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Archiv für den Tag 2. April 2012

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6. Double entendre

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

 Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Ephesus ist eine Stadt, die sowohl in der Woche der türkischen wie der griechische Poesie erwähnt werden sollte. Dass sie dadurch gute Chancen hätte, zu einem Symbol der Völkerverständigung zu werden, ist gleichwohl unwahrscheinlich.

Ein lohnendes Reiseziel dagegen ist sie heute wie schon in der Antike, berühmt für ihren prächtigen Artemistempel und, so heißt es, für ihre Bordelle. Im fünften Buch der Anthologia Graeca findet sich in Form eines Epigramms ein Brief des Dichters Rufin aus Ephesus an seine daheimgebliebene Geliebte, die er Elpis (Hoffnung) nennt:

Ῥουφῖνος τῇ ‘μῇ γλυκερωτάτῃ Ἐλπίδι πολλὰ
χαίρειν, εἰ χαίρειν χωρὶς ἐμοῦ δύναται.
οὐκέτι βαστάζω, μὰ τὰ σ’ ὄμματα, τὴν φιλέρημον
καὶ τὴν μουνολεχῆ σεῖο διαζυγίην·
ἀλλ’ αἰεὶ δακρύοισι πεφυρμένος ἢ ‘πὶ Κορησσὸν
ἔρχομαι ἢ μεγάλης νηὸν ἐς Ἀρτέμιδος.
αὔριον ἀλλὰ πάτρη με δεδέξεται, ἐς δὲ σὸν ὄμμα
πτήσομαι, ἐρρῶσθαι μυρία σ’ εὐχόμενος.

5,9

Rufin wünscht seiner süßen Elpis, die er nicht mehr lieben kann,
als er sie schon liebt, Gutes, wenn es ihr denn ohne mich gut gehen kann.
Bei deinen Augen, die Einsamkeit ertrage ich nicht und auch nicht,
fern vom gemeinsamen Joch allein im Bett zu liegen;
so gehe ich immer wieder und unter Tränen zum Koressos
oder zum Tempel der großen Artemis. Aber morgen
empfängt mich die Heimat wieder, morgen fliege ich in deine Augen!
Und tausendmal wünsche ich dir alles Gute.

(Übersetzung: Dirk Uwe Hansen)

Einsam ist er, der Dichter, schlaflos in der Nacht und ruhelos am Tag. Treibt sich am Hafen herum, von wo aus die Schiffe nach Hause fahren, oder schüttet der jungfräulichen Göttin sein Herz aus. So will er wenigstens ein kleines Briefchen an die Liebste schreiben. Hübsch. Ein nettes Gedicht. Doch Rufin ist kein netter Dichter. Rufin ist, zusammen mit Straton, der raffinierteste und cleverste der Dichter in der griechischen Anthologie. Und dieses Gedicht ist nicht nur nett, es hat einen doppelten Boden und darunter einen zweiten Text, der viel weniger nett, dafür aber unterhaltsamer ist. Um an diesen zweiten Text heranzukommen, muss man das Gedicht im Original lesen; und man muss es laut lesen. Oder sich helfen lassen. Zum Glück gibt es eine solche Hilfe: Regina Höscheles Kommentar (Verrückt nach Frauen. Der Epigrammatiker Rufin, Tübingen 2006) bringt uns auf die Spur der Zwei- und Mehrdeutigkeiten des Textes: So beginnt und endet das Epigramm zwar mit klassischen Briefeinleitungs- und Abschlussformeln, sie werden aber gebrochen und mehrdeutig gemacht, man muss beim Vortrag der letzten Zeile nur ein wenig die Pausen verschieben, um den Sinn radikal zu ändern. Der Stadtteil Koressos, das Hafenviertel, trägt die Kore, das Mädchen, als die beiden ersten Silben in seinem Namen. Der Artemistempel liegt gegenüber auf der anderen Seite der Stadt. Wer vom einem zum anderen geht, durchstreift also ganz Ephesus.

Mehr noch: durch die Elision, das Ausstoßen eines von zwei in der Wortfuge aufeinanderprallenden Vokale, klingt das Possessivpronomen in der ersten Zeile für den Hörer wie eine Verneinung. Und ist Elpis nicht doch ein ungewöhnlicher Name für eine Geliebte?

Das ist alles vereinfacht und überspitzt, wers genauer wissen will, lese Höschele; am Ende steht dann zwischen den Zeilen (und ohne literarische Ausschmückungen) etwa folgender Text:

Liebe Vertrösterin,

du bist süß, das sind andere auch. Ich wünsche dir, dass es dir ohne mich so gut geht wie möglich. Ich halte es, das schwöre ich bei deinen Augen, nicht mehr aus, liege allein ohne dich im einsamen Bett und lasse meine Tränen verströmen1 oder streune durch die Stadt, vom Mädchen-Viertel, zum Tempel der großen Artemis (mit seinen schönen Priesterinnen). Aber morgen kommt wenigstens dieses Gedicht nach Hause und vor deine Augen, ich dagegen muss mich hier noch von tausend Frauen verabschieden.

Elpis musste sich für eine der beiden Versionen entscheiden. Wir können sie zum Glück beide nehmen.

1Ein Schelm, der Böses dabei denkt, mag recht haben. Für den metaphorischen Gebrauch von “Tränen verströmen” für ejakulieren weiß Höschele auch eine Parallele zu nennen.

Literatur

Anthologia Graeca
Dirk Uwe Hansen; Jens Gerlach; Christoph Kugelmeier; Peter von Möllendorff; Kyriakos Savvidis
Band 1: Bücher 1 bis 5
Band 72 der Reihe “Bibliothek der griechischen Literatur”
Anton Hiersemann Verlag
ISBN 978-3-7772-1117-6
2011, Leinen, XXII, 195 Seiten, 235 x 160 mm
149 €
Stuttgart : Hiersemann, 2011-
Bibliothek der griechischen Literatur, Bd. 72.

Regina Höschele: Verrückt nach Frauen. Der Epigrammatiker Rufin (Classica Monacensia)
EUR 48,00
Broschiert: 156 Seiten
Verlag: Narr; Auflage: 1. Aufl. (1. Juni 2006)

5. Lesefehler

Jemand den gleichen?

Für das letzte Schild an einem Pfeiler des Bürgerturmes haben sich jetzt private Spender gefunden, die sich mit einem besinnlichen Gedicht verewigt haben wollen. / hier

4. “Literarische Rowdys”

Denn die Parolen und Losungen der “literarischen Rowdys”, wie sie jetzt beschimpft wurden, lauteten:

  • Zerschlagung der Kunst!
  • Wir hauen die Natur entzwei! Um etwas Neues daraus zu machen.
  • Die Oberiuten sind eine neue Formation revolutionärer Kunst!
  • Wir sind Oberiuten und keine schreibenden Saisonarbeiter!
  • Wir sind nicht Lieferanten zeitkonformer Literatur!
  • Und Gedichte müsse man so schreiben,…
  • …dass das Glas zerspringt, wenn man sie gegen ein Fenster schmeißt.

Solche Provokationen entfachten den lautstarken Protest der tonangebenden Literaturfunktionäre. Publikationen wurden unterbunden, die Veranstaltungen angegriffen und diffamiert. Das Ende läutete ein Schmähartikel in der Zeitschrift “Smena” vom 9. April 1930 ein, in dem den Oberiuten Widerstand gegen die Diktatur des Proletariats unterstellt wird.

Das war das praktische Verbot. Oberiu war die letzte eigenständige “linke” avantgardistische Gruppierung in Leningrad vor der offiziellen Gleichschaltung.

Zu Lebzeiten sind deshalb nur zwei Gedichte von Charms in Almanachen erschienen, für sein 1927 fertiggestelltes Buchmanuskript “Die Leitung der Dinge” fand er keinen Verlag. Um 1930 muss ihm klar gewesen sein, dass er nur für sich und den Freundeskreis schrieb. / Rainer Schmitz, DLF

Daniil Charmes:
Werkausgabe in vier Bänden. Galiani Verlag, Berlin 2010 bis 2011. Herausgegeben von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg. Aus dem Russischen von Beate Rausch und Alexander Nitzberg. Je 24,95 Euro

Gudrun Lehmann:
Fallen und Verschwinden Daniil Charms. Leben und Werk. Wuppertal Arco Verlag 2010. 39,90 Euro

Marina Durnowo:
Mein Leben mit Daniil Charms. Aus Gesprächen zusammengestellt von Vladimir Glozer. Galiani Verlag, Berlin 2010. 16,95 Euro

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