24. “Puppe, zieh dich aus”

ZEIT: Sie sagten, dass man in der Literatur nicht direkt sprechen kann. Günter Grass hat kürzlich direkt gesprochen: Er hat einen Leitartikel als Gedicht umbrochen und wollte das Indirekte durch die lyrische Form herstellen. Das Gedicht heißt Was gesagt werden muss.

Bondy: Ich habe das Gedicht gelesen und habe nicht einmal verstanden, dass das ein Gedicht ist, es ist einfach lächerlich. Es ist sowohl lächerlich von ihm als auch lächerlich, was daraus gemacht worden ist. Ich finde es so nichtssagend.

Handke: Aber warum Gedicht? Warum kann man das nicht als Aufschrei oder Artikel und Manifest machen? Warum musste er das als Gedicht machen?

ZEIT: Er wollte die höchste Form der Literatur wählen.

Handke: Und? Ist es ein Gedicht? Ich kenne es gar nicht.

Bondy: Ich will gar nicht darüber reden, denn es geht mir auf den Wecker. Es ist kein Gedicht, aber Grass hätte auch dann Reaktionen provoziert, wenn er das alles in einem Interview gesagt hätte. Die Proportion, die der Diskurs angenommen hat, ist dem Inhalt von Grass’ Text nicht angemessen. Das ging bis ins Parlament, es nahm Proportionen an, die fand ich anmaßend.

Handke: Ich weiß nur von Le Monde, weil ich keine deutschen Zeitungen gelesen habe, dass es eine Polemik gab. Grass hat gesagt, dass Israel das iranische Volk mit der Auslöschung bedroht?

ZEIT: Im Grunde, ja.

Bondy: Und das finde ich nicht in Ordnung. Das hat mich genervt, weil es nicht stimmt. Die Leute in Israel wollen nicht den Iran auslöschen…

Handke: Was war Grass noch für ein Dichter, als er in Princeton dieses Vorfrühlingsgedicht vorlas, das war damals auf der Tagung der Gruppe 47, dieses Gedicht endet ungefähr so: Puppe, zieh dich aus. Also, er spricht eine Frau an, alles knospt und regt sich, und dann: Jetzt zieh dich aus.

Bondy: Aber damit fiel er durch, oder?

Handke: Nein, alle waren wir begeistert von diesem Gedicht, wo es darum geht, es ist Frühling, und jetzt geht’s los. Das hat er auch toll vorgelesen.

/ Peter Kümmel sprach mit Luc Bondy und Peter Handke, Die Zeit

6 Kommentare

  1. U. Koch

    Nach der Lesung von Piwitt erfolgen Handkes berühmte Bemerkungen über die Prosa seiner Zeitgenossen (ab 15:20min). Da die Tonqualität nicht besonders gut ist, könnte dieser link auch weiterhelfen (dort auch in Auszügen das im ZEIT-Gespräch anzitierte Gedicht MÄRZ von Grass): http://www.dradio.de/download/133506/
    Auffällig im übrigen, daß sich die Polemik auch hier gewissermaßen breitbeinig des Krankheitsbildes der erektilen Dysfunktion bedient.
    F.C. Delius: „…mit dem schönen Wort „Beschreibungsimpotenz“ hat er natürlich alle flach gelegt.“

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  2. klaus plusminusfpunkt schneider

    bin – aus nostalgie & solidarität gleich zu Pit Chotjewitz – der Richter, glaube ich, gleich am anfang mit seinem apell – nicht zu toppen: “ich möchte Sie alle bitten, keine bekannten oder freunde oder sonstwas hierher mitzubringen, wir werden zu viele menschen … !”

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