägt den Titel „Hässlich willkommen“: „Machen sie die Tür auf / und kommen sie rein. / Aber mit kleinem „s“ // da die Decke dieses Gedichts sehr niedrig ist“ heißt es darin. Ganz unmittelbar verarbeitet sie die Erfahrung von Flucht und Exil und den Versuch von Neuanfang, aber auch die in Iran erlebte Situation, in faszinierenden, eindringlichen und berührenden Versen.
Ganz anders Mirza Agha Asgari (*1951, seit 1985 in Bochum), der unter dem Pseudonym Mani auf Farsi schreibt und vom großen Ahmad Shamlou einst als „Hoffnung der persischen Literatur“ bezeichnet wurde. Er spielt mit klassischen Formen und Symbolen, greift dabei aber ganz direkt Erfahrungen auf: „Es gibt ein Land, / in dem ich schmelze / wie eine Frucht, die zurückkehrt / zum Stengel, / zur Wurzel, / zur Erde, / und zum Nichts!“ Mani verbindet das Schöne mit dem Düsteren, schreibt von Liebe unter unwürdigen Bedingungen und von Sehnsucht. Und immer wieder kritisierte er den iranischen Staat, sowohl vor als auch nach der Islamischen Revolution, was ihn schließlich zur Flucht zwang.
Auf Deutsch schreibt auch Sara Ehsan (*1977, seit 1986 in Deutschland), deren vielschichtiges Debüt Deutschland, Mon Amour (Sujet Verlag) 2011 erschien. Ihre Gedichte atmen Vers für Vers die dunkle Melancholie, die so typisch ist für die iranische Literatur: „übrig blieb / das leere Gleis / die Wüste / meine Nacktheit / die Grabsteine“ heißt es in einem Gedicht, und in einem anderen: „der Strukturalismus / strukturlos / (…) / die existentielle / Trauer / der müden / Akteure // mein Elefant ohne / Stoßzahn / schau mich bitte / nicht so an“. Hier- aus spricht eine Dichtergeneration, die auf der Suche ist – nach sich selbst und nach neuen Formen, nach einer neuen Art, das Weltgeschehen und das Empfinden zu erfassen und zu verarbeiten. Eine Suche, die mitunter erstaunlich selbstbewusst daherkommt. Eine Haltung, die man auch schon bei Forough Farrokhsad beobachten konnte.
Gerrit Wustmann
Und mag die ganze Welt versinken. Über den deutsch-persischen Lyrikaustausch oder die Nische in der Nische. (Auszug) Vollständig in: LiteraturNachrichten Afrika Asien Lateinamerika, Nr 116, Frühjahr 2013. Pdf beim Sujet Verlag
75. Meine Anthologie 85: Cyrus Atabay
Cyrus Atabay, Der Osten sagte zu dir
DER OSTEN sagte zu dir
erzähl mir deine Herkunft
der Westen sagte zu dir
erzähl mir deine Wandlung
doch der eine ließ dich nicht
der andere fiel dir ins Wort
Laßt dem Alten
sein graues Haar
er will etwas erzählen
was euch beiden gefällt
Aus: Cyrus Atabay: Gedichte. Frankfurt am Main/ Leipzig: Insel 1991, S. 243 (zuvor in: Die Linien des Lebens. Düsseldorf: Verlag Eremiten-Presse 1986)
Cyrus Atabay (1929-1996), ein persischer Prinz als deutscher Dichter,
war der Sohn von Hadi Atabay, eines Arztes, der bei Ferdinand Sauerbruchpromovierte, und Prinzessin Hamdam al-Saltaneh, einer Tochter von Reza Schah Pahlavi und seiner ersten Ehefrau Maryam Khanum, die wenige Monate nach der Geburt ihrer Tochter im Februar 1904 verstarb. Von 1937 bis 1945 wuchs Cyrus in Berlin auf, wo er das renommierte Arndt-Gymnasium in Dahlem besuchte. Im Sommer 1945 kehrte Atabay in den Iran zurück. Er hatte jedoch Persisch verlernt, weshalb er auf eigenen Wunsch seine Schulausbildung in Zürich fortsetzte. Max Rychner und Gottfried Benn unterstützten den jungen Dichter, 1948 erschienen die ersten Gedichte in der Tageszeitung Die Tat.
Er schrieb Lyrik und Prosa und übersetzte u.a. Hafis und Rumi aus dem Persischen.
(Ursprünglich 2001 in meiner Anthologie)
Die Fortsetzung der Biographie ist auch interessant:
Seit Anfang der 1960er Jahre lebte er abwechselnd in Teheran und London, wo er 1978 – als Neffe von Schah Mohammad Reza Pahlavi durch die Islamische Revolution staatenlos geworden – Asyl erhielt. Die deutschen Behörden lehnten es ab, Atabay ein Visum auszustellen. In London pflegte Atabay eine Freundschaft mit Elias Canetti. Erst 1983 konnte Atabay zurück nach München.