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Archiv für den Tag 9. März 2012

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41. Übersetzungsstreit

Since his Nobel moment in October, three different Transtromer books have been released (or reissued): THE DELETED WORLD: Poems (Farrar, Straus & Giroux, $13), with translations by the Scottish poet Robin Robertson; TOMAS TRANSTROMER: Selected Poems (Ecco/HarperCollins, $15.99), edited by Robert Hass; and FOR THE LIVING AND THE DEAD: Poems and a Memoir (Ecco/HarperCollins, $15.99), edited by Daniel Halpern. These books join two major collections already in print: “The Half-Finished Heaven: The Best Poems of Tomas Transtromer,” from Graywolf Press, translated by Robert Bly, and “The Great Enigma: New Collected Poems,” from New Directions, translated by Robin Fulton. So a little complaining, a glut of books: pretty typical.

But what’s unusual about Transtromer is that the most interesting debates over English versions of his work actually took place before his Nobel victory. In this case, the argument went to the heart of the translator’s function and occurred mostly in The Times Literary Supplement. The disputants were Fulton, one of Transtromer’s longest-serving translators, and Robertson, who has described his own efforts as “imitations.” Fulton accused Robertson (who doesn’t speak Swedish) of borrowing from his more faithful versions while inserting superfluous bits of Robertson’s own creation — in essence, creating poems that are neither accurate translations nor interesting departures. Fulton rolled his eyes at “the strange current fashion whereby a ‘translation’ is liable to be praised in inverse proportion to the ‘translator’s’ knowledge of the original language.” Robertson’s supporters countered that Fulton was just annoyed because Robertson was more concerned with the spirit of the poems than with getting every little kottbulle exactly right.

To understand this dispute, it’s necessary to have a sense of the poetry itself. Transtromer prefers still, pared-down arrangements that rely more on image and tone than, say, peculiarities of diction or references to local culture. The voice is typically calm yet weary, as if the lines were meant to be read after midnight, in an office from which everyone else had gone home. And his gift for metaphor is remarkable, as in the start of “Open and Closed Spaces” (in Fulton’s translation):

A man feels the world with his work like a glove.
He rests for a while at midday having laid aside
the gloves on the shelf.
They suddenly grow, spread,
and black out the whole house from inside.

The first comparison is surprising enough — work is a glove? With which we feel the world? But notice how quickly yet smoothly Transtromer extends the metaphor into even stranger territory; the gloves expand from the refuge of the house (which is implicitly the private self) to obscure everything we know and are. The poem becomes a meditation on what constitutes a prison, what could be considered a release (“‘Amnesty,’ runs the whisper in the grass”) and whether these might lie closer together than we realize.

/ David Orr, New York Times 11.3. (sic)

Die zitierte Passage lautet in der Übersetzung von Hanns Grössel, Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte, Hanser 1999, S. 99:

Ein Mann befühlt die Welt mit dem Beruf wie mit einem Handschuh.
Mitten am Tage ruht er ein Weilchen aus und hat die Handschuhe aufs Regal abgelegt. 
Dort wachsen sie plötzlich, breiten sich aus
und verdunkeln das ganze Haus von innen.

Und recht ähnlich bei Pierre Zekeli, Tomas Tranströmer: Formeln der Reise. Berlin: Volk und Welt 1983 (“Weiße Lyrikreihe”),  S. 41:

Ein Mann tastet an der Welt mit seinem Beruf: seinem Handschuh.
Er ruht eine Weile aus mitten am Tag und legt die Handschuhe weg aufs Regal.
Dort wachsen sie plötzlich, breiten sich aus
und verdunkeln das ganze Haus von innen. 

Die Übersetzung von Zekeli wurde entnommen entweder aus Tomas Tranströmer: Gedichte. Literarisches Colloquium Berlin 1969 oder aus Schwedische Lyrik der Gegenwart, Horst Erdmann Verlag Tübingen und Basel 1979 (beide sind als Quellen angebeben, aber nicht einzeln nachgewiesen). Grössels Übersetzungen erschienen selbständig in Buchform ab 1985 bei Hanser und sind in dem zitierten Band zusammengefaßt.

40. Statistik

WordPress-Karte der Besucher der Lyrikzeitung von heute 19 Uhr:

Schöne Grüße, Welt! Lies schön!

39. Ich ist eine andere

Graue Vorzeit – biografisch gesehen die Zeit, als meine Haare noch schwarz waren. Irgendwann Anfang der 80er fand ich in einer Zeitschrift namens “Neue Literatur”, Monatszeitschrift des Schriftstellerverbandes der SR (“Sozialistischen Republik”) Rumänien, die ich abonniert hatte und mit Spannung las (u.a. waren mir dort in den 70er Jahren paar Prosatexte einer gewissen Herta Müller aufgefallen, die mich elektrisierten), ein paar Gedichte von einem Klaus F. Schneider. Ich merkte mir den Namen und fand ihn gelegentlich in Anthologien und Zeitschriften wieder – in den 90er Jahren und neuerlich vor 2 oder 3 Jahren in der “randnummer”. Dann fiel mir ein Buch in die Hände und wieder einige Wochen später traf ich ihn auf Facebook. Mittlerweile einer meiner engsten Facebookkontakte, auch eine Nachteule – wir tauschen fast tag- und nächtlich Informationen und Meinungen, teils öffentlich teils privat. Viele äußern Vorbehalte gegen Facebook, kann ich verstehen, aber mich macht es seit jeher skeptisch, wenn Bekannte genauso reden wie die Regierung, das hat sich nicht geändert. Die Leute, die schamlos an meine Daten herangehen und sammeln was sie kriegen können (upps, hab kein Handy, ihr kriegt mich nicht, da nicht!), warnen mich vor Facebook. Ihr könnt mich, ich paß auf mich selber auf.

Neulich las ich bei einer österreichischen Bloggerin, die ich bewundere und jedem ans Herz lege, der sich für Lyrik und Verwandtes interessiert, ein Lob des Bloggens, verständlich, indes mit einem Akzent, der nicht auf meine Erfahrung paßt. Bloggen sei produktiv – im Unterschied zum bloß konsumptiven Facebook, meinte sie. Na, das kommt drauf an, dacht ich. Grad hatte ich einen thread verfolgt, in dem etliche Autoren stundenlang über ein Gedicht von Norbert Hummelt diskutierten. Und ob da produziert wird!

Zurück zu Schneider (er heißt bei Facebook anders). Fast sicher ist, daß wir ohne Facebook nicht in so engen Kontakt gekommen wären. Von Greifswald ist es fast überall hin zu weit (außer Rügen und Usedom und allenfalls noch Klempenow und Darß/Fischland).

Seit einigen Tagen veröffentlicht er offenbar als Versuchsballon numerierte Gedichte. Eins heute nachmittag klingelte bei mir: Hallo, hier bin ich. So wie meine “Meine Anthologie” genannte Onlineanthologie seit 12 Jahren funktioniert (noch ein Jahr länger als die Lyrikzeitung). Hier ist es.

(Ich hab den Autor um Erlaubnis gefragt, er zögerte, weil er es vielleicht noch überarbeitet, aber ich erläuterte ihm mein Projekt und bat, es für hier nehmen zu dürfen as is. Bzw. as was – vor 18 Stunden.)

#13
ich lese nicht sehr viele zeitungen aber ich habe gehört viele situationen.
was komme sprache mir sagen jetzt plotzlich nix mehr gut
wie ich musse spielen meine system ändern? 
ganze woche trainieren avanguardia
und dann auf platz spiele medizinball. 
diese avanguardia heute ist catenaccio mit ballett! 

was wolle experiment? 
mir sagen ich mache falsch?
epxeriment glaube spielen wie maradonna
aber experiment isse strunz! 
flasche leer! und gibt immer verlängerung 
auch wenn nicht mehr ist platz für die zeit.

warum accademie fordern viererkette
wenn alle wolle mache libero? viere mal lothar matthäus!?
haben viele kollegen stellen sie die kollegen in frage! 
haben keine mut an worten aber ich weiß was denken über diese spieler!

und zuschauer nur viceversa von die capo und agenten 
alles marionette macht nur noch la ola …
ist eine tsunami von la ola! 
kann machen la ola überall so viel sie wolle 
auch zu hause allein. aber nix mehr wie ein subjekt. 
subjekt stehen abseits in neue norm. passive abseits! 
ist klar diese wörter? ist möglich verstehen?
jetzt nur noch mannschaft in kopf aber ganze turnier
nicht genug luft weil immer querpass mit worte rotieren
einige Spieler vergessen ihnen Profi was sie sind 
nix mehr wissen wohin laufen weil nur noch objekt:
wozu brauche diese ball? kann bilden eine capella aufstellen 
chor mit ganze mannschaft und riserva von bank 
und alle debutante naturlich A-jugend!

offensiv. offensiv ist wie machen in platz. 
kann machen viele haufen bis rasen kaputt ist 
spielplatz für talpa wie sagt man? 
wenn kann schießen auf tor dann viele posizione 
auf eine mal zusammen dass keine weiß wo kommt ball
und wenn sie nehmen mit kopf immer eigene mann 
fliegt so hoch dass tore musse sein wie bei rugby.

ich hat eine andere

38. Imagistin

Ich liebe das. Gestern abend las ich H.D., und eben kommt mir per Mail ein Gedicht von Amy Lowell (1872-1925) vor Augen. Amy Lowell reiste nach England, um den Imagismus kennenzulernen, und führte ihn in Amerika ein. Dafür erhielt sie postum den Pulitzerpreis.

Vernal Equinox

 

The scent of hyacinths, like a pale mist, lies 
   between me and my book;
And the South Wind, washing through the room,
Makes the candles quiver.
My nerves sting at a spatter of rain on the shutter,
And I am uneasy with the thrusting of green shoots
Outside, in the night.

Why are you not here to overpower me with your 
   tense and urgent love?

Einige ihrer Gedichte hier:

Sehen heißt ändern
Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brocan. 

zweisprachig englisch/deutsch, 
354 Seiten, Broschur.
Buchgestaltung und Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach).
Lyrik Kabinett, München 2006
ISBN 978-3-9807150-8-9, 36,00 EUR

Und hier, siehe Kommentare:

Amy Lowell, Verwundertes Glimmen. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Annette Kühn. Mit einem Essay von Amy Lowell. luxbooks, 2008

Und von H.D. (deutsche Ausgaben, chronologisch):

  • Avon (Avon River). Übersetzt von Johannes Urzidil. (= Tausenddrucke; 1). Suhrkamp, Berlin und Frankfurt am Main 1955
  • HERmione. Roman. Übersetzt von Anja Lazarowicz. Hanser, München und Wien 1987, ISBN 3-446-14474-9; Taschenbuchausgaben bei Wagenbach, Berlin 1988, ISBN 3-8031-2312-7 und Goldmann, München 1989, ISBN 3-442-09295-7
  • Hermetic Definition / Heimliche Deutung. Gedichte. Übersetzt von Ulrike Draesner. Urs Engeler Editor, Basel 2006, ISBN 978-3-938767-11-5
  • Tribut an Freud (Tribute to Freud). Prosa. Übersetzt von Michael Schröter. Urs Engeler Editor, Basel 2008, ISBN 978-3-938767-48-1
  • Madrigal (Bid me to live). Übersetzt von Anja Lazarowicz. Urs Engeler Editor, Basel 2008, ISBN 978-3-938767-46-7
  • Denken und Schauen. Und: Fragmente der Sappho. [1] (= Roughbooks; 016). Urs Engeler Editor, Solothurn 2011
  • MeeresGarten (Sea Garden). Gedichte. Übersetzt von Annette Kühn. Zweisprachig. luxbooks, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-939557-27-2

37. Großer Österreichischer Staatspreis für Waterhouse

Der Autor Peter Waterhouse (55) erhält den Großen Österreichischen Staatspreis 2012, die auf Vorschlag des Kunstsenats zuerkannte höchste Kunst-Auszeichnung der Republik Österreich. Das teilte das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur am Freitag in einer Aussendung mit. Waterhouse verfasst Lyrik, Essays, Erzählungen, Romane und Theaterstücke und wurde vielfach ausgezeichnet. Ministerin Claudia Schmied (S) würdigte ihn als “Sprachkünstler, feinsinnig und wortgewaltig zugleich”. Die mit 30.000 Euro dotierte Ehrung wird Ende Juli im Rahmen der Salzburger Festspiele überreicht. / Wiener Zeitung

36. Warnung vor Würfeln

Weltdichtung und Popkultur, Alltag und Archaisches verlaufen ineinander ohne hierarchischen Unterschied. Tarzan im Fernsehen schwingt vorbei an Michel Polnareff und Sinead O’Connor, um bei Elizabeth Bennet aus Jane Austens „Stolz und Vorurteil” zu landen oder mit polyphonem Handyklingelton unter Wasser im Rhein bei Heine auf der Mailbox („Nach dem Piepton, Loreley, nach dem Piepton”); und das Schokobraun seiner Liane schimmert melancholisch im Nagellack der verflossenen Geliebten wider.

Das „Sashimi”-Lied an einen Sushimeister klingt, als habe sich „Des Knaben Wunderhorn” heute in São Paulos japanischem Stadtteil Liberdade versteckt; und das „Rosa Buch der törichten Herzen” mit ihren Erinnerungen an verflossene Frauen nimmt auch ohne Aphrodites goldene Schalen neben Sappho und Verlaine an einem gemeinsamen Cafétisch Platz, um mit ihnen dadaistisch zu kalauern, dass es Morgenstern und Arp eine Freude wäre.

Selbst Würfelwerfen wird zur Gefahrenquelle im Haushalt: „wissen sie eigentlich, wie viele personen im jahr/durch unfälle mit mallarmé sterben?”  / Florian Borchmeyer, FAZ 7.3. (hier bei buecher.de)

Angélica Freitas
Rilke Shake
Ausgewählte Gedichte. Deutsch – Portugiesisch
Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel
luxbooks, Wiesbaden 2011

ISBN-10 393955782 X
ISBN-13 9783939557821

Kartoniert, 132 Seiten, 18,50 EUR

35. Märtyrer-Kult

Friederike Pannewick erforscht die arabische Literatur – und findet darin nicht nur eine große, hierzulande kaum bekannte ästhetische Kunstfertigkeit, sondern auch gesellschaftliche Einstellungen von aktueller politischer Brisanz. Etwa in diesem Gedicht:

Ein Körper liegt da, hingeworfen zwischen Bergpfaden,
Raubtiere streiten sich um ihn.
Blut überzieht die Erde mit Purpur und macht den Ostwind
Schwer vom Duft des Moschus.
Ein Lächeln umspielt seine Lippen, voll Spott
Über dieses niedere Dasein.

Der palästinensische Dichter Abd ar-Rahim Mahmud verherrlichte den Tod eines Märtyrers 1937, im Kampf gegen jüdische Einwanderer, die in Palästina ihren eigenen Staat gründen wollten. Damals entwickelte sich in der arabischen Welt eine intensive Verehrung für Männer, die für eine gerechte, aber aussichtslose Sache ihr Leben opfern. Der Märtyrer-Kult hält bis heute an, ob in Afghanistan oder Tunesien. Die Wurzeln dafür hat Pannewick, Professorin an der Universität Marburg, im 7. Jahrhundert gefunden. Damals erhob Hussein, der Enkel des Propheten, Anspruch auf Mohammeds Nachfolge und wurde von einer Übermacht seiner Gegner getötet.

“Diese Situation passte wunderbar, strukturell gesehen, für eine Situation wie die der Palästinenser Anfang des 20. Jahrhunderts, als die zionistische Siedlungsbewegung stark wurde und auch gegen das britische Mandat ein fast aussichtsloser Kampf geführt wurde. Also der Märtyrer als eine Figur, die einer sehr stark in die Enge getriebenen Gruppe die Hoffnung gibt, in irgendeiner Form, und sei es transzendental, zu einem Sieg zu kommen, obwohl die politische Situation nahezu aussichtslos ist.”

/ Matthias Hennies, DLR

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