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Archiv für den Tag 3. April 2012

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10. Alkaios und Sappho

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Jeder, dem etwas an Literatur liegt, landet irgendwann bei Sappho. (Arnfrid Astel)

 

1916 veröffentlichte Ezra Pound ein Gedicht mit dem Titel “Papyrus”:

Spring ……

Too long ……

Gongula ……

Inspiriert wurde er durch die kurz zuvor erfolgte Veröffentlichung einiger Sapphofragmente. Die Fragmente, die auf antiken Pergamenten oder Papyri überliefert sind (seit 1905 waren kistenweise Papyrusfragmente aus den Resten der Stadt Oxyrhynchus aus dem ägyptischen Wüstensand oder gar aus dem Mund mumifizierter Krokodile geborgen und nach England gebracht worden, wo die Entzifferung andauert. Bis 1915 wurden neben Texten von Euklid oder Pindar nicht weniger als 56 Fragmente von Sapphotexten entdeckt. Die Fragmente faszinierten Pound und seine Freundin Hilda Doolittle, die auf der Suche nach einer modernen Poesie waren. Pound schrieb: “Willst du den Inbegriff der Sache, geh zu Sappho, Catull, Villon, zu Heine, wo er in Schwung ist, zu Gautier, wo er nicht allzu frostig ist, oder, falls du diese Sprachen nicht kannst, suche den geruhsamen Chaucer auf.”*

 

Sapphos Name wurde so berühmt, daß in vielen Teilen der Welt dichtende Frauen nach ihr benannt wurden, wie die deutsche Sappho (Anna Luisa Karschin), die pommersche Sappho (Sibylla Schwarz). Ihr Werk dagegen verschwand fast völlig. Die Antike kannte 9 Bände. Heute kennen wir neben weniger als einer Handvoll ganz oder in größeren Teilen überlieferter Gedichte über hundert Fragmente, manche in der Art von Pounds “Papyrus”. Fragmentträger sind Papyri, Pergamente, Tonscherben oder erhaltene Werke anderer Autoren, die sie zitieren. Auch Aristoteles ist ein solcher Zitatträger. Im 1. Buch seiner Rhetorik schreibt er:

(…) aller Schändlichkeiten – einerlei ob in Wort, Tat oder Absicht – schämt man sich, wie Sappho Alkaios, als dieser schrieb: “Etwas sagen will ich, doch mich hindert der Anstand”, erwiderte:

Wenn zu Edlem und Erhabenem Verlangen dich hielte
und nicht böse Worte die Zunge sagen wollt’,
dann füllte nicht Scham deine Augen,
sondern du sprächest das Rechte nur. **

 

*) Ezra Pound: Dichtung und Prosa, Berlin: Ullstein 1959, S. 148 (übersetzt von Eva Hesse).

**) Aristoteles: Rhetorik. Übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger, Stuttgart: Reclam 1999, S. 44.

 

Alkaios und Sappho. Seite A eines Attisch-rotfigurigen Kalathos, um 470 v. Chr. Aus Akragas (Sizilien).

Einige deutsche Übersetzungen:

Wilhelm Heinse

Alkaios. Ich möchte Dir etwas sagen, aber die Scham verwehrt es mir. Sappho. Wenn es Verlangen nach Gutem und Schönem wäre, so würde Scham Deine Augen nicht ergriffen, Deine Zunge nicht gezittert haben, Böses zu sagen, Du würdest von etwas Gerechtem reden.

‪Wilhelm Heinse: Sämmtliche Schriften, ‪E. Graul, 1857‬. Bände 4-5‬

Wilhelm Heinse

Hans Rupé:

Alkaios:

So gerne möcht’ ich reden, allein mich hindert die Scham ….

 

Sappho:

Verlangte dich nach edlem und Schönem nur
und flockte deine Zunge beim bösen Wort,
so senkte nicht die Scham dein Auge,
sondern du redetest frei, wie’s recht ist.

 

Aus: Sappho. Übertragen von Hans Rupé mit dreizehn Zeichnungen von Renée Sintenis. Berlin: Holle & Co., o.J., unpag.

 

Raoul Schrott:

 

[Alkaios zu Sappho]

Ich möchte dir etwas sagen doch
eigentlich trau ich mich nicht –

 

[Sappho zu Alkaios]

 

Alles was gut und recht ist mein lieber
wenn du was andres als bumsen
im kopf hättest dann wäre es dir längst
schon über die lippen gekommen

 

Aus: Raoul Schrott: Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren. Frankfurt/Main: Eichborn 1997, S. 137.

 

9. Spraakkunst und Tulpenkrise

21 anspruchsvolle Titel liegen bei Roughbooks mittlerweile vor. Bertram Reineckes “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst” ist die Nummer 19. Der Titel trägt eine doppelte Botschaft. Einmal ist es der namentliche Verweis auf ein historisches Sprachlehrbuch. In einer kleinen Textserie montiert Reinecke Phrasen aus dem Lehrbuch aneinander, mit dem einst junge Menschen nicht nur Hochdeutsch lernten, sondern auch eine Welt von Sitten, Weltsichten und Vorurteilen kennen lernten. Denn selbst wenn sich Lehrbuchautoren Mühe geben: Sie kommen nicht aus ihrer Haut. Selbst die einfachsten Aussagesätze verraten ihren Ursprung. “Welchen Besen hat der Bediente?” – “Er hat den seinigen.” Ganz verräterisch sind die Besitzanzeigen. Manche dieser kurzen Texte lesen sich in der Raffung, die Reinecke vornimmt, wie die Suche der Polizei nach einem ganz gewieften Dieb.

Um Dieberei geht es auch in anderen Texten. Denn nichts war ja in den letzten Jahren der Faulen-Kredite-Blase so hochaktuell wie die holländische Tulpenkrise von 1637/1638, die Reinecke im Stil eines Sonetts von Andreas Gryphius verarbeitet: “O Teur erworben Gut!” Womit man schon mittendrin ist in Reineckes Art, mit den Themen der Gegenwart umzugehen: Er collagiert. Das tun auch andere Dichter. Manche variieren dann auch, persiflieren, imitieren, zitieren, schreiben Hommagen oder nutzen einfach die Stilmittel ihrer Vorbilder, und zwar so, dass der Leser es merkt. Denn darum geht es: Man akzeptiert den Lesenden als Gleichgesinnten und traut ihm zu, die Wurzeln der Gedichte zu kennen und wiederzuerkennen. …

Wenn Reinecke dann freilich die Dichter des 17. Jahrhunderts – Simon Dach etwa – zum technischen Muster nimmt, um ein moderneres Thema und das Motiv eines heutigen Dichters zu verarbeiten, wird spürbar, wie komplex Sprachmaterial tatsächlich funktioniert und wie stark es mit dem Gestus der Epoche (hier des deutschen Barock) verquickt ist. Was zumindest bei den großen deutschen Barockdichtern bis heute eine nicht geringe Faszination ausmacht. Schon eins der nächsten Gedichte im Stil der Christiana Mariana von Ziegler zeigt, wie sehr nur ein Jahrhundert später der Stil über den Inhalt dominierte. Die Zieglerin, Tochter des Leipziger Bürgermeisters Romanus, wird zwar zur Aufklärung gezählt. Doch gerade in der Lyrik konnten sich die deutschen Dichter in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht dazu durchringen, wieder wesentlich zu werden, wie es Lessing forderte. Man tändelt und disputiert und reimt mehr über Dichterey, als dass man dichtet.

Was Reinecke in fröhlicher Variation persifliert, bis hin zum Schäfergetändel der Zeit: “Ob gleich die, so er liebt, ihn nur mit Worten speist”. / Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung

Bertram Reinecke “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst”, Roughbook, Leipzig, Berlin und Solothurn 2012, 8,50 Euro  www.roughbooks.ch

8. Edit 57

Bei Fixpoetry Armin Steigenberger über das neue Edit:

Die Gedichte des polnischen Dichters Miron Białoszewski, übersetzt von Dagmara Kraus, frappieren. Sie wirken auf den ersten Blick simpel und sehr reduziert.

STUDIUM DES SCHLÜSSELS

Der Schlüssel
riecht wie Nagelwasser
schmeckt nach Elektrizität
und als Frucht
ist er herb
unreif
an sich ganz und gar
Kern.

Oft auf lapidare Dinge wie Sinneseindrücke fokussiert geben sie alltägliche Dingen wieder, entfachen dennoch, meist zum Ende hin, in Texten wie Bemusung oder einer selbstironischen „Ode“ über einen bekommenen und wieder genommenen Ofen oft ihr ganzes sprachgewaltiges Potenzial. …

Ebenfalls sehr spielerisch schrieben Elfriede Czurda und Ferdinand Schmatz je ein, Michael Lentz zwei Anagramme nach einem Text von Carlfriedrich Claus, rinde der bäume. Christian Steinbacher rundet mit einer „Anagrammfolge“ von gleich 6 Texten den Zyklus ab, von daher ist die Kapitelüberschrift „Vier Gedichte“ ein glattes Understatement. Es wären so gesehen 10 Einzelanagramme, nicht eingerechnet den Ausgangstext von Carlfriedrich Claus – jenes visionären experimentellen Künstlers, der die Grenzen von Stimme, Papier und Schrift zu Rändern werden ließ, zu Nähten, die die Wirklichkeit neu zusammensetzten, steht in einer Fußnote. Alle Texte lösen auf ihre Weise originell den Anspruch ein.

Außerdem u.a. über Konstantin Ames, Georg Leß und amerikanische Essays

Edit 57, Papier für neue Texte, hrsg. von Literaturverein Edit e. V., 2012
Redaktion: Jörn Dege, Kerstin Preiwuß, Mathias Zeiske

7. Dichterbund ignoriert

Der Maltesische Dichterbund  (Għaqda Poeti Maltin) wird praktisch bei der Vergabe staatlicher Kulturfördermittel ignoriert, beklagt die verbandseigene Zeitschrift Versi.

Außerdem würdigt sie mit Fr Anastasju Cuschieri einen der bedeutendsten Dichter Maltas anläßlich seines 50. Todestages.

Die Contemporary Maltese Poets Corner ist dem Dichter Charles Mifsud gewidmet mit den Gedichten Qed Jisbaħ, Fil-Waqt li Niftakar und Kemm se jdum il-Pa?

Stefano Farrugias Gedicht Flaxbekk (Flashback), mit dem er den National Poetry Contest und den Amante Buontempo Prize 2011 gewann, wird ebenfalls abgedruckt zuzsammen mit weiteren Gedichten in verschiedenen Sprachen.

Versi kostet €1. / Alfred Palma, Times of Malta 1.4.

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