Lyrikzeitung & Poetry News

23. Mai 2012

82. Modern und radikal

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SPIEGEL ONLINE: Herr Greenblatt, Ihr Buch beschreibt die radikale Weltsicht des antiken römischen Dichters Lukrez, der im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung viele moderne Gedanken formulierte: Die Welt besteht aus Atomen, es gibt kein Leben nach dem Tod, falls es Götter gibt, wären ihnen die Menschen egal. Gab es so etwas wie eine antike Aufklärung?

Greenblatt: Lukrez ist einerseits sehr modern, aber sein Gedicht “Über die Natur” hat vor allem eine unglaubliche Kraft und Schönheit, deshalb ist es noch heute aktuell. In den ersten Versen besingt er zum Beispiel trotz seines atheistischen Weltbilds die Göttin Venus. Aber das ist wohl eher eine Metapher für das Erotische, für die Triebe, die der Mensch mit den anderen Tieren teilt, für die Fortpflanzung und das Leben an sich. / Spiegel

29. April 2012

107. Von Definitionen

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»Der Mensch«, so hatte Platon definiert,« ist ein zweibeiniges Lebewesen ohne Federn.« Die Definition trug ihm Anerkennung ein, Diogenes aber rupfte einen Hahn, brachte ihn in Platons Hörsaal und sagte: »Das ist also Platons Mensch!« Aus diesem Grunde wurde die Definition noch um den Begriff »mit flachen Nägeln« erweitert.

Das Leben des Diogenes von Sinope, erzählt von Diogenes Laertios. Hg. Kurt Steinmann. Zürich 1999 (detebe 23127, zuerst ca. 250)

Aus einer wunderbaren Fundgrube:

Neuer Physiologus

Enzyklopädie der Erfahrungen

Dieser Neue Physiologus
(nicht der erste, aber der neueste)
erklärt Mensch und Welt
sowie deren Beziehungen endlich (vorläufig) richtig.

Was in anderen Enzyklopädien
oft fehlt, ungenügend oder gar falsch bestimmt ist -
Sie finden es auf diesen Seiten
anschaulich erklärt, ausführlich beschrieben und sinnreich geordnet - vollkommen unparteiisch:

Kein Zweig der Wissenschaft,
auch kein verschwundener
(wie AstrologieGeisterkundeMorologieMagieMythosNasenwissenschaftPhysiognomik,PoesieTraumdeutung …)
wird übergangen
zumal altes Wissen wieder Poesie werden kann – und Poesie zu Wissen, siehe Poes “Heureka”,

aller Versuche, die Welt zu verstehen, -
wird mit dem gleichen Respekt gedacht.

In der Tradition des ehrwürdigen Pierre Bayle werden
mehrfache Verstehensversuche (“Definitionen”) neben-/nacheinander notiert,
anders als bei Bayle aber kommentarlos;
der Anschein, hier solle der Skepsis Vorschub geleistet werden,
soll vermieden werden.

Wissen ist vorläufig, Enzyklopädien also auch,
mit Korrekturen ist also jederzeit zu rechnen.

Die Definitionen sind weitgehend an Erfahrung orientiert
(Goethe: “eine gewisse zarte Empirie…”)

8. April 2012

29. weißer als ein ei

Einsortiert unter: Altgriechisch, Antike, Griechenland — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 10:42

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Sappho 167 LP/139 D

ᾠω πόλυ λευκότερον

“whiter by far than an egg”
(Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. 337)

viel weißer als ein ei
(von mir nach Carson übersetzt)

Andreas Bagordo übersetzt in der Tusculum-Ausgabe bei gleichem Wortlaut deutlich anders (eilos):

ich meine viel weißer

Dagegen Gottwein hat ebenfalls “Viel weißer als ein Ei”

106

W?ï'w po'lu leuko'teron.

[A thing] much whiter than an egg.

From Athenaeus.

Quelle:

The Poems of Sappho. Translated by Edwin Marion Cox [1925]
Transliterated by J.B. Hare [2000] hier

Hier noch eine Hörprobe der Ode an Aphrodite

· Sappho fr. 1, read in Greek by S.G. Daitz. From the Society for the Oral Reading of Greek and Latin Literature.

7. April 2012

26. Unsterbliche Sappho

Einsortiert unter: Altgriechisch, Antike, Griechenland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 20:27

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Dass Dichtung unsterblich macht, weiß jeder, der sie nicht für überflüssig hält. Wen aber, den Dichter / die Dichterin oder die oder das oder den Bedichtete(n) ist indes fraglich. Unfraglich die unsterblichste aller Dichterinnen ist Sappho von Mytilene. Und nur ein bisschen weniger unsterblich die von ihr Bedichteten: Noch immer wissen wir dass Anaktorias Gang entzückend und ihr Gesicht strahlend, und dass Mnasidika schöner war als Gyrinno. Aber Sappho hat nicht nur die Schönheit junger Frauen besungen:

κατθάνοισα δὲ κείσηι οὐδέ ποτα μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ’ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ γὰρ πεδέχηις βρόδων
τὼν ἐκ Πιερίας· ἀλλ’ ἀφάνης κἀν Ἀίδα δόμωι
φοιτάσηις πεδ’ ἀμαύρων νεκύων ἐκπεποταμένα. (fr. 55)

Tot und begraben wirst du sein, es wird sich deiner
keiner erinnern, niemand mehr von dir sprechen, denn die Rosen
der Musen sind dir nichts. Eine Unsichtbare, so wirst du im Hades
hausen und herumflattern wirst du zwischen blinden Toten.

Möglicherweise hatte Sappho den Namen der hier geschmähten Zeitgenossin im verlorenen Teil des Gedichtes genannt; dann wäre es die Ungunst der Überlieferung, nicht die Dichterin, die ihr die Unsterblichkeit verwehrt. Auch womit die arme Frau sich den Zorn Sapphos zugezogen haben mag, erfahren wir nicht. Und so wird sie dann doch unsterblich: als die Inkarnation des ohne Zugang zur Dichtung und daher steril und vergebens lebenden Menschen.

Es ist seltsam zu sehen, wie die Zertrümmerung ihrer Werke den merkwürdigen Sog der Verse Sapphos noch erhöht.

23. Eine katalanische Sappho-Rezeption

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Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Von Àxel Sanjosé

Es wird kaum verwundern, dass Carles Riba (1893–1959) sich auch mit Sappho beschäftigte, hat er doch neben seinem lyrischen und essayistischen auch ein umfangreiches übersetzerisches Werk hinterlassen, in welchem die griechischen Klassiker einen Schwerpunkt bilden (u.a. die Odyssee, Aischylos, Sophokles und Euripides sowie Plutarch). 1914, also noch während des Studiums, schrieb er katalanische Versionen einiger Sappho-Fragmente nieder, die er später z.T. überarbeitete, die aber zu Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung gelangten.

Ich gebe hier Ribas Fassung des Fragments LP 31 (in normalisierter katalanischer Rechtschreibung), dazu eine möglichst wortlauttreue deutsche Version:

Em sembla igual als déus aquell home qui s’asseu davant de tu i t’escolta de la vora, com dolçament parles
i rius amablement; la qual cosa m’esbalaeix el cor dins el pit, car totseguit que et miro, la veu tota se me’n va.
I la llengua se’m paralitza, i un foc subtil em corre per sota la pell, i no veig res amb els ulls, i hi ha un brunziment dins les meves oïdes.
I la suor em raja, i tota sóc presa de tremolor, i devinc més pàl·lida que l’herba, i tota semblo que estigui a punt de morir…

Den Göttern gleich scheint mir jener Mann, der sich vor dich hinsetzt und dir aus der Nähe zuhört, wie du sanft sprichst
und freundlich lachst; dieses nämlich bestürzt mein Herz in der Brust, denn sobald ich dich anschaue, bleibt meine Stimme ganz weg.
Und meine Zunge erstarrt, und ein leichtes Feuer läuft mir unter der Haut, und ich sehe nichts mit den Augen, und ein Schwirren ist in meinen Ohren.
Und der Schweiß rinnt, und ich bin ganz von Zittern erfasst und werde blasser als das Gras und sehe ganz so aus, als müsste ich gleich sterben …

Die Auseinandersetzung mit Sappho war für Ribas eigenes poetisches Schaffen offensichtlich von nachhaltiger Bedeutung. Neben mehreren Anspielungen auf die zitierte Sappho-Szene findet sich in der Nr. 32 seiner Estances (I) ein direkter intertextueller Bezug, der Zitat und poetologische Aufarbeitung zugleich ist. Interessant ist, wie die sapphischen Elemente reproduziert, aber zugleich verneint werden: Der Negativ-Aufzählung der sinnlich-körperlichen Phänomene, die sich aus der verstörenden Nähe der Angebeteten ergibt, folgt im Gegenzug, exakt zur Hälfte des Gedichts, ein (eher episch wirkendes) Bild, das eine Art mentaler Überwindung der erotisch bedingten Willens- und Sprachlosigkeit darstellt. Unmittelbarkeit und Reflexion, die sich, zumindest formal, die Waage halten: durchaus ein poetischses Programm. Auch hier füge ich eine wortlautnahe Übertragung hinzu, leider unter Komplettverlust der sehr kunstvoll miteinander verbundenen Alexandriner.

Tu apareixes. No la roja meravella
que per damunt ma galta fa un súbit llengoteig,
no el tremolor que ajup l’envanida parpella
i la paraula forta esderna en balbuceig,

són, oh Amor d’amors, l’essència del miracle
que, en seure prop de tu i oir-te, en mi es difon.
Oh, sabessis! dels pensaments, quin dolç sotrac la
turba perplexa ordena darrera el mur del front!

Així a l’assamblea dels ciutadans el guia
fiat obre les ales del seu discurs serè,
i d’home a home passa una ardent correntia
i alcen tots junts els braços amb un igual voler.


Du erscheinst. Nicht die rote Wundererscheinung,
das auf meiner Wange plötzlich züngelt;
nicht das Zittern, welches das eitle Lid senkt
und das starke Wort zu bloßem Stammeln zerschmettert,

sind, oh Liebe aller Lieben, das Wesen des Wunders,
das, wenn ich mich in deine Nähe setze und dir zuhöre, in mir sich ausbreitet.
Ach, wüsstest du nur! von den Gedanken, welch süße Erschütterung
die erstaunte Menge ordnet hinter der Mauer der Stirn!

So öffnet in der Bürgerversammlung der Anführer
vertrauensvoll die Flügel seiner wohlbedachten Rede,
und von Mann zu Mann überträgt sich eine glühende Strömung,
und alle erheben gemeinsam die Arme mit gleichem Willen.

6. April 2012

21. Von Klammern. 3 Fragmente

Einsortiert unter: Altgriechisch, Antike, Griechenland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 14:06

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Klammern sind aufregend. Daß man Sappho nur in Übersetzung liest, ist noch lange kein Grund, sich um das Drama des Versuchs zu bringen, ein halbiertes oder durch Löcher verrätseltes oder kleiner als briefmarkengroßes Papyrus zu entziffern – Klammern bieten Freiraum für geistige Abenteuer.

Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. xi.

Lobel-Page 70

      . . .
      [   ]α̣μ.λ.[
      [   ]ναμ[
      [     ]ν̣ δ’ εἶμ’ ε[
      [     ]ρ̣σομέν[
      [      ]λικ’ ὐπα[
      [      ]…[.]βα[
      [  ]σ̣ γ̣ὰρ ἐ̣παυ[
      [] μάν κ’ ἀπυ̣θ̣υσ̣[
      [ ]αρμονίας δ̣[
  10  []αθην χόρον, ἄα[
      [   ]δ̣ε λίγηα.[
      [   ]ατόν σφι̣[
      [  ]παντεσσι[
      [  ]επ[.].[
  15  . . .


]
] I will go
]
]
]
] for
]
] of Harmonia
] dance
] clearsounding
]
] to all

176LP

βάρβιτος. βάρωμος. βάρμος.  

lyre lyre lyre

Lyra Lyra Lyr

Lobel-Page 25

. . .
[ ]γμε.[
[ ]προλιπ[
[]νυᾶσεπ[
[ ]βρα·
[ἐ]γλάθαν’ ἐσ̣[
[ ]ησμεθα̣[
[]ν̣υνθαλα[
. . .

]
] quit
]
] luxurious woman
]
]

5. April 2012

18. Archaische Urheberrechtsdebatte

Einsortiert unter: Altgriechisch, Antike, Griechenland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 19:18

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Der griechische Dichter Theognis von Megara machte sich schon im 6. Jh v.u.Z. Sorgen um sein Urheberrecht. Versiegeln wollte er seine Elegien und damit seinen Ruhm – und den seines Geliebten Kyrnos – bewahren und sein Werk vor Diebstahl, Mißbrauch und unautorisierter Erweiterung schützen. Um Geld ging es damals offensichtlich noch nicht, um Ruhm viel eher:

Κύρνε, σοφιζομένωι μὲν ἐμοὶ σφρηγὶς ἐπικείσθω
 τοῖσδ’ ἔπεσιν, λήσει δ’ οὔποτε κλεπτόμενα,
οὐδέ τις ἀλλάξει κάκιον τοὐσθλοῦ παρεόντος·
 ὧδε δὲ πᾶς τις ἐρεῖ· ‘Θεύγνιδός ἐστιν ἔπη
τοῦ Μεγαρέως· πάντας δὲ κατ’ ἀνθρώπους ὀνομαστός.’
 ἀστοῖσιν δ’ οὔπω πᾶσιν ἁδεῖν δύναμαι·
οὐδὲν θαυμαστόν, Πολυπαΐδη· οὐδὲ γὰρ ὁ Ζεύς
 οὔθ’ ὕων πάντεσσ’ ἁνδάνει οὔτ’ ἀνέχων.

Kyrnos, schlau habe ich mir ein Siegel ausgedacht, das auf
diesen Worten liegen soll. So kann sie niemand unbemerkt stehlen,
niemand sie zum Schlechteren ändern, weil das Gute ja da ist,
und so wird ein jeder sagen: “Das sind die Worte des Theognis
aus Megara.” Doch auch wenn ich bei allen Menschen bekannt bin,
kann ich es nicht allen meinen Mitbürgern recht machen.
Und das ist kein Wunder, Polypaide, denn nicht einmal Zeus
macht es allen recht, weder, wenn er es regnen lässt, noch wenn er den Regen zurückhält.

Wir wissen nicht, worin dieses Siegel bestanden haben soll. Naive Erklärung: die Nennung des Namens “Kyrnos”, der wirklich in etlichen der Elegien vorkommt, soll die Gedichte markieren; materielle Erklärung: die für die Zeitgenossen ungewohnte Verschriftlichung des Werkes und die Hinterlegung eines Referenzexemplares mit der Ausgabe letzter Hand sollten diese Siegelfunktion erfüllen; komplizierteste Erklärung: irgendwo im Text findet sich verschlüsselt des Autors Name, man muss ihn nur zu finden wissen.

Sicher ist jedoch eines: Theognis´ Siegel hat versagt. In der Sammlung, die unter seinem Namen überliefert ist, finden sich Gedichte aus mindestens 200 Jahren, kaum eine der Elegien ist vollständig, und eine Reihe der hier zusammengetragenen Dichter sind uns namentlich bekannt.

Und doch: liest man die Theognidea in einem Stück, so machen sie einen seltsam geschlossenen Eindruck, so als hätte der Autor Theognis dem lange nach seinem Tod gesampleten Stück am Ende noch sein Siegel aufgedrückt. Ob er damit zufrieden gewesen wäre, wissen wir natürlich nicht.

3. April 2012

10. Alkaios und Sappho

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Jeder, dem etwas an Literatur liegt, landet irgendwann bei Sappho. (Arnfrid Astel)

 

1916 veröffentlichte Ezra Pound ein Gedicht mit dem Titel “Papyrus”:

Spring ……

Too long ……

Gongula ……

Inspiriert wurde er durch die kurz zuvor erfolgte Veröffentlichung einiger Sapphofragmente. Die Fragmente, die auf antiken Pergamenten oder Papyri überliefert sind (seit 1905 waren kistenweise Papyrusfragmente aus den Resten der Stadt Oxyrhynchus aus dem ägyptischen Wüstensand oder gar aus dem Mund mumifizierter Krokodile geborgen und nach England gebracht worden, wo die Entzifferung andauert. Bis 1915 wurden neben Texten von Euklid oder Pindar nicht weniger als 56 Fragmente von Sapphotexten entdeckt. Die Fragmente faszinierten Pound und seine Freundin Hilda Doolittle, die auf der Suche nach einer modernen Poesie waren. Pound schrieb: “Willst du den Inbegriff der Sache, geh zu Sappho, Catull, Villon, zu Heine, wo er in Schwung ist, zu Gautier, wo er nicht allzu frostig ist, oder, falls du diese Sprachen nicht kannst, suche den geruhsamen Chaucer auf.”*

 

Sapphos Name wurde so berühmt, daß in vielen Teilen der Welt dichtende Frauen nach ihr benannt wurden, wie die deutsche Sappho (Anna Luisa Karschin), die pommersche Sappho (Sibylla Schwarz). Ihr Werk dagegen verschwand fast völlig. Die Antike kannte 9 Bände. Heute kennen wir neben weniger als einer Handvoll ganz oder in größeren Teilen überlieferter Gedichte über hundert Fragmente, manche in der Art von Pounds “Papyrus”. Fragmentträger sind Papyri, Pergamente, Tonscherben oder erhaltene Werke anderer Autoren, die sie zitieren. Auch Aristoteles ist ein solcher Zitatträger. Im 1. Buch seiner Rhetorik schreibt er:

(…) aller Schändlichkeiten – einerlei ob in Wort, Tat oder Absicht – schämt man sich, wie Sappho Alkaios, als dieser schrieb: “Etwas sagen will ich, doch mich hindert der Anstand”, erwiderte:

Wenn zu Edlem und Erhabenem Verlangen dich hielte
und nicht böse Worte die Zunge sagen wollt’,
dann füllte nicht Scham deine Augen,
sondern du sprächest das Rechte nur. **

 

*) Ezra Pound: Dichtung und Prosa, Berlin: Ullstein 1959, S. 148 (übersetzt von Eva Hesse).

**) Aristoteles: Rhetorik. Übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger, Stuttgart: Reclam 1999, S. 44.

 

Alkaios und Sappho. Seite A eines Attisch-rotfigurigen Kalathos, um 470 v. Chr. Aus Akragas (Sizilien).

Einige deutsche Übersetzungen:

Wilhelm Heinse

Alkaios. Ich möchte Dir etwas sagen, aber die Scham verwehrt es mir. Sappho. Wenn es Verlangen nach Gutem und Schönem wäre, so würde Scham Deine Augen nicht ergriffen, Deine Zunge nicht gezittert haben, Böses zu sagen, Du würdest von etwas Gerechtem reden.

‪Wilhelm Heinse: Sämmtliche Schriften, ‪E. Graul, 1857‬. Bände 4-5‬

Wilhelm Heinse

Hans Rupé:

Alkaios:

So gerne möcht’ ich reden, allein mich hindert die Scham ….

 

Sappho:

Verlangte dich nach edlem und Schönem nur
und flockte deine Zunge beim bösen Wort,
so senkte nicht die Scham dein Auge,
sondern du redetest frei, wie’s recht ist.

 

Aus: Sappho. Übertragen von Hans Rupé mit dreizehn Zeichnungen von Renée Sintenis. Berlin: Holle & Co., o.J., unpag.

 

Raoul Schrott:

 

[Alkaios zu Sappho]

Ich möchte dir etwas sagen doch
eigentlich trau ich mich nicht –

 

[Sappho zu Alkaios]

 

Alles was gut und recht ist mein lieber
wenn du was andres als bumsen
im kopf hättest dann wäre es dir längst
schon über die lippen gekommen

 

Aus: Raoul Schrott: Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren. Frankfurt/Main: Eichborn 1997, S. 137.

 

15. Dezember 2011

58. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (6)

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Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Wird morgen fortgesetzt und abgeschlossen. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  Bedenken Sie bitte, daß weder Theo Breuer noch ich 1. alles kaufen, 2. alles lesen und 3. wie Computer alles unter dem richtigen Buchstaben abspeichern können. Bei Googleabfragen können Sie testen, daß die von Theo initiierte und uns zur Verfügung gestellte Liste schon jetzt das Auffinden präziser Information sehr verbessert.

(Ergänzungen bitte unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Isaac Schreyer · Der Tag des Einsamen. Gedichte und Nachdichtungen. Nachwort von Armin Eidherr (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 60). 1 Abb., 172 Seiten, gebunden, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  2. Saza Schröder · Ach Kindheit du schreckliche Süße, 32 Seiten, handfadengeheftet, kartoniert, Künstler­buch, Bleisatz, edition footura black, Itzehoe 2011.
  3. Franz Schuh: Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod. Verlag Paul Zsolnay, Wien 2011. 255 S.
  4. Katharina Schultens, gierstabil, 80 S., Klappbroschur, luxbooks, Wiesbaden 2011.
  5. Iris Schürmann-Mock [Hrsg.]: O schöner, grüner Wald. Ein Lesespaziergang. Hildesheim: Gerstenberg 2011. 159 S. : Ill. ; 24 cm.
  6. Ursula Schütt: Gehen muß ich auf dem Faden Zeit. Taschenbuch: 100 Seiten. Verlag: d/m/z Druckmedienzentrum Gotha 2011.
  7. Friederike Schwab: schwebeblätter. Gedichte. 110 Seiten. edition art science, St. Wolfgang. Reihe: Lyrik der Gegenwart, Band 13.
  8. Daniela Seel: ich kann diese stelle nicht wiederfinden. kookbooks, Berlin 2011. 64 S.
  9. Giorgos Seferis · LOGBUCH III, zweisprachige Ausgabe, aus dem Neugriechischen von Evti­chios Vam­vas, 117 Seiten, Broschur mit handgedrucktem Typo-Umschlag, Waldgut Verlag, CH-Frauenfeld 2011.
  10. Faruk Šehić · Abzeichen aus Fleisch. Bosnisch / Deutsch, übersetzt von Hana Stojić. 160 Seiten, Broschur, fadengeheftet, Wien, Edition Korrespondenzen 2011.
  11. Shin Dal Ja ∙ Morgendämmerung. Gedichte (mit einigen koreanischen Originaltexten). Werkauswahl (1989–2007). Aus dem Koreanischen und mit einem Nachwort von Sophia Tjonghi Seo. Herausgegeben und Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. 169 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  12. Volker Sielaff · Selbstporträt mit Zwerg, 101 Seiten, Klappenbroschur, luxbooks, Wiesbaden 2011.
  13. Rajvinder Singh: WÖRTERWEHEN. Trierer Gedichte – Rajvinder Singh – Gedichte, Liz Crossley – Zeichnungen. Broschur im Format 21 x14,5 cm, 80 Seiten, 16 Abb., Berlin: Aphaia Januar 2011. Aus der Reihe Texte und Bilder.
  14. Gerd Sonntag ∙ Giovanni Santi malt eine Fliege, Nachwort von Ulrich Koch, 38 Seiten, ge­heftete Bro­schur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2011.
  15. Thomas Spaniel · die irren kurse einer sterbenden fliege. Gedichte. 96 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  16. Michael Speier (Hg.): Berlin, du bist die Stadt. Gedichte. Reclam. 170 Seiten.
  17. Alberto Spunzberg ∙ Die Piatock-Akademie – La Academia de Piatock. Gedichte, zweisprachig. Aus dem argentinischen Spanisch von Juana und Tobias Burghardt. Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt. 187 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  18. Christel und Armin Steigenberger (Hg.) · außer.dem, 18. Ausgabe, mit Gedichten von Ann-Andreas Alt­mann, Kathrin Ast, Ernesto Castillo, Caroline Hartge, Birgit Kreipe, Lars Reyer u.a., 51 Seiten, geheftete Broschur, München 2011.
  19. Lutz Steinbrück: Blickdicht. Gedichte. Verlagshaus J.Frank, Berlin 2011. 76 S.
  20. Mile Stojić: Cherubs Schwert: Gedichte und Essays. Aus dem Kroatischen von Cornelia Marks. Leipziger Literaturverlag. 230 Seiten.
  21. Dieter Straub – Gedichte, Peter M. Gotthardt – Kompositionen: Delphische Paiane – Fünf Lieder nach Gedichten von Dieter Straub für Bariton und Klavier. 
Notenband im Format 29 x 21 cm, 28 Seiten, Berlin: Aphaia 2011. Aus der Reihe: Sonderausgaben.
  22. Brigitte Struzyk ∙ alles offen, mit einem Vorwort von Peter Wawerzinek und Bildern von Elke Ehninger, 117 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  23. Jesper Svenbro · Echo an Sappho, zweisprachige Ausgabe, aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler, mit Beiträgen von Conrad Steinmann und Beat Brechbühl, CD mit musikalischen Nachschöpfungen von Conrad Steinmann zu Texten von Sappho und Alkaios, 83 Seiten, Bro­schur mit handgedrucktem Typo-Umschlag, Waldgut Verlag, CH-Frauenfeld 2011.
  24. Tammen, Johann P. (Hg.): die horen. Bei betagten Schiffen. Islands “Atomdichter”.  56. Jg., Nr. 242, 2011. 424 S. Gedichte von Stefán Hörður Grímsson, Jón Óskar, Einar Bragi, Hannes Sigfússon, Sigfús Daðasson, Steinn Steinarr, Jón úr Vör, Jóhannes úr Kötlum, Arnfriður Jónatansdottir, Elías Mar, Jónas E. Svafár, Thor Vilhjálmsson, Vilborg Dagbjartsdóttir, Matthías Johannessen, Baldur Óskarsson, Þorsteinn frá Hamri, Jóhann Hjálmarsson, Nína Björg Árnadóttir, Sigurður Pálsson, Steinunn Sigurðardóttir. Der Kampf um die Moderne. Stimmen – Gegenstimmen – Positionen. Gespräche mit Steinn Steinarr, Hannes Sigfússon. Zeitgenössische isländische Rezensionen. Nachrufe. Erinnerungen von heute. Glossar.
  25. Veno Taufer: Wasserlinge. Gedichte. Übersetzung: Daniela Kocmut, Herausgeber: Michael Braun. 48 Seiten, Format: 14 x 22 cm, Das Wunderhorn 2011.
  26. Hans Thill (Hrsg.) ∙ Meine schlichten Reisen. Gedichte aus Belgien. Dreisprachige Ausgabe: niederländisch–französisch–deutsch. Dirk van Bastelaere, Eric Brogniet, Karel Logist, Els Moors, Erik Spinoy, Liliane Wouters übersetzt von Gerhard Falkner, Zsuzsanna Gahse, Norbert Lange, Michael Speier, Ulrike Almut Sandig, Hans Thill nach Interlinearversionen von Beate Thill und Stefan Wieczorek. Gebunden, bibliophile Ausgabe mit Lesebändchen. Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn 2011.
  27. Walter Thümler: Ist jemand da. Gedichte. Leipziger Literaturverlag. 144 Seiten.
  28. Su Tiqqun: Im Geröll des Auges. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  29. Toegye ∙ Als der Hahn im Dorf am Fluß krähte, hing der Mond noch im Dachgesims. Gedichte 1515–1570. Herausgegeben und mit einer Zeichnung von Juana Burghardt. Deutsche Fassungen von Tobias und Juana Burghardt auf der Grundlage der Vorarbeit von Doo-Hwan und Regine Choi. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt. 125 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  30. Boško Tomašević: Früchte der Heimsuchung. Gedichte. Aus dem Serbischen von Helmut Weinberger. Leipziger Literaturverlag. 180 Seiten.
  31. Boško Tomašević:  Mitlesebuch 103 – Boško Tomašević, Berlin-Gedichte. Michael Blümel – Zeichnungen. Broschur im Format: 24 x 15 cm, 24 Seiten, fadengeheftet. 1. Auflage: 50 Exemplare, im Druckvermerk vom Autor signiert, Berlin: Aphaia, März 2011.
  32. Boško Tomašević • Allerneueste Vergeblichkeit, aus dem Serbischen übertragen von Helmut Weinberger, Nachwort von Walter Methlagl, 171 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2011.
  33. Þorsteinn frá Hamri: Jarðarteikn – Erdzeichen. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Isländischen übersetzt von Gert Kreutzer. (Fäkätä 14). 36 S. Germersheim: Queich Verlag 2011.
  34. Tomas Tranströmer: Poesiealbum 298.  Hg. u. ausgew. von Richard Pietraß, Grafik Isaac Grünewald, Nachdichtung Hanns Grössel und Richard Pietraß. 32 S. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011.
  35. Matthias Traxler: You’re welcome. kookbooks, Berlin 2011.
  36. Verica Tričković: Als rettete mich das Wort. Gedichte teils deutsch, teils serbisch. Leipziger Literaturverlag. 120 Seiten.
  37. Charlotte Ueckert ∙ Dein Haar ist mein Nest, Vorwort von Peter Engel, 34 Seiten, Broschur, fix­poetry.Verlag, Ham­burg 2011.
  38. Nepumuk Ullmann: Von der Überwindung der Eiszeit in den Gefühlen. fhl Verlag Leipzig 2011, 170 Seiten.
  39. Sandra Uschtrin (Hg.) ∙ Federwelt. Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, 91. Ausgabe, Lyrik-Re­daktion And­reas Noga, Gedichte von Friedrich von Hagedorn ∙ Katharina Lanfranconi ∙ Ingrid Miller ∙ Irmhild Oberthür ∙ Klaus Roth ∙ Walle Sayer u.a., 58 Seiten, geheftete Broschur, Uschtrin Verlag, München 2011.
  40. Günter Vallaster (Hg.) · Paragramme. Ein Sammelband, 156 Seiten, Broschur, Gedichte von Thomas Hav­lik · Christine Huber · Peter Huckauf · Gerhard Jascke · Ilse Kilic · Richard Kostela­netz · Axel Kutsch · Gerhard Rühm · Fritz Widhalm u.v.a., edition ch, Wien 2011.
  41. Verein Literaturgruppe Perspektive (Hg.) · perspektive. Hefte für zeitgenössische Literatur, Ausgabe 67/68: Aufstandsbeschreibungen, Gedichte von Dominic Angeloch · Ralf G. Landmesser · Rebekka Olbrich · Kai Pohl · Clemens Schittko u.a., 238 Seiten, Broschur, Graz 2011.
  42. Mikael Vogel: Massenhaft Tiere. Gedichte. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 100 S.
  43. Florian Voß: Datenströme. Datenschatten. Staub. Gedichte. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 80 S.
  44. Achim Wagner ∙ Flugschau, 67 Seiten, Hardcover, [SIC] – Literaturverlag, Aachen ∙ Zürich 2011.
  45. Friedrich Wilhelm Wagner: Jungfraun platzen männertoll. hochroth Verlag 2011.
  46. Friedrich Wilhelm Wagner: Irrenhaus. hochroth Verlag 2011.
  47. Friedrich Wilhelm Wagner · Jungfraun platzen männertoll / Irrenhaus (edition grillenfänger 18). 38 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  48. Jan Wagner · Die Sandale des Propheten. Beiläufige Prosa, 240 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Ber­lin Verlag, Berlin 2011.
  49. Jan Wagner: Poesiealbum 295. Hg. u. ausgewählt von Richard Pietraß, Grafik Werner Friedrichs. 32 S. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011.
  50. Immanuel Weißglas · Der Nobiskrug. Gedichte. Nachwort von Bernhard Albers (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 55; Lyrik-Taschenbuch Nr. 72). 80 Seiten, broschiert, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  51. Ralf S. Werder: Bruchland. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  52. Walt Whitman · Liebesgedichte / Love Poems. Englisch / deutsch. Ausgewählt und übertragen von Frank Schablewski. Vorwort von Johannes Urzidil. Nachwort von Jürgen Brôcan. 128 Seiten, fadengeh. Klappenbroschur, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  53. Ron Winkler (Hg.): Schneegedichte. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2011.

22. Oktober 2011

96. Meine Anthologie 76: Sappho, A C H T U N G

A C H T U N G 

Thou shalt be-Nothing.- OMAR KHAYYAM

Tombless, with no remembrance.-SHAKESPEARE

Dead thou shalt lie; and nought
Be told of thee or thought,
For thou hast plucked not of the Muses´ tree:
And even in Hades´ halls
Amidst thy fellow-thralls
No friendly shade thy shade shall company!

Translated by Thomas Hardy, with his reference to Khayyam and Shakespeare.

Confucius to Cummings. An Anthology of Poetry. Edited by Ezra Pound and Marcella Spann. New York: New Directions, 1964 (Tenth printing) 1.1926. S. 18.

Manfred Hausmann

Gänzlich, wenn du einst stirbst,
schwindest du hin,
niemand wird dein gedenken,
niemand wünscht dich zurück,
denn du hast nie
Rosen gebrochen im
Land der Musen, und so
wehst du hinab
ruhmlos ins Land des Hades
und verlierst dich alsbald
irrenden Flugs
unter den fahlen Toten

Manfred Hausmann: Sappho. Lieder und Bruchstücke (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung) Hamburg Heinrich Ellermann, 1948 (Nr. XIV)

[Achtung: so deutsch überschreibt der englische Autor Thomas Hardy (1840 - 1928) seine Nachdichtung eines Sappho-Fragments, aufgenommen in Ezra Pounds Anthologie "Confucius to Cummings", 1926.

Durch die Original-Referenzen an Omar Khayyam und Shakespeare entsteht ein Palimpsest aus den vier Schichten: Antike, Persien, Elisabethanisches England, Viktorianisches England. Ich bin so frei, der deutschen Spur eine weitere deutsche Schicht hintenanzufügen.

Das deutsche Wort - bei Hardy noch ohne Ausrufezeichen; das im 20. Jahrhundert für viele Völker neue Bedeutung annehmen sollte - verstärkt die Drohung des Gedichts - während der Deutsche sie in Poesie abschwächen möchte.]

Nachtrag 2011

Fassung von Anne Carson

55

Dead you will lie and never memory of you
will there be nor desire into the aftertime–for you do not
  share in the roses
of Pieria, but invisible too in Hades' house
you will go your way among dim shapes. Having been breathed out.

Aus: If not, winter. Fragments of Sappho. Translated by Anne Carson. New York: Vintage Books 2003, S. 115.

55LP/58D

κατθάνοισα δὲ κείσῃ οὐδέ ποτα
μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ’ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ
γὰρ πεδέχῃς βρόδων
τῶν ἐκ Πιερίας· ἀλλ’ ἀφάνης
κἠν Ἀίδα δόμῳ
φοιτάσεις πεδ’ ἀμαύρων νεκύων
ἐκπεποταμένα

An eine ungebildete Reiche

Wenn du starbest, du wirst liegen
und wird keine Erinnrung mehr
Dann hinfüro zurückbleiben von
dir, denn an Pieria’s
Rosen hast du nicht Teil. Nein un-
gesehn auch in des Hades Haus
Wirst du wandeln , dahinschwebend mit
lichtloser Gestorbenen Schar.

[Übersetzung: G.Thudichum (33)]

Aus der Tusculum-Ausgabe:

55 Voigt

Und tot wirst du liegen und niemals wird Erinnerung von dir
bleiben, auch [niemals] später: Denn du hast keinen Anteil an den Rosen
aus Pierien, sondern unscheinbar auch in Hades’ Haus
wirst du verkehren mit düsteren Toten, bist du erst einmal weggeflogen.

In: Sappho: Gedichte (Tusculum) Hrsg. / Übers. Andreas Bagordo, Düsseldorf: Artemis & Winkler 2009, S. 126f.

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