Lyrikzeitung & Poetry News

26. April 2012

95. Kann ein Dichter sterben?

Einsortiert unter: Amazigh, Französisch, Kabylisch — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 09:38

Der Dokumentarfilm “Kann ein Dichter sterben?” (“Un poète peut-il mourir ?”), eine Würdigung des Schriftstellers und Journalisten Tahar Djaout, der 1993 ermordet wurde, nimmt am 7. Internationalen Festival des Orientalischen Films (Festival International du Film Oriental de Genève, FIFOG) in Genf teil. Das Festival findet vom 28.4.-6.5. statt. Der Film ist der einzige algerische Beitrag in der Kategorie Dokumentarfilm. Regisseur ist Abderrazak Larbi Cherif.

Der 80minütige Film verfolgt die Entwicklung des ersten Intellektuellen, der in Algerien Opfer des Terrorismus wurde. Die Sprache ist Tamazight mit französischen Untertiteln. / Dépêche de Kabylie

Aufgrund seiner Unterstützung des Säkularismus und seiner ablehnenden Haltung dem Fanatismus gegenüber verübte die Groupe Islamique Armé am 26. Mai 1993 ein Attentat auf Djaout, dem er, im Alter von 39 Jahren, eine Woche später erlag. / wiki

8. März 2012

31. Kabylischer Dichter und Radiomacher gestorben

Einsortiert unter: Algerien, Kabylisch — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 11:23

Der kabylische Radiomacher und Dichter Mohamed Benhanafi starb im Alter von 85 Jahren. Kabyle.com schreibt:

Die große Stimme des kabylischen Radio Mohamed Benhanafi verabschiedet sich und folgt unseren großen von uns gegangenen Künstlern. Das ist ein großer Verlust für unsere Kultur – noch einmal gesagt, unsere Bibliothek verliert tagtäglich Schatzkammern, die unsere Sprache bewahren konnten trotz Zensur und der Tiefschläge jener, die das Medienmonopol innehaben.

Mohamed Benhanafi, eigentlich Aït Tahar Mohamed, wurde 1927 im Dorf At-Sidi-Atmane geboren. Im Unabhängigkeitskrieg wirkte er als Kommisar in der Stadt Tiaret. Nach der Unabhängigkeit begann seine Rundfunkkarriere. Er schuf zahlreiche Sendungen. Mohamed Benhanafi ist auch ein bedeutender Dichter. Viele große Künstler sangen seine Texte. Er starb am 4.3.

12. Februar 2012

44. Hervorbringung eines Genres aus der Interjektion

Einsortiert unter: Algerien, Amazigh — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 07:38

«Aïe! aïe!», gesprochen «Ayèye», das ist ein wohlgegründeter Schrei, der, indem er seine Energie aus der Lunge und seinen Schwung aus der Kehle nimmt, sich schreiend erhebt bis an die fernsten Horizonte der Zeit, des Raums und des Commonsense, die intime Botschaft des algerischen Beduinensangs.

Bevor ich auf die Volkspoesie, die Quasida, zu sprechen komme, hier gesungen von Cheïkh El hâdj Khelifi Ahmed und in einem Booklet transkribiert, zusammengestellt von Abdelkader Bendamèche, muß ich unterstreichen, daß jede unserer Regionen ihre eigene Seele hat, wie sie sich aus den Falten unserer Geschichte herausgebildet hat. Die Volksdichtung unseres Landes bietet Beispiele gesungener Poesie, bei der das artikulierte Wort durch eine der ersten Silben konstituiert wird, in welcher sich, sage ich, der Gemütszustand der algerischen Identität überträgt.

Die wiederholt vorgetragene Interjektion «aïe!» hat ein eigenes Genre hervorgebracht, die «ayèye», eine Art chanson de geste (Heldenlied), in dem der Dichter-Sänger seinen körperlichen oder seelischen Schmerz ausdrückt, aber auch seine Begeisterung für alles, was ihn in der göttlichen, menschlichen oder physischen Natur anzieht.

Ist das lyrische Poesie? Zweifellos. Ebenso zweifellos epische Poesie. Liebespoesie auch. Die Liebe ist hier von islamischer Mystik gefärbt, von Ritterschaft, Moral, Weisheit…, selten von Erotik.

Übrigens lasse ich mir nicht ausreden, daß das französische Epos – das mittelalterliche «Chanson de geste» – von den Dichtern der karolingischen Zeit seit Karl Martel, «dem Bezwinger der Sarrasins [Sarrazenen, in Wirklichkeit der «Mauren»]», wiederbelebt wurde. Zum Beispiel könnte es sein, daß Wesensmerkmale arabisch-andalusischer Erzählungen in vereinfachter Form das Rolandslied von 1080 angeregt haben. Der Dichter heißt Trouvère in Langue d’oïl oder Troubadour in Langue d’oc, Arabisch «târab ad-doûr» (Spieler eines runden Instruments, dem tambour [bendîr?]).

/ Kaddour M’HAMSADJI, L’Expression

ECH-CHEÏKH EL HÂDJ KHELIFI AHMED: HUIT CD DE POÉSIES POPULAIRES CHANTÉES (PUBLICATION CONÇUE ET RÉALISÉE PAR ABDELKADER BENDAMÈCHE)

9. Februar 2012

32. Arabische Kulturrevolution

Einsortiert unter: Algerien, Arabisch, Ägypten, Irak — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 08:26

‘Hast du jemals davon geträumt, dass die einfachen Leute auf die Straße gehen und “nein” sagen könnten?’ Der aus dem Irak Saddam Husseins geflohene, heute in Deutschland lebende Schriftsteller und Lyriker Abbas Khider – Verfasser des Romans ‘Der falsche Inder’ (Edition Nautilus) – stellte diese Frage seiner ägyptischen Kollegin Mansura Eseddin bei den Arabischen Literaturtagen an diesem Wochenende in Frankfurt.  …

Auffällig an diesen Literaturtagen war, in welchem Maße schreibende Frauen diskursbestimmend waren. Man ahnt im Gegenzug die Krise der patriarchalischen arabisch-männlichen Identitäten. Vielleicht sind ja die Frauen das Subjekt einer arabischen Kulturrevolution, die bereits im Gange ist und auch keines Voltaire mehr bedarf, dessen Fehlen Boualem Sansal beklagte. Wenn das kein ‘arabischer Traum’ ist, wie jener, von dem Abbas Khider in Frankfurt als ‘von einer neuen Art Liebe’ sprach. Das wäre dann auch Politik und erst recht Literatur. / VOLKER BREIDECKER, Süddeutsche Zeitung 23.1.

18. Juni 2011

89. Friedenspreis für Ben Jelloun

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun wird mit dem  mit 25.000 Euro dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet. Das Werk des 1944 geborenen Autors stehe im Zeichen der Toleranz und der Integration. Sein jüngster Band “Arabischer Frühling” beschäftige sich mit den Ursachen und Folgen der Demokratiebewegung, sagte am Mittwoch der Vorsitzende der Jury, der Osnabrücker Universitätspräsident Prof. Claus Rollinger.

Damit geht – als Signal an die Demokratiebewegungen in Nordafrika – erneut ein wichtiger Preis an einen nordafrikanischen Autor. Erst vor wenigen Tagen hatte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekanntgegeben, dass der algerische Autor Boualem Sansai mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. “Beide Jurys haben anscheinend das gleiche Bedürfnis gehabt”, sagte Rollinger. / Der Standard

12. Juni 2011

50. Rabindranath Tagore zum 150.

Einsortiert unter: Algerien, Indien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 17:42

In diesem Jahr wird weltweit der 150ste Geburtstag von einem der größten Söhne Indiens gefeiert, nämlich von Rabindranath Tagore. In Deutschland fanden bereits viele Veranstaltungen zur Erinnerung an das Leben und Wirken von Tagore statt. Es ist mir eine große Ehre dass die Veranstalter der Indien-Woche Köln mich geeignet hielten, heute über Tagore eine Festrede zu halten. Hierfür danke ich ihnen von ganzem Herzen. / Jose Punnamparambil, Neue Rheinische Zeitung

29. März 2011

145. 9. Festival der Amazigh-Lyrik in Aït Smaïl (Béjaïa)

Einsortiert unter: Algerien, Amazigh — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 09:46

Dichter aus verschiedenen “berberophonen” Regionen Algeriens trafen sich am letzten Wochenende zum 9. Festival der Berberpoesie, das dem Andenken an den Schriftsteller Mouloud Mammeri gewidmet war.

Zum Abschluß des Festivals wurden Preise für die besten Gedichte verliehen, die von einer Wissenschaftlerjury ausgewählt wurden. Der erste Preis ging an den jungen Dichter Ibri Hamid aus Aïn El Hammam (Tizi Ouzou). Preise gingen auch an Gedichte, die in anderen Varianten der Berbersprache vorgetragen wurden, wie in Zenati Ouargli und Chaoui. / Hakim Kebir, El Watan 29.3.

Amazigh (Plural Imazighen) ist laut deutschsprachiger Wikipedia “eine Fremdbezeichnung für eine Reihe von Ethnien in Nordafrika westlich des Nils, also in den Ländern des Maghreb, die eine Berbersprache sprechen”. Aber vermutlich hat die englischsprachige Version eher Recht, die sagt, daß sich die von Fremden “Berber” genannten Völker selber Amazigh nennen und ihre Sprache Tamazight, nach dem Berberwort für “die Freien”. Zu den Berberstämmen gehören u.a. Tuareg, Kabylen und Chleuh. Das Wort Berber wird entweder vom Lateinischen “Barbar” oder vom Arabischen abgeleitet. In Algerien sind (oder waren?) die Berber einer massiven Arabisierung ausgesetzt. Die Zahl der weltberühmten Berber ist Legion, sie reicht vom Heiligen Augustinus bis zum Fußballstar Zidane.

19. Februar 2011

85. Tuaregisierung now

Einsortiert unter: Algerien, Mali, Niger, Tamâhak (Tuaregsprache) — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 13:13

Den Tuareg hat Gert Müller ein Buch gewidmet, das erstmals 1997 erschien und heute als Standardwerk und Saharaklassiker gilt. / ORF

Wie Sand im Licht des Mondes. Dichtung der Tuareg [Gebundene Ausgabe]
Gert Müller
127 Seiten
Haymon Verlag 1997 (3. Aufl. 2003)

Aus dem Vorwort: “Bei den Nachdichtungen stand das Bemühen im Vordergrund, wörtlich übersetzte Vorlagen in eine Form zu bringen, die dem europäischen Empfinden  zugänglich ist und doch die Identität der Aussage und Liedhaftigkeit  der Tuaregpoesie bewahrt.”

Probe:

Einmal tat ich so, als liebte ich dich nicht,
bis man mir sagte, du seiest nicht mehr.
Kennst du den Hügel,
der mein Grab sein wird?
Dort häufe ich Steine auf mein Herz.
Der Wind trägt mir deinen Atem zu
und nimmt meine Sehnsucht mit
zu dir …

(S. 54)

(Wenigstens ein paar Proben wörtlicher Übersetzung hätte man sich gewünscht – gibt es doch längst eine andere Theorie und Praxis des Übersetzens, nach der es, wie schon Benjamin zitiert, nicht darauf ankomme, das Chinesische zu verdeutschen, sondern das Deutsche zu verchinesischen. Und gibt es die Praxis nicht schon längst? Haben nicht die Vorfahren der Deutschen ihre Sprache latinisiert, um Religion und Wissenschaft auszudrücken? So haben die Minnesänger sie arabisiert, woran auch ein deutscher Kaiser auf Sizilien mitwirkte, so hat Opitz die deutsche Dichtung nederlandisiert, andere sie verfranzösischt oder der alte Goethe verpersischt, Hölderlin gräzisiert, Brecht, Eich & andere sinisiert und japanisiert und so jeweils neue Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen, ohne die unsere Dichtung immer noch wie das Hildebrandslied klänge. Tuaregisierung now!)

20. Januar 2011

87. Tyrannendämmerung

Einsortiert unter: Algerien, Arabisch, Tunesien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 13:01

Bei der algerischen oder französisch-algerischen Tribune ein Artikel von Mohamed Bouhamidi mit der Überschrift “Die Tunesier erfinden ihre Geschichte neu”, der mit einem nicht genannten Dichter beginnt und endet:

Das Volk findet seinen Dichter wieder. Seinem Dichter, der uns lehrte, daß, “wenn das Volk eines Tages das Leben verlangt / Sich das Schicksal nur fügen / Die Nacht sich nur zerstreuen / Und die Fessel sich nur lösen kann”, hat das Volk Recht gegeben. Er hatte den Weg bereitet, indem er die Ketten der poetischen Tradition zerbrach und das Volk zusammen mit einigen Vorläufern zur Poesie einlud und kommende Revolten ankündigte. Prophetische Poesie der Tyrannendämmerung.

(Der Dichter ist offenbar so allbekannt, daß man seinen Namen gar nicht nennen muß? Falls ihn jemand kennt: Hinweise sind immer willkommen.)

6. Dezember 2010

25. … und in Tunis

Einsortiert unter: Algerien, Arabisch, Libyen, Marokko, Tunesien — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 08:17

Die Teilnehmer eines Treffens der Maghreb-Dichter, das jetzt zum dritten Mal in Tunis stattfand, gehen davon aus, daß die Poesie einen wesentlichen Beitrag dazu leisten könnte, bei den Völkern ihrer Länder das Gefühl ihrer Einheit und ihrer gemeinsamen Identität zu schaffen. “Die Lyrik könnte zur Einigung der Maghrebländer beitragen, wo die Politik versagt”, sagte die marokkanische Schriftstellerin Fatma Bouhraka während des dreitägigen Treffens von Autoren aus Tunesien, Marokko, Algerien und Libyen. Das Treffen gehört zu einer Reihe nationaler Veranstaltungen zur Feier des 100. Geburtstags des Dichters Mustapha Khraief, die sich von Oktober diesen bis März nächsten Jahres erstrecken. Dazu zählen Lesungen seiner Gedichte im ganzen Land, akademische Seminare und die Herstellung eines Dokumentarfilms über das Leben des großen Dichters. Khraief wurde 1909 im südtunesischen Nefta geboren und starb 1967 in Tunis. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Gedichtbände “Achouaa” et “Chaouk wa dhaouk”. / Mona Yahia, Magharebia 5.12.

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