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Archiv für den Tag 27. April 2012

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102. Mosebach erklärt die Welt

Wo? Natürlich in der “Welt“.

Die sagt:

Der Büchnerpreisträger vertritt einen konservativen Katholizismus, setzt sich für die Rückkehr zur tridentinischen Liturgie ein und sieht die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils skeptisch. Er meint: Dass ausgerechnet der Osten Deutschlands, die Heimat der Reformation, immer gottloser werde, “hat seine Logik”.

Aber über den Einfluß der DDR auf das Zweite Vatikanische Konzil sagt er dann nichts weiter. Ja, er entlastet die DDR sogar auf seine Weise. Eigentlich war weniger der Saarländer Honecker als der Mitteldeutsche Luther die Wurzel des Übels. Denn:

Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung, aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte.

Aber man muß weiter zurückblicken. Zu Luther natürlich, aber auch das reicht nicht. Denn hinter Luther steht Herrmann der Cherusker, der ein rechter barbarischer gottloser kommunistischer Bazi war:

Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte.

So erschließt sich dem wahrhaft Gläubigen auch das Armutsgefälle in Deutschland:

Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind.

So könnte man gleich die Probleme des Ruhrgebiets mit lösen. Statt das katholische Geld in den Osten zu pumpen könnte man 25 Millionen Bibeln abwerfen. Da kämen auf jeden Erwachsenen 2 bis 3, und billiger wärs trotzdem noch. Mal bei den Salafisten nachfragen.

Überhaupt ist das mit dem Islam gar nicht so schlimm, wie uns die gottlos-kommunistisch infiltrierten Geheimdienste glauben machen wollen, denn siehe:

Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben. Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion.

Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist?

Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

(Man müßte auch mal die Religiosität des Innenministers prüfen!) Oder die von Bundespräsidenten:

Aber der Satz “Der Islam gehört zu Deutschland” ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen?

(Was sagt Gauck dazu – auch so ein Cherusker). Meinem gottlosen Sinn fällt jedenfalls Goethe ein, und daß der deutsche Kaiser Friedrich II. [bei dem Namen wundert einen garnix], an dessen Hof in Sizilien das Sonett erfunden wurde, Arabisch verstand, und daß die Muslims in Andalusien Wörter wie Alchemie, Algebra oder Alkohol zurückließen. Auch las ich von Untersuchungen zur Rolle der Muselmanen bei der Rezeption der aristotelischen Poetik und im Reim- und Gedankenbau der Comedia Dantes.

Aber auch mit Goethe kennt der Turbokatholik (Perlentaucher) sich aus.

In Goethes “Buch des Parsen” kam der Zeitgeist zum Ausdruck: “Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.” Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat.

Ogott – womit hab ich mich da bloß wiedervereinigt?

Aber nun ist mal Schluß mit lustig. Morgen heb ich meinen Anteil am Westosttransfer ab und nehm mir einen Anwalt, der gegen Mosebachs Welt wegen Diskriminierung und Verletzung meiner Menschenwürde Klage einreicht. Noch einmal Mosebach:

Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert -, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt.

Herr, wirf Hirn vom Himmel! Aber bitte in Steinguttöpfen und diesen Stammtischkatholen auf den Brägen!

(Fortsetzung: Mosebach erklärt die Lyrik, demnächst hier, inschallah.)

101. Uhland 225

Ein leiser, zäher, mutiger, aufsässiger Mann, den viele, wenn sie ihn sahen, wie er ihnen kahlköpfig und in anspruchsloser Kleidung begegnete, für einen biederen Handwerker halten konnten. Als Poet ein Vertreter der schwäbischen Romantik, geliebt vom Publikum wegen seiner volksliedhaften Verse und populären Balladen, erfolgreicher als Goethe, Schiller oder Börne, geschätzt noch in Paris, achtungsvoll, ja überschwänglich gewürdigt von den Kollegen. Für Hebbel war er der »erste Dichter der Gegenwart« und der einzige, »von dem ich ganz gewiß weiß, daß er auf die Nachwelt kommt«, Heine verlieh ihm 1833 den »Eichenkranz der Bürgertugend«, Chamisso zögerte nicht mit dem Bekenntnis, »daß mich nach Goethe kein Dichter so angeregt hat«, Fouqué hatte ihn »unaussprechlich lieb«, und Varnhagen von Ense bekannte, die »herrlichen, naturkräftigen Lieder« hätten ihm in ungarischer Einsamkeit die Lebensfreude wiedergegeben. Nichts bezeugt das Ansehen dieses Poeten so sehr wie die 47. Auflage seiner Gedichte gleich nach Uhlands Tod 1862. / Klaus Bellin, ND 26.4.

100. Bobrowski und Freunde

Den Dramaturg, Autor, Literaturwissenschaftler und ehemaligen Rektor der Schauspielschule Ernst Busch Klaus Völker als Rezitator in der Lettrétage zu hören, ist ein Ereignis, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten! Anlass seines Besuchs ist ein Abend der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft zu Ehren ihres namensgebenden Autors. Die Gesellschaft, deren Vorsitz Klaus Völker nebenbei innehat, pflegt das Andenken des politisch unkorrumpierten und, was in den 1950er und 1960er Jahren höchst selten war, in Ost wie West gleichermaßen hochgeschätzten Lyrikers und Erzählers.

Auch der Autor Michael Augustin stellt sein Wirken diesmal in den Dienst von Johannes Bobrowski und führt O-Töne des Autors und seiner Zeitgenossen vor.

Auf einen vielseitigen Bobrowski-Abend freut sich und herzlich grüßt Sie, im Namen des Lettrétage-Teams
Ihr Moritz Malsch

Lettrétage / Methfesselstr. 23-25 /10965 Berlin / Tel. 030 – 692 45 38
www.lettretage.de

99. Schön und intelligent

Natürlich gab es 2011 einige spannende Publikationen: Katharina Schultens »gierstabil« oder Daniela Seels »ich kann diese stelle nicht wiederfinden« haben sich beide mehr erlaubt als Bossongs Band. Von einer Konsensentscheidung kann man trotzdem kaum sprechen. Bossong schafft es, den Bogen zwischen Eingängigkeit und poetischer Substanz zu schlagen. Auch wenn Zeilen wie »Die Täler gefüllt mit Dorffesten./ Oben erhabene Gartenzucht, / Auberginen mittersommerfarben« einen Rosamunde-Pilcher-Charme in die Lyrik bringen: Unter der bildreichen Sprache liegt mehr. »Aus den Steinhängen brechen/ die Heiligensagen: Drüben/ habe Franziskus Viten gefälscht, / Heilandsimitat umgeben von Reben.« fährt das Auftaktgedicht »Hügelgewächs« fort und zeigt, daß Bossongs Texte nicht bei Postkartenmotivik stehenbleiben. Stattdessen wird die Landschaft sondiert, werden die unter den Tableaus brodelnden Konflikte ans Tageslicht befördert. Seien es (religions-)historische Themen, das langsame Aussterben der Traditionen oder die Beschäftigung mit dem Tod – das angenehme Parlando wird subtil von schwerwiegenden Gedanken unterlaufen, ohne an Reiz zu verlieren. Der Verzicht auf sprachliche Experimente fällt dem gegenüber wenig ins Gewicht, die inhaltliche Vielfalt kompensiert einiges. Taugt »Sommer vor den Mauern« also etwas? Definitiv. Der Huchel-Preis ehrt einen ebenso schönen wie intelligenten Gedichtband. Wie könnte man sich daran stoßen? / Kristoffer Cornils, junge Welt 27.4. (hier bei der Zeitung selber, nachgetragen)

Nora Bossong: Sommer vor den Mauern. Carl Hanser Verlag, München 2011, 96 Seiten, 14,90 Euro

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