Startseite » 2012 » März » 10

Archiv für den Tag 10. März 2012

Im Netz seit 1.1.2001

43. Westliche Erwartungshaltung

Zum Buchmesseschwerpunkt Weißrußland ein Gespräch im Standard:

Standard: Gibt es da vielleicht vom westlichen Publikum eine bestimmte Erwartungshaltung, die von den Autoren in vorauseilendem Gehorsam eifrig bedient wird?

Pollack: Das stimmt, aber es gibt auch Autorinnen wie die belarussische Lyrikerin Valzhyna Mort, die es nicht mehr hören kann, dass sie ständig politische Statements abgeben soll. Es ist alles andere als einfach, nicht in diese Falle zu tappen, weil sich diese Autoren dem theoretisch zwar verweigern können, aber wenn sie das tun, dann wird es für sie noch einmal schwerer, im Westen wahrgenommen zu werden, als es ohnehin schon ist. Diese Dynamik finde ich alles andere als optimal.

Standard: Ist es Ihnen gelungen, in Leipzig Autorinnen und Autoren aus Belarus, Polen und der Ukraine zu präsentieren, die sich eben nicht als “politische Autoren” schubladisieren lassen?

Pollack: Zum Teil. Wir bringen zum Beispiel Andrej Chadanowitsch, der auch unpolitische Gedichte schreibt und der sich wie Valzhyna Mort dagegen verwahrt, als Ideologe oder Publizist gesehen zu werden. Es geht nicht darum, die Politik völlig auszublenden, das ist ohnehin unmöglich.

42. “Oberfeldärzte u. ähnliche Kanaken”

Benn konnte sich im Frühjahr 1912 über die starke Wirkung der Gedichte nicht freuen, wie aus einem erst vor fünf Jahren aufgetauchten Brief hervorgeht (F.A.Z. vom 11. Januar 2007) – allerdings nicht, weil „ein paar Spießer, Familienväter, Oberfeldärzte u. ähnliche Kanaken aus ihrer Ruhe gestört“ wurden, sondern weil er, trotz durchaus auch positiver Kritik, dieser Zusammenstellung niemals zugestimmt hätte: Er fühlte sich von seinem Verleger „schamlos ausgenutzt“ und bedauerte die Veröffentlichung. Das alles rieche „nach Sensation“ und schmecke „nach Kino“.

Ins Kino haben es Benn-Texte noch nicht geschafft. Vielleicht sollte man die Mitte März bei Klett-Cotta erscheinende Jubiläumsausgabe einmal David Lynch zukommen lassen. Der optisch an der Erstausgabe orientierte Band ist mit düsteren, nach deren Entstehen in den sechziger Jahren ebenfalls skandalisierten Bildern von Georg Baselitz garniert. Unklar allerdings bleibt, ob Baselitz sich damit auf Benn beziehen wollte oder ob die Idee, die beiden nun als Duo infernale zusammenzuspannen, dem Verlag zu verdanken ist. / FRIEDERIKE REENTS, FAZ 8.3.

Gottfried Benn: „Morgue und andere Gedichte“. Mit Zeichnungen von Georg Baselitz. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 32 S., br., 10,- €.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 285 Followern an