Lyrikzeitung & Poetry News

23. Februar 2012

103. Warum sollte man auch sonst Gedichte lesen?

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 00:51

Es ist eine Weile her, dass mich ein Gedichtband so herausgefordert hat wie Ames’ Alsohäute (was, um das Rätsel gleich aufzulösen, die phonetische Schreibweise von „Also heute“ ist – „also“ substantiviert: „mein Also“).

Thomas Klings geschmacksverstärker war auch so ein furioser Angriff gegen das Glatte. Glattheit als ästhetische Kategorie, bei Kling speziell bezogen auf das schlicht gestrickte 70er-Jahre-Gedicht, das er so verabscheut hat, seine brav gekämmte Optik.

Eines von Ames’ Gedichten heißt „leipziger langhaariges“, und das ist schon mal ein Statement. Doch anders als Kling, dessen frühe Punk-Attitüde auch etwas aggressiv Bleckendes, Bellendes haben konnte, kommt Ames eher als freundlicher Rocker daher, allein sein toller Übermut scheint aus derselben anarchischen Quelle zu schöpfen.

(…)

Ames’ Gedichte setzen dem Leser Widerstand entgegen, provozieren im ersten Moment vielleicht sogar Abwehr. Ames weiß darum: „Viele Leser […] lassen sich von Buchstaben auf Papier in die Irre führen. Erwarten Rührung, Erbauung und sind dann enttäuscht, wenn der Text etwas anderes tut. Was er soll.“

Er ist ein Formartist und schneller Wortspieler, wer mithalten will, muss zum geduldigen Verstehen bereit sein. Doch warum sollte man auch sonst Gedichte lesen, wenn nicht, um sich für eine Weile dem betäubenden Alltagslärm zu entziehen und sich in die hinhörende Begegnung mit dem Text zu versenken? Die Gedichte bauen jedenfalls auf Begegnung, und wer sich Zeit lässt, wird immer mehr in ihnen entdecken, seien es Anspielungen auf Ringelnatz, Goethe, Joyce oder die Bibel, Überkritzelungen geflügelter Worte („Banane ist hase, ich weiß von nutz“), Verballhornungen („Ideejoten“, „Poente“), fremdsprachige Einsprengsel, herrlich alberne Anleihen an Dialekt (Hessisch, Sächsisch) und Kindersprache („Augenkacki“), pseudosentenziöse Eigenzitate… oder neue Wortfelder, z. B. den Jargon der Graffiti-Sprayer im Gedicht „giraffe auf fotografien. eine ’tschuldigung“.

/ Meinolf Reul, textem.de

Konstantin Ames, Alsohäute. Gedichte. Herausgegeben von Urs Engeler.
roughbooks, Leipzig und Holderbank (Solothurn) 2010, 58 Seiten, 7,50 Euro. bestellen@roughbooks.ch

1 Kommentar »

  1. des dichters zitierte naseweise aussage + die begrifflichkeit des rezensenten enthalten schon so viele dinge, die man dazu und darüber sagen könnte … wer entzieht sich dem betäubenden rezensionsjargon? und sieht dem text unter die heute?

    Kommentar von klaus plusminusfpunkt schneider — 23. Februar 2012 @ 12:09


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