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Archiv für den Tag 4. April 2012

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13. Etymologie

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Immanuel Musäus (Greifswald) schreibt:

Ein kleiner Fetzen. Nicht von einem alten Griechen, sondern von mir, aber auf Altgriechisch. Habe ich mal gedichtet oder vielmehr zusammengeflickt (ist aber kein Cento im strengen Sinn) zur Illustration der poetischen Etymologie, anhand des Namens “Europa”, mit Parecheseis und Paronomasien usw. Und natürlich kann die Übersetzung das alles nicht mitnehmen, zur Hilfe sind die einschlägigen Wörter aber kursiv gedruckt.

… ἐπ᾽ εὐρέα νῶτα θαλάσσης
ἁρπάξας Κρήτηνδε κατήγαγεν εὐρυόπα Ζεύς
Εὐρώπην οὐ κόλπον ἀν εὐρώεντα θαλάσσης
ἀλλ ἕσσας ἐπὶ θῖνι θαλάσσης εὐρυπόροιο
θῆκεν τ εὔρωστον καὶ ἀγήραον ἤματα πάντα.

… Auf die weite Fläche des Meeres
raubte der weithin schallende Zeus Europa und brachte sie nach Kreta,
nicht auf irgendeine modrige Bucht des Meeres,
sondern am Strand des weit befahrenen Meeres setzte er sie ab
und machte sie rüstig und alterlos für alle Zeit.

12. Huchelpreis an Nora Bossong verliehen

Was sie nach der Lesung der letztjährigen Preisträgerin Marion Poschmann zu Gehör brachte – Impressionen aus einer “Dante-Gegend irgendwo vor Assisi”, wo Sankt Franziskus Heiligen-Viten fälschte, und eine spröde Personenstudie aus ihrer norddeutsche Heimat – ließ den typischen Bossong-Ton vernehmen: so intellektuell-leichtfüßig wie bodenständig, Gegenwart und Geschichte mit überraschenden Wendungen verquickend, flott im Tempo.

“Ich will nur Mädchen sein, nicht in Arkadien leben”, heftete sie einem verklärenden Verehrer ans Revers. Eine Richtungsweisung. Lieber ein Wuchergewächs im literarischen Tropenhaus. Vor allem Taschenspielerhaftem sei diese Lyrik ebenso gefeit wie vor dem schwärmerischen Ton, lobte der Journalist Tobias Lehmkuhl, der in seiner brillanten Preisrede gleichwohl immer wieder Rainer Maria Rilke zitierte, den schwärmerischsten Besucher von Worpswede. “Kleine Kraftwerke” seien die Gedichte dieser “ehrlichen Berichterstatterin: komprimierte Energiequellen”. / Stefan Tolksdorf, Badische Zeitung

11. Grass und Israel

Titelblatt der Süddeutschen Zeitung von heute:

Günter Grass warnt vor einem Krieg gegen Iran. In seinem Gedicht mit dem Titel ‘Was gesagt werden muss’ fordert der Literaturnobelpreisträger deshalb, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen.

Im Feuilleton auf Seite 11 steht das komplette Gedicht, Probe aus dem Mittelteil:

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

(In der Zeitung El País kann man es komplett und frei auf Spanisch lesen, ich sag mal, angesichts der poetischen Qualität des Textes kann man verlustfrei auf diese zurückgreifen. Es soll heute auch in der “New York Times” und in “La Repubblica” stehen, wo es aber zumindest bislang nicht online zugänglich ist.)

Nachtrag: Hier veröffentlicht es die Süddeutsche ebenfalls komplett. Man muß nur nach jedem Punkt eine Leerzeile dazudenken. Obwohl es das “Gedicht” auch nicht rettet.

In der Welt antwortet Henryk M. Broder:

Grass hat schon immer zu Größenwahn geneigt, nun aber ist er vollkommen durchgeknallt. Ganztätig mit dem Verfassen brüchiger Verse beschäftigt, hat er keine der vielen Reden des iranischen Staatspräsidenten mitbekommen, in denen er von der Notwendigkeit spricht, das “Krebsgeschwür”, das Palästina besetzt hält, aus der Region zu entfernen. Denn das ist nur “Maulheldentum”, das man nicht ernst nehmen muss, so wie die Existenz einer einzigen Bombe “unbewiesen” ist, bis sie zum Einsatz kommt. …

Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in diesem “Gedicht” hat er es noch nie artikuliert. In einem Interview mit “Spiegel Online” im Oktober 2001 sagte er, wie er sich die Lösung der Palästina-Frage vorstellt: “Israel muss nicht nur besetzte Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung ist eine kriminelle Handlung. Das muss nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden. Sonst kehrt dort kein Frieden ein.”

Das war nicht mehr und nicht weniger als eine Aufforderung an Israel, nicht nur Nablus und Hebron, sondern auch Tel Aviv und Haifa aufzugeben. …

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel “Geschichte werden”. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.

Der Gesandte des Staates Israel zur Veröffentlichung von Günter Grass

Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.

Was auch gesagt werden muss ist, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird. So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch.

Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben. Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.

Emanuel Nashon, Gesandter des Staates Israel, Botschaft des Staates Israel, 04.04.12

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