Lyrikzeitung & Poetry News

22. Mai 2012

74. Geheimnis

Einsortiert unter: Iran — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 01:05

Aus welchen Ingredienzien nur mag das Geheimnis des iranischen Kinos gemischt worden sein? Eine seiner faszinierendsten Komponenten, deren Wurzeln wohl in der spezifischen Poetik der persischen Lyrik liegen, mag sicher darin bestehen, dass dem iranischen Filmschaffen seit Jahrzehnten gelingt, wovon das Schweizer Kino seit Epochen träumt: dass es mit wenigen finanziellen und künstlerischen Mitteln die ganze Welt einzufangen vermag, dass es in einer schlichten Bildsprache, die nur auf den ersten Blick an einen bestimmten kulturellen Kontext gebunden ist, viel eindringlicher von der «condition humaine» zu erzählen vermag als jeder Aufsatz eines Kierkegaard oder Sloterdijk. / NZZ 15.5.

20. Mai 2012

62. Sprechendes Wasser

Einsortiert unter: Schweiz, Deutsch, Japan — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 13:55

Wasser ist ein liquides Element, das gefrieren kann. Seine Elementarverwandtschaft mit der Poesie macht diese zum «Sprechenden Wasser», im buchstäblichsten Sinn «unfasslich» und doch geronnen zu Ketten von Signifikanten, die zurückkehren «zu den Dingen, / die sie bedeuteten»: so der grosse japanische Dichter Tanikawa Shuntaro, dessen Gedichtsammlung «Picknick auf der Erdkugel» vor etlichen Jahren in die «Japanische Bibliothek» des Insel-Verlags in der Übersetzung des Zürcher Japanologen Eduard Klopfenstein aufgenommen worden ist. Jetzt hat sich Tanikawa, geboren 1931 in Tokio, mit dem fast fünfzig Jahre jüngeren Schweizer Dichter Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, zu einem in Wechselrede strukturierten Gedicht zusammengefunden, das sich formal, mit einigen Lizenzen, am «Renshi», einer modernen Form des «Renga», des altjapanischen Kettengedichts, orientiert. / Ludger Lütkehaus, NZZ 19.5.

Jürg Halter / Tanikawa Shuntaro: Sprechendes Wasser. Ein Kettengedicht. Übersetzt von Niimoto Fuminari und Eduard Klopfenstein. Secession-Verlag, Zürich 2012. Fr. 41.90.  Am Montag, 21. Mai, treten beide Autoren um 20 Uhr im Literaturhaus Zürich auf.

7. Mai 2012

20. Lyrik und Folter

Einsortiert unter: Iran, Persisch — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 18:55

Farzad Kamangar war Dichter und Journalist. Er wurde vor zwei Jahren aufgrund seiner politischen Aktivitäten vom iranischen Regime hingerichtet.

Zum Jahrestag seines Todes veröffentlicht der Freedom Messenger (Motto: In Iran schreiben wir die Geschichte der Menschenrechte mit unserem Blut) die Rohübersetzung eines Gedichts, das er im Gefängnis diktierte. (Englisch, Text + Audio)

3. Mai 2012

10. 13. poesiefestival berlin

Einige der klangvollsten Stimmen der internationalen Gegenwartslyrik kommen vom 1. – 9. Juni zum 13. poesiefestival berlin der Literaturwerkstatt Berlin. Mit dabei sind u.a. Ken Bastock (Kanada), Horácio Costa (Brasilien), Ngwatilo Mawiyoo (Kenia), Abdelwahab Meddeb (Tunesien/Frankreich), Michael Palmer (USA) Hama Tuma (Äthiopien), JUN Yan (China), Fatima Naoot (Ägypten).

Zum diesjährigen Übersetzungsworkshop VERSschmuggel treffen Dichter aus Brasilien auf ihre deutschsprachigen Kollegen und übersetzten sich gegenseitig. Lyrikline.org nutzt die Gelegenheit, um mit einigen Autoren ins Studio zu gehen und sie für die Webseite aufzunehmen.

Während des Festivals treffen sich zudem die internationalen Partner von lyrikline.org. Das Treffen bietet ein Forum für den Ideen- und Erfahrungsaustausch, für die Diskussion von Problemen und Perspektiven, und es dient der stärkeren Vernetzung über Ländergrenzen hinweg.

Weitere Informationen unter www.poesiefestival.org

1. Mai 2012

2. Die Empfindlichkeiten der Sprachen

Einsortiert unter: Deutsch, Englisch, Indonesien — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 11:58

Einmal auf einer Tagfahrt von Malang nach Surabaya fuhr dem Dichterbus, der eigens mit dem Logo des Festivals lackiert worden war, für die gesamte zweistündige Strecke ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene voraus.

Immer wenn er in Berlin eine Polizeisirene höre, schrieb Chirikure Chirikure, müsse er nun an Dichtung denken – und wirklich: wir fühlten uns seltsam, so wichtig und Teil einer etwas surrealen Blase, eine zusammengewürfelte, aber doch durch die Reise und die Arbeit  verbundene temporäre Community. Der Weg des Busses zwischen den Spuren, die laute Sirene voran, machte, so erging es zumindest mir, etwas fühlbar und sichtbar von dem seltsamen Status „Dichterin“ in dieser Welt. …

Unsere Gedichte waren im Vorfeld in Bahasa Indonesia, die Nationalsprache Indonesiens, übersetzt worden. Wir sollten die Originale lesen, die Übersetzungen wurden projiziert. Doch je länger wir fuhren, umso eher trug jeder auch wenigstens eines seiner Gedichte auf  Englisch vor – damit die anderen Dichter es verstünden. Die Konvergenz der zahlreichen Sprachen ins Englische machte schlagartig etwas deutlich, das im Umgang mit Einzelübersetzungen oder Übersetzungen von mehreren Autoren aus nur einer Sprache versteckt bleibt: in den englischen Übersetzungen funktionierten tatsächlich eben jene Gedichte am besten, die der angloamerikanischen Gedichttradition nicht zu fern blieben. Also z.b. ein (gern raffiniertes, fragmentarisches) narratives Element enthielten.Jeder Dichter weiß, welch intrikates (ja: intricate) „Geschäft“ das Übersetzen und Übersetztwerden ist. Hier aber zeigte sich darüber hinaus: weder harmlos noch „neutral“ ist die zunehmende Notwendigkeit, übersetzt zu werden – und im englischen Gewand zu erscheinen.

Zwei Fragen begleiten mich seither. Ich kann sie nicht beantworten, nur stellen:

Welche Rolle spielt es für das eigene Schreiben, dass wir (wenn wir)  poetologische Diskurse auf Englisch führen? Der befruchtende und das Gehirn durchmischende Austausch mit anderen Dichtern von Vielfachher findet ja nicht in einer neutralen Sprache statt, sondern in einer aus der angloamerikanischen Poesie heraus entwickelten poetologischen Sprache mitsamt ihren Wertungen und Kriterien. Da ist narrative nicht gleich „Erzählung“, character nicht Charakter, sondern Figur oder Buchstabe, rhyme nicht Reim, nicht in dieser Bedeutung. Stark unterscheiden sich auch die Möglichkeiten von Sprachspiel, Sprachspieltradition; die Empfindlichkeiten der Sprachen (welche Verstöße genießen sie, welche „gehen gar nicht“). / Ulrike Draesner, fixpoetry

30. April 2012

108. Weltempfänger

Literaturempfehlungen aus Asien, Afrika und Lateinamerika

12. «Weltempfänger»-Bestenliste

1. Ngugi wa Thiong’o: Herr der Krähen (Kenia/USA)
Aus dem Englischen von Thomas Brückner. A1 Verlag

2. Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder (China)
Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag Dreissig Männer in einer Zelle, Hitze bis 40 Grad, Hunger, Madennester in verwahrlosten Mündern – das ist der Alltag für einen politischen Häftling wie Liao Yiwu in Chinas Gefängnissen. Der Dichter beantwortet das unfassbare Grauen mit der Klarheit seines Berichts, mit Komik, vor allem aber mit der Poesie seiner Gedichte. Ein Lebenswerk und ein Buch, das man nicht vergisst. (Cornelia Zetzsche)

3. Chirikure Chirikure: Aussicht auf eigene Schatten (Simbabwe)
Dreisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Sylvia Geist. Verlag Das Wunderhorn

Einer der wenigen Dichter, die in einer afrikanischen Sprache schreiben und trotzdem international wahrgenommen werden. Ein mehrsprachiger Band (Shona, Englisch und Deutsch) voller rhythmischer Gedichte, deren Thematik von Mythen bis hin zu Maschinengewehren reicht; eine Stimme, die eigen und anders ist. (Ilija Trojanow)

Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Karl-Markus Gauss, Kristina Pfoser, Arno Widmann, Thomas Wörtche und Cornelia Zetzsche.

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26. April 2012

93. Anton Pincas

Einsortiert unter: Israel — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 01:32

Die Stiftung Lyrik Kabinett, München, hat als Band 12 ihrer Blauen Reihe den Gedichtband „Diskurs über die Zeit“ des israelischen Autors Anton Pincas in der Übersetzung von Tuvia Rübner herausgegeben.

Anton Pincas wurde 1935 in Sofia, Bulgarien, geboren und kam 1944 mit seiner Mutter nach Tel Aviv. Er ist im deutschen Sprachraum annähernd unbekannt, bisher sind nur einzelne Gedichte von ihm verstreut erschienen. In Israel wurden acht Gedichtbände veröffentlicht und 2005 erhielt er den angesehenen Israel-Preis für Dichtung. / kultur-port.de

25. April 2012

92. Getanztes Renku

Einsortiert unter: Deutschland, Japan — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 23:31

Die Solistin Yuka Oishi und der Gruppentänzer Orkan Dann bedienen sich für ihr Gemeinschaftswerk “Renku” einer poetischen Form in der japanischen Lyrik, bei der ein Gedicht von zwei oder mehreren Autoren geschrieben wird. “Jemand schreibt einen Satz und eine anderer setzt das Geschriebene fort”, erklärt Orkan Dann. “Beim Choreografieren weiß man also nicht, wie der andere die Geschichte fortsetzt.” Für ihn ein faszinierender Prozess. / Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt

23. April 2012

84. Keine Empathie

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Israel — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 22:58

Wenn die Debatte um Günter Grass’ Gedicht-Pamphlet «Was gesagt werden muss» jenseits der breiten Zurückweisung durch die Intelligenzia eines gezeigt hat, dann, dass es dem Internet-Mainstream zunehmend an Empathie für Israel gebricht. / Andreas Breitenstein, NZZ

17. April 2012

61. Umschreibung

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Iran — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 09:24

Iran lobt Grass für Israel-kritisches Gedicht. Will der Iran damit bestätigen, dass “das iranische Volk von einem Maulhelden unterjocht und zum organisierten Jubel gelenkt wird”? Natürlich nicht. Diese Stelle des Gedichts von Günther Grass kommt auf den staatlichen Webseiten nicht vor; zumindest nicht so, wie Grass sie gedichtet hat.

Fars News, die Webseite der iranischen Revolutionsgarde, lässt die zweite Strophe einfach weg. Die halbstaatliche Mehrnews veränderte die zweite Strophe so, als wäre mit dem Maulhelden Netanjahu gemeint. / Dust and Trash

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